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Digitalisierung anfangen: Eine Methode für den ersten Schritt

Warum die meisten KMU nicht am Wollen scheitern, sondern am Anfangen

Digitalisierung anfangen heißt nicht, ein Millionenprojekt aufzusetzen. Es heißt, einen einzigen Prozess zu nehmen, der heute auf Papier, in Excel oder im Kopf einer Person lebt – und ihn digital abzubilden. Wer diesen einen Schritt macht, hat mehr erreicht als Betriebe, die seit Jahren Strategiepapiere wälzen und nie ins Tun kommen.

Die Realität in vielen österreichischen KMU sieht so aus: Die Geschäftsführung weiß, dass sich etwas ändern muss. Die Zettelwirtschaft kostet Zeit, die Abläufe sind fehleranfällig, das Wissen steckt in den Köpfen einzelner Personen. Aber der Blick auf das vermeintliche Gesamtprojekt „Digitalisierung" erzeugt Lähmung. Zu groß, zu teuer, zu komplex – so die Annahme. Dabei ist genau diese Annahme das eigentliche Hindernis.

Die Ein-Prozess-Methode: Zettelwirtschaft beenden mit einem einzigen Ablauf

Die Methode ist bewusst einfach gehalten: Sie wählen genau einen Prozess aus, der heute noch analog läuft, und überführen ihn in eine digitale Lösung. Nicht fünf Prozesse, nicht die gesamte Firma – einen.

Wie Sie den richtigen Prozess identifizieren

Nicht jeder Ablauf eignet sich als Einstieg. Der ideale erste Digitalisierungsschritt erfüllt drei Kriterien:

  1. Häufigkeit: Der Prozess wird mindestens einmal pro Woche ausgeführt – idealerweise täglich. Je häufiger, desto spürbarer die Entlastung.
  2. Schmerzpunkt: Er verursacht regelmäßig Ärger – verlorene Zettel, doppelte Eingaben, Rückfragen, Wartezeiten.
  3. Überschaubarkeit: Er lässt sich in wenigen Schritten beschreiben. Wenn Sie den Ablauf nicht auf eine halbe Seite skizzieren können, ist er für den Einstieg zu komplex.

Typische Einstiegsprozesse nach Branche

Branche Typischer Analog-Prozess Digitale Alternative
Tischlerei / Handwerk Aufmaßzettel und handschriftliche Angebote Digitale Aufmaß-App + automatisierte Angebotserstellung
Gastronomie Dienstplan auf Papier, Änderungen per Anruf Schichtplanungs-Tool mit App-Zugang für das Team
Steuerberatung Belege in Schuhkartons, manuelle Zuordnung Belegerfassung per Scan-App mit automatischer Kategorisierung
Kfz-Werkstatt Auftragsbuch in Papierform Digitales Werkstattmanagement mit Statusverfolgung
Friseursalon Terminbuch, telefonische Buchung Online-Terminbuchung mit automatischer Bestätigung
Einzelhandel Bestandslisten in Excel, manuelle Nachbestellung Einfaches Warenwirtschaftssystem mit Meldebestandswarnung

Diese Beispiele sind illustrativ – der Punkt ist: In jedem Betrieb gibt es mindestens einen Ablauf, der heute noch auf Papier oder in fragmentierten Excel-Dateien lebt und der sich mit überschaubarem Aufwand digitalisieren lässt.

Was sich seit 2022 grundlegend verändert hat

Wer vor drei oder vier Jahren über das Thema „Geschäftsprozesse digitalisieren" nachgedacht hat, stand vor einer anderen Ausgangslage. Die Werkzeuge waren oft komplex, teuer oder erforderten umfangreiche IT-Kenntnisse. Das hat sich bis Mitte 2026 deutlich verschoben:

  • No-Code- und Low-Code-Plattformen sind ausgereift und branchentauglich geworden. Tools wie Make, n8n oder Microsoft Power Automate erlauben es, Workflows ohne Programmierkenntnisse zu automatisieren – oder mit geringem Aufwand durch einen Dienstleister einrichten zu lassen.
  • KI-gestützte Automatisierung ist aus der Experimentierphase herausgewachsen. Belegerfassung, Textgenerierung, Angebotsvorlagen, E-Mail-Sortierung – vieles davon funktioniert heute zuverlässig genug für den Produktiveinsatz in KMU.
  • Cloud-basierte Branchensoftware ist günstiger und modularer geworden. Statt großer ERP-Einführungen können Betriebe einzelne Module nutzen und schrittweise erweitern.
  • Förderungen in Österreich haben sich auf genau diesen niederschwelligen Einstieg ausgerichtet. Programme wie KMU.DIGITAL unterstützen sowohl die Beratung als auch die Umsetzung konkreter Digitalisierungsschritte.

