Deutschlands Forschungstransfer: Von Max-Planck bis zum Markt
Von Dirk Röthig | CEO, VERDANTIS Impact Capital | 13. März 2026
Deutschland investiert jährlich Milliarden in Grundlagenforschung — doch wie viel davon erreicht tatsächlich den Markt? Ein Blick auf die vier Säulen der außeruniversitären Forschung, ihre Transfer-Strategien und einen neuen Fonds, der die Lücke zwischen Labor und Markt schließen soll.
Tags: Grundlagenforschung, Technologietransfer, Innovation, Forschungspolitik
Die vier Säulen — und ihre unterschiedlichen Aufträge
Deutschlands außeruniversitäre Forschungslandschaft ruht auf vier tragenden Organisationen, die zusammen ein weltweit einzigartiges System bilden: der Max-Planck-Gesellschaft, der Fraunhofer-Gesellschaft, der Helmholtz-Gemeinschaft und der Leibniz-Gemeinschaft. Jede dieser Einrichtungen erfüllt eine spezifische Funktion im Innovationssystem — von der erkenntnisgetriebenen Grundlagenforschung bis zur marktnahen Anwendungsentwicklung (deutschland.de, 2025).
| Organisation | Institute | Jahresbudget | Schwerpunkt |
|---|---|---|---|
| Max-Planck-Gesellschaft | 86 | ~2,3 Mrd. € | Erkenntnisgetriebene Grundlagenforschung |
| Fraunhofer-Gesellschaft | 76 | ~3,1 Mrd. € | Angewandte Forschung, Auftragsforschung |
| Helmholtz-Gemeinschaft | 18 | ~5,8 Mrd. € | Großforschung, Infrastruktur |
| Leibniz-Gemeinschaft | 96 | ~2,2 Mrd. € | Themenübergreifende Forschung |
Ergänzt wird dieses System durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die als zentrale Förderorganisation im Jahr 2024 rund 30.944 Projekte mit insgesamt 3,9 Milliarden Euro finanzierte (Forschung und Lehre, 2025). Zusammen bilden diese Institutionen ein Ökosystem, das in seiner Breite und Tiefe weltweit seinesgleichen sucht.
Max-Planck: Erkenntnis als Auftrag — und zunehmend als Sprungbrett
Die Max-Planck-Gesellschaft versteht sich traditionell als Hüterin der reinen Grundlagenforschung. Ihre 86 Institute arbeiten an Fragestellungen, die an Universitäten oft zu interdisziplinär oder ressourcenintensiv wären (GWK, 2025). Doch in den letzten Jahren hat sich ein bemerkenswerter Wandel vollzogen: Max-Planck wird zunehmend auch zur Quelle wirtschaftlich relevanter Ausgründungen.
Der European Spinouts Report 2025 belegt diese Entwicklung eindrücklich. Die Max-Planck-Gesellschaft belegt europaweit den zweiten Platz hinter Frankreichs CNRS — und den ersten Platz in Deutschland. Bis 2025 wurden bereits 13 neue Spin-offs gegründet, drei mehr als im Vorjahr (Max Planck Innovation, 2025). Besonders bemerkenswert: Vier Max-Planck-Ausgründungen haben den Unicorn-Status erreicht — mit einer kombinierten Bewertung von über 67 Milliarden US-Dollar.
Diese Zahlen widerlegen das Klischee, Grundlagenforschung sei wirtschaftlich irrelevant. Sie zeigen vielmehr, dass bahnbrechende Erkenntnisse — wenn sie richtig begleitet werden — enormes kommerzielles Potenzial entfalten können. Max Planck Innovation, die Technologietransfer-Agentur der Gesellschaft, spielt dabei eine Schlüsselrolle als Vermittlerin zwischen Forschenden und Investoren. Der Weg vom Labortisch zum Markt ist lang, aber nachweislich gangbar.
