Als Polens Präsident Karol Nawrocki im August 2025 das neue Gesetz zur vollständigen Steuerbefreiung für Familien mit mindestens zwei Kindern unterzeichnete, wirkte das wie ein großer politischer Erfolg.
Ein Wahlversprechen eingelöst.
Ein starkes Signal an Familien.
Eine emotional aufgeladene Botschaft: „Wir entlasten Eltern, die unsere Zukunft tragen.“
Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich ein anderes Bild.
Das Konzept hilft nicht dort, wo Unterstützung am dringendsten benötigt wird.
Das Versprechen: Mehr Geld für Familien, mehr Motivation für Arbeit
Die Grundidee klingt einfach und eingängig:
Familien mit zwei oder mehr Kindern sollen keine Einkommenssteuer mehr zahlen, bis zu einem gemeinsamen Jahreseinkommen von rund 66.000 Euro.
Laut Berechnungen des Präsidialamts bedeutet das für eine durchschnittliche Familie:
- rund 1.000 PLN (ca. 235 €) mehr Einkommen pro Monat
Die erklärten Ziele:
- Verringerung der Steuerlast
- Erhöhung des verfügbaren Einkommens
- Ankurbelung des Konsums
- Förderung der Erwerbstätigkeit
Ein Narrativ, das gesellschaftspolitisch breite Zustimmung findet.
Doch genau hier beginnt das Problem.
Das Problem: Steuerfreiheit hilft vor allem Besserverdienenden
Wer wenig verdient, zahlt bereits heute kaum oder gar keine Einkommenssteuer.
Für diese Haushalte verpufft die Reform nahezu wirkungslos.
Wer dagegen mehr verdient, profitiert überproportional.
Konkrete Beispiele
- Familie mit 7.000 PLN Monatseinkommen → 395 PLN Entlastung
- Familie mit 12.000 PLN Monatseinkommen → 913 PLN Entlastung
Das Ergebnis:
- Die Reform wirkt sozial regressiv
- Die Einkommensschere wird vergrößert statt verkleinert
- „Familienförderung“ wird faktisch zur Steuersubvention für Mittel- und Besserverdiener
Finanzielle Realität: Teuer, aber wenig treffsicher
Laut Finanzministerium kostet das Programm bis zu 7 Milliarden Euro pro Jahr.
Die geplante Gegenfinanzierung durch eine Verschärfung des Steuersystems in Höhe von 3,2 Milliarden Euro gilt unter Experten als unrealistisch.
Damit stellt sich eine zentrale Frage:
Wie lange kann sich der Staat eine Maßnahme leisten, die viel kostet, aber wenig zielgenau wirkt?
Vergessene Gruppen: Alleinerziehende und Geringverdiener
Besonders problematisch ist, wer nicht profitiert:
- Alleinerziehende gehen leer aus
- Kinderlose Geringverdiener werden nicht berücksichtigt
- Niedriglohnfamilien ohne Steuerlast erhalten keinen zusätzlichen Euro
Das sendet ein heikles Signal:
„Je mehr du verdienst, desto mehr fördern wir dich.“
Sozialpolitisch ist das schwer zu rechtfertigen und politisch riskant.
So ließe sich das System gerechter gestalten
Wenn das Ziel wirklich lautet, Familien zu stärken und Arbeit zu belohnen, braucht es Nachschärfungen. Fünf konkrete Reformansätze:
1. Einkommensabhängige Staffelung
- Volle Steuerbefreiung nur bis zu einer Einkommensgrenze z. B. 5.000 PLN pro Monat
- Danach schrittweise Reduktion
- Geringverdiener profitieren am stärksten
2. Kombination aus Steuererleichterung und Kinderbonus
- Direkte Zuschüsse für Familien ohne Steuerlast z. B. 500–700 PLN monatlich
- Reale Entlastung statt symbolischer Maßnahmen
3. Zusatzvorteile für Alleinerziehende
- Zusätzlicher Freibetrag oder Bonus
- Abfederung struktureller Nachteile
4. Anreiz für Erwerbstätigkeit
- Steuerbefreiung nur bei nachweislicher Erwerbstätigkeit auch Teilzeit zählt
- Arbeit wird belohnt, nicht nur Familienstatus
5. Kommunikative Neuausrichtung
- Weg von „Null-Steuer für Familien“
- Hin zu: „Familienbonus für Erwerbstätige mit geringem und mittlerem Einkommen“
- Glaubwürdiger, gerechter, wirtschaftlich sinnvoller
Fazit: Symbolisch stark, sozial schwach
Die Reform von Präsident Nawrocki steht beispielhaft für gut gemeinte, aber unpräzise Sozialpolitik.
Große Gesten ersetzen keine gezielte Wirkung.
Was bleibt, ist eine nüchterne Erkenntnis:
Gerechtigkeit entsteht nicht durch pauschale Steuerfreiheit,
sondern durch gezielte Entlastung dort, wo sie wirklich gebraucht wird.
Das wäre nicht nur sozial gerechter, sondern auch ökonomisch klüger.

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