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Dirk Röthig
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Biodiversität für Unternehmen: Von der Berichtspflicht zum Wettbewerbsvorteil

Biodiversität für Unternehmen: Von der Berichtspflicht zum Wettbewerbsvorteil

Von Dirk Röthig, CEO, VERDANTIS Impact Capital | März 2026


Biodiversität ist für die meisten Unternehmen noch immer ein Randthema — irgendwo zwischen CSR-Bericht und Öffentlichkeitsarbeit, selten auf der Vorstandsagenda. Diese Einschätzung ist gefährlich falsch — und zunehmend auch regulatorisch unhaltbar. Seit dem 1. Januar 2024 sind erstmals umfassende Berichtspflichten zu Biodiversität und Ökosystemen für europäische Großunternehmen in Kraft. Und die Unternehmen, die Biodiversität als strategisches Thema begreifen, werden bis 2030 Wettbewerbsvorteile genießen, die heute noch kaum sichtbar sind.


Was versteht man unter Biodiversität im Unternehmenskontext?

Biodiversität bezeichnet die Vielfalt des Lebens auf Erde — genetische Vielfalt innerhalb von Arten, Vielfalt der Arten selbst, und die Vielfalt der Ökosysteme, in denen Arten leben (CBD, 1992). Für Unternehmen relevant sind insbesondere drei Dimensionen:

  1. Abhängigkeiten von Biodiversität: Welche natürlichen Ressourcen, Ökosystemleistungen und Rohstoffe nutzt das Unternehmen, die von biodiversen Ökosystemen abhängen? (Beispiel: Bestäubung für Lebensmittelhersteller, Wasserqualität für Getränkeproduzenten, genetische Ressourcen für Pharmaunternehmen)

  2. Auswirkungen auf Biodiversität: Welche Geschäftsaktivitäten des Unternehmens haben negative oder positive Auswirkungen auf Artenvielfalt, Habitatqualität oder Ökosystemfunktion? (Beispiel: Landnutzungsänderung in Lieferketten, Abwassereinleitung, Flächenversiegelung)

  3. Risiken und Chancen: Welche finanziellen Risiken entstehen durch Biodiversitätsverlust (Rohstoffabhängigkeiten, regulatorische Auflagen, Reputationsrisiken)? Welche Chancen entstehen durch naturpositive Strategien (Zugang zu Green Finance, neue Märkte, Lieferantenloyalität)?

Diese dreidimensionale Analyse bildet den Kern der regulatorischen Anforderungen an Biodiversität-Berichterstattung für Unternehmen — und sie erfordert in den meisten Fällen erheblich mehr analytische Tiefe als klassische CSR-Berichterstattung.


ESRS E4: Die Berichtspflicht im Detail

Der European Sustainability Reporting Standard E4 (Biodiversität und Ökosysteme) ist der zentrale regulatorische Rahmen für die Biodiversitätsberichterstattung europäischer Unternehmen. Er ist Teil des CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive) und trat für Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitenden mit dem Geschäftsjahr 2024 in Kraft. Für mittelgroße Unternehmen (>250 Mitarbeitende oder >50 Mio. EUR Umsatz) gelten die Anforderungen ab 2026.

ESRS E4 strukturiert die Berichtspflichten entlang fünf Themenbereichen:

1. Direkte Auswirkungen auf Biodiversität und Ökosysteme

Unternehmen müssen identifizieren, an welchen Standorten sie tätig sind, die mit biodiversitätssensiblen Gebieten interagieren oder innerhalb solcher gelegen sind. Biodiversitätssensible Gebiete umfassen gemäß ESRS E4:

  • Natura-2000-Gebiete
  • UNESCO-Welterbestätten
  • Feuchtgebiete gemäß Ramsar-Konvention
  • IUCN-Schutzgebietskategorien I–IV
  • Hotspots globaler Biodiversität (nach Myers et al., 2000)

2. Auswirkungen in der Lieferkette

ESRS E4 verlangt — weitergehend als frühere Anforderungen — die Analyse biodiversitätsbezogener Auswirkungen in der vorgelagerten Lieferkette (upstream). Das ist für rohstoffintensive Industrien besonders anspruchsvoll: Lebensmittelkonzerne müssen die Biodiversitätsauswirkungen ihrer Agrarrohstoffe bewerten; Textilunternehmen die Auswirkungen der Baumwollproduktion; Pharmaunternehmen die Auswirkungen der Wirkstoffgewinnung.

