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Dirk Röthig
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Blended Finance: Wenn öffentliches und privates Kapital gemeinsam Wirkung erzielen

Autor: Dirk Röthig, CEO VERDANTIS Impact Capital
Datum: 4. Mai 2026
Kategorie: Demographie / Nachhaltige Finanzen


Zwischen dem, