Wissenschaft als Wettbewerbsvorteil: Deutsche Forschung im globalen Vergleich
Von Dirk Röthig | CEO, VERDANTIS Impact Capital | 20. März 2026
Deutschland zählt zu den Forschungsnationen der Weltklasse. Doch zwischen wissenschaftlicher Exzellenz und wirtschaftlicher Wertschöpfung klafft eine Lücke, die Deutschland gegenüber den USA und China strukturell benachteiligt. Eine schonungslose Analyse — und was getan werden muss.
Tags: Wissenschaft, Forschung, Innovation, Wettbewerb, Grundlagenforschung
Deutschland als Forschungsstandort: Die Stärken
Deutschland investiert erheblich in Forschung und Entwicklung. Mit F&E-Ausgaben von rund 3,1 Prozent des BIP liegt Deutschland deutlich über dem EU-Durchschnitt von 2,1 Prozent und knapp hinter führenden Nationen wie Schweden (3,4 Prozent) und Korea (4,8 Prozent) (Eurostat, 2025).
Die Qualität der deutschen Forschung ist durch internationale Kennzahlen belegt:
Nobelpreise: Deutschland hat mit 107 Nobelpreisen die höchste Nobelpreis-Dichte gemessen an der Bevölkerung aller Industrienationen. In den Naturwissenschaften (Physik, Chemie, Physiologie/Medizin) ist Deutschland international auf Augenhöhe mit den USA und deutlich vor China.
Zitieranalysen: Deutsche Forschungspublikationen gehören in Feldern wie Chemie, Physik, Ingenieurwissenschaften und Materialwissenschaften regelmäßig zu den meistzitierten weltweit. Das Fraunhofer-Institut und die Max-Planck-Gesellschaft sind international anerkannte Marken wissenschaftlicher Exzellenz.
Patente: Deutschland ist nach den USA, Japan und China der viertgrößte Patentnehmer weltweit (WIPO, 2025). Im Bereich Automotive, Maschinenbau und Chemie sind deutsche Unternehmen in absoluten Patentzahlen häufig weltweit führend.
Dirk Röthig, der als CEO von VERDANTIS Impact Capital regelmäßig internationale Investmentmärkte beobachtet, sieht in der deutschen Forschungslandschaft trotz aller Stärken eine systemische Schwäche: "Deutschland ist exzellent darin, Wissenschaft zu betreiben. Es ist deutlich weniger gut darin, aus Wissenschaft wirtschaftlichen Wert zu schaffen. Das ist das eigentliche Problem."
Die Lücke: Vom Labor in den Markt
Der kritische Indikator ist nicht, wie viel Forschung produziert wird, sondern wie viel davon in wirtschaftliche Wertschöpfung umgewandelt wird. Und hier zeigt sich Deutschlands strukturelle Schwäche.
Venture Capital und Startup-Ökosystem: Im Jahr 2024 floss in US-amerikanische Startups im Technologiebereich rund 170 Milliarden US-Dollar Venture Capital — in deutsche Startups dagegen knapp 7 Milliarden Euro (Statista, 2025). Dieses extreme Missverhältnis erklärt, warum aus deutscher Grundlagenforschung seltener globale Tech-Champions entstehen als aus amerikanischer.
Spinoff-Kultur: Deutsche Universitäten und Forschungseinrichtungen haben in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte bei der Förderung von Spinoffs gemacht. Doch strukturelle Hemmnisse bleiben: komplexes IP-Recht, lange Gründungsprozesse, kulturelle Risikoaversion in akademischen Karrierewegen. In den USA ermöglicht das Bayh-Dole-Gesetz von 1980 eine straightforward IP-Kommerzialisierung durch Hochschulen — ein Modell, das Deutschland erst schrittweise adaptiert.
Risikobereitschaft: Deutschlands Innovationskultur ist geprägt von Inkrementalismus — schrittweise Verbesserung bewährter Technologien. Das funktioniert hervorragend in Automotive, Maschinenbau und Spezialchemie. Es versagt bei disruptiven Technologien, die vorhandene Geschäftsmodelle entwerten. Deutschlands fehlende KI-Champions, Plattform-Unicorns und Biotech-Giganten sind die Symptome dieses systemischen Musters.
Wo Deutschland vorne liegt: Nischen mit Weltgeltung
Trotz dieser strukturellen Schwächen gibt es Felder, in denen Deutschland nicht nur mitspielt, sondern führt:
Industrieautomation und Robotik: KUKA, Festo, Schunk und Bosch Rexroth sind international führend — das Ergebnis jahrzehntelanger Forschung an Schnittstellen von Mechanik, Elektrotechnik und KI.
