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Dirk Röthig
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Climate Litigation: Wenn Gerichte das Klima schützen

Autor: Dirk Röthig, CEO VERDANTIS Impact Capital
Datum: 12. Mai 2026
Kategorie: Biodiversität / Klimarecht


Am 26. April 2024 entschied der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg in einem historischen Urteil: Die Schweizer Regierung hatte die Menschenrechte ihrer Bürgerinnen verletzt, indem sie unzureichende Klimaschutzmaßnahmen ergriffen hatte. Die Klage von "Klimaseniorinnen" – einer Gruppe älterer Schweizer Frauen, die argumentierten, Hitzewellen beeinträchtigten ihre Gesundheit und ihr Recht auf Leben – hatte Erfolg. Es war das erste Mal, dass ein europäisches Menschenrechtsgericht eine Regierung wegen Klimaversagen verurteilte. Eine neue Ära des Klimarechts hatte begonnen.

Was ist Climate Litigation?

Climate Litigation – Klimaklagen – bezeichnet den wachsenden Bereich von Rechtsstreitigkeiten, in denen Kläger (Individuen, NGOs, Länder, Unternehmen) Gerichte nutzen, um Klimaschutzmaßnahmen durchzusetzen oder Schadensersatz für Klimaschäden einzufordern.

Es gibt zwei Hauptkategorien:

Klagen gegen Regierungen: Kläger argumentieren, Regierungen verstießen gegen gesetzliche Klimaschutzverpflichtungen, Menschenrechte oder Verfassungen, indem sie keine ausreichenden Maßnahmen ergreifen. Ziel: Gerichte zwingen Regierungen zu stärkeren Maßnahmen.

Klagen gegen Unternehmen: Kläger fordern von Unternehmen (primär Öl- und Gaskonzerne) Schadensersatz für Klimaschäden oder verlangen, ihre Geschäftsstrategie klimakonform auszurichten.

Die Landschaft der Klimaklagen

Laut Datenbank des Sabin Center for Climate Change Law an der Columbia University gibt es weltweit über 2.500 Klimastreitigkeiten in mehr als 65 Ländern (Stand 2024). Das ist eine Verdoppelung seit 2017.

Wegweisende Urteile:

Urgenda vs. Niederlande (2015, bestätigt 2019): Die erste erfolgreiche Klimaklage gegen eine Regierung. Das niederländische Gericht verurteilte den Staat zur Reduktion der Treibhausgasemissionen um mindestens 25% bis 2020. Das Urteil wurde in zwei Instanzen bestätigt und gilt als Blaupause für ähnliche Fälle weltweit.

Shell Nigeria (2021): Die niederländische Tochtergesellschaft von Shell wurde zu Schadensersatz für Ölverschmutzungen in Nigeria verurteilt. Erstes Urteil, das einen multinationalen Konzern für Umweltschäden in einem anderen Land haftbar machte.

Milieudefensie vs. Shell (2021): Ein niederländisches Gericht verurteilte Shell, seine Emissionen bis 2030 um 45% zu senken – über alle Aktivitäten einschließlich der verkauften Produkte (Scope 3). Bahnbrechendes Urteil, das aber in zweiter Instanz 2024 revidiert wurde.

KLIMASENIORINNEN vs. Schweiz (2024): Wie eingangs beschrieben, historisches Urteil des EGMR.

Bundesverfassungsgericht Deutschland (2021): Das BVerfG erklärte Teile des deutschen Klimaschutzgesetzes für verfassungswidrig, weil sie unverhältnismäßig viele Emissionslasten auf zukünftige Generationen verschieben würden. Die Regierung musste das Gesetz verschärfen.

Dirk Röthig analysiert: "Climate Litigation ist für Investoren ein wesentlicher Risk-Faktor, der noch nicht ausreichend eingepreist ist. Unternehmen mit hohem fossilen Exposure, ohne glaubwürdige Net-Zero-Strategie und ohne robuste Klimarisikooffenlegung werden in den nächsten Jahren verstärkt in den Fokus von Klagen geraten."

Die Haftungsfrage: Wer zahlt für den Klimawandel?

Die tiefste juristische Frage der Klimaklagen ist die Kausalität: Lässt sich ein spezifischer Klimaschaden auf Emissionen eines spezifischen Unternehmens zurückführen?

Attributionswissenschaft – die Wissenschaft der Klimazuschreibung – hat in den letzten zehn Jahren enorme Fortschritte gemacht. Forscher können heute mit zunehmender Genauigkeit quantifizieren, wie viel ein spezifisches Extremwetterereignis durch den Klimawandel wahrscheinlicher geworden ist. Diese wissenschaftliche Präzision macht Kausalitätsnachweise vor Gericht plausibler.

