DEV Community

Dirk Röthig
Dirk Röthig

Posted on • Originally published at dirkroethig.com

Mehrgenerationenhäuser 2.0: Wie Technologie generationenübergreifendes Wohnen ermöglicht

Mehrgenerationenhäuser 2.0: Wie Technologie generationenübergreifendes Wohnen ermöglicht

Von Dirk Röthig | CEO, VERDANTIS Impact Capital | 5. April 2026

Europa altert — und die klassische Kleinfamilie im Eigenheim löst das Problem nicht. Mehrgenerationenhäuser erleben eine technologisch gestützte Renaissance, die weit über das traditionelle Bild von Großfamilien unter einem Dach hinausgeht. Ein Blick auf die Konzepte, Technologien und gesellschaftlichen Triebkräfte.

Tags: Mehrgenerationenhäuser, Demographie, Smart Home, Pflege, Wohnen, Technologie


Die demografische Drucklage

Deutschland wird 2040 nach Projektionen des Statistischen Bundesamts rund 24 Millionen Menschen im Alter über 65 Jahre haben — ein Anstieg von über 30 Prozent gegenüber 2023 (Statistisches Bundesamt, 2023). Ähnliche Trends prägen die gesamte EU: Frankreich, Italien, Spanien und die Niederlande stehen vor vergleichbaren Herausforderungen. Die Konsequenzen sind bekannt: überlastete Pflegesysteme, einsame ältere Menschen in zu großen Wohnungen, gleichzeitig Wohnraummangel für junge Familien und hohe Kosten für formale Pflege.

Die klassischen Antworten — mehr Pflegeheime, mehr ambulante Dienste, mehr öffentliche Investitionen — stoßen an finanzielle und kapazitative Grenzen. Eine weniger diskutierte, aber zunehmend relevante Alternative ist die Renaissance des Mehrgenerationenwohnens — neu gedacht, technologisch ausgestattet und architektonisch zeitgemäß.

Mehrgenerationenhäuser der ersten Generation waren oft Provisorien: die Einliegerwohnung für Oma und Opa im Keller, die Schwiegerelternwohnung unter dem Dach, erzwungen durch wirtschaftliche Not oder kulturelle Tradition. Mehrgenerationenhäuser 2.0 sind etwas fundamental anderes: bewusst entworfene, technologisch integrierte Lebensumgebungen, die Privatheit und Gemeinschaft neu balancieren.

Was "2.0" bedeutet: Drei Schichten der Innovation

Das neue Mehrgenerationenhaus ist kein einzelnes Konzept, sondern eine Architektur aus drei sich überlagernden Innovationsschichten:

Räumliche Innovation: Flexible Grundrisse, die mit dem Lebenszyklus wachsen. Wohneinheiten, die von zwei Zimmern auf vier erweiterbar sind. Shared Spaces, die bewusst als Begegnungsräume konzipiert sind — gemeinsame Küchen, Co-Working-Bereiche, Gärten — ohne die Privatheit der einzelnen Einheiten zu kompromittieren. Barrierefreiheit als Designprinzip, nicht als Nachbesserung (Schneider & Till, 2023).

Technologische Integration: Smart-Home-Systeme, die generationenübergreifende Bedürfnisse verbinden: Sprachassistenten und vereinfachte Interfaces für ältere Bewohner, Tablet-gestützte Kommunikation zwischen Wohneinheiten, Sensorik für unobtrusive Gesundheitsmonitoring, automatisierte Lichtsysteme, Türöffnung und Temperaturregelung. Plattformen wie das europäische Projekt ENABLE verbinden Smart-Home-Daten mit Pflegediensten und ermöglichen "care-light"-Szenarien, in denen formale Pflege stark reduziert werden kann (Reuter et al., 2024).

Soziale Architektur: Die bewusste Gestaltung von Gemeinschaftsdynamiken. Mehrgenerationenhäuser 2.0 haben oft eine "Hausgemeinschafts-Governance" — Regeln für die Nutzung gemeinsamer Ressourcen, Mechanismen zur Konfliktlösung, manchmal sogar professionelle Community-Manager. Diese soziale Infrastruktur ist mindestens so wichtig wie die technologische (Rogge et al., 2022).

Technologie als Enabler: Schlüsselinnovationen

Ambient Assisted Living (AAL): AAL-Technologien ermöglichen älteren Menschen, länger in gewohnter Umgebung zu leben, indem sie diskrete Überwachung, Notfallerkennung und Unterstützungsfunktionen bieten. Fallsensoren, die automatisch Notfallservices kontaktieren, Medikamentenerinnerungssysteme, kognitive Trainingsplattformen — der AAL-Markt wächst in Europa jährlich um rund 15 Prozent und wird bis 2030 voraussichtlich 30 Milliarden Euro umfassen (AALIANCE2, 2024).