3. Biologische Vielfalt und Ökosystemzustand: Metriken

ESRS E4 verlangt die Verwendung anerkannter Metriken. Akzeptierte Ansätze umfassen den IBAT-Ansatz (Integrated Biodiversity Assessment Tool), die Biodiversity Impact Score-Methodik sowie das ENCORE-Tool (Natural Capital Finance Alliance). Das TNFD LEAP-Framework wird als methodischer Leitfaden empfohlen (EFRAG, 2023).

4. Ziele und Maßnahmen

Unternehmen müssen biodiversitätsbezogene Ziele setzen und über ihre Erreichung berichten. Dabei ist der Bezug auf wissenschaftsbasierte Ziele (Science-Based Targets for Nature, SBTN) zwar nicht verpflichtend, wird von Investoren und Ratingagenturen aber zunehmend erwartet.

5. Governance und Strategie

ESRS E4 verlangt Angaben darüber, auf welcher Führungsebene Biodiversitätsthemen verantwortet werden und wie Biodiversitätsrisiken in die Unternehmensstrategie integriert sind.


Wesentlichkeitsanalyse: Welche Unternehmen sind besonders betroffen?

CSRD und ESRS E4 basieren auf dem Prinzip der doppelten Wesentlichkeit (double materiality): Unternehmen müssen sowohl die Auswirkungen ihres Handelns auf Biodiversität als auch die Auswirkungen von Biodiversitätsverlusten auf ihr Geschäft analysieren.

Das World Economic Forum hat in seiner "Nature Risk Rising"-Analyse (2020) identifiziert, dass vier Branchen mehr als 50% ihrer direkten Wertschöpfung von stabilen Ökosystemen abhängig sind:

  1. Bauwesen und Infrastruktur: Abhängig von Rohstoffen, Sand, Holz; Flächennutzung schafft Biodiversitätsverluste
  2. Landwirtschaft, Ernährung und Getränke: Massiv abhängig von Bestäubern, Bodenbiodiversität, Wasserreinigung
  3. Bergbau, Metalle, Mineralien: Direkte Habitatzerstörung ist das Kerngeschäftsmodell
  4. Pharma und Chemie: Abhängig von genetischen Ressourcen und biologisch aktiven Verbindungen

Für diese Branchen ist Biodiversitäts-Berichterstattung keine Compliance-Übung — sie ist existenzielles Risikomanagement.


TNFD im Unternehmensalltag: Die LEAP-Methodik

Die Taskforce on Nature-related Financial Disclosures (TNFD) hat 2023 eine praxisorientierte Methodik entwickelt, die Unternehmen durch die naturrelevante Analyse führt: LEAP — Locate, Evaluate, Assess, Prepare.

Locate: Identifikation aller Unternehmensstandorte und wichtiger Lieferantenstandorte. Geolokalisierung der Aktivitäten relativ zu biodiversitätssensiblen Gebieten. Tools: IBAT, ENCORE, WWF Risk Filter.

Evaluate: Bewertung der Abhängigkeiten des Unternehmens von Ökosystemleistungen und seiner Auswirkungen auf Biodiversität an den identifizierten Standorten.

Assess: Ableitung von Risiken und Chancen aus den identifizierten Abhängigkeiten und Auswirkungen. Quantifizierung, soweit möglich (Szenarioanalyse für Klimarisiken ist heute Standard — Biodiversitätsszenarien werden folgen).

Prepare: Entwicklung von Disclosure und strategischen Antworten: Zielsetzung, Maßnahmenplanung, KPI-Entwicklung.

LEAP ist nicht bindend, gilt aber als best practice sowohl für ESRS E4 als auch für TNFD-Adopter — und die wachsende Gruppe institutioneller Investoren, die TNFD-Adoption als Kriterium bei Portfoliounternehmen einfordert.


Vom Compliance-Zwang zum Wettbewerbsvorteil

Frühzeitig reagierende Unternehmen berichten bereits heute, dass eine ernsthafte Biodiversitätsstrategie über Compliance-Erfüllung hinaus messbare strategische Vorteile schafft:

1. Günstigerer Zugang zu nachhaltigem Kapital

Green-Bond-Emittenten mit verifizierten Biodiversitäts-KPIs erzielen geringere Spreads als Emittenten ohne Naturkapitalbezug. Die EIB (European Investment Bank) verlangt seit 2024 für alle Biodiversitäts-Projektanleihen TNFD-konforme Disclosure — und bietet dafür Vorzugskonditionen.

