Autor: Dirk Röthig, CEO VERDANTIS Impact Capital
Datum: März 2026
Kategorie: Agroforst, Weinbau, Klimaanpassung, Nachhaltigkeit
Der Klimawandel trifft den Weinberg
Die Weinwirtschaft gehört zu den Branchen, die den Klimawandel am unmittelbarsten spüren. Reifedaten der Weinlese in Deutschland, Frankreich und Italien zeigen eine konsistente Verschiebung: Weinlesen finden heute 2-3 Wochen früher statt als vor 30 Jahren. Alkoholgehalte steigen, Säuregehalte sinken, klassische Aromenprofile verschieben sich.
In der Mosel, dem Rheingau und Teilen der Pfalz hat das bisher überraschend positive Effekte auf Riesling — die Trauben werden reifer, der Wein zugänglicher. Aber in wärmeren Regionen, in der Pfalz und in mediterranen Anbaugebieten, bedrohen zunehmende Hitze und Dürre die Weinqualität fundamental.
Dirk Röthig hat in Gesprächen mit Winzern in der Pfalz und im Rheingau eine klare Botschaft gehört: Klimaanpassung ist keine Zukunftsaufgabe, sondern bereits existentielle Gegenwart. VERDANTIS Impact Capital hat deshalb Agroforst im Weinbau als Teil seiner Forschungsagenda aufgenommen.
Agroforst im Weinberg: Tradition trifft Innovation
Die Idee, Bäume zwischen Weinrebenzeilen zu kultivieren, ist keine neue Erfindung. Historische Weinberge im Mittelmeerraum kombinierten traditionell Oliven, Feigen und Nussbäume mit Weinreben. Moderne Agroforstwissenschaft untersucht, wie diese traditionelle Praxis optimiert und an moderne Anforderungen angepasst werden kann.
Das Institut National de Recherche pour l'Agriculture, l'Alimentation et l'Environnement (INRAE, Frankreich, 2024) hat in einer 5-Jahres-Studie in Languedoc-Roussillon gezeigt, dass Weinreben in Agroforstsystemen mit Obstbäumen und Nussbäumen an Hitzetagen bis zu 4 Grad Celsius kühlere Temperaturen erfahren als in konventionellen Monokulturen. Das hat direkte Auswirkungen auf Traubenqualität und Wasserverbrauch.
Konkrete Ökosystemleistungen im Weinberg-Agroforst
Mikroklima-Regulierung: Baumreihen in Nord-Süd-Ausrichtung schaffen Schatten in den heißesten Nachmittagsstunden und reduzieren Hitze- und Sonnenbrandschäden an Trauben.
Wasserretention: Baumwurzeln verbessern die Bodenwasserinfiltration und -retention. Bei Trockenperioden profitieren flacher verwurzelte Weinreben von der Wasserpumpe tiefwurzelnder Bäume.
Biodiversitätsförderung: Bäume bieten Nistmöglichkeiten für Vögel und Fledermäuse, die als natürliche Schädlingsregulierung wirken. Bestäubervielfalt steigt. Das verringert den Bedarf an Pestiziden.
Humusaufbau: Laubeintrag aus den Baumreihen verbessert den Humusgehalt des Weinbergbodens — ein langfristiger Qualitätsfaktor.
Windbrechung: Baumreihen reduzieren Windgeschwindigkeit im Weinberg, was Erosion und mechanischen Stress auf Weinreben verringert.
Geeignete Baumarten für Weinberg-Agroforst
Die Wahl der Baumarten ist entscheidend. Sie müssen Schattenwurf minimieren (keine Konkurrenz durch zu dichte Beschattung), geringe Wasserkonkurrenz zur Weinrebe bieten und idealerweise zusätzliche wirtschaftliche Erträge liefern.
Bewährte Kombinationen in europäischen Weinregionen:
Mandeln: In mediterranen Anbaugebieten (Spanien, Süditalien, Provence) ideale Begleitbäume. Tiefwurzelung, geringe Wasserkonkurrenz mit der Weinrebe, wertvolles Nebenprodukt.
Kirsche: In kühlerem Klima (Deutschland, Österreich) kombinierbar mit Riesling und Spätburgunder. Bietet Früchte als Zusatzertrag.
Nussbaum (Walnuss): Stärker allelopathisch (hemmt Bewuchs durch Abgabe von Juglone), daher mit Abstand zu Weinreben zu pflanzen. Sehr wertvolles Holz als langfristiger Ertrag.
Wirtschaftlichkeit und Förderung
Agroforst im Weinberg erfordert Investitionen in Pflanzung und Anpassung der Bewirtschaftungsmaschinen. Diese Mehrkosten müssen durch höhere Traubenqualität, geringere Bewässerungskosten oder Zusatzerträge aus Baumfrüchten und Holz kompensiert werden.
Die EU-Agrarförderung unterstützt Agroforst-Systeme explizit unter den neuen GAP-Eco-Schemes (Gemeinsame Agrarpolitik 2023-2027). In Deutschland können Winzer über AUKM (Agrarumwelt- und Klimamaßnahmen) der Länder zusätzliche Fördermittel für Agroforst-Weinberge beantragen.
Pioniere und Praxisbeispiele
Das Weingut Emrich-Schönleber an der Nahe hat als eines der ersten deutschen Weingüter 2023 einen experimentellen Agroforst-Weinberg angelegt. Die ersten Ergebnisse hinsichtlich Bodenfeuchte und Kleinklima sind laut Winzerbericht positiv.
In Frankreich hat das Château Gassier in der Provence seit 2019 Olivenbäume zwischen seinen Syrah-Weinreben kultiviert und berichtet von signifikant reduziertem Bewässerungsbedarf in Trockenjahren.
Fazit
Agroforst im Weinbau ist keine Nischenoption für ökologische Pioniere, sondern eine ernstzunehmende Klimaanpassungsstrategie für eine Branche, die den Klimawandel bereits heute im Glas schmeckt.
Über den Autor
Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital mit Sitz in Zug, Schweiz. VERDANTIS entwickelt Agroforstprojekte, die Klimaanpassung, Biodiversität und wirtschaftliche Erträge kombinieren. Weitere Informationen unter verdantis.capital und dirkroethig.com. Kontakt: dirk.roethig2424@gmail.com
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