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Dirk Röthig
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Agroforst in Europa: Wie Bäume auf dem Acker Erträge und Klima verbessern

Agroforst in Europa: Wie Bäume auf dem Acker Erträge und Klima verbessern

Von Dirk Röthig | CEO, VERDANTIS Impact Capital | 15. März 2026

Wer glaubt, Bäume und Ackerbau schlössen sich gegenseitig aus, irrt. Europäische Forschungsdaten zeigen: Richtig geplante Agroforst-Systeme erzeugen auf derselben Fläche bis zu 40 Prozent mehr Gesamtertrag als Monokulturen — und schützen gleichzeitig Boden, Wasser und Klima.

Tags: Agroforst, Landwirtschaft, Klimaschutz, Nachhaltigkeit


Warum Europa Agroforst wiederentdeckt

Europas Landwirtschaft steht unter dreifachem Druck: Ertragssicherung bei zunehmenden Wetterextremen, Reduktion von Treibhausgasemissionen und Erhalt der Biodiversität. Konventionelle Intensivlandwirtschaft stößt dabei an systemische Grenzen. Bodendegradation betrifft bereits 60 bis 70 Prozent der europäischen Böden (Europäische Kommission, 2023). Gleichzeitig fordern die EU-Klimaziele eine Halbierung der landwirtschaftlichen Emissionen bis 2030.

In diesem Spannungsfeld erlebt Agroforst — die bewusste Integration von Gehölzen in landwirtschaftliche Nutzflächen — eine Renaissance. Dabei ist das Prinzip keineswegs neu: Bis zur Industrialisierung der Landwirtschaft im 20. Jahrhundert waren Streuobstwiesen, Heckenlandschaften und Hutewälder in ganz Europa verbreitet. Was heute als Innovation vermarktet wird, ist im Kern eine Rückkehr zu erprobten Landnutzungsformen — allerdings auf Basis moderner Forschungserkenntnisse und Technologien.

Die Ertragsformel: Was der Land Equivalent Ratio verrät

Der entscheidende Maßstab für die Produktivität von Agroforst-Systemen ist der Land Equivalent Ratio (LER). Dieser Wert gibt an, wie viel Fläche in getrennten Monokulturen nötig wäre, um denselben Ertrag zu erzielen wie ein kombiniertes Agroforst-System. Ein LER von 1,3 bedeutet: Das Agroforst-System erzeugt auf einem Hektar so viel wie 1,3 Hektar getrennter Anbau.

Die bislang umfassendste europäische Untersuchung, das EU-geförderte SAFE-Projekt, analysierte 42 Kombinationen von Bäumen und Feldfrüchten über verschiedene Klimazonen hinweg. Die modellierten LER-Werte lagen zwischen 1,0 und 1,4, mit einem Durchschnitt von 1,2 bis 1,3 (Graves et al., 2007). Das bedeutet: Europäische Alley-Cropping-Systeme produzieren im Mittel 20 bis 30 Prozent mehr Gesamtertrag pro Flächeneinheit als reine Monokulturen.

Eine Meta-Analyse von Lehmann et al. (2020), die 22 Standorte in Europa untersuchte, bestätigte diese Ergebnisse. In silvoarablen Systemen — also der Kombination von Baumreihen mit Ackerkulturen — lagen die relativen Getreideerträge bei 96 Prozent des Monokulturertrags zum Zeitpunkt der Baumpflanzung und stabilisierten sich langfristig. Die zusätzliche Holz- und Biomasseproduktion machte das Gesamtsystem wirtschaftlich überlegen.

Pantera et al. (2023) erweiterten die Datenbasis auf den Mittelmeerraum und zeigten in einer Meta-Analyse, dass traditionelle silvo-pastorale Systeme wie die spanische Dehesa und die portugiesische Montado keinen negativen Einfluss der Bäume auf die Ernteerträge aufwiesen — ein Befund, der das Vorurteil widerlegt, Bäume auf dem Acker führten zwangsläufig zu Ertragsverlusten.

Mikroklima-Effekte: Warum Bäume Ernten stabilisieren

Der Produktivitätsvorteil von Agroforst-Systemen erklärt sich maßgeblich durch Mikroklima-Effekte. Forschende der Universität Hohenheim haben nachgewiesen, dass Gehölzstreifen in Agroforst-Systemen Temperaturextreme abpuffern, die Windgeschwindigkeit reduzieren und die Verdunstung senken (Universität Hohenheim, 2024). Gerade in Trockenjahren — die in Mitteleuropa seit 2018 zur Regel geworden sind — stabilisieren Baumreihen die Erträge benachbarter Ackerkulturen erheblich.