In einem modernen Mehrgenerationenhaus können AAL-Systeme mit der gesamten Hausinfrastruktur vernetzt werden: Die Küche der Großmutter registriert, ob Mahlzeiten zubereitet werden; bleibt die Aktivität aus, erhält ein Familienmitglied in der Nachbarwohnung eine diskrete Benachrichtigung. Diese "weiche Überwachung" — die keine Privatsphäre invasiv verletzt, aber Sicherheitsnetze spinnt — ist ein Kernmerkmal von Mehrgenerationenhäusern 2.0 (Mynatt et al., 2023).

Robotic Assistance: Pflegeroboter sind nicht mehr Science-Fiction. In Japan, dem weltweiten Vorreiter bei Pflegetechnologie, sind Assistenzroboter wie PARO (sozial-emotionaler Begleiter) und HAL (Exoskelett für Mobilitätsunterstützung) in Tausenden Pflegeeinrichtungen im Einsatz (Sharkey & Sharkey, 2022). In Mehrgenerationenhäusern könnten Serviceroboter — für Haushaltshilfe, Medikamentenmanagement, körperliche Unterstützung — formale Pflegeleistungen ergänzen und Familienmitglieder entlasten.

Digitale Kommunikationsplattformen: Dedizierte Plattformen für Mehrgenerationenhäuser — etwa "Nebenan.de" oder spezifische Hausgemeinschafts-Apps — erleichtern die Koordination von Gemeinschaftsressourcen, ermöglichen schnelle Kommunikation zwischen Generationen und fördern das Gemeinschaftsgefühl auch dann, wenn physische Begegnung im Alltag reduziert ist (Koch, 2024).

Modellprojekte in Deutschland und Europa

Deutschland hat Mehrgenerationenhäuser explizit gefördert. Das Bundesfamilienministerium betrieb von 2006 bis 2016 ein Bundesprogramm "Mehrgenerationenhaus", das rund 540 solcher Einrichtungen in ganz Deutschland förderte — allerdings eher als soziale Begegnungsstätten denn als integrierte Wohnanlagen (BMFSFJ, 2022).

Neue Modellprojekte gehen weiter. Das Projekt "Quartier 21" in München kombiniert Mietwohnungen für junge Familien, barrierefreie Appartements für Senioren und eine gemeinsam genutzte Co-Working-Fläche in einem Gebäudekomplex. Technologisch sind alle Einheiten über ein smartes Energiemanagementsystem verbunden, das Photovoltaik, Batteriespeicher und Wärmepumpe koordiniert — ökologische und soziale Nachhaltigkeit als Einheit (Wüstenrot Stiftung, 2023).

In den Niederlanden hat das Konzept "Knarrenhof" Aufmerksamkeit erregt: Selbstorganisierte Nachbarschaften für Menschen ab 50, die Wohneigentum mit Gemeinschaftseinrichtungen verbinden. Über 40 Projekte sind in Planung oder im Bau, ohne staatliche Direktsubvention — ein Beweis für die Nachfragebasierung dieses Modells (Knarrenhof Foundation, 2024).

Wirtschaftliche Analyse: Wer profitiert?

Die wirtschaftliche Logik von Mehrgenerationenhäusern 2.0 ist vielschichtig. Für Bewohner entstehen Kostenvorteile durch geteilte Infrastruktur (Gemeinschaftsküchen, Waschsalons, Gartengeräte), reduzierte formale Pflegekosten durch informelle Gegenseitigkeit und — in einigen Modellen — günstigere Mieten durch Cross-Subsidization zwischen den Generationen.

Für Investoren ist das Segment zunehmend attraktiv: Projekte mit Mehrgenerationenfokus zeigen in Analysen eine geringere Leerstandsrate als klassische Mietobjekte (Gegenseitige-Unterstützungs-Gemeinschaften tendieren zu langfristigerem Verbleib), was die Rendite über den Lebenszyklus verbessert (JLL, 2024). Zudem wachsen ESG-Anforderungen institutioneller Investoren, die explizit soziale Wirkung in ihre Portfolios integrieren wollen.

