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Dirk Röthig
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Biotechnologie Made in Germany: Vom Reagenzglas zum Weltmarktführer

Biotechnologie Made in Germany: Vom Reagenzglas zum Weltmarktführer

Von Dirk Röthig | CEO, VERDANTIS Impact Capital | 20. März 2026

Im Jahr 2024 stiegen die Investitionen in deutsche Biotech-Unternehmen um 78 Prozent — ein Signal, das weit über die Branche hinausreicht. Deutschland, lange als „schlafender Riese" der Biotechnologie bezeichnet, scheint aufzuwachen. Doch was steckt hinter diesem Boom? Eine Spurensuche von der Grundlagenforschung bis zum Weltmarkt.

Tags: Biotechnologie, Grundlagenforschung, Innovation, Deutschland


Der BioNTech-Effekt: Ein Wendepunkt für eine ganze Branche

Als Uğur Şahin im Januar 2020 in The Lancet über ein neuartiges Coronavirus las, traf er eine Entscheidung, die eine ganze Industrie verändern sollte. Innerhalb weniger Monate entwickelte sein Unternehmen BioNTech gemeinsam mit Pfizer den weltweit ersten mRNA-Impfstoff mit einer Wirksamkeit von über 90 Prozent (DWIH New York, 2021). Was viele dabei übersehen: Diese Leistung war kein Zufall, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger Grundlagenforschung an deutschen Universitäten und Forschungsinstituten.

Die BioNTech-Erfolgsgeschichte steht exemplarisch für ein Muster, das die deutsche Biotechnologie prägt: Exzellente Forschung, die unter den richtigen Bedingungen zu globaler Marktführerschaft werden kann. Im Juni 2025 unterstrich BioNTech diesen Anspruch mit der Übernahme von CureVac für rund 1,25 Milliarden US-Dollar — eine Konsolidierung, die Deutschlands gesamte mRNA-Expertise unter einem Dach vereint (BioNTech Investors, 2025).

Doch BioNTech ist nur die sichtbare Spitze eines Eisbergs. Darunter liegt ein Ökosystem, das in seiner Tiefe und Breite weltweit seinesgleichen sucht.

1.020 Unternehmen, 11 Milliarden Euro: Die Vermessung einer Branche

Die deutsche Biotechnologie umfasst rund 1.020 spezialisierte Unternehmen, die 2024 einen Gesamtumsatz von 11 Milliarden Euro erwirtschafteten (BIO Deutschland/EY, 2025). Das breitere Life-Sciences-Ökosystem zählt nahezu 4.000 Firmen (Terratern, 2025). Die Venture-Capital-Investitionen kletterten 2024 um 68 Prozent auf 898 Millionen Euro — ein deutliches Vertrauenssignal der Kapitalmärkte (EY, 2025).

Hinter diesen Zahlen verbirgt sich allerdings ein Paradox, das Dirk Röthig, CEO von VERDANTIS Impact Capital, regelmäßig beobachtet: Deutschland investiert nur 0,02 Prozent des BIP in Biotech-Venture-Capital — Dänemark und die Schweiz liegen bei 0,07 bis 0,08 Prozent (EY, 2025; V-Bio Ventures, 2025). Das Forschungsfundament ist erstklassig, doch bei der Kommerzialisierung besteht erheblicher Nachholbedarf.

40 Prozent der befragten Unternehmen arbeiten in der Diagnostik und medizinischen Forschungsdienstleistung, 26 Prozent in der Therapieentwicklung und 14 Prozent in nicht-spezifischen Dienstleistungen. Sieben Prozent sind der industriellen Biotechnologie zuzuordnen — einem Bereich, der zunehmend an Bedeutung gewinnt (BIO Deutschland Trend Survey, 2025).

Die vier Säulen der Grundlagenforschung

Was Deutschland von anderen Biotech-Standorten fundamental unterscheidet, ist seine einzigartige, historisch gewachsene Forschungsinfrastruktur.

Die Max-Planck-Gesellschaft betreibt 85 Institute für Grundlagenforschung und hat 39 Nobelpreisträger hervorgebracht — darunter Svante Pääbo (2022, Genome ausgestorbener Homininen) und Stefan Hell (2014, hochauflösende Fluoreszenzmikroskopie). Entscheidend für die Biotechnologie: Max-Planck-Spin-offs haben über 2,5 Milliarden Euro Finanzierung eingeworben und mehr als 9.300 Arbeitsplätze geschaffen (Max Planck Innovation, 2025; MPG, 2025).

