Nachhaltige Lieferketten 2026: Supply Chain Due Diligence als strategischer Wettbewerbsvorteil
Von Dirk Röthig | CEO, VERDANTIS Impact Capital | 04. März 2026
Das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz und die europäische Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD) zwingen Unternehmen, Menschenrechte und Umweltstandards tief in der globalen Wertschöpfungskette durchzusetzen. Für Dirk Röthig und VERDANTIS ist das keine Compliance-Herausforderung — sondern ein struktureller Umbau, der die Wettbewerbslandschaft auf Jahrzehnte prägt.
Tags: Lieferkette, Supply Chain, Due Diligence, Nachhaltigkeit, ESG
Ein Gesetz verändert die Wertschöpfungslogik
Es gibt Gesetze, die Vorschriften erlassen. Und es gibt Gesetze, die Märkte verändern. Das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz — kurz LkSG —, das seit dem 1. Januar 2023 für deutsche Unternehmen mit mehr als 3.000 Mitarbeitern gilt und seit 2024 auch Unternehmen ab 1.000 Mitarbeitern erfasst, gehört zur zweiten Kategorie.
Dirk Röthig, CEO von VERDANTIS Impact Capital, beobachtet diese Regulierungswelle mit dem Blick eines Investors und Unternehmers, der seit Jahren an der Schnittstelle zwischen globalem Kapital und lokaler Wertschöpfung arbeitet. Seine Einschätzung ist klar: "Unternehmen, die nachhaltige Lieferketten nicht als strategische Investition begreifen, werden in den nächsten Jahren in mehrfacher Hinsicht bestraft werden — durch Reputationsverlust, durch den Ausschluss aus Lieferantenregistern großer Abnehmer, und durch steigende Kapitalkosten bei nachlässiger ESG-Performance."
Die europäische Regulierungslandschaft entwickelt sich mit hoher Geschwindigkeit. Die Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD), die im Juli 2024 in Kraft getreten ist, ergänzt das LkSG auf EU-Ebene und bringt zusätzliche Anforderungen: Sie verpflichtet Unternehmen nicht nur zur Identifikation und Prävention von Menschenrechts- und Umweltrisiken, sondern auch zur Erstellung klimabezogener Transitionspläne. Für VERDANTIS Impact Capital, das Dirk Röthig aufgebaut hat, ist dies ein unmittelbar relevanter regulatorischer Kontext — schließlich investiert VERDANTIS in Agroforst-Projekte, die auf den ersten Blick einfache Landnutzungsprojekte sind, in der Realität aber komplexe Wertschöpfungsketten mit Beteiligten in mehreren Ländern darstellen.
Was Sorgfaltspflicht konkret bedeutet
Das LkSG und die CSDDD definieren Sorgfaltspflichten in einem Stufenmodell. Röthig erklärt in Gesprächen mit Investoren und Unternehmern, dass die rechtliche Systematik für die praktische Umsetzung entscheidend ist.
Erste Ebene — Risikoanalyse: Unternehmen müssen die Risiken für Menschenrechte und Umwelt in ihrer eigenen Geschäftstätigkeit und bei ihren direkten Lieferanten (Tier-1) systematisch identifizieren und bewerten. Dies umfasst Risiken wie Kinderarbeit, Zwangsarbeit, gefährliche Arbeitsbedingungen, rechtswidrige Landnahme oder die Beeinträchtigung von Ökosystemen. Die Risikoanalyse muss dokumentiert, regelmäßig aktualisiert und bei anlassbezogenen Ereignissen — etwa Medienberichten über Vorfälle bei einem Lieferanten — ad hoc durchgeführt werden.
Zweite Ebene — Präventions- und Abhilfemaßnahmen: Bei identifizierten Risiken sind Unternehmen verpflichtet, geeignete Maßnahmen zu ergreifen. Das kann Lieferantenaudits, Vertragsklauseln mit Sozial- und Umweltstandards, Kapazitätsaufbau bei Lieferanten oder — im Extremfall — die Beendigung der Geschäftsbeziehung umfassen. Wichtig: Das Gesetz verlangt keine Garantiehaftung, sondern eine Bemühenspflicht. Wer nachweislich geeignete Maßnahmen ergriffen hat, trägt auch dann keine Haftung, wenn ein Verstoß eingetreten ist.