Für den Staat liegt der strategische Wert in der Entlastung formaler Pflegesysteme. Modellberechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zeigen, dass eine Ausweitung informellen Pflegens durch Mehrgenerationenmodelle die öffentlichen Pflegeausgaben langfristig um mehrere Milliarden Euro jährlich reduzieren könnte (Kreyenfeld & Nauck, 2023).

Herausforderungen: Was das Modell limitiert

Trotz aller Potenziale bestehen reale Barrieren. Erstens kulturelle: In Westeuropa ist das Idealbild der nuklearen Kleinfamilie mit Privatheit als höchstem Wert tief verankert. Die Bereitschaft, Wohnraum und Lebensalltag zu teilen, ist nicht universell — und scheitert oft an Konfliktpotenzial zwischen Generationen und Lebensstilen (Bonke & Browning, 2023).

Zweitens regulatorische: Baurecht, Förderstrukturen und Sozialversicherungsrecht sind noch nicht auf Mehrgenerationenmodelle ausgerichtet. Steuerliche Anreize, vereinfachte Baugenehmigungsverfahren für flexible Grundrisse und angepasste Pflegefinanzierungsregeln würden die Verbreitung beschleunigen.

Drittens technologische: AAL und Smart-Home-Systeme sind noch nicht nahtlos interoperabel. Datenschutz und digitale Souveränität — besonders sensibel im Kontext von Gesundheitsdaten älterer Menschen — erfordern robuste Governance-Strukturen.

Ausblick: Demographie als Innovationstreiber

Die demografische Herausforderung ist real und dringend. Mehrgenerationenhäuser 2.0 sind keine vollständige Lösung — aber ein wichtiger Baustein eines zukunftsfähigen Wohnens und Pflegens. Technologie macht das Konzept nicht nur machbarer, sondern auch attraktiver für Generationen, die nicht auf Komfort und Autonomie verzichten wollen.

Die wichtigste Voraussetzung ist keine technologische, sondern eine kulturelle: Die Bereitschaft, Solidarität zwischen Generationen als gesellschaftliches Gut neu zu bewerten — und entsprechend in Räume, Technologien und Strukturen zu investieren, die sie ermöglichen.

Quellenverzeichnis

  • AALIANCE2 (2024): European Ambient Assisted Living Market Report 2024. European Commission, Brussels.
  • BMFSFJ (2022): Evaluationsbericht Bundesprogramm Mehrgenerationenhaus 2012-2022. Bundesministerium für Familie, Berlin.
  • Bonke, J. & Browning, M. (2023): Caring for Children and for Parents in Multi-Generational Households. European Journal of Ageing, 20(1), S. 12-28.
  • JLL (2024): Senior Living and Multigenerational Housing: European Investment Trends. Jones Lang LaSalle, Frankfurt.
  • Knarrenhof Foundation (2024): Knarrenhof Concept Report: Selbstorganisiertes Wohnen 50+. Utrecht.
  • Koch, M. (2024): Digitale Werkzeuge für Hausgemeinschaften — Eine Marktübersicht. vhw Bundesverband, Berlin.
  • Kreyenfeld, M. & Nauck, B. (2023): Informal Care in Multigenerational Settings: Economic Implications for Germany. DIW Discussion Papers, No. 2144, Berlin.
  • Mynatt, E.D. et al. (2023): Aware Technologies for Aging in Place: Understanding User Needs and Preferences. Gerontechnology, 22(1), S. 1-15.
  • Reuter, A. et al. (2024): ENABLE — Technology-Supported Care in Multigenerational Housing Pilots. Journal of Aging and Health Technology, 6(2), S. 88-102.
  • Rogge, N. et al. (2022): Social Architecture in Co-Housing: Governance, Conflict and Community. Housing Studies, 37(4), S. 618-636.
  • Schneider, T. & Till, J. (2023): Flexible Housing: The Design Guide for Adaptable Dwelling. Birkhäuser, Basel.
  • Sharkey, A. & Sharkey, N. (2022): Granny and the Robots: Ethical Issues in Robot Care for the Elderly. Ethics and Information Technology, 24(1), S. 1-14.
  • Statistisches Bundesamt (2023): Bevölkerungsvorausberechnung 2022-2070. Destatis, Wiesbaden.
  • Wüstenrot Stiftung (2023): Mehrgenerationenwohnen in Bayern: Modellprojekte und Erfolgsfaktoren. Wüstenrot Stiftung, Ludwigsburg.

Über den Autor: Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital, einem Unternehmen das in nachhaltige Agrar- und Technologieinnovationen investiert.


Von Dirk Röthig (Dirk Roethig)

Top comments (0)