Die Fraunhofer-Gesellschaft mit 75 Instituten, rund 32.000 Beschäftigten und einem Forschungsbudget von circa 3,6 Milliarden Euro übersetzt Grundlagenerkenntnisse in anwendbare Technologien. Das Fraunhofer IGB entwickelt biotechnologische Verfahren vom Labor- bis zum Pilotmaßstab, das Fraunhofer IME forscht an Insektenbiotechnologie und pflanzlichen Bioresourcen (Fraunhofer, 2025).

Die Helmholtz-Gemeinschaft, Deutschlands größte Wissenschaftsorganisation, eröffnete 2025 die Life Science Factory in München: 1.800 Quadratmeter modernste Labore und Co-Working-Spaces für Life-Science-Start-ups. Der H3 Health Hub fungiert als Transfer-Akademie über sechs Gesundheitszentren hinweg (Helmholtz München, 2025).

Das Expertennetzwerk DECHEMA verbindet mit über 5.500 Mitgliedern Wissenschaft, Industrie und Politik im Bereich Chemietechnik und Biotechnologie und organisiert seit Jahrzehnten die wichtigsten Fachkonferenzen der Branche (DECHEMA, 2025).

Das Zusammenspiel dieser Institutionen ist kein Zufall: Der Pakt für Forschung und Innovation verzahnt Max-Planck-Grundlagenforschung systematisch mit Fraunhofer-Anwendungsforschung (MPG, 2025).

BioRegionen: Deutschlands Cluster-Modell als stiller Erfolgsfaktor

Eine international oft unterschätzte Stärke der deutschen Biotechnologie ist ihr dezentrales Cluster-System. Der 1996 vom BMBF gestartete BioRegio-Wettbewerb etablierte über 30 regionale Biotechnologie-Cluster — ein Modell, das als Prototyp clusterbasierter Technologiepolitik internationale Anerkennung fand (Kiel Institute, 2008).

München und Bayern dominieren mit über 500 Biopharma-Unternehmen, zwei Exzellenzuniversitäten und dem 2025 gestarteten BioLabs|TUM-Hub — einer gemeinsamen Initiative von TUM Venture Labs, BioLabs und Eli Lilly. Bayern zog 2025 mit 3,3 Milliarden Euro das meiste Risikokapital aller Bundesländer an (BioM, 2025; Startbase, 2025).

Rhein-Neckar rund um Heidelberg profitiert von der Nähe zum Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) und dem European Molecular Biology Laboratory (EMBL). Der BioRN-Cluster umfasst rund 30 Biotech-Firmen mit 450 Beschäftigten (BioRN, 2025).

Berlin-Brandenburg hat sich als zweitgrößter VC-Hub mit etwa 2,7 Milliarden Euro Risikokapital in 2025 etabliert und verbindet ein wachsendes Gründer-Ökosystem mit akademischer Exzellenz (Startbase, 2025).

Die Empirie bestätigt den Ansatz: Teilnehmende BioRegionen zogen signifikant mehr Biotech-Neugründungen an als nicht-teilnehmende Regionen. Allein München mobilisierte über den sogenannten Label-Effekt mehr als 3 Milliarden Euro an Privatinvestitionen (BioM, 2016).

Weiße Biotechnologie: Der übersehene Innovationsmotor

Während mRNA-Vakzine und Krebsimmuntherapien die Schlagzeilen dominieren, entwickelt sich die industrielle Biotechnologie — die sogenannte „Weiße Biotechnologie" — still und stetig zu einem eigenständigen Wachstumsfeld. Sie nutzt Mikroorganismen oder Enzyme zur industriellen Produktion von Spezial- und Feinchemikalien, Agrarprodukten und Pharmazeutika (TAB/Bundestag, 2025).

BRAIN Biotech AG aus Zwingenberg verfügt über rund 600 Enzym- und Inhaltsstoffprodukte und verfolgt das ambitionierte Ziel, in die Top 10 der globalen Enzymunternehmen aufzusteigen — mit einem Umsatzziel von 100 Millionen Euro im BRAINBiocatalysts-Segment (BRAIN Biotech, 2025).

Wacker Chemie betreibt mit Wacker Biotech am Standort Jena eine spezialisierte Auftragsfertigung für Biologika. Die WACKER BIOSOLUTIONS-Sparte produziert Proteine, Nukleinsäuren und biobasierte Inhaltsstoffe für Lebensmittel und Kosmetik mittels Fermentation (Wacker Chemie, 2025).

