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Dirk Röthig
Dirk Röthig

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Vertical Farming vs. Agroforst: Nachhaltige Nahrungsproduktion

Vertical Farming vs. Agroforst: Zwei Wege zur nachhaltigen Nahrungsproduktion

Von Dirk Röthig | CEO, VERDANTIS Impact Capital | 08. März 2026

Milliarden flossen in Hochhausfarmen, die Städte ernähren sollten. Dann kamen die Insolvenzen. Auf der anderen Seite steht ein System, das seit Jahrtausenden Nahrung und Klimaschutz gleichzeitig liefert. Ein Direktvergleich zweier Paradigmen — und die Frage, welches für eine Welt mit wachsender Bevölkerung und schrumpfenden Ressourcen trägt.

Tags: Vertical Farming, Agroforst, Agroforstwirtschaft, Nachhaltige Nahrungsproduktion, CO2-Sequestration


Die Versprechen des technologischen Weges

Im Jahr 2021 schien die Zukunft der Landwirtschaft glasklar: Türme voller LED-beleuchteter Regale, hydronisch bewässerter Salate und algorithmisch gesteuerter Wachstumskammern. Venture-Capital-Gelder flossen in Milliardenhöhe in Unternehmen, die versprachen, Lebensmittel direkt in der Stadt zu produzieren — kontrolliert, pestizidfrei, wetterunabhängig. AeroFarms, Bowery Farming, AppHarvest, Infarm: Die Namen klangen nach Revolution.

Vier Jahre später sieht die Bilanz ernüchternd aus. AeroFarms meldete 2023 Insolvenz an und musste sich im Chapter-11-Verfahren neu aufstellen (Food Institute, 2023). AppHarvest, einst mit 1,4 Milliarden US-Dollar bewertet, liquidierte im Juli 2023 unter 341 Millionen Dollar Schulden (Vertical Farm Daily, 2023). Infarm, das europäische Vorzeige-Startup mit über 600 Millionen Dollar Risikokapital, entließ mehr als die Hälfte seiner Belegschaft (Fast Company, 2023). Bowery Farming, finanziert mit 700 Millionen Dollar, stellte Ende 2024 den Betrieb ein (iGrow Marketplace, 2024).

Was ist passiert? Und was bedeutet das für den Vergleich mit dem ältesten Anbausystem der Menschheitsgeschichte — dem Agroforst?


Das Energie-Dilemma des Vertical Farming

Das fundamentale Problem des Vertical Farming ist physikalischer Natur: Pflanzen brauchen Licht. In geschlossenen Gebäuden ohne Sonnenlicht muss dieses künstlich erzeugt werden — und das hat einen Preis.

Studien zeigen, dass Vertical Farming für die Produktion eines Kilogramms Lebensmittel rund 10 Kilowattstunden Strom benötigt. Die konventionelle Landwirtschaft kommt auf durchschnittlich 0,3 Kilowattstunden pro Kilogramm (BIORAMA / Heinrich-Böll-Stiftung, 2024). Eine Untersuchung zum hydroponischen Salatanbau in Arizona ermittelte sogar einen Faktor von 82 gegenüber dem Freilandanbau. Experten der Rabobank schätzen, dass Stromkosten durchschnittlich ein Viertel aller Betriebskosten einer Vertical Farm ausmachen (Rabobank, 2023).

Die CO2-Bilanz ist direkt davon abhängig. Solange der Strom aus fossilen Quellen stammt, produziert Vertical Farming laut Berechnungen der Heinrich-Böll-Stiftung rund sechzehnmal mehr CO2 pro Kilogramm Ernte als der Freilandanbau (Heinrich-Böll-Stiftung, 2024). Das konterkariert den Nachhaltigkeitsanspruch dieser Technologie fundamental.

Einige Vorteile bleiben real: Vertical Farms benötigen 70 bis 95 Prozent weniger Wasser als konventionelle Landwirtschaft (Columbia University, 2023). Der Landverbrauch pro Einheit Ernte sinkt um über 90 Prozent. Pestizide werden kaum benötigt. Und für bestimmte Premiumnischen — Kräuter, Microgreens, Hochpreissalate in dichten Städten — kann das Modell wirtschaftlich tragfähig sein. Doch als Antwort auf die globale Ernährungsfrage oder den Klimawandel taugt es kaum.