Fraunhofer: Die Brücke zur Anwendung
Während Max-Planck die Erkenntnis priorisiert, definiert die Fraunhofer-Gesellschaft ihren Auftrag explizit über den Nutzen für die Wirtschaft. Mit 76 Instituten und einem Jahresbudget von über drei Milliarden Euro ist Fraunhofer Europas größte Organisation für angewandte Forschung. Die Jahrestagung 2025 stand bezeichnenderweise unter dem Motto „Transfer für unsere Zukunft" — Präsident Holger Hanselka rückte das Kerngeschäft der Gesellschaft ins Zentrum: die Überführung wissenschaftlicher Erkenntnisse in marktfähige Produkte und Dienstleistungen (Fraunhofer-Gesellschaft, 2025).
Dirk Röthig, der als CEO von VERDANTIS Impact Capital selbst an der Schnittstelle zwischen Forschung und Wirtschaft arbeitet, beobachtet diese Dynamik aufmerksam: „Fraunhofer zeigt, wie Transfer funktioniert — sie denken von der Anwendung her und arbeiten rückwärts zur Forschungsfrage. Dieses Modell ist auch für Impact-Investments relevant, etwa wenn es um die Skalierung von Nature-Based Solutions geht."
Die Zahlen bestätigen den Aufwärtstrend: 29 neue Spin-offs wurden 2025 gegründet, eine deutliche Steigerung gegenüber den 21 Ausgründungen des Vorjahres (Fraunhofer Venture, 2026). Baden-Württemberg allein förderte Fraunhofer-Transferprojekte mit 3,9 Millionen Euro für acht Projekte an zwölf Instituten. Die Landesförderung insgesamt belief sich 2025 auf rund 38,1 Millionen Euro (WM Baden-Württemberg, 2025). Diese regionalen Investitionen zeigen, dass Technologietransfer nicht nur ein nationales Thema ist, sondern auch auf Länderebene aktiv gestaltet wird.
Helmholtz und Leibniz: Die unterschätzten Akteure
Die Helmholtz-Gemeinschaft ist mit 5,8 Milliarden Euro Jahresbudget die finanzkräftigste der vier Organisationen. Ihre 18 Forschungszentren widmen sich der Großforschung an gesellschaftlich relevanten Themen: Energie, Gesundheit, Erde und Umwelt, Information, Materie sowie Luft- und Raumfahrt. Rund 70 Prozent der Mittel stammen aus öffentlichen Kassen — davon 90 Prozent vom Bund und 10 Prozent von den Ländern —, während 30 Prozent als Drittmittel eingeworben werden (Helmholtz, 2025). Mit ihren Großgeräten und Infrastrukturen — von Teilchenbeschleunigern bis zu Polarforschungsschiffen — bietet die Helmholtz-Gemeinschaft Forschungsbedingungen, die kein einzelnes Unternehmen vorhalten könnte.
Die Leibniz-Gemeinschaft hingegen vereint 96 Institute mit bewusst themenübergreifender Ausrichtung — von Naturwissenschaften über Wirtschafts- bis zu Geisteswissenschaften. Ihr Leibniz-Transfer-Programm fördert gezielt den Wissenstransfer durch Ausgründungen, Anwendungslabore und Kooperationsformate mit außeruniversitären Partnern (Leibniz-Gemeinschaft, 2025). Die „Innovationstage", die alle vier Organisationen seit 2012 gemeinsam veranstalten, dienen als jährliche Austauschplattform zwischen Forschung und Wirtschaft (GWK, 2025).
Beide Organisationen werden im öffentlichen Diskurs häufig von Max-Planck und Fraunhofer überschattet — zu Unrecht, denn ohne die infrastrukturelle Tiefe von Helmholtz und die disziplinäre Breite von Leibniz wäre das deutsche Forschungssystem unvollständig.
Der TT49-Fonds: Eine neue Brücke über das „Valley of Death"
Die wohl bedeutendste strukturelle Neuerung im deutschen Forschungstransfer ist der im Januar 2026 aufgelegte Tech Transfer Fund TT49. Mit einem geplanten Volumen von 90 Millionen Euro soll er als Pre-Seed-Fonds die früheste und riskanteste Phase der Kommerzialisierung absichern — das sogenannte „Valley of Death", in dem vielversprechende Forschungsergebnisse mangels Anschlussfinanzierung versanden (Fraunhofer-Gesellschaft, 2026).