Dritte Ebene — Mittelbare Lieferkette (Tier 2+): Für mittelbare Zulieferer — also Lieferanten der Lieferanten — gelten Sorgfaltspflichten erst dann, wenn das Unternehmen "substantiierte Kenntnis" über mögliche Verletzungen erlangt. Dieses Anlassbezogene Modell ist ein praktisch wichtiger Unterschied zu einem risikobasierten Ansatz, der alle Ebenen der Lieferkette gleichwertig erfasst.
Dirk Röthig hat für VERDANTIS Impact Capital ein integriertes Due-Diligence-Framework entwickelt, das sowohl die LkSG-Anforderungen als auch die CSDDD-Vorgaben abbildet. Da VERDANTIS Investitionsprojekte in mehreren europäischen Ländern koordiniert und mit lokalen Grundeigentümern, Anbaupartnern und Verarbeitungsunternehmen zusammenarbeitet, ist die Lieferkettenstruktur komplex. Röthigs Ansatz: "Wir bauen Sorgfaltspflichten nicht als Kontrollmechanismus gegenüber Partnern auf, sondern als gemeinsames Qualitätsversprechen. Das schafft mehr Vertrauen und mehr Compliance als jede externe Auditierung."
Die globale Dimension: Warum Tier-N-Transparenz die eigentliche Herausforderung ist
Für Unternehmen mit globalen Beschaffungsketten ist die regulatorische Anforderung nur die Oberfläche eines viel tieferen Problems. Dirk Röthig nennt es die Tier-N-Transparenzfalle: Je weiter man in der Lieferkette zurückgeht, desto schwieriger wird es, verlässliche Informationen über Produktionsbedingungen zu erhalten.
Ein europäisches Modunternehmen, das seine Stoffe in Bangladesh einkauft, kennt möglicherweise seinen direkten Tier-1-Lieferanten gut. Aber wer hat die Baumwolle angebaut? Unter welchen Bedingungen? Mit welchen Pestiziden, auf welchen Böden, mit welchen Arbeitern? Auf dieser Ebene — Tier 3, Tier 4 oder tiefer — findet ein erheblicher Teil der tatsächlichen Umwelt- und Menschenrechtsverstöße statt. Und genau diese Ebene ist für die meisten Unternehmen faktisch unsichtbar.
Die Antwort auf dieses Transparenzproblem liegt nach Röthigs Einschätzung in drei komplementären Ansätzen:
Technologie: Blockchain-basierte Rückverfolgungssysteme, Satellite-Monitoring von landwirtschaftlichen Flächen und KI-gestützte Lieferantenbewertungsplattformen machen Tier-N-Transparenz zunehmend technisch realisierbar. Unternehmen wie Sourcemap, Provenance und Chainpoint arbeiten an Lösungen, die die Provenienz von Rohstoffen lückenlos dokumentieren. Bei VERDANTIS Impact Capital — dem von Dirk Röthig geleiteten Unternehmen — wird satellitengestütztes Monitoring bereits für die Überwachung von Biomassezuwachs und Bodenqualität in Agroforst-Projekten eingesetzt. Diese Technologie lässt sich direkt auf Lieferkettentransparenz ausweiten.
Industriestandards und Zertifizierungen: Standards wie Rainforest Alliance, FSC (Forest Stewardship Council), Fair Trade oder RSPO (Roundtable on Sustainable Palm Oil) schaffen branchenweite Mindeststandards, die unabhängige Audits umfassen. Sie sind kein Ersatz für eigene Sorgfaltspflichten, aber ein wichtiges Fundament. Röthig betont, dass Zertifizierungen als Startpunkt, nicht als Endpunkt betrachtet werden sollten.
Lieferantenpartnerschaften statt Kontrolle: Röthigs bevorzugter Ansatz, den er auch bei VERDANTIS praktiziert, ist der Aufbau langfristiger Partnerschaften mit Lieferanten, die auf gemeinsamen Werten, Kapazitätsaufbau und geteilten wirtschaftlichen Interessen basieren. "Wer seinen Lieferanten dauerhaft unter Druck setzt und ausschließlich Kosten senkt, bekommt Risiken — keine Transparenz. Wer in die Entwicklung seiner Lieferanten investiert, bekommt Qualität und Loyalität", erklärt Röthig.