Das Carbon Majors Project hat gezeigt, dass 71% der globalen industriellen Treibhausgasemissionen seit 1988 auf 100 Unternehmen zurückzuführen sind. Diese Daten werden in Unternehmensklagen zunehmend als Evidenz genutzt.

Menschenrechte und Klima: Eine wachsende Verbindung

Ein wichtiger Trend: Die Verknüpfung von Klimaschutz und Menschenrechten. Wenn Klimawandel das Recht auf Leben, Gesundheit, Nahrung und angemessenen Lebensstandard verletzt, werden Staaten nicht nur aus Klimagesetzen, sondern aus Menschenrechtskonventionen verklagbar.

Das UN-Menschenrechtskomitee hat 2019 im Fall Torres Strait Islander vs. Australien festgestellt, dass Australiens unzureichende Klimaschutzmaßnahmen die Menschenrechte der klagenden Insulaner verletzen könnten – obwohl Australien formal nicht verurteilt wurde, weil innerstaatliche Rechtsmittel nicht ausgeschöpft waren.

Die Konsequenz: Klimaschutzverpflichtungen sind nicht mehr nur Frage nationaler Politik, sondern verankert in universellen Menschenrechten. Das verändert den Rechtsraum fundamental.

Harvard-Rechtsprofessoren haben in einem vielzitierten Law Review-Artikel (2024) argumentiert, dass in den nächsten zehn Jahren ein globales Haftungsregime für Klimaschäden entstehen könnte, ähnlich dem Asbestos-Haftungsrecht der 1980er Jahre – mit enormen finanziellen Konsequenzen für die Fossilbranche.

Klagen gegen Finanzinstitutionen

Eine neue Dimension: Klagen gegen Banken und Asset Manager, die mit ihren Investitionen in fossile Energien Klimaschäden co-finanzieren.

Die erste systematische Klage dieser Art wurde 2022 von ClientEarth (UK) gegen den Aufsichtsrat von Shell eingeleitet – die Argumentation: Aufsichtsräte verletzen ihre treuhänderische Pflicht, wenn sie keine adäquate Klimastrategie implementieren. Die Klage wurde 2023 abgewiesen, aber der Rechtsweg geht weiter.

In Frankreich wurde BNP Paribas 2023 von NGOs verklagt, weil die Bank weiterhin fossile Energieprojekte finanziere trotz eigener Net-Zero-Versprechen. Der Fall ist noch anhängig.

Auswirkungen auf VERDANTIS und Impact-Investoren

Für VERDANTIS Impact Capital ist Climate Litigation ein zweischneidiges Schwert:

Rückenwind für Impact-Investments: Gerichte, die Regierungen zu stärkerem Klimaschutz zwingen, schaffen regulatorische Dynamiken, die Impact-Investments im Klimabereich begünstigen. Mehr regulatorischer Druck = mehr Nachfrage nach Klimaschutztechnologien und naturbasierten Lösungen.

Risiko für konventionelle Portfolios: Investoren, die noch erhebliches Fossil-Exposure haben, müssen Climate Litigation als Material Financial Risk einpreisen. Die Wahrscheinlichkeit erheblicher Urteile steigt. Stranded-Asset-Risiken werden durch Gerichtsurteile beschleunigt.

Offenlegungspflichten: Viele Klimaklagen basieren auf Vorwürfen irreführender Klimakommunikation. Präzise, nachprüfbare Klimaaussagen sind für alle Unternehmen – und Impact-Investoren – essentiell.

Ausblick

Climate Litigation ist eine der am schnellsten wachsenden Rechtsbereiche der Welt. Die IPCC-Berichte, die Attributionswissenschaft und die zunehmenden physischen Klimafolgen schaffen die wissenschaftliche Grundlage. Neue Präzedenzfälle schaffen die juristische Infrastruktur. Und eine wachsende Bewegung von Klägerinnen und Klägern – von Schülerinnen bis zu indigenen Gemeinschaften bis zu institutionellen Investoren – nutzt das System.

Die Frage ist nicht ob Climate Litigation das Wirtschaftssystem verändert – sie tut es bereits. Die Frage ist, wie weit sie geht.


Über den Autor:
Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital und verfolgt Klimarechtsentwicklungen als wesentlichen Faktor für Risikobewertung und strategische Positionierung im nachhaltigen Kapitalmarkt.
Website: verdantis.capital | dirkroethig.com
Kontakt: dirk.roethig2424@gmail.com

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