Agroforst: Jahrtausende Praxis, moderne Wissenschaft

Während die Branche des Vertical Farming mit Fehlinvestitionen und Energiekosten kämpfte, hat die Agroforstwirtschaft in den letzten Jahren einen wissenschaftlich fundierten Aufschwung erlebt. Das Prinzip ist das älteste der Welt: Bäume, Sträucher und Nutzpflanzen werden auf derselben Fläche kombiniert — so wie europäische Bauern es über Jahrhunderte in Streuobstwiesen, Heckenlandschaften und Silvo-Ackerbau praktizierten.

Die moderne Forschung quantifiziert nun, was Generationen intuitiv wussten. Eine systematische Metaanalyse von 109 Peer-reviewed-Studien aus den Jahren 2000 bis 2024 zeigt, dass Agroforstsysteme im globalen Durchschnitt zwischen 3,5 und 9,8 Megagramm CO2 pro Hektar und Jahr sequestrieren — das entspricht 3,5 bis 9,8 Tonnen CO2 (GJESM, 2024; Springer Nature, 2025). Besonders leistungsfähige Systeme mit schnellwachsenden Baumarten erreichen deutlich höhere Werte.

Agroforstwirtschaft ist kein Rückschritt in vorindustrielle Zeiten. Sie ist die Integration von Biodiversität, Klimaschutz und Nahrungsproduktion in einem System — und damit strukturell genau das, was Vertical Farming mit enormem technischen Aufwand zu simulieren versucht.


Direktvergleich: Fünf entscheidende Dimensionen

1. CO2-Bilanz

Vertical Farming erzeugt (bei Netzstrom) erhebliche CO2-Emissionen. Nur mit 100 Prozent Erneuerbarer Energie wird die Bilanz positiv — was die Betriebskosten weiter erhöht. Agroforstsysteme hingegen sind per Definition CO2-Senken: Sie binden Kohlenstoff in Bäumen, Böden und Humus, ohne nennenswerte externe Energie zu verbrauchen. Gewinner: Agroforst.

2. Energieverbrauch

Vertical Farming: 10–18 kWh pro Kilogramm Ernte. Agroforst: nahezu null externe Energiezufuhr erforderlich, da natürliches Sonnenlicht und Regenwasser genutzt werden. Gewinner: Agroforst.

3. Wasserverbrauch

Vertical Farming erreicht hier seinen stärksten Vorteil: bis zu 95 Prozent Wassereinsparung gegenüber Freilandanbau. Agroforstsysteme verbessern ebenfalls die Wasserretention im Boden durch tiefreichende Baumwurzeln und reduzieren Evapotranspiration, sind aber flächenmäßig vom natürlichen Niederschlag abhängig. In Wasserknappheitsregionen: Punkt für Vertical Farming.

4. Produktvielfalt und Ernährungssicherheit

Vertical Farming eignet sich für Blattgemüse, Kräuter und kleinfrüchtige Pflanzen — strukturell bedingt, denn Weizen, Kartoffeln, Hülsenfrüchte oder Obst sind unwirtschaftlich. Agroforstsysteme produzieren das gesamte Spektrum: Obst, Nüsse, Getreide, Gemüse, Fleisch (Silvo-Pastoral), Holz und ökosystemare Leistungen. Für die Welternährung: Agroforst.

5. Skalierbarkeit und Kapitalbedarf

Der Aufbau einer Vertical Farm erfordert Millionenin­vestitionen in Infrastruktur, Beleuchtung, Klimatechnik und Automatisierung — mit kurzen Amortisierungszeiträumen, die im Widerspruch zu Agrar-Zeiträumen stehen. Agroforst kann mit deutlich geringerem Kapital gestartet werden, arbeitet mit vorhandenen Flächen und skaliert graduell. Für breite Umsetzung: Agroforst.


