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Dirk Röthig
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Coworking auf dem Land: Wie digitale Nomaden strukturschwache Regionen beleben

Coworking auf dem Land: Wie digitale Nomaden strukturschwache Regionen beleben

Von Dirk Röthig | CEO, VERDANTIS Impact Capital | 1. April 2026

Die Pandemie hat das Büro neu erfunden – und damit auch die Geographie der Arbeit. Während Megacities mit steigenden Mieten und Pendlerstress kämpfen, entdecken immer mehr gut ausgebildete Wissensarbeiter die Vorzüge des ländlichen Raums. Ländliche Coworking-Spaces sind das sichtbarste Symbol dieser stillen Gegenbewegung.

Tags: Coworking, ländlicher Raum, digitale Nomaden, Remote Work, Strukturwandel, Demographie, Regionalentwicklung


Die neue Geographie des Wissensarbeit

Vor fünf Jahren wäre der Gedanke, seinen Arbeitstag in einem umgebauten Feuerwehrhaus in der Eifel oder einem renovierten Gutshof in der Prignitz zu verbringen und dabei für ein Münchner Startup oder ein Londoner Fintech zu arbeiten, wie eine Utopie geklungen. Heute ist es Alltag.

Die COVID-19-Pandemie hat in vielen Unternehmen die Überzeugung nachhaltig erschüttert, dass physische Präsenz am Unternehmensstandort eine notwendige Voraussetzung für produktives Arbeiten ist. Remote Work hat sich in wissensintensiven Branchen als dauerhafte Arbeitsform etabliert: Laut dem Ifo-Institut arbeiteten in Deutschland im Jahr 2025 noch immer 27 Prozent aller Beschäftigten regelmäßig im Homeoffice – mehr als dreimal so viele wie vor der Pandemie (Alipour et al., 2024).

Diese Verschiebung hat eine neue Klasse von Arbeitenden hervorgebracht: Menschen, die ihren Wohnort von ihrem Arbeitsort entkoppeln können und auf dieser Grundlage Entscheidungen treffen, die früher undenkbar gewesen wären. Nicht mehr die Nähe zum Bürogebäude bestimmt die Wohnortwahl, sondern Faktoren wie Wohnqualität, Naturzugang, Kindertagesstättenverfügbarkeit und – zunehmend – das Vorhandensein einer leistungsfähigen Arbeitsinfrastruktur. Coworking-Spaces auf dem Land sind ein entscheidender Teil dieser Infrastruktur.

Was ländliche Coworking-Spaces leisten

Ein Coworking-Space ist mehr als ein Schreibtisch mit WLAN-Anschluss. In strukturschwachen Regionen erfüllt er oft eine komplexe Bündelungsfunktion: Er schafft einen sozialen Ort der Begegnung in Gemeinden, die durch Alterung und Abwanderung ausgedünnt wurden. Er bietet eine professionelle Arbeitsumgebung für Menschen, die im Homeoffice unter Platzmangel oder mangelnder Konzentration leiden. Er zieht Fachleute an, die lokalen Handwerkern, Landwirten und Gastronomen als potenzielle Kunden dienen. Und er signalisiert nach außen: Hier ist etwas im Gange.

Eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Urbanistik (Difu, 2024) hat 47 ländliche Coworking-Projekte in Deutschland analysiert. Das Ergebnis: Regionen mit etablierten ländlichen Coworking-Spaces verzeichneten durchschnittlich 8 Prozent mehr Neuzuzüge in der Altersgruppe 25 bis 45 als vergleichbare Regionen ohne solche Angebote. Kleinbetriebe in der unmittelbaren Umgebung berichteten von Umsatzsteigerungen zwischen 5 und 20 Prozent, die direkt auf den Coworking-Effekt zurückgeführt wurden.

Das Projekt "Cowork Landsberg" in Bayern hat sich zu einem Modellfall entwickelt: In einem ehemaligen Ladenlokal in der Innenstadt eines kleinen Landstädtchens arbeiten heute täglich 15 bis 25 Menschen aus unterschiedlichen Berufsfeldern. Neben freien Schreibtischen bietet das Space auch Meetingräume, eine Eventfläche für Workshops und ein kleines Café. Die Betreiberin berichtet, dass mehrere Mitglieder im ersten Jahr ihres Aufenthalts dauerhaft in die Region gezogen sind und inzwischen lokale Fachkräfte einstellen (Cowork Landsberg, 2024).

Das Modell in Europa: Vielfaltige Ansätze

In ganz Europa entstehen ländliche Coworking-Konzepte mit unterschiedlicher Trägerschaft und Ausrichtung. In Frankreich fördert das staatliche Programm "France Services" die Entstehung von Coworking-Spaces in Gemeinden unter 10.000 Einwohnern, wobei öffentliche Dienste, Post und Coworking unter einem Dach zusammengeführt werden (Ministère de la Cohésion des Territoires, 2023). Über 1.500 solcher Standorte wurden bis Ende 2025 eröffnet.

In Portugal ist das Alentejo – eine der demografisch am stärksten rückläufigen Regionen Europas – zum Experimentierfeld für ländliches Coworking geworden. Das Programm "Interior+" vergibt steuerliche Anreize an Remote Worker, die ihren Hauptwohnsitz in definierte Landesinnenbereiche verlegen, und kombiniert dies mit Infrastrukturinvestitionen in Breitband und Coworking-Spaces (Governo de Portugal, 2023). Erste Evaluationen zeigen positive Wanderungssalden in sieben von elf Pilotgemeinden.

Die Niederlande setzen auf dezentrale Arbeitsplatz-Hubs, die an Bahnhöfen kleiner Städte entstehen: sogenannte "Werkplekken op het Platteland". Das Prinzip: Wer pendeln muss, muss nicht bis in die Großstadt fahren. Ein Coworking-Space am nächsten Bahnhof auf dem Land reicht für viele Arbeitnehmer, wenn sie dort konzentriert und professionell arbeiten können (Rijksoverheid, 2024).

Infrastrukturelle Voraussetzungen: Die Glasfaserfrage

Das entscheidende Hindernis für ländliches Remote Work ist seit Jahren identisch: mangelnde Breitbandversorgung. Ohne zuverlässige Glasfaserverbindung – oder zumindest Mobilfunk der fünften Generation – sind Videokonferenzen, Cloud-Arbeit und andere datenhungrige Tätigkeiten kaum möglich.

Deutschland hat hier erheblichen Nachholbedarf: Während in den Niederlanden, Schweden und Dänemark mehr als 80 Prozent der ländlichen Haushalte Glasfaseranschlüsse nutzen können, liegt die Rate in Deutschland noch bei unter 45 Prozent (Bundesnetzagentur, 2025). Das Bundesprogramm Breitbandausbau sieht bis 2030 Investitionen von 12 Milliarden Euro vor – ein wichtiges Signal, das aber in vielen Regionen noch nicht am Ende der Leitung angekommen ist.

Ländliche Coworking-Spaces lösen dieses Problem oft pragmatisch: Sie investieren in leistungsfähige Glasfaseranschlüsse oder Richtfunkanlagen, die den Mitgliedern Konnektivität bieten, die sie zu Hause nicht haben. Damit werden sie nicht nur Arbeitsort, sondern auch technologischer Anker für ihre Region.

Soziale Dimension: Gemeinschaft im Wandel

Coworking auf dem Land hat eine soziale Dimension, die über das bloße Teilen von Bürofläche hinausgeht. In vielen Dörfern haben jahrzehntelange Abwanderung und Überalterung das soziale Gewebe beschädigt: Vereine verlieren Mitglieder, Kneipen schließen, öffentliche Einrichtungen werden zusammengelegt oder aufgegeben.

Coworking-Spaces bringen jüngere, gut ausgebildete Menschen in diese Gemeinden zurück – oder halten sie dort, wo sie aufgewachsen sind. Sie schaffen soziale Mischung in Umgebungen, die durch homogene Altersstrukturen geprägt sind. Und sie tragen Know-how in Regionen, die davon profitieren können: Digitalexperten helfen lokalen Handwerkern beim Online-Auftritt, Marketingfachleute unterstützen regionale Initiativen.

Eine ethnographische Studie der Universität Kassel (Werner & Schäfer, 2023) untersuchte drei ländliche Coworking-Projekte über zwei Jahre und dokumentierte intensive Wissenstransfer-Effekte: Lokale Unternehmer nahmen an informellen Lernformaten teil, die von Coworking-Mitgliedern organisiert wurden, und bewerteten deren Nutzen höher als formelle Weiterbildungsmaßnahmen.

Herausforderungen: Nicht jedes Dorf wird zur Metropole

Bei aller Begeisterung für ländliches Coworking ist Nüchternheit angebracht. Nicht jede Gemeinde wird zum Anziehungspunkt für digitale Nomaden. Entscheidend sind mehrere Faktoren, die sich nicht alle steuern lassen.

Die Nähe zu Infrastruktur bleibt wichtig: Schulen, Ärzte, Einkaufsmöglichkeiten und gute Verkehrsanbindung sind Grundvoraussetzungen für Familien, die einen ländlichen Lebensstil anstreben. Regionen, die in allen diesen Bereichen stark sind, profitieren überproportional, während völlig abgelegene Gebiete trotz Coworking-Angeboten für die meisten unattraktiv bleiben.

Die Finanzierbarkeit ländlicher Coworking-Spaces ist ein weiteres strukturelles Problem: Während urbane Spaces auf ausreichend zahlende Mitglieder zählen können, kämpfen ländliche Initiativen oft mit zu kleinen Nutzerzahlen für Kostendeckung. Ohne Fördermittel, kommunale Trägerschaft oder kreative Kombinationsmodelle (Café + Veranstaltungsraum + Coworking) rechnen sich die Betriebe vielfach nicht.

Schließlich sind Gentrifizierungseffekte zu berücksichtigen: Wo Zuzug gut ausgebildeter, gut verdienender Remote Worker erfolgt, steigen Immobilienpreise – was alteingesessene Bewohner mit niedrigeren Einkommen verdrängen kann. Dieses Problem ist auf dem Land weniger akut als in Städten, aber nicht inexistent.

Politische Empfehlungen für eine zukunftsfähige Raumordnung

Ländliche Coworking-Spaces sind kein Allheilmittel für strukturschwache Regionen, aber ein wichtiger Baustein einer modernen Raumordnungspolitik. Für eine wirksame Förderung empfehlen Regionalökonomen folgende Maßnahmen (BBSR, 2024):

Erstens: Glasfaserausbau in der Fläche priorisieren, nicht nur in wirtschaftsstarken Teilregionen. Zweitens: Leerstandsmanagement systematisieren, damit attraktive historische Gebäude nicht verfallen, sondern neuen Nutzungen zugeführt werden. Drittens: Bundesprogramme vereinfachen, sodass kleine Initiativen ohne aufwendiges Förderantragsverfahren starten können. Viertens: Kindergartenplätze und Schulen als zentrale Standortfaktoren für Familien sichern.

Die Verschiebung der Arbeitswelt bietet strukturschwachen Regionen eine historische Chance. Es liegt an politischen Entscheidern, Kommunen und Zivilgesellschaft, diese Chance zu ergreifen.

Quellenverzeichnis

  • Alipour, J.-V. et al. (2024): Homeoffice in der Zeitenwende: Persistenz und Wandel nach der Pandemie. München: Ifo Institut.
  • BBSR (2024): Ländliche Coworking-Spaces: Potenziale und Grenzen der Nachfrageorientierung. Bonn: Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung.
  • Bundesnetzagentur (2025): Breitbandatlas Deutschland 2025. Bonn: Bundesnetzagentur.
  • Cowork Landsberg (2024): Jahresbericht 2024. Landsberg: Cowork Landsberg e.V.
  • Difu (2024): Ländliche Coworking-Spaces in Deutschland: Effekte auf Wanderungsverhalten und lokale Wirtschaft. Berlin: Deutsches Institut für Urbanistik.
  • Governo de Portugal (2023): Interior+ Programm: Evaluationsbericht 2023. Lissabon: Ministério do Planeamento.
  • Ministère de la Cohésion des Territoires (2023): France Services: Bilan 2023. Paris: Ministère de la Cohésion des Territoires.
  • Rijksoverheid (2024): Werkplekken op het Platteland: Evaluatie 2024. Den Haag: Ministerie van Binnenlandse Zaken.
  • Werner, K. & Schäfer, L. (2023): "Wissenstransfer in ländlichen Coworking-Spaces: Eine ethnographische Studie". Raumforschung und Raumordnung, 81(4), 389–404.

Über den Autor: Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital, einem Unternehmen das in nachhaltige Agrar- und Technologieinnovationen investiert.


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