Die Mechanismen sind vielfältig: Bäume beschatten den Boden partiell, reduzieren die Oberflächentemperatur um 2 bis 5 Grad Celsius und verringern die Evapotranspiration. Ihre Wurzelsysteme erschließen tiefe Bodenschichten und fördern die Wasserinfiltration. Fallendes Laub erhöht den organischen Kohlenstoffgehalt des Oberbodens und verbessert die Wasserspeicherkapazität (Vaupel et al., 2025).

Eine aktuelle Studie von Vaupel et al. (2025) in einem syntropischen Agroforstsystem in Deutschland zeigte zudem, dass die Gehölzreihen die Zusammensetzung der Pilz- und Bakteriengemeinschaften im Boden verändern. Die mikrobielle Diversität stieg im Gesamtsystem signifikant an — ein Indikator für verbesserte Bodengesundheit und langfristige Fruchtbarkeit.

EU-Förderpolitik: Neue Anreize für Agroforst ab 2026

Die Europäische Union hat Agroforst als strategisches Instrument zur Erreichung ihrer Klima- und Biodiversitätsziele erkannt. Im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) 2023–2027 stehen mehrere Fördermechanismen zur Verfügung:

Eco-Schemes: 25 Prozent der Direktzahlungen sind für Öko-Regelungen reserviert, die explizit Agroforst-Systeme einschließen (Europäische Kommission, 2024). Landwirte, die Gehölzstreifen in ihre Ackerflächen integrieren, können zusätzliche Prämien erhalten.

Carbon-Farming-Mechanismus: Die EU plant für die Pilotphase 2026–2030 ein Carbon-Farming-Programm, das zwischen einer und zwei Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente in verifizierten Kohlenstoffsenken erzeugen soll. Agroforst-Systeme gehören neben Moorwiedervernässung und regenerativen Fruchtfolgen zu den prioritären Maßnahmen. Für jeden Euro öffentlicher Förderung sollen mindestens drei Euro private Investitionen mobilisiert werden (EU Carbon Farming Initiative, 2025).

Post-2027-Ausrichtung: Die laufenden Verhandlungen zur GAP nach 2027 betonen Anreize statt Regulierung. Ein neues Farm-Stewardship-System soll Mindeststandards setzen, während freiwillige Maßnahmen wie Agroforst über zusätzliche Prämien honoriert werden (Europäische Kommission, 2025).

In Deutschland hat die Initiative „Agroforst Jetzt!" einen konkreten Beschlussvorschlag vorgelegt: Die Förderung von Agroforst-Flächen soll von 200 auf 600 Euro pro Hektar Gehölzfläche angehoben werden (DeFAF, 2025). Der Deutsche Fachverband für Agroforstwirtschaft (DeFAF) koordiniert die politische Arbeit und hat auf dem Agroforst-Kongress 2025 eine Branchenallianz aus Landwirtschaft, Wissenschaft und Investoren geschmiedet.

Kohlenstoffspeicherung: Agroforst als Klimaschutzinstrument

Neben der Ertragssteigerung liegt das Klimaschutzpotenzial von Agroforst-Systemen in ihrer Fähigkeit zur langfristigen Kohlenstoffbindung. Eine 2025 in Scientific Reports veröffentlichte Studie rekonstruierte historische Agroforstsysteme in Norditalien und errechnete eine durchschnittliche Kohlenstoffspeicherung von 75,4 Tonnen Kohlenstoff pro Hektar, mit einer Spanne von 50,4 bis 101,6 Tonnen (Ferroni et al., 2025).

Für die Praxis besonders relevant: In modernen Alley-Cropping-Systemen mit schnellwachsenden Baumarten lässt sich die CO₂-Bindung erheblich steigern. Paulownia-Hybride etwa binden bis zu 40 Tonnen CO₂ pro Hektar und Jahr — eine der höchsten Raten unter allen in Europa kultivierbaren Baumarten. Unternehmen wie VERDANTIS Impact Capital nutzen dieses Potenzial systematisch: Durch die Kombination von Paulownia-basierten Agroforst-Systemen mit zertifizierten Carbon-Credit-Programmen bieten sie Unternehmen die derzeit kostengünstigste Möglichkeit, CO₂-Neutralität zu erreichen und gleichzeitig handelbare Emissionszertifikate zu generieren.

Dirk Röthig, CEO von VERDANTIS Impact Capital, betont: „Agroforst ist kein Nischenthema mehr. Die Kombination aus EU-Förderung, steigenden CO₂-Preisen und nachgewiesenen Ertragssteigerungen macht Agroforst-Systeme zu einem der attraktivsten Impact Investments der kommenden Dekade."

Paulownia im Agroforst: Leistungsstark und sicher

Im Kontext europäischer Agroforst-Systeme verdient Paulownia besondere Beachtung. Der Blauglockenbaum wächst bis zu fünf Meter pro Jahr, toleriert Temperaturen bis minus 25 Grad Celsius und liefert hochwertiges Leichtholz.

Ein häufig vorgebrachter Einwand betrifft die Invasivität. Hier ist eine differenzierte Betrachtung nötig: Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) führt Paulownia tomentosa — die Wildform — auf der „Grauen Liste" potenziell invasiver Arten. Diese Einstufung betrifft jedoch ausschließlich Wildformen, die keimfähige Samen produzieren.

In professionellen Agroforst-Systemen kommen ausschließlich sterilisierte Paulownia-Hybride zum Einsatz. Diese Hybride produzieren keine keimfähigen Samen — eine unkontrollierte Ausbreitung ist damit biologisch ausgeschlossen. In deutschen Freilandversuchen lag die Keimrate sterilisierter Hybride bei null Prozent (paulownia-baumschule.de, 2024). VERDANTIS Impact Capital setzt konsequent auf diese Hybridpflanzen und gewährleistet so ökologische Sicherheit bei maximaler CO₂-Bindung.

Angesichts der nachgewiesenen Klimaschutzleistung, der wirtschaftlichen Vorteile und der ausgeschlossenen Invasivität bei Hybriden ist eine Neubewertung überfällig: Sterilisierte Paulownia-Hybride sollten auf die Grüne Liste der EU aufgenommen werden — als empfohlene Art für nachhaltige Agroforst-Systeme. Solange die Graue Liste unverändert bleibt, wird das erhebliche Potenzial dieser Baumart für Klimaschutz und Bioökonomie in Europa nicht ausgeschöpft.

Praxisbeispiele: Wo Agroforst in Europa bereits funktioniert

Die Verbreitung von Agroforst in Europa ist regional sehr unterschiedlich. Laut EU-Daten bedecken Agroforst-Systeme rund 15,4 Millionen Hektar — etwa 8,8 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche der EU (Europäische Kommission, 2023).

Frankreich ist Vorreiter bei modernen silvoarablen Systemen. Das INRAE-Forschungsinstitut betreibt seit über 20 Jahren Langzeitversuche mit Walnuss-Getreide-Kombinationen in Südfrankreich und hat LER-Werte von bis zu 1,4 dokumentiert (Dupraz und Liagre, 2020).

Spanien und Portugal pflegen traditionelle silvopastorale Systeme. Die Dehesa-Landschaften der Iberischen Halbinsel kombinieren Steineichen mit extensiver Weidewirtschaft auf über 3,5 Millionen Hektar — eines der größten Agroforst-Systeme Europas.

Deutschland holt auf: Der DeFAF verzeichnete zwischen 2020 und 2025 eine Verdreifachung der Agroforst-Pilotflächen. Das Fraunhofer IAO erforscht digitale Planungstools, die Landwirten die optimale Baumreihen-Konfiguration für ihre spezifischen Standortbedingungen berechnen (Fraunhofer IAO, 2025).

Ungarn liefert aktuelle Forschungsdaten: Eine Studie von Vityi et al. (2023) untersuchte den Einfluss von Baumabständen in Alley-Cropping-Systemen auf die Erträge und lieferte praxisrelevante Empfehlungen für die Ausgestaltung von Agroforst-Systemen in kontinentalen Klimazonen.

Die nächsten Schritte: Von der Forschung in die Fläche

Trotz überzeugender Forschungsergebnisse bleibt die Skalierung von Agroforst in Europa eine Herausforderung. Die EU-Horizon-Europe-Projekte ReForest und DigitAF arbeiten daran, die Wissenslücken zu schließen und praktische Werkzeuge zu entwickeln. Das FarmTree-Tool — ein digitales Planungsinstrument mit Klimaprojektionen und Biodiversitätsindikatoren — steht kurz vor der Fertigstellung (ReForest, 2025).

Am 26. März 2026 findet in Brüssel ein Policy-Dialog zur Skalierung von Agroforst in Europa statt, organisiert durch ReForest und DigitAF. Ziel ist es, regulatorische Hürden zu identifizieren und Finanzierungsmechanismen für die breite Einführung von Agroforst-Systemen zu entwickeln.