Das Besondere am TT49: Er steht erstmals nicht nur Fraunhofer-Ausgründungen offen, sondern auch Spin-offs aus dem DLR, der Helmholtz-Gemeinschaft, der Leibniz-Gemeinschaft und der Max-Planck-Gesellschaft sowie deren Partneruniversitäten. Damit schafft er eine organisationsübergreifende Brücke, die es in dieser Form bisher nicht gab (DLR, 2026). Die Beteiligung des European Investment Fund (EIF) und erstmals auch privater Investoren signalisiert zudem ein wachsendes Vertrauen in die Verwertbarkeit deutscher Forschungsergebnisse.
Für das deutsche Innovationsökosystem ist der TT49 ein Paradigmenwechsel: Bislang operierte jede Forschungsorganisation weitgehend mit eigenen Transfer-Instrumenten. Der neue Fonds denkt erstmals in Kategorien des Gesamtsystems — ein Ansatz, der längst überfällig war.
Was der Forschungsstandort noch braucht
Trotz dieser positiven Entwicklungen bleibt Deutschland hinter seinen Möglichkeiten zurück. Das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) hat in einer aktuellen Analyse darauf hingewiesen, dass Deutschland beim IP-Management — also der strategischen Verwertung geistigen Eigentums — international aufholen muss (Fraunhofer ISI, 2025). Patente allein genügen nicht; entscheidend ist die Fähigkeit, Schutzrechte in marktfähige Geschäftsmodelle zu überführen.
Ein weiterer Engpass ist die Forschungsinfrastruktur. Der Bundeshaushalt 2026 sieht eine deutliche Aufstockung vor: von 472 Millionen Euro im Jahr 2025 auf eine Milliarde Euro für Forschungs- und Entwicklungsinfrastruktur. Für Grundlagenforschung stehen bis zu 55 Millionen Euro pro Vorhaben zur Verfügung, für industrielle Forschung 35 Millionen Euro (Bundesregierung, 2026). Diese Investitionen sind dringend nötig, um die technische Basis der Spitzenforschung auf internationalem Niveau zu halten.
Darüber hinaus hat die DFG 2025 neun neue Sonderforschungsbereiche eingerichtet, die ab April 2026 mit insgesamt rund 120 Millionen Euro gefördert werden (DFG, 2025). Die Signale stehen auf Wachstum — aber die Frage bleibt, ob die Geschwindigkeit ausreicht, um mit den Investitionen in den USA und China Schritt zu halten.
Der Blick nach vorn
Deutschlands Forschungslandschaft besitzt eine einzigartige Stärke: die funktionale Differenzierung ihrer Institutionen. Max-Planck liefert die Erkenntnis, Fraunhofer die Anwendung, Helmholtz die Infrastruktur, Leibniz die Vernetzung — und die DFG das finanzielle Fundament. Was lange fehlte, war die systematische Verbindung zwischen diesen Welten. Der TT49-Fonds, die steigende Zahl der Ausgründungen und das wachsende Engagement privater Investoren deuten darauf hin, dass diese Verbindung nun entstehen könnte.
Für den Wirtschaftsstandort Deutschland ist das eine entscheidende Frage. In einer Welt, in der Innovationszyklen immer kürzer werden und globale Konkurrenten aggressiv in Deep Tech investieren, kann sich Deutschland den Luxus eines langsamen Transfers nicht mehr leisten. Die Institutionen sind bereit. Die Instrumente existieren. Was nun zählt, ist Geschwindigkeit — und der politische Wille, die richtigen Rahmenbedingungen zu setzen.