Der entscheidende Unterschied zu früher: Der erste Schritt muss heute kein Großprojekt mehr sein. Die Einstiegshürde ist so niedrig wie nie zuvor.

Die vier Phasen des ersten Digitalisierungsschritts

Phase 1: Bestandsaufnahme (30 Minuten)

Nehmen Sie sich eine halbe Stunde und schreiben Sie den Ablauf auf, den Sie digitalisieren wollen. Konkret:

  • Wer ist beteiligt?
  • Welche Informationen werden erfasst, weitergegeben, archiviert?
  • Wo entstehen Wartezeiten oder Fehler?
  • Welches Ergebnis soll am Ende stehen?

Das klingt banal – aber in vielen Betrieben wurde ein Ablauf noch nie schriftlich festgehalten. Allein dieser Schritt macht Schwachstellen sichtbar, die im Tagesgeschäft untergehen.

Phase 2: Werkzeug-Auswahl (1–2 Stunden)

Hier gilt: nicht das perfekte Tool suchen, sondern eines, das den Prozess besser abbildet als der Status quo. Perfektion ist der natürliche Feind des Anfangens.

Orientierungshilfe für die Werkzeug-Auswahl:

  • Standardprozess (Terminbuchung, Rechnungsstellung, Belegerfassung): Fertige Branchensoftware oder SaaS-Lösung nutzen. Oft reichen kostenlose oder günstige Einstiegsversionen.
  • Individueller Prozess (spezifischer Workflow, branchenspezifische Logik): No-Code-Automatisierung oder maßgeschneiderte Lösung durch einen Digitalisierungsdienstleister.
  • Wissenssicherung (Abläufe dokumentieren, Erfahrungswissen zugänglich machen): Einfaches Wiki-System, strukturierte Vorlagen in einem geteilten Dokumentensystem oder – bei größerem Umfang – ein internes Wissensmanagementsystem.

Phase 3: Umsetzung (1–5 Tage, je nach Komplexität)

Der erste Prozess sollte innerhalb einer Arbeitswoche laufen. Nicht in drei Monaten. Nicht nach einem Pflichtenheft mit 40 Seiten. Die Umsetzung kann intern erfolgen – oder mit externer Unterstützung, wenn die eigenen Ressourcen fehlen.

Wichtig dabei:

  • Einen klaren Verantwortlichen im Betrieb benennen
  • Das Team von Anfang an einbinden – nicht überraschen
  • Den alten Prozess für eine Übergangsphase parallel weiterlaufen lassen
  • Feedback nach der ersten Woche einholen und nachjustieren

Phase 4: Wirkung messen und nächsten Schritt planen

Nach zwei bis vier Wochen lohnt sich ein kurzer Rückblick:

  • Funktioniert der digitale Ablauf im Alltag?
  • Wo hakt es noch?
  • Wie viel Zeit spart das Team geschätzt pro Woche?

Diese Reflexion ist kein bürokratischer Aufwand – sie liefert die Grundlage für den zweiten und dritten Digitalisierungsschritt. Denn genau das ist der Mechanismus: Der erste Schritt erzeugt Erfahrung und Zuversicht. Der zweite fällt leichter. Der dritte wird zur Routine.

Wissen digitalisieren: Warum Erfahrungswissen der unterschätzte Hebel ist

Neben operativen Abläufen gibt es einen zweiten Bereich, in dem der Einstieg in die Digitalisierung besonders viel bewirkt: die Sicherung von Erfahrungswissen.

In vielen KMU stecken zentrale Informationen in den Köpfen einzelner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Was passiert, wenn diese Person ausfällt, in Pension geht oder das Unternehmen verlässt? In einem typischen Szenario: Ein Installateurbetrieb mit zwölf Mitarbeitern, in dem der erfahrenste Techniker alle Sonderfälle kennt – aber nirgends dokumentiert hat.