Nachhaltige Lieferketten als Finanzierungsfaktor
Ein Aspekt, dem Dirk Röthig in seiner Arbeit für VERDANTIS besondere Aufmerksamkeit widmet, ist die Verbindung zwischen Lieferkettenqualität und Kapitalzugang. Diese Verbindung existiert auf zwei Ebenen.
Auf der Ebene des Fremdkapitals haben mehrere Großbanken sustainability-linked Loan-Frameworks eingeführt, bei denen der Zinssatz von der Erreichung definierter ESG-KPIs abhängt — darunter häufig auch Lieferkettenmetriken wie der Anteil zertifizierter Lieferanten oder die Abdeckungsquote von Tier-1-Audits. Unternehmen mit starker Lieferkettentransparenz zahlen strukturell niedrigere Zinsen (UNEP FI, 2024).
Auf der Ebene des Eigenkapitals entscheiden Lieferkettenstandards zunehmend über die Aufnahme in ESG-Indizes und die Attraktivität für ESG-orientierte Fondsmanager. Der MSCI ESG-Rating-Prozess bewertet "Supply Chain Management" als eigenständige Subkategorie. Unternehmen, die hier schlecht abschneiden, werden in ihrem Gesamt-ESG-Score heruntergestuft — mit direkten Auswirkungen auf ihre Präsenz in ESG-ETFs und nachhaltigen Fonds.
Für VERDANTIS Impact Capital ist diese Verbindung zwischen Lieferkettenqualität und Kapitalkosten auch auf Projektebene relevant. Institutionelle Investoren, die VERDANTIS als Impact-Investment-Plattform nutzen, erwarten, dass die finanzierten Projekte nicht nur positive Outcomes liefern, sondern auch die Wertschöpfungsketten rund um diese Projekte dokumentiert und auditierbar sind. Dirk Röthig sieht darin eine Synergie: "Je transparenter und sorgfältiger wir unsere Projektpartnerschaften dokumentieren, desto überzeugender ist das Investment-Narrativ für institutionelle Investoren."
Die EU Corporate Sustainability Due Diligence Directive: Was kommt auf Unternehmen zu
Während das LkSG primär auf Menschenrechte fokussiert und von der deutschen Wirtschaft mit erheblichem Bürokratieaufwand verbunden wird, bringt die CSDDD ein umfassenderes Anforderungsprofil. Röthig analysiert die wichtigsten Unterschiede:
Klimakomponente: Die CSDDD verpflichtet Unternehmen zur Erstellung klimabezogener Transitionspläne, die zeigen, wie das Unternehmen seine Geschäftsstrategie mit dem 1,5°C-Ziel des Pariser Abkommens in Einklang bringt. Diese Anforderung geht weit über das LkSG hinaus und berührt die Kernstrategie des Unternehmens.
Haftung: Die CSDDD sieht eine zivilrechtliche Haftung für Schäden vor, die durch Verletzungen der Sorgfaltspflicht entstehen. Das ist ein erheblicher Unterschied zum LkSG, das primär auf Bußgelder als Sanktionsmechanismus setzt. Für global aktive Unternehmen bedeutet dies, dass Lieferantenverstöße künftig nicht nur zu Strafzahlungen, sondern auch zu Schadensersatzklagen führen können.
Tiefe der Lieferkette: Während das LkSG in seiner Grundstruktur auf unmittelbare Lieferanten fokussiert, erfasst die CSDDD systematisch auch die mittelbare Wertschöpfungskette ("established business relationship"). Für Unternehmen mit komplexen globalen Lieferketten ist diese Ausweitung regulatorisch wie operativ eine erhebliche Herausforderung.
Dirk Röthig empfiehlt Unternehmen, die Anforderungen von LkSG und CSDDD nicht separat zu behandeln: "Wer jetzt ein solides LkSG-Framework aufbaut, das auf digitaler Datenbasis, echten Lieferantenpartnerschaften und einer robusten Wesentlichkeitsanalyse fußt, ist für die CSDDD gut gerüstet. Der Mehraufwand für die Klimakomponente ist dann überschaubar."