Evotec aus Hamburg arbeitet als Drug-Discovery-Plattform mit allen Top-20-Pharmakonzernen und über 800 Biotech-Unternehmen weltweit. Der Verkauf der Biologika-Fertigungsplattform an Sandoz für rund 650 Millionen US-Dollar validierte 2025 die Innovationskraft deutscher Bioprozess-Technologie (Evotec, 2025).

Das TUM WACKER Institut für Industrielle Biotechnologie, mit über 6 Millionen Euro über sechs Jahre finanziert, soll die deutsche Forschung in diesem Bereich gezielt auf internationales Spitzenniveau heben (TUM/Wacker, 2025). Die Industrievereinigung Weiße Biotechnologie (IWBio) bündelt als nationaler Verband die Kräfte von Wissenschaft und Wirtschaft (IWBio, 2025).

Vom „Tal des Todes" zum Markt: Politische Weichenstellungen

Die Translation — der Weg von der Erkenntnis zum Produkt — bleibt die Achillesferse der deutschen Biotechnologie. Nur 13 Prozent der Lead-Investoren in deutschen Biotech-Deals sind inländische Venture-Capital-Geber (V-Bio Ventures, 2025). Die Politik reagiert mit gezielten Instrumenten:

GO-Bio (Gründungsoffensive Biotechnologie): Das BMBF-Programm begleitet Forschende auf dem Weg von der Idee zur Unternehmensgründung. Zwischen 2005 und 2023 wurden in acht Runden 57 Projekte aus 723 Vorschlägen gefördert; über 44 Unternehmen sind daraus hervorgegangen (BMBF GO-Bio, 2025).

SPRIN-D (Bundesagentur für Sprunginnovationen): Die 2019 in Leipzig nach dem ARPA-Vorbild gegründete Agentur trifft Förderentscheidungen typischerweise innerhalb von zwei Wochen und beendet unterperformende Projekte konsequent frühzeitig — ein bewusster Bruch mit der deutschen Fördertradition (Science|Business, 2025).

Nationale Strategie für Gen- und Zelltherapien: Im Juni 2024 von rund 150 Experten aus Wissenschaft, Industrie und Politik vorgelegt, definiert sie 90 konkrete Maßnahmen in acht Handlungsfeldern — vom Nationalen Netzwerkbüro bis zum GeneNovate-Gründerprogramm in 13 deutschen Städten (BIH an der Charité, 2024).

Fazit: Der schlafende Riese muss nicht nur aufwachen — er muss laufen

Die V-Bio-Ventures-Analyse fasst das Dilemma präzise zusammen: Deutschland verfügt über „erstklassige Forschungsinstitutionen, eine starke Industriebasis und einen reichen wissenschaftlichen Talentpool", hinkt aber bei Start-up-Aktivität und Frühphasenfinanzierung selbst kleineren Nachbarn hinterher (V-Bio Ventures, 2025).

Die Stellschrauben sind identifiziert: schnellere Ausgründungsprozesse an Universitäten, mehr inländisches Risikokapital für Pre-Seed- und Seed-Phasen, ein kultureller Wandel weg vom „Publish or Perish" hin zu unternehmerischem Denken und die konsequente Weiterführung clusterbasierter Förderpolitik.

Die Zahlen zeigen, dass das Fundament tragfähig ist. Mit 1.020 Unternehmen, einem Investitionsanstieg von 78 Prozent und einer Forschungsinfrastruktur, um die uns die Welt beneidet, hat Deutschland alle Voraussetzungen, die Biotechnologie der Zukunft nicht nur zu erforschen — sondern sie zu bauen und weltweit zu vermarkten.