Wissen digitalisieren bedeutet hier:

  • Checklisten und Standardabläufe in einem geteilten System hinterlegen
  • Häufige Sonderfälle als kurze Anleitungen dokumentieren
  • Kundenhistorien in einem einfachen CRM statt in persönlichen Notizbüchern führen

Auch hier gilt: Der Start ist ein einzelnes Dokument, eine einzelne Checkliste. Nicht ein unternehmensweites Wissensmanagement-Projekt mit Lenkungsausschuss.

Förderungen nutzen: Österreich unterstützt genau diesen Einstieg

Der österreichische Förderlandschaft bietet speziell für den Einstieg in die Digitalisierung passende Programme. Für KMU, die den ersten Schritt machen wollen, sind insbesondere relevant:

  • KMU.DIGITAL: Fördert sowohl die strategische Beratung (Statusanalyse, Potenzialanalyse) als auch die anschließende Umsetzung konkreter Digitalisierungsmaßnahmen. Die Beratung hilft dabei, den richtigen Einstiegsprozess zu identifizieren – die Umsetzungsförderung unterstützt bei der technischen Realisierung.
  • aws Digitalisierung: Das Austria Wirtschaftsservice bietet verschiedene Programme für digitale Investitionen, die auch kleinere Projekte abdecken können.
  • FFG Innovationsförderung: Für Betriebe, die über Standard-Digitalisierung hinausgehen und KI-gestützte Lösungen oder Automatisierungen entwickeln wollen.

Aktuelle Förderbedingungen und -höhen ändern sich regelmäßig. Es empfiehlt sich, die aktuellen Konditionen direkt bei den Förderstellen oder über einen Förderpotenzial-Check zu prüfen, bevor Sie planen.

Drei Denkfehler, die den Start verhindern

„Wir müssen erst eine Gesamtstrategie haben"

Eine Strategie ist hilfreich – aber sie muss nicht am Anfang stehen. Viele Betriebe, die heute vorne liegen, haben mit einem einzelnen digitalen Prozess begonnen und die Strategie aus den Erfahrungen abgeleitet. Strategie entsteht auch durch Handeln, nicht nur durch Planen.

„Das kostet zu viel für unsere Größe"

Die Kosten für den ersten Digitalisierungsschritt liegen in vielen Fällen zwischen null und wenigen hundert Euro pro Monat – abhängig davon, ob Standardsoftware oder eine individuelle Lösung zum Einsatz kommt. Hinzu kommen mögliche Förderungen, die einen erheblichen Teil abdecken können. Die relevantere Frage ist: Was kostet es, nicht zu starten?

„Unsere Mitarbeiter machen da nicht mit"

Dieser Einwand ist verständlich – und oft unbegründet, wenn der Einstieg richtig gestaltet wird. Teams, die an der Auswahl beteiligt werden und den konkreten Nutzen für ihren Arbeitsalltag sehen, tragen Veränderungen in der Regel mit. Der Schlüssel liegt in der Einbindung, nicht in der Anordnung.

Von einem Prozess zum digitalen Betrieb: Der Schneeballeffekt

Der erste digitalisierte Prozess verändert nicht nur einen Ablauf – er verändert die Denkweise im Betrieb. Plötzlich wird sichtbar, welche anderen Abläufe ebenfalls effizienter laufen könnten. Das Team beginnt, selbst Vorschläge einzubringen. Die anfängliche Skepsis weicht der Erfahrung, dass digitale Werkzeuge den Arbeitsalltag tatsächlich erleichtern.

Diesen Effekt kann man planen. Nach dem ersten erfolgreichen Schritt empfiehlt sich eine einfache Priorisierung:

  • Welcher Prozess verursacht den zweitgrößten Schmerzpunkt?
  • Welcher Prozess hängt direkt mit dem bereits digitalisierten zusammen?
  • Wo lassen sich mit KI-Automatisierung repetitive Aufgaben deutlich beschleunigen?

So entsteht schrittweise ein digital unterstützter Betrieb – nicht durch einen Big Bang, sondern durch eine Serie kleiner, konkreter Verbesserungen. Genau so haben die meisten erfolgreich digitalisierten KMU in Österreich ihren Weg begonnen: nicht mit dem großen Plan, sondern mit dem ersten Schritt.

Können Sie sich den alten Weg heute noch leisten?

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