Praxisbeispiel: Wie nachhaltige Lieferketten in der Agroforst-Investition aussehen
Für Dirk Röthig ist Nachhaltigkeit in Lieferketten kein theoretisches Konzept, sondern gelebte Praxis bei VERDANTIS Impact Capital. Am Beispiel der von VERDANTIS finanzierten Paulownia-Agroforst-Projekte lässt sich zeigen, wie eine nachhaltige Wertschöpfungskette in der Praxis funktioniert.
Die VERDANTIS-Lieferkette beginnt mit der Auswahl der Anbaupartner: lokale Landwirte und Grundeigentümer, die Flächen für Paulownia-Anbau zur Verfügung stellen. Röthig und sein Team prüfen dabei nicht nur die landwirtschaftliche Eignung der Flächen, sondern auch die rechtliche Klarheit der Eigentumsverhältnisse — eine Due-Diligence-Anforderung, die sowohl LkSG- als auch CSDDD-relevante Aspekte (rechtswidrige Landnahme) berührt. Nur sterilisierte Paulownia-Hybride werden eingesetzt — Pflanzen, die keine keimfähigen Samen produzieren und damit eine unkontrollierte Ausbreitung in natürlichen Ökosystemen ausschließen.
Die Zwischenglieder der Lieferkette — Baumschulen, Pflanzenlieferanten, Anbaupfleger — werden nach einem VERDANTIS-eigenen Bewertungsprotokoll ausgewählt und durch Vertragsklauseln zu Mindeststandards verpflichtet. Am Ende der Kette stehen Abnehmer von Paulownia-Holz und Biomasseerzeugnissen sowie die Käufer der durch die Plantagen generierten Carbon Credits.
"Wir haben den Anspruch, jede Stufe dieser Wertschöpfungskette so transparent zu machen, dass ein institutioneller Investor sie jederzeit auditieren könnte", sagt Dirk Röthig. "Das ist nicht nur eine regulatorische Anforderung — es ist die Grundlage unseres Impact-Versprechens gegenüber unseren Investoren."
Fazit: Lieferkettentransparenz als strategische Investition
Die Anforderungen des LkSG und der CSDDD sind keine vorübergehende regulatorische Mode. Sie sind der Ausdruck eines fundamentalen Wandels in der gesellschaftlichen Erwartung an wirtschaftliche Akteure: Wer global wirtschaftet, trägt global Verantwortung — und diese Verantwortung muss transparent gemacht und regelmäßig überprüft werden.
Für Dirk Röthig und VERDANTIS Impact Capital gilt: Lieferkettentransparenz ist nicht nur eine Compliance-Anforderung, sondern ein Qualitätsmerkmal, das Investoren anzieht, Kapitalkosten senkt und die langfristige Resilienz von Investitionsprojekten sichert. Unternehmen, die jetzt in robuste Due-Diligence-Systeme investieren, positionieren sich nicht nur für die regulatorische Gegenwart — sie gestalten die Wettbewerbslandschaft der Zukunft aktiv mit.
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Quellenverzeichnis
Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle — BAFA (2024): Handreichung zum Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz. Eschborn: BAFA. Verfügbar unter: https://www.bafa.de/DE/Lieferketten/Informationen_fuer_Unternehmen/informationen_fuer_unternehmen_node.html
Europäische Kommission (2024): Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD). Verfügbar unter: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/?uri=OJ:L_202401760
UNEP Finance Initiative (2024): Sustainability-Linked Lending: Principles and Market Practice 2024. Genf: UNEP FI. Verfügbar unter: https://www.unepfi.org/sustainability-linked-lending-2024
Über den Autor: Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital mit Sitz in Zug, Schweiz. VERDANTIS verbindet institutionelles Kapital mit nachhaltigen Investitionsprojekten in den Bereichen Agroforst, Carbon Credits und regenerative Landwirtschaft. Röthig begleitet Unternehmen und Investoren dabei, Lieferkettentransparenz als strategischen Wettbewerbsvorteil zu nutzen. Weitere Informationen: https://verdantis.capital
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