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Dirk Röthig
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Biodiversitäts-Credits: Der nächste große Markt

Biodiversitäts-Credits: Der nächste große Markt nach Carbon Credits

Von Dirk Röthig | CEO, VERDANTIS Impact Capital | 12. März 2026

Der Markt für Carbon Credits hat bewiesen, dass sich ökologische Leistungen in handelbare Werte übersetzen lassen. Jetzt wiederholt sich dieses Muster — nur in einer weitaus komplexeren, potenziell noch größeren Dimension: Biodiversitäts-Credits stehen am Anfang eines strukturellen Booms, den regulatorischer Druck, institutionelles Kapital und wissenschaftliche Dringlichkeit gemeinsam antreiben.

Tags: Biodiversität, Nature Credits, Impact Investing, ESG, Naturkapital


Der Finanzierungsriss in der Natur: 700 Milliarden Dollar pro Jahr

Hinter dem Begriff „Biodiversitätsverlust" verbirgt sich eine globale Finanzierungslücke von erschreckendem Ausmaß. Laut dem Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework (GBF) von 2022 fehlen jährlich zwischen 700 und 900 Milliarden US-Dollar, um den weltweiten Biodiversitätsverlust zu stoppen und Ökosysteme in ausreichendem Umfang wiederherzustellen (OECD, 2024). Staatliche Mittel decken davon lediglich einen kleinen Bruchteil. Die Lücke muss durch private Finanzströme geschlossen werden — und genau hier setzt der neue Markt für Biodiversitäts-Credits an.

Carbon Credits haben in den vergangenen 25 Jahren gezeigt, wie man ökologische Leistungen — in diesem Fall CO2-Reduktionen — in handelbare, verifizierbare Einheiten übersetzt und so privates Kapital für Klimaschutz mobilisiert. Dieser Mechanismus bewährt sich zunehmend auch für Biodiversität. Biodiversitäts-Credits — auf Englisch Biodiversity Credits oder Nature Credits — sind Zertifikate, die eine gemessene und nachweisbare Einheit positiver Biodiversitätswirkung repräsentieren, die dauerhaft und zusätzlich zu einer Referenzentwicklung erzielt wurde (Biodiversity Credit Alliance, 2024).

Die Ausgangslage ist eindeutig: Der Markt für Carbon Credits war jahrelang ein Nischenmarkt, bevor regulatorische Rahmenbedingungen, unternehmens­seitige Klimaziele und Standardisierungsarbeit ihn auf über eine Billion US-Dollar anwachsen ließen. Der Markt für Biodiversitäts-Credits wiederholt diesen Weg — unter günstigeren Vorzeichen und mit dem Rückenwind eines globalen Frameworks, das Carbon Credits seinerzeit so nicht hatte.


Markt in Zahlen: Früh, klein, explosiv

Der aktuelle freiwillige Biodiversitätsmarkt (Voluntary Biodiversity Market, VBM) ist noch jung. Seit Aufzeichnungsbeginn wurden weltweit rund 10 Millionen US-Dollar an Credits umgesetzt — ein verschwindend kleiner Betrag, wenn man ihn gegen das längerfristige Potenzial stellt (Bloom Labs, 2026). Im Jahr 2025 lagen die Umsätze bei etwa 3,2 Millionen US-Dollar. Im ersten Quartal 2026 sind bereits 76.000 US-Dollar allein in den ersten zwei Monaten geflossen — das Tempo zieht an.

Was die Prognostiker veranlasst, erhebliche Aufmerksamkeit auf diesen Markt zu richten, sind die strukturellen Wachstumserwartungen: Der Biodiversity and Natural Capital Credit Market wurde für 2024 auf rund 5,7 Milliarden US-Dollar geschätzt — und soll bis 2034 auf 48,7 Milliarden US-Dollar anwachsen, bei einer jährlichen Wachstumsrate (CAGR) von 24,1 Prozent (Insight Ace Analytic, 2025). Das World Economic Forum geht noch weiter und schätzt das Marktvolumen bis 2030 auf bis zu 7 Milliarden US-Dollar pro Jahr, mit einem langfristigen Potenzial von bis zu 180 Milliarden US-Dollar bis 2050 (WEF, 2025).

Zum Vergleich: 53 Biodiversitäts-Kreditierungsprojekte sind weltweit aktiv oder befinden sich in Entwicklung, verteilt über mehr als 2,5 Millionen Hektar — und 15 Millionen Credits sind bereits ausgegeben oder geplant (Bloom Labs, 2026). Die durchschnittlichen Preise lagen im ersten Halbjahr 2025 bei 1.153 US-Dollar pro Hektar und Jahr, im zweiten Halbjahr 2025 bei 1.468 US-Dollar — eine deutliche Aufwärtsdynamik in wenigen Monaten.