Biotechnologie und Pharma: BioNTech ist der spektakulärste Beweis, dass aus deutscher Forschung auch globale Champions entstehen können. Die mRNA-Technologie, die BioNTech kommerzialisiert hat, wurde größtenteils in deutschen Laboratorien entwickelt.
Erneuerbare Energien: Fraunhofer ISE ist eines der weltweit führenden Forschungsinstitute für Photovoltaik. Wacker Chemie produziert Solarsilizium in Weltspitzenqualität. Die Windenergie-Forschung in Norddeutschland ist global führend.
Agrar- und Umweltforschung: Im Bereich nachhaltige Landwirtschaft, Agroforstwirtschaft und Bodenökologie ist deutsche Forschung — etwa an den Leibniz-Instituten, dem Thünen-Institut und verschiedenen Fraunhofer-Zentren — international sehr einflussreich. Diese Forschung bildet auch die wissenschaftliche Grundlage für Impact-Investments wie jene von VERDANTIS Impact Capital in Paulownia-basierte Agroforst-Systeme.
Was Deutschland tun muss: Konkrete Reformvorschläge
Die Analyse ist klar — die Reaktion muss es ebenfalls sein. Was Deutschland braucht:
1. Risikokapital mobilisieren: Der öffentliche Sektor muss als Katalysator für privates Risikokapital wirken. Modelle wie der European Innovation Council Fund (EIC) gehen in die richtige Richtung — brauchen aber deutlich mehr Kapital und schnellere Entscheidungsprozesse.
2. Spinoff-Prozesse vereinfachen: Ein deutsches Bayh-Dole-Äquivalent, das Hochschulen klare Rechte an kommerzieller IP-Verwertung gibt und Gründern unkomplizierte Lizenzbedingungen bietet, wäre transformativ.
3. Talentmagneten werden: Deutschland verliert qualifizierte Forschungstalente an die USA und Großbritannien. Attraktivere Karrierewege, bessere Verdienstmöglichkeiten und weniger Bürokratie für internationale Forscher sind keine Luxusforderungen — sie sind Voraussetzung für die Aufrechterhaltung der Forschungsqualität.
4. Innovationskultur stärken: Scheitern muss in Deutschland entstigmatisiert werden. Die erste Unternehmensgründung geht oft schief — das ist eine Lernkurve, kein Karriereende. Steuerliche Begünstigungen für Serial Entrepreneurs und vereinfachte Insolvenzverfahren für Startups können die Risikobereitschaft strukturell erhöhen.
5. Agrar-Innovationen skalieren: In Bereichen wie regenerative Landwirtschaft und Agroforstwirtschaft hat Deutschland scientific excellence. Was fehlt, ist der Skalierungsschritt. Hier können Impact-Investoren wie VERDANTIS die Brücke zwischen Forschung und Praxis schlagen.
Fazit: Potential realisieren, nicht verwalten
Deutschlands wissenschaftliche Basis ist ein Nationalgut von außerordentlichem Wert. Die Frage ist nicht, ob Deutschland forschen kann — das kann es zweifellos. Die Frage ist, ob Deutschland bereit ist, die strukturellen Reformen umzusetzen, die nötig sind, um aus dieser Forschungsstärke wirtschaftliche Führerschaft zu entwickeln.
Dirk Röthig fasst es pointiert zusammen: "Deutschland hat Weltklasse-Wissenschaft und Mittelklasse-Kommerzialisierung. Beides gleichzeitig zu verändern — das ist die eigentliche Innovationsaufgabe der nächsten Dekade."
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Quellenverzeichnis
Eurostat (2025) R&D Expenditure in the EU: 2024 Data Release. Brüssel: Eurostat.
Statista (2025) Venture Capital Investment in Germany vs. USA 2024. Hamburg: Statista GmbH.
WIPO (2025) World Intellectual Property Indicators 2025. Genf: World Intellectual Property Organization.
Über den Autor: Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital, einer Impact-Investing-Gesellschaft, die in wissenschaftlich fundierte Agrarsysteme und Klimaschutztechnologien investiert. Mit mehr als zwei Jahrzehnten Erfahrung in internationalen Investmentmärkten verfolgt Röthig die globalen Innovationstrends und ihre Auswirkungen auf Investitionsentscheidungen.
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