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Quellenverzeichnis
- Bundesregierung (2026): Infrastrukturförderung für Großgeräte in Deutschland: Roadmaps, Konsortien und Betrieb 2026. Verfügbar unter: https://ak-energie.at/infrastrukturforderung-fur-grossgerate-in-deutschland-roadmaps-konsortien-und-betrieb
- deutschland.de (2025): Institute von Weltrang in der außeruniversitären Forschung. Verfügbar unter: https://www.deutschland.de/en/topic/knowledge/non-university-research-organisations-in-germany
- DFG (2025): DFG fördert neun neue Sonderforschungsbereiche. Verfügbar unter: https://www.dfg.de/de/service/presse/pressemitteilungen/2025/pressemitteilung-nr-37
- DLR (2026): Anschub für Transfer: Das DLR beteiligt sich am Tech Transfer Fonds TT49. Verfügbar unter: https://www.dlr.de/de/aktuelles/nachrichten/2026/anschub-fuer-transfer-das-dlr-beteiligt-sich-am-tech-transfer-fonds-tt49
- Forschung und Lehre (2025): DFG-Förderung — 3,9 Milliarden für rund 31.000 Projekte. Verfügbar unter: https://www.forschung-und-lehre.de/forschung/dfg-foerdermittel-2024-39-milliarden-fuer-rund-31-tausend-projekte-7172
- Fraunhofer-Gesellschaft (2025): Fraunhofer-Jahrestagung 2025: Transfer für unsere Zukunft. Verfügbar unter: https://www.fraunhofer.de/de/presse/presseinformationen/2025/juni-2025/fraunhofer-jahrestagung-2025-transfer-fuer-unsere-zukunft.html
- Fraunhofer-Gesellschaft (2026): New Tech Transfer Fund TT49. Verfügbar unter: https://www.fraunhofer.de/en/press/research-news/2026/january-2026/new-tech-transfer-fund-tt49.html
- Fraunhofer ISI (2025): Technologietransfer neu denken: Wie Deutschland mit effektivem IP-Management international aufholen kann. Verfügbar unter: https://www.isi.fraunhofer.de/de/blog/2025/intellectual-property-ip-management-technologietransfer-deutschland-international-aufholen.html
- Fraunhofer Venture (2026): 2025 — ein Jahr der Weichenstellung — und der Transfer-Chancen. Verfügbar unter: https://www.fraunhoferventure.de/de/news/presse-2026/bilanz-2025.html
- GWK (2025): Pakt für Forschung und Innovation. Verfügbar unter: https://www.gwk-bonn.de/en/themen/foerderung-von-ausseruniversitaeren-wissenschaftseinrichtungen/pakt-fuer-forschung-und-innovation
- Helmholtz (2025): Transfermission und -strategie. Verfügbar unter: https://www.helmholtz.de/assets/helmholtz_gemeinschaft/Downloads/Helmholtz_Transferstrategie_05Nov21_web.pdf
- Leibniz-Gemeinschaft (2025): Transfer and Innovation. Verfügbar unter: https://www.leibniz-gemeinschaft.de/en/transfer/transfer-and-innovation
- Max Planck Innovation (2025): European Spinouts Report 2025: Max-Planck leads the way in Germany. Verfügbar unter: https://www.max-planck-innovation.com/max-planck-innovation/news/press-releases/press-release/european-spinouts-report-2025-max-planck-leads-the-way-in-germany.html
- WM Baden-Württemberg (2025): 2025 erhielt die Fraunhofer-Gesellschaft eine Landesförderung von rund 38,1 Millionen. Verfügbar unter: https://wm.baden-wuerttemberg.de/de/service/presse-und-oeffentlichkeitsarbeit/pressemitteilung/pid/2025-erhielt-die-fraunhofer-gesellschaft-eine-landesfoerderung-von-rund-381-millionen
Über den Autor: Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital mit Sitz in Zug, Schweiz. Er begleitet Unternehmen und Investoren an der Schnittstelle von Nachhaltigkeit, Innovation und Wertschöpfung — mit besonderem Fokus auf Carbon Credits, Agroforestry und Nature-Based Solutions. Kontakt und weitere Artikel: www.verdantiscapital.com | LinkedIn
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