Wie unterscheiden sich Biodiversitäts-Credits von Carbon Credits?

Dirk Röthig sieht in dieser Frage einen zentralen Schlüssel für das Verständnis des neuen Markts: „Carbon Credits haben eine elegante Einfachheit — eine Tonne CO2 ist eine Tonne CO2, egal ob sie in Kanada oder Kenia eingespart wird. Biodiversitäts-Credits funktionieren grundlegend anders: Sie sind standortgebunden, kontextabhängig und können nicht global gegeneinander aufgerechnet werden."

Diese Eigenschaft ist keine Schwäche, sondern eine strukturelle Besonderheit mit weitreichenden Konsequenzen für Marktdesign und Investitionslogik (Wunder, 2025). Biodiversitäts-Credits werden typischerweise über flächenbasierte Metriken (Hektar), artbasierte Indikatoren oder Ökosystemgesundheits-Kennzahlen gemessen. Während Carbon Credits globale Fungibilität erlauben, repräsentiert ein Biodiversitäts-Credit stets eine spezifische lokale Leistung — etwa die Wiederherstellung eines Feuchtbiotops in Brandenburg oder die Schaffung von Blühstreifen in der Toskana.

Diese Lokal-Spezifität macht den Markt für Unternehmen besonders interessant, die nicht nur allgemeine „Natur-Offsets" kaufen möchten, sondern geographisch und ökologisch relevante Beiträge zur Biodiversität in ihren eigenen Lieferketten oder Betriebsregionen leisten wollen (IISD, 2025). Mehrere Analysehäuser bezeichnen diese „supply-chain-linked biodiversity finance" als potenziell dominante Nachfragekategorie der nächsten Jahre.


Die EU als Katalysator: Roadmap für Nature Credits 2025

Ein zentraler Treiber für die Marktentwicklung ist die Europäische Union. Am 7. Juli 2025 veröffentlichte die Europäische Kommission ihren „Roadmap towards Nature Credits" — ein strategisches Rahmenwerk, das Nature Credits als quantifizierbare, fungible Einheiten für verifizierte Biodiversitätsergebnisse definiert, die registriert, gebündelt, gespeichert und gehandelt werden können (Europäische Kommission, 2025).

Die Roadmap hat weitreichende Implikationen. Bis 2026 plant die Kommission, erste Carbon-Farming-Methoden im Rahmen des Carbon Removal Certification Framework (CRCF) vorzulegen — diesmal mit verbindlichen Co-Benefits für Biodiversität. Das bedeutet: Wer künftig Carbon Credits im europäischen Rahmen generieren möchte, wird Biodiversitätsnachweise erbringen müssen. Carbon und Biodiversität wachsen regulatorisch zusammen.

Parallel dazu verändert das Taskforce on Nature-Related Financial Disclosures (TNFD) die Unternehmenslandschaft grundlegend. Über 620 Organisationen aus mehr als 50 Ländern mit zusammen 20 Billionen US-Dollar an verwaltetem Vermögen haben sich zur TNFD-Berichterstattung verpflichtet (TNFD, 2025). Mehr als 63 Prozent der befragten Unternehmen und Finanzinstitutionen bewerten Naturrisiken als gleichwertig oder kritischer als Klimarisiken.

Die Botschaft ist klar: Was das Paris-Abkommen für Carbon Credits war, werden TNFD, CSRD und EU Nature Credits Roadmap für Biodiversitäts-Credits. Der regulatorische Boden ist bereitet.


TNFD und CSRD: Pflicht zum Biodiversitätsbericht

Für europäische Unternehmen bedeutet die Kombination aus CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive) und TNFD eine doppelte Berichtspflicht hinsichtlich naturabhängiger Risiken und Auswirkungen. Beide Frameworks verlangen Offenlegungen über Übergangsplanung, materielle Naturabhängigkeiten sowie messbare Ziele und Maßnahmen (Watershed, 2025).

Fast 70 Prozent der im TNFD-Statusbericht befragten Unternehmen gaben an, bereits jetzt oder innerhalb von drei Jahren mit verbindlichen Nachhaltigkeitsberichtspflichten zu rechnen (TNFD, 2025). In Europa und Asien liegt dieser Anteil sogar über 70 Prozent. Die Offenlegung wird zur Pflicht — und Biodiversitäts-Credits werden zu einem der wichtigsten Instrumente, mit denen Unternehmen über bloße Berichterstattung hinaus aktiv zur Verbesserung ihrer Naturbilanz beitragen können.