2. Lieferkettensicherheit

Unternehmen, die ihre Biodiversitätsabhängigkeiten früh kennen, können Lieferketten resilient gestalten — bevor Biodiversitätsverluste die Versorgungssicherheit gefährden. Das Bestäubungsrisiko für Lebensmittelhersteller ist ein Lehrbuchbeispiel: Unternehmen, die proaktiv in Bestäuberschutz investiert haben, genießen Rohstoffstabilität, die Wettbewerber nicht haben.

3. Regulatorische Vorpositionierung

Die EU Nature Restoration Law (2024), das Kunming-Montreal GBF (30x30 bis 2030) und künftige Bodenschutzstandards werden neue regulatorische Anforderungen an Lieferketten und Produkte schaffen. Wer heute Biodiversitäts-Governance aufbaut, zahlt die Compliance-Kosten von morgen schon heute — zu einem Bruchteil der späteren Kosten.

4. Mitarbeitergewinnung und -bindung

Biodiversitätsstrategie ist Employer-Branding. Jüngere Generationen von Hochqualifizierten priorisieren bei der Arbeitgeberwahl zunehmend nachweisliche Nachhaltigkeitswirkung — und differenzieren zwischen symbolischer CSR-Kommunikation und substanzieller naturpositiver Strategie.


Die VERDANTIS-Perspektive: Biodiversität als Investitionsrendite

VERDANTIS Impact Capital investiert in Agroforstsysteme, die Biodiversitätsgewinne nicht nur als Co-Benefit, sondern als messbare und monetarisierbare Renditekomponente strukturieren. Für institutionelle Investoren, die ESRS-E4-konforme Berichterstattung aufbauen müssen, sind Portfoliounternehmen wie VERDANTIS-Beteiligungen attraktiv: Sie liefern verifizierte Biodiversitätsdaten, die direkt in den LEAP-Prozess des Investors einfließen können.

Biodiversität ist keine Residualgröße. Sie ist ein messbares, managebares und zunehmend reguliertes Unternehmensrisiko — und für Unternehmen mit der richtigen Strategie eine der stärksten Differenzierungsquellen des kommenden Jahrzehnts.


Fazit

Biodiversität für Unternehmen ist mit der CSRD und ESRS E4 keine freiwillige Frage mehr. Die Berichtspflicht ist Realität. Die Frage für Unternehmensführungen ist nicht mehr ob, sondern wie sie Biodiversität strategisch integrieren — als bloße Compliance-Last oder als aktiven Wettbewerbsfaktor.

Die Unternehmen, die den zweiten Weg wählen, werden es leichter haben: bei der Kapitalaufnahme, bei der Lieferkettensicherung, bei der regulatorischen Zukunftsfähigkeit. Und bei der Antwort auf die Frage, die Investoren und Kunden zunehmend stellen: Wie naturpositiv sind Sie wirklich?


Quellenverzeichnis

  • CBD (1992). Convention on Biological Diversity. Rio de Janeiro: United Nations.
  • Defra (2024). Biodiversity Net Gain: Statutory Metric and Guidance. London: Defra.
  • EFRAG (2023). ESRS E4: Biodiversität und Ökosysteme — Leitlinien und Anwendungshinweise. Brüssel: EFRAG.
  • European Commission (2024). EU Nature Restoration Law (Regulation 2024/1991). Brüssel: Europäische Kommission.
  • Myers, N. et al. (2000). "Biodiversity hotspots for conservation priorities." Nature, 403, S. 853–858.
  • SBTN (2023). Science-Based Targets for Nature: Initial Guidance for Business. Genf: SBTN.
  • TNFD (2023). TNFD Recommendations v1.0. Genf: TNFD.
  • TNFD (2025). Adopter List and Implementation Progress. Genf: TNFD.
  • WEF (2020). Nature Risk Rising: Why the Crisis Engulfing Nature Matters for Business and the Economy. Davos: WEF.

Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital mit Fokus auf Naturkapital, Agroforstwirtschaft und naturpositive Investitionsstrategie in Europa.


Über den Autor: Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital, einem Unternehmen das in nachhaltige Agrar- und Technologieinnovationen investiert. Mehr Artikel auf dirkroethig.com.

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