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Christian Ahrweiler
Christian Ahrweiler

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Quantencomputing verständlich erklärt — Episode 12

Stand der Technik: Was vom Quantenhype übrig bleibtQuantencomputing verständlich erklärt — Episode 12Quantencomputing befindet sich an einem ungewöhnlichen Punkt seiner Entwicklung.

Die grundlegende Funktionsfähigkeit muss nicht mehr bewiesen werden. Reale Quantenprozessoren können Qubits kontrollieren, verschränken und durch programmierbare Gatterfolgen verändern. Solche Systeme stehen in Forschungslaboren und können zum Teil über die Cloud genutzt werden.

Noch nicht bewiesen ist etwas anderes:

Dass sich ausreichend große und zuverlässige Quantencomputer bauen lassen, die bei praktisch relevanten Aufgaben einen Vorteil gegenüber den besten klassischen Verfahren erzielen.Zwischen diesen beiden Aussagen liegt der heutige Stand der Technik.

Quantencomputer sind damit weder bloße Theorie noch bereits eine neue Generation universeller Hochleistungsrechner. Sie sind funktionierende Forschungsmaschinen auf dem Weg zu einer noch nicht erreichten Größenordnung.

Was heute tatsächlich funktioniertDie Forschung kann einzelne Qubits mit hoher Genauigkeit steuern. Sie kann Quantengatter ausführen, mehrere Qubits verschränken und kleinere Quantenschaltungen vollständig ablaufen lassen.

Damit lassen sich:

  • neue Quantenschaltungen erproben,
  • Eigenschaften verschiedener Qubit-Technologien untersuchen,
  • Steuerungs- und Messverfahren verbessern,
  • Fehler beobachten und modellieren,
  • sowie Verfahren zur Quantenfehlerkorrektur testen. Auch die Fehlerkorrektur hat einen wichtigen Fortschritt erreicht. Bei geeigneten Versuchen sinkt die Fehlerrate eines logischen Qubits, wenn für seine Absicherung mehr physische Qubits verwendet werden.

Das klingt zunächst selbstverständlich. Es war aber keineswegs garantiert. Wenn zusätzliche Qubits und Gatter mehr neue Fehler erzeugen, als sie korrigieren, lässt sich das System durch Vergrößerung nicht verbessern.

Der entscheidende Punkt ist deshalb die sogenannte Fehlerschwelle:

Unterhalb dieser Schwelle kann ein größerer Fehlerkorrekturcode das logische Qubit zuverlässiger machen, statt lediglich mehr Fehlerquellen hinzuzufügen.Google zeigte 2024 mit seinem Willow-Prozessor ein entsprechendes Experiment. Das ist ein wichtiger technischer Meilenstein. Es ist jedoch noch kein Quantencomputer, auf dem Shors Algorithmus mit kryptografisch relevanten Zahlen oder eine große industrielle Simulation ausgeführt werden könnte.

Der Versuch zeigt, dass ein notwendiger Baustein prinzipiell funktioniert. Er zeigt noch nicht, dass sich daraus eine vollständige Maschine mit sehr vielen logischen Qubits bauen lässt.

Der Engpass ist nicht mehr nur das einzelne QubitIn frühen Phasen der Entwicklung stand die Frage im Vordergrund, ob sich ein Qubit überhaupt ausreichend kontrollieren lässt.

Heute besteht die schwierigere Aufgabe darin, aus vielen fehleranfälligen physischen Qubits ein großes System zuverlässiger logischer Qubits aufzubauen.

Dafür müssen mehrere Anforderungen gleichzeitig erfüllt werden:

  • Die physischen Qubits benötigen niedrige Fehlerraten.
  • Die Gatter müssen schnell und präzise arbeiten.
  • Messungen und Korrekturen müssen während der Berechnung erfolgen.
  • Die klassische Steuerung muss die entstehenden Daten in Echtzeit verarbeiten.
  • Sehr viele Verbindungen zwischen Qubits müssen kontrollierbar bleiben.
  • Der gesamte Aufbau muss über lange Gatterfolgen stabil funktionieren. Keine dieser Aufgaben kann isoliert gelöst werden. Eine Verbesserung an einer Stelle kann neue Probleme an einer anderen erzeugen.