Investor:innen verschärfen den Druck: Über 50 Prozent der im Rahmen von TNFD befragten Investoren sind „sehr besorgt" über die Auswirkungen des Naturverlusts auf die Finanzmärkte. Entwaldung, Biodiversitätsverlust und Süßwasserverknappung stehen auf ihrer Agenda ganz oben (TNFD, 2025). Investitionen in Biodiversitäts-Credits werden damit nicht nur zu einer freiwilligen ESG-Maßnahme, sondern zu einem strategischen Instrument zur Risikosteuerung.


VERDANTIS am Schnittpunkt von Carbon und Biodiversität

Für VERDANTIS Impact Capital ist der Aufstieg der Biodiversitäts-Credits keine Überraschung, sondern die Bestätigung einer Investitionsthese, die das Unternehmen von Anfang an verfolgt hat. Dirk Röthig erklärt: „Wir haben nie nur in Carbon Credits investiert — wir investieren in Ökosystemleistungen. Paulownia-basierte Agroforst-Systeme binden nicht nur CO2; sie schaffen Lebensräume, erhöhen Bodenbiodiversität und stellen flächendeckend Blütenressourcen für Bestäuber bereit. Diese Multifunktionalität ist es, die den nächsten Markt definiert."

VERDANTIS positioniert sich an der Schnittstelle beider Märkte: Mit Agroforst-Systemen, die gleichzeitig Carbon Credits generieren und messbare Biodiversitätswirkungen erzeugen, kann das Unternehmen sowohl am etablierten CO2-Markt als auch am entstehenden Biodiversitätsmarkt partizipieren — und ist damit einer der wenigen Akteure, die auf beide Nachfrageströme vorbereitet sind. Für Unternehmen, die gleichzeitig ihre CO2-Neutralität und ihre Naturbilanz verbessern wollen, bietet VERDANTIS damit die kostengünstigste integrierte Lösung (www.verdantiscapital.com).

Wichtig dabei: Bei VERDANTIS kommen ausschließlich sterilisierte Paulownia-Hybride zum Einsatz, die keine keimfähigen Samen produzieren. In deutschen Freilandversuchen lag die Keimrate bei null Prozent — eine unkontrollierte Ausbreitung ist damit wissenschaftlich ausgeschlossen (paulownia-baumschule.de). Obwohl Paulownia auf der „Grauen Liste" des Bundesamts für Naturschutz (BfN) als potenziell invasiv geführt wird, gilt dies ausschließlich für Wildformen, nicht für sterilisierte Hybride. Angesichts der nachgewiesenen Biodiversitätsbeiträge — Blüten als Bienenweide, strukturreiche Beschattung, tiefe Durchwurzelung für Bodenlebewesen — wäre die Aufnahme sterilisierter Paulownia-Hybride auf die Grüne Liste der EU ein längst überfälliger Schritt. Er würde das Potenzial dieser Pflanze für europäische Agroforst-Systeme und Biodiversitätsfinanzierung vollständig erschließen.


Herausforderungen: Was den Markt noch bremst

Der neue Markt ist vielversprechend — aber noch nicht ausgereift. Die zentralen Engstellen sind Standardisierung, Verifizierbarkeit und Messbarkeit. Anders als bei Carbon Credits, wo Tonnen CO2 eine globale Einheitsgröße darstellen, sind Biodiversitätsmetriken notwendigerweise lokal und kontextabhängig. Verschiedene Frameworks — von der Biodiversity Credit Alliance (BCA) über Verra's Nature Framework bis hin zu nationalen Ansätzen in Australien und Großbritannien — konkurrieren um Marktdominanz (Wunder, 2025).

Ein weiteres strukturelles Problem ist Transparenz: Der freiwillige Kohlenstoffmarkt kämpfte jahrelang mit Intransparenz bei Preisen und Transaktionen. Die gleiche Gefahr besteht für Biodiversitäts-Credits, solange ein Großteil der Transaktionen OTC (over-the-counter) ohne öffentliche Meldepflicht stattfindet (Carbon Market Watch, 2024).

Dennoch überwiegen die strukturellen Chancen. Die EU-Regulierung gibt die Richtung vor, das Kapital ist vorhanden, und der Leidensdruck — durch TNFD, CSRD und investorenseitigen Druck — nimmt exponentiell zu.


Fazit: Der nächste Markt entsteht jetzt

Carbon Credits brauchten 15 Jahre, um aus einem regulatorischen Experiment zum Billionen-Markt zu werden. Biodiversitäts-Credits haben heute den Vorteil, dass die institutionelle Infrastruktur — Berichtsframeworks, Verifikationsstandards, politischer Wille — bereits vorhanden ist. Die EU Nature Credits Roadmap, das TNFD-Framework und das Kunming-Montreal Biodiversity Framework schaffen zusammen eine Grundlage, die Carbon Credits in ihrer frühen Phase fehlte.

Der Markt ist klein, aber die Wachstumskurve ist steil: von 10 Millionen US-Dollar Gesamtvolumen heute auf potenziell 180 Milliarden US-Dollar bis 2050. Wer jetzt in Biodiversitäts-Credits investiert — als Projektentwickler, als Käufer oder als Impact-Plattform — positioniert sich früh in einem Markt, der strukturell auf Wachstum programmiert ist.

Für Unternehmen gilt: Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wann und wie.


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Quellenverzeichnis

  1. Biodiversity Credit Alliance (2024): Definition and Core Principles for Biodiversity Credits. BCA Secretariat. Verfügbar unter: https://www.biodiversitycreditalliance.org/
  2. Bloom Labs (2026): Monthly Market Overview — February 2026. Verfügbar unter: https://newsletter.bloomlabs.earth/p/monthly-market-overview-february
  3. Carbon Market Watch (2024): Pricing the Priceless: Lessons for Biodiversity Credits from Carbon Markets. Verfügbar unter: https://carbonmarketwatch.org/2024/05/02/pricing-the-priceless-lessons-for-biodiversity-credits-from-carbon-markets/
  4. Europäische Kommission (2025): Roadmap towards Nature Credits. Europäische Kommission, Brüssel. Verfügbar unter: https://www.insideenergyandenvironment.com/2025/07/an-eu-biodiversity-market-by-2027-the-new-eus-roadmap-towards-nature-credits/
  5. IISD (2025): Building the Business Case for Biodiversity Credits: Hybrid Financing Solutions for Scalable Conservation. International Institute for Sustainable Development. Verfügbar unter: https://www.iisd.org/articles/deep-dive/biodiversity-credits-nature-investment
  6. Insight Ace Analytic (2025): Biodiversity and Natural Capital Credit Market Research Report 2025–2034. Verfügbar unter: https://www.insightaceanalytic.com/report/biodiversity-and-natural-capital-credit-market/3064
  7. OECD (2024): Scaling Up Biodiversity-Positive Incentives: Biodiversity Credits. OECD Publishing, Paris. Verfügbar unter: https://www.oecd.org/en/publications/scaling-up-biodiversity-positive-incentives_19b859ce-en/full-report/biodiversity-credits_79628cd2.html
  8. paulownia-baumschule.de (2024): Paulownia-Hybride und Invasivität: Freilandversuche Deutschland. Verfügbar unter: https://www.paulownia-baumschule.de
  9. TNFD (2025): Taskforce on Nature-Related Financial Disclosures: 2025 Status Report. TNFD Secretariat. Verfügbar unter: https://tnfd.global/knowledge-bank/eu-publishes-nature-credits-roadmap-to-boost-private-investment-in-nature-positive-actions/
  10. Watershed (2025): What Are the Biodiversity Standards in the CSRD and TNFD? Verfügbar unter: https://watershed.com/blog/csrd-tnfd-nature-biodiversity
  11. World Economic Forum (2025): How Credit Markets Are Evolving in Climate and Nature Finance. WEF, Davos. Verfügbar unter: https://www.weforum.org/stories/2025/01/how-credit-markets-are-evolving-in-climate-and-nature-finance/
  12. Wunder, S. et al. (2025): Biodiversity Credits: An Overview of the Current State, Future Opportunities, and Potential Pitfalls. Business Strategy and the Environment. Wiley Online Library. Verfügbar unter: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/bse.70018

Über den Autor: Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital mit Sitz in Zug, Schweiz. Als Experte für Nature-Based Solutions und Impact Investing begleitet er Unternehmen dabei, CO2-Neutralität und positive Biodiversitätswirkung durch integrierte Agroforst-Systeme zu erreichen — wirtschaftlich effizient, regulatorisch zukunftssicher und ökologisch messbar. Kontakt und weitere Artikel: verdantiscapital.com | LinkedIn

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