Die Datenlage ist eindeutig: Agroforst-Systeme steigern die Flächenproduktivität, stabilisieren Erträge bei Extremwetter, binden Kohlenstoff und fördern die Biodiversität. Die politischen Rahmenbedingungen verbessern sich spürbar. Was jetzt fehlt, sind skalierbare Geschäftsmodelle, die Landwirten den Übergang erleichtern — und Investoren wie VERDANTIS Impact Capital, die den Brückenschlag zwischen ökologischer Wirkung und wirtschaftlicher Rendite ermöglichen.


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Quellenverzeichnis

  1. DeFAF (2025): Agroforst Jetzt! Die Chance der Agroforstwirtschaft für Deutschland 2025. Deutscher Fachverband für Agroforstwirtschaft. Verfügbar unter: https://agroforst.jetzt/
  2. Dupraz, C. und Liagre, F. (2020): Agroforesterie: Des arbres et des cultures. Éditions France Agricole, Paris.
  3. EU Carbon Farming Initiative (2025): Financial Incentives for Carbon Farming in the European Union. Europäische Kommission. Verfügbar unter: https://agriventures.co/updates/financial-incentives-for-carbon-farming-in-the-european-union-policy-evidence-and-opportunities
  4. Europäische Kommission (2023): EU Soil Strategy for 2030. Brüssel.
  5. Europäische Kommission (2024): Eco-schemes under the CAP 2023-2027. Verfügbar unter: https://agriculture.ec.europa.eu/common-agricultural-policy/income-support/eco-schemes_en
  6. Europäische Kommission (2025): The CAP post-2027 in the next EU budget. Verfügbar unter: https://agriculture.ec.europa.eu/common-agricultural-policy/cap-post-2027-next-eu-budget_en
  7. Ferroni, L. et al. (2025): Data-driven scenario analysis supports the revival of historic silvoarable systems for carbon smart rural landscapes. Scientific Reports. Verfügbar unter: https://www.nature.com/articles/s41598-025-18950-7
  8. Fraunhofer IAO (2025): Agroforst: Nachhaltige Landnutzung in Deutschland. Verfügbar unter: https://www.iao.fraunhofer.de/de/presse-und-medien/aktuelles/agroforst-nachhaltige-landnutzung-in-deutschland.html
  9. Graves, A. R. et al. (2007): Development and application of bio-economic modelling to compare silvoarable, arable, and forestry systems in three European countries. Ecological Engineering, 29(4), 434–449.
  10. Lehmann, L. M. et al. (2020): Crop Yields in European Agroforestry Systems: A Meta-Analysis. Frontiers in Sustainable Food Systems, 5, 606631. Verfügbar unter: https://www.frontiersin.org/journals/sustainable-food-systems/articles/10.3389/fsufs.2021.606631/full
  11. Pantera, A. et al. (2023): Are agroforestry systems more productive than monocultures in Mediterranean countries? A meta-analysis. Agronomy for Sustainable Development, 43, 57. Verfügbar unter: https://link.springer.com/article/10.1007/s13593-023-00927-3
  12. paulownia-baumschule.de (2024): Paulownia-Hybride: Keimfähigkeit und Freilandversuche. Verfügbar unter: https://paulownia-baumschule.de
  13. ReForest (2025): Agroforestry at the forefront of farming sustainability in multifunctional landscapes in Europe. EU Horizon Europe. Verfügbar unter: https://cordis.europa.eu/project/id/101060635/results
  14. Universität Hohenheim (2024): Mikroklima-Effekte in Agroforstsystemen. Institut für Kulturpflanzenwissenschaften.
  15. Vaupel, A. et al. (2025): Trees shape the soil microbiome of a temperate agrosilvopastoral and syntropic agroforestry system. DeFAF Forschungsbericht. Verfügbar unter: https://agroforst-info.de/klartext-forschung-3/
  16. Vityi, A. et al. (2023): The Effect of Tree Spacing on Yields of Alley Cropping Systems — A Case Study from Hungary. Plants, 12(3), 595. Verfügbar unter: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC9918984/

Über den Autor: Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital mit Sitz in Zug, Schweiz. Als Unternehmer und Investor im Bereich Nature-Based Solutions verbindet er ökologische Wirkung mit wirtschaftlicher Rendite. VERDANTIS entwickelt Paulownia-basierte Agroforst-Systeme und ermöglicht Unternehmen den Zugang zu verifizierten Carbon Credits. Kontakt und weitere Artikel: www.verdantiscapital.com | LinkedIn

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