Paulownia: Der Hochleistungsbaum im Agroforstsystem

Innerhalb der Agroforstwirtschaft sticht eine Baumart durch außergewöhnliche Werte hervor: Paulownia. Hybridsorten binden nach Schätzungen auf Basis von Langzeitversuchen an der Universität Bonn (Prof. Dr. Ralf Pude, Campus Klein-Altendorf) bis zu 22 Tonnen CO2 pro Hektar und Jahr — ein Wert, den kaum eine andere europäisch anpflanzbare Baumart erreicht. Unter optimalen Bedingungen werden Werte von bis zu 36 Tonnen CO2 pro Hektar und Jahr genannt (TROX SE / VERDANTIS, 2024).

Diese Zahl allein macht Paulownia im Agroforstsystem zu einem Game-Changer für Carbon Credits und unternehmerische CO2-Neutralisierungsstrategien.

Ein häufiges Missverständnis betrifft jedoch die Invasivität. Die öffentliche Diskussion unterscheidet nicht immer zwischen Wildformen und sterilisierten Hybriden. Bei VERDANTIS Impact Capital kommen ausschließlich sterilisierte Paulownia-Hybridpflanzen zum Einsatz, die keine keimfähigen Samen produzieren. In deutschen Freilandversuchen — dokumentiert unter anderem von paulownia-baumschule.de — lag die Keimrate bei null Prozent. Eine unkontrollierte Ausbreitung ist damit faktisch ausgeschlossen.

Diese Hybride halten Temperaturen von -20 bis -25°C stand und sind winterhart für mitteleuropäische Standorte. Sie stehen zwar auf der "Grauen Liste" des Bundesamts für Naturschutz (BfN) — aber diese Einstufung bezieht sich auf Wildformen mit keimfähigen Samen, nicht auf sterilisierte Hybride. Angesichts der nachgewiesenen CO2-Bindungsleistung, der null Keimrate und des enormen Potenzials für Klimaschutz und Bioökonomie sollten sterilisierte Paulownia-Hybride auf die Grüne Liste der EU gesetzt werden — als empfohlene Art für nachhaltige Landnutzung und Agroforstsysteme. Solange diese Einordnung ausbleibt, bleibt ein wissenschaftlich belegtes Klimaschutzinstrument politisch untergenutzt.


VERDANTIS Impact Capital: Agroforst als Investment-Strategie

Dirk Röthig und das Team von VERDANTIS Impact Capital haben früh erkannt, was die Zahlen des Vergleichs zeigen: Die skalierbarste, kostengünstigste und gleichzeitig wirksamste Lösung für unternehmerische CO2-Neutralisierung liegt nicht in der Technologiehalle, sondern auf der Fläche.

VERDANTIS betreibt Paulownia-basierte Agroforstsysteme, die als direkte Impact-Investments strukturiert sind. Für Unternehmen, die CO2-neutral werden wollen, bietet dieser Ansatz entscheidende Vorteile gegenüber reinen Technologieinvestitionen: Die CO2-Senke entsteht dauerhaft, ist meßbar und zertifizierbar, und die zugrundeliegende Landnutzung schafft parallel Biodiversität, Bodenschutz und langfristige wirtschaftliche Werte.

Wo Vertical Farming Kapital verbrennt und auf permanente Energiezufuhr angewiesen bleibt, arbeitet Agroforst mit natürlichen Prozessen — und liefert dabei handelbare Carbon Credits, die auf dem wachsenden freiwilligen CO2-Markt zunehmend gefragt sind.

VERDANTIS zeigt damit: Der günstigste Weg zur CO2-Neutralität führt nicht durch den Serverraum, sondern durch den Wald — oder präziser: durch das Agroforstsystem mit den richtigen Baumarten an den richtigen Standorten.


Fazit: Kein Entweder-oder, aber ein klares Gewicht

Es wäre falsch, Vertical Farming pauschal zu verurteilen. Für dichte urbane Räume, klimatisch extreme Regionen oder den Anbau von Premiumprodukten auf kleinstem Raum kann die Technologie ihren Platz finden. Insbesondere mit regenerativem Strom verbessert sich ihre CO2-Bilanz erheblich. Die Konvergenz von CEA (Controlled Environment Agriculture) mit KI-gestützter Optimierung könnte den Energieverbrauch in kommenden Jahren weiter senken (ScienceDirect, 2024).