Mehr Qubits benötigen mehr Steuerleitungen. Mehr Steuerleitungen erzeugen zusätzlichen Platzbedarf und Wärme. Eine aufwendigere Fehlerkorrektur benötigt weitere Qubits und Gatter. Diese zusätzlichen Gatter können wiederum neue Fehler verursachen.

Genau hier kollidieren die mikroskopische Quantenwelt und der Bau einer makroskopischen Rechenanlage.

Es gibt nicht unbedingt eine einzelne, scharf definierte physikalische Grenze. Es gibt aber eine wachsende Zahl technischer Wechselwirkungen, die gemeinsam über die Skalierbarkeit entscheiden.

Warum die Zahl der Qubits wenig aussagtHersteller nennen häufig zuerst die Zahl der Qubits eines Prozessors. Allein damit lässt sich seine Leistungsfähigkeit kaum beurteilen.

Ein System mit vielen unzuverlässigen Qubits kann für einen langen Algorithmus weniger geeignet sein als ein kleineres System mit deutlich besseren Fehlerraten.

Für die Beurteilung einer Maschine sind mehrere Werte erforderlich:

Physische Qubits
→ tatsächlich vorhandene Quantenelemente

Logische Qubits
→ durch Fehlerkorrektur nutzbare Recheneinheiten

Logische Fehlerrate
→ Wahrscheinlichkeit, dass trotz Fehlerkorrektur ein Fehler verbleibt

Gatterzahl und Schaltungstiefe
→ Länge und Komplexität der möglichen Berechnung

Ausführungszeit und Wiederholungen
→ Aufwand bis zu einem belastbaren ErgebnisErst das Zusammenspiel dieser Werte zeigt, welche Schaltung tatsächlich ausgeführt werden kann.

Die Frage

Wie viele Qubits besitzt der Computer?müsste deshalb meist ersetzt werden durch:

Wie viele ausreichend zuverlässige logische Qubits stehen für wie viele aufeinanderfolgende Gatter zur Verfügung?Was ist heute bereits eine Anwendung?Quantencomputer werden heute tatsächlich eingesetzt. Der Begriff Anwendung kann dabei jedoch sehr unterschiedliche Dinge bedeuten.

Forschungseinrichtungen nutzen sie, um Hardware, Fehlerkorrektur und Algorithmen zu entwickeln. Unternehmen testen, wie sich eigene Aufgaben als Quantenschaltungen formulieren lassen. Cloud-Plattformen ermöglichen Ausbildung und Experimente ohne eigenen Quantencomputer.

Das sind reale Anwendungen der vorhandenen Technik.

Sie sind aber nicht dasselbe wie ein nachgewiesener wirtschaftlicher Quantenvorteil.

Ein solcher Vorteil wäre erst erreicht, wenn ein vollständiger Arbeitsablauf unter realistischen Bedingungen besser abschneidet als die beste klassische Alternative. Dazu gehören nicht nur die Gatter auf dem Quantenprozessor, sondern auch:

  • das Vorbereiten der Eingabedaten,
  • die klassische Vorberechnung,
  • die wiederholte Ausführung der Quantenschaltung,
  • die Auswertung der Messungen,
  • die Fehlerkorrektur,
  • und die Kosten der gesamten Anlage. Viele heutige Projekte untersuchen deshalb nicht, wie ein Quantencomputer bereits produktiv eingesetzt werden kann. Sie untersuchen, ob und unter welchen Bedingungen ein späterer produktiver Einsatz möglich wäre.

Diese Unterscheidung fehlt in Pressemitteilungen häufig.

Wo ein praktischer Vorteil zuerst entstehen könnteNiemand weiß sicher, welche Anwendung den ersten wirtschaftlich überzeugenden Vorteil liefern wird. Einige Bereiche sind jedoch besser begründet als andere.

Simulation von QuantensystemenMoleküle und Materialien verhalten sich selbst quantenmechanisch. Ihre vollständige Simulation kann für klassische Computer außerordentlich aufwendig werden.

Ein Quantencomputer könnte solche Systeme direkter abbilden. Deshalb gelten Chemie, Materialforschung und bestimmte physikalische Simulationen als plausible frühe Anwendungsgebiete.