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Quellenverzeichnis

  1. BIO Deutschland/EY (2025): Trend Survey 2024/2025 — More Jobs and Investment in German Biotechnology. BIO Deutschland. Verfügbar unter: https://www.biodeutschland.org/en/2024-2025.html
  2. BioM (2016): 20 Jahre BioRegio-Wettbewerb. BioM. Verfügbar unter: https://www.bio-m.org/en/media-center/news/news/20-jahre-bioregio-wettbewerb-195-jahre-biom
  3. BioM (2025): Munich Biotech Cluster — Facts and Figures. BioM. Verfügbar unter: https://www.bio-m.org/en/facts-and-figures/munich-biotech-cluster.html
  4. BioNTech Investors (2025): BioNTech Closes Acquisition of CureVac N.V. Verfügbar unter: https://investors.biontech.de/news-releases/news-release-details/biontech-closes-acquisition-curevac-nv-including-subsequent/
  5. BioRN (2025): Rhine-Neckar Life Science Cluster. Verfügbar unter: https://biorn.org/
  6. BIH an der Charité (2024): Nationale Strategie für Gen- und Zelltherapien. Verfügbar unter: https://www.bihealth.org/en/notices/new-perspectives-for-patients-national-strategy-for-gene-and-cell-therapies-presented-to-the-bmbf
  7. BMBF GO-Bio (2025): What is GO-Bio? Verfügbar unter: https://www.go-bio.de/gobio/en/go-bio/general-information/what-is-go-bio.html
  8. BRAIN Biotech (2025): Biotechnology: Versatile, Colorful and Not Just Red. Verfügbar unter: https://www.brain-biotech.com/en/news-events/news/biotechnology-versatile-colorful-and-not-just-red/
  9. DECHEMA (2025): About DECHEMA. Verfügbar unter: https://dechema.de/en/
  10. DWIH New York (2021): mRNA — BioNTech and the Path to a COVID-19 Vaccine. Verfügbar unter: https://www.dwih-newyork.org/en/2021/04/06/mrna-biontech/
  11. EY (2025): German Biotechnology Report 2025. Verfügbar unter: https://www.ey.com/de_de/newsroom/2025/05/ey-analyse-biotech-report-germany-2025
  12. Evotec (2025): 9M 2025 Results — Continued Strong Execution. Verfügbar unter: https://www.evotec.com/news/evotec-se-reports-9m-2025-results-continued-strong-execution-on-strategic-priorities
  13. Fraunhofer IGB (2025): Fraunhofer Institute for Interfacial Engineering and Biotechnology. Verfügbar unter: https://www.igb.fraunhofer.de/en.html
  14. Helmholtz München (2025): Transfer — Life Science Factory. Verfügbar unter: https://www.helmholtz-munich.de/en/transfer
  15. IWBio (2025): Industrievereinigung Weiße Biotechnologie. Verfügbar unter: https://www.iwbio.de/
  16. Kiel Institute (2008): BioRegio and the Rise of German Biotechnology. Kiel Working Paper No. 1456. Verfügbar unter: https://www.kielinstitut.de/fileadmin/Dateiverwaltung/IfW-Publications/fis-import/38d4d6b3-6eff-4efd-83d0-8c39a1b507bf-KWP_1456.pdf
  17. Max Planck Innovation (2025): Innovative Spin-offs. Verfügbar unter: https://www.max-planck-innovation.com/spin-off/innovative-spin-offs.html
  18. MPG (2025): Nobel Prize — Max Planck Society. Verfügbar unter: https://www.mpg.de/nobel-prize
  19. Science|Business (2025): Germany's SPRIN-D Innovation Agency: What Works, What Does Not. Verfügbar unter: https://sciencebusiness.net/news/research-and-innovation-gap/germanys-sprind-innovation-agency-what-works-what-does-not
  20. Startbase (2025): Deutsche Startups sammeln 2025 rund 8,4 Milliarden Euro Risikokapital ein. Verfügbar unter: https://www.startbase.com/reports/deutsche-startups-sammeln-2025-rund-84-milliarden-euro-risikokapital-ein
  21. TAB/Bundestag (2025): White Biotechnology — Present Status and Future Perspectives. Verfügbar unter: https://www.tab-beim-bundestag.de/english/projects_white-biotechnology-present-status-and-future-perspectives-of-industrial-biotechnology-for-a-sustainable-economy.php
  22. Terratern (2025): Germany Life Sciences Ecosystem. Verfügbar unter: https://terratern.com/
  23. TUM/Wacker (2025): TUM WACKER Institute for Industrial Biotechnology. Verfügbar unter: https://www.mep.tum.de/en/mep/biomanufacturing-and-process-engineering/tum-wacker-institute-for-industrial-biotechnology/
  24. V-Bio Ventures (2025): Germany's Biotech Sector — Time to Wake the Sleeping Giant. Verfügbar unter: https://www.v-bio.ventures/germanys-biotech-sector-time-to-wake-the-sleeping-giant/
  25. Wacker Chemie (2025): Biotech Contract Manufacturing. Verfügbar unter: https://www.wacker.com/cms/en-us/products/applications/contract-manufacturing/biotech/biotech-home.html

Über den Autor: Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital mit Sitz in Zug, Schweiz. Als Unternehmer und Investor konzentriert er sich auf Impact-Investments an der Schnittstelle von Klimaschutz, Biotechnologie und nachhaltiger Landwirtschaft. Weitere Artikel und Kontakt: www.verdantiscapital.com | LinkedIn


Über den Autor: Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital, einem Unternehmen das in nachhaltige Agrar- und Technologieinnovationen investiert. Mehr Artikel auf dirkroethig.com.

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