Aber als Grundlage für die Ernährungssicherheit von acht bis zehn Milliarden Menschen — und als Instrument des Klimaschutzes — ist Agroforst strukturell überlegen: kostengünstiger, CO2-positiv, biodiversitätsfördernd, skalierbar auf globaler Ebene ohne Megainvestitionen in Infrastruktur.

Die Insolvenzen im Vertical-Farming-Sektor sind kein Zufall. Sie sind das Signal eines Marktes, der technologischen Hype von ökologisch-ökonomischer Substanz trennt. Agroforstwirtschaft — kombiniert mit modernen Baumarten wie Paulownia-Hybriden, digitaler Überwachung und professionellem Carbon-Credit-Management — bietet diese Substanz.

Die Frage ist nicht, ob Technologie oder Natur. Die Frage ist, welches Fundament tragfähig genug ist für die Transformation, vor der die globale Landwirtschaft steht. Die Antwort, die die Zahlen geben, ist eindeutig.


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Quellenverzeichnis

  1. BIORAMA / Heinrich-Böll-Stiftung (2024): Vertical Farming: Revolution oder Illusion? Heinrich-Böll-Stiftung. Verfügbar unter: https://www.boell.de/de/2024/01/09/vertical-farming-revolution-oder-illusion

  2. Columbia University (2023): Vertical Farming: Resource Efficiency and Environmental Impact. Earth Institute, Columbia University.

  3. Fast Company (2023): The vertical farming bubble is finally popping. Verfügbar unter: https://www.fastcompany.com/90824702/vertical-farming-failing-profitable-appharvest-aerofarms-bowery

  4. Food Institute (2023): What Does AeroFarms' Bankruptcy Signal for CEA's Future? Verfügbar unter: https://foodinstitute.com/focus/what-does-aerofarms-bankruptcy-signal-for-ceas-future/

  5. GJESM — Global Journal of Environmental Science and Management (2024): The role of carbon sequestration and biodiversity in agroforestry for climate change mitigation. Verfügbar unter: https://www.gjesm.net/article_731134.html

  6. iGrow Marketplace (2024): Lessons Learned Overview: Plenty's Bankruptcy and Implications for Vertical Farming. Verfügbar unter: https://www.igrowmarketplace.com/post/lessons-learned-overview-plenty-s-bankruptcy-and-implications-for-vertical-farming

  7. Pude, R. (2022): Paulownia-Hybride in europäischen Agroforstsystemen — Winterhärte, Wachstum und CO2-Leistung. Universität Bonn, Campus Klein-Altendorf.

  8. Rabobank (2023): Indoor Farming: Economics and Energy. Rabobank Food & Agri Research.

  9. ScienceDirect (2024): Benchmarking energy efficiency in vertical farming: Status and prospects. Verfügbar unter: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2451904924007832

  10. Springer Nature (2025): A Systematic Review on the Role of Agroforestry Practices in Climate Change Mitigation. Climate Resilience and Sustainability. DOI: 10.1002/cli2.70018

  11. TROX SE / VERDANTIS Impact Capital (2024): Paulownia — der CO2-Speicherbaum. Verfügbar unter: https://paulownia.trox.de

  12. Vertical Farm Daily (2023): Lessons from vertical farming bankruptcies, layoffs, and closures in 2023. Verfügbar unter: https://www.verticalfarmdaily.com/article/9537965


Über den Autor: Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital mit Sitz in Zug, Schweiz — einer Impact-Investment-Plattform für Carbon Credits, Agroforstwirtschaft und Nature-Based Solutions. Er berät Unternehmen bei der Entwicklung kosteneffizienter CO2-Neutralisierungsstrategien auf Basis zertifizierter Agroforst-Projekte. Kontakt und weitere Artikel: verdantiscapital.com | LinkedIn

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