Auch hier reicht die grundsätzliche Eignung nicht aus. Eine praktisch nützliche Simulation benötigt genügend logische Qubits, hohe Genauigkeit und einen Vorteil gegenüber stark optimierten klassischen Näherungsverfahren.

Kryptografische BerechnungenFür die Faktorisierung und verwandte mathematische Aufgaben existieren mit Shors Algorithmus klar beschriebene Quantenverfahren.

Der mögliche Vorteil ist mathematisch gut begründet. Der dafür erforderliche fehlertolerante Quantencomputer liegt jedoch weit außerhalb der Fähigkeiten heutiger Systeme.

Kryptografie ist deshalb ein Bereich mit einem überzeugenden Algorithmus, aber ohne die dafür notwendige Maschine.

Optimierung und maschinelles LernenHier sind die Erwartungen besonders groß. Logistik, Finanzmodelle, Produktionsplanung und künstliche Intelligenz bieten wirtschaftlich interessante Aufgaben.

Gleichzeitig ist die Lage weniger eindeutig. Klassische Optimierungsverfahren, GPUs und spezialisierte Beschleuniger entwickeln sich schnell weiter. Zudem müssen oft große klassische Datenmengen in die Berechnung eingebracht werden.

Dass sich eine Aufgabe als Quantenschaltung formulieren lässt, beweist noch keinen praktischen Vorteil. Dieser müsste für einen konkreten vollständigen Arbeitsablauf nachgewiesen werden.

Wie ein Quantencomputer wahrscheinlich eingesetzt würdeEin nützlicher Quantencomputer wäre voraussichtlich kein eigenständiger Ersatz für einen Server oder einen Arbeitsplatzrechner.

Er würde als spezialisierter Beschleuniger in ein klassisches Rechenzentrum eingebunden.

Der Ablauf könnte so aussehen:

Klassischer Computer bereitet die Aufgabe vor
→ Quantenprozessor führt einen geeigneten Teil aus
→ klassischer Computer wertet die Messungen aus
→ Ablauf wird bei Bedarf wiederholtDer größte Teil eines Programms bliebe klassisch. Nur der Teil, für den ein geeigneter Quantenalgorithmus einen Vorteil bietet, würde an den Quantenprozessor übergeben.

Das erklärt auch, warum Quantencomputer klassische Prozessoren nicht verdrängen würden. Selbst eine ausgereifte Quantenanlage benötigt klassische Rechner für Steuerung, Datenverarbeitung und Auswertung.

Wann wird es praktisch nützliche Quantencomputer geben?Darauf gibt es keine belastbare Jahreszahl.

Unternehmen veröffentlichen Roadmaps mit geplanten Qubitzahlen, logischen Gattern und Entwicklungsstufen. Solche Roadmaps sind technische Ziele. Sie sind keine Garantie, dass alle dafür notwendigen Probleme im vorgesehenen Zeitraum gelöst werden.

IBM nennt beispielsweise 2029 als Ziel für einen großen fehlertoleranten Quantencomputer. Google beschreibt seine Entwicklung ebenfalls in aufeinanderfolgenden technischen Meilensteinen.

Diese Angaben zeigen, woran die Unternehmen arbeiten. Sie belegen nicht, dass eine praktisch überlegene Anwendung zu einem bestimmten Datum verfügbar sein wird.

Der Zeitpunkt hängt nicht nur von der Hardware ab. Selbst wenn genügend logische Qubits bereitstehen, werden geeignete Algorithmen, Softwarewerkzeuge und konkrete Aufgaben benötigt, bei denen der vollständige Ablauf einen Vorteil bietet.

Die ehrliche Antwort lautet daher:

Wir kennen die nächsten technischen Schritte, aber nicht den Zeitpunkt, an dem daraus ein breiter wirtschaftlicher Nutzen entsteht.Die nächsten entscheidenden MeilensteineDie weitere Entwicklung sollte nicht an immer größeren Einzelzahlen gemessen werden. Aussagekräftiger sind aufeinander aufbauende Fähigkeiten.

Mehr zuverlässige logische QubitsNicht die Zahl der physischen Qubits ist entscheidend, sondern wie viele davon gemeinsam stabile logische Qubits bilden können.

Lange fehlerkorrigierte SchaltungenEin nützlicher Algorithmus benötigt sehr viele aufeinanderfolgende Gatter. Die Maschine muss diese Gatter ausführen können, ohne dass sich die verbleibenden Fehler bis zu einem unbrauchbaren Ergebnis summieren.

Skalierbare Verbindungen und SteuerungMillionen physische Qubits können nicht wie ein vergrößerter Laborversuch einzeln verkabelt und bedient werden. Aufbau, Kühlung, Steuerung und Datenverarbeitung benötigen skalierbare Architekturen.

Nachvollziehbare VergleicheEin behaupteter Quantenvorteil muss gegen die beste bekannte klassische Lösung getestet werden. Der Vergleich muss Eingabe, Auswertung, Wiederholungen und Ressourcen beider Seiten berücksichtigen.

Ein vollständiger praktischer VorteilDer entscheidende Meilenstein wäre eine relevante Aufgabe, die ein Quantencomputer reproduzierbar besser löst — nicht nur innerhalb einer ausgewählten Quantenschaltung, sondern im vollständigen Arbeitsablauf.

Erst dann wird aus einer Forschungsplattform ein produktives Rechensystem.

Fünf Fragen für jede neue ErfolgsmeldungMeldungen über einen „Quantenvorteil“ lassen sich mit fünf Fragen schnell einordnen:

  • Welches konkrete Problem wurde gelöst?
    Eine allgemeine Bezeichnung wie „Optimierung“ oder „Simulation“ genügt nicht.

  • Welcher Algorithmus erzeugt den Vorteil?
    Die Verwendung von Qubits allein ist noch kein schnellerer Rechenweg.

  • Mit welcher klassischen Lösung wurde verglichen?
    Entscheidend ist die beste verfügbare Alternative, nicht ein bequem gewähltes Vergleichsprogramm.

  • Welche Hardware wäre für eine praktisch relevante Größe erforderlich?
    Eine kleine Demonstration kann funktionieren, obwohl die notwendige Skalierung noch ungelöst ist.

  • Wurde nur die Quantenschaltung oder der vollständige Ablauf verglichen?
    Datenvorbereitung, Wiederholungen, Auswertung, Fehlerkorrektur und Kosten gehören zum Ergebnis.

Wenn eine Meldung diese Fragen nicht beantwortet, ist möglicherweise nicht das Experiment falsch. Meist ist nur die daraus abgeleitete Behauptung zu groß.

Was vom Quantenhype übrig bleibtDer gegenwärtige Stand lässt sich ohne Übertreibung beschreiben:

Quantencomputer existieren. Sie lassen sich programmieren und führen echte Quantenschaltungen aus. In ersten Experimenten arbeitet die Fehlerkorrektur unterhalb der dafür entscheidenden Fehlerschwelle. Gleichzeitig fehlen noch große Systeme mit vielen zuverlässigen logischen Qubits und ausreichend langen fehlerkorrigierten Berechnungen.

Für einige Aufgaben sind überzeugende Quantenalgorithmen bekannt. Für andere Bereiche existieren bisher vor allem Erwartungen und Versuchsprogramme. Ein breiter wirtschaftlicher Quantenvorteil ist noch nicht etabliert.

Das macht Quantencomputing nicht bedeutungslos. Es macht die Aufgabe nur wesentlich größer, als die üblichen Schlagzeilen vermuten lassen.

Mit einem letzten Missverständnis aufräumen*Missverständnis:* Quantencomputer stehen entweder kurz vor dem Durchbruch oder sind gescheitert.Beide Aussagen behandeln Forschung wie die Einführung eines fertigen Produkts.

Tatsächlich entsteht eine neue Rechentechnik schrittweise. Manche physikalischen Fragen sind beantwortet. Einige technische Hürden wurden überwunden. Andere — insbesondere die Skalierung zuverlässiger logischer Qubits — bestimmen weiterhin den Weg.

Ob daraus in fünf, zehn oder zwanzig Jahren ein wirtschaftlich bedeutendes Rechensystem entsteht, lässt sich heute nicht seriös vorhersagen.

Seriös sagen lässt sich nur:

Quantencomputing hat den Beweis seiner physikalischen Funktionsfähigkeit erbracht. Der Beweis seiner breiten praktischen Überlegenheit steht noch aus.Quellen zum Entwicklungsstand- Google Quantum AI: Quantum error correction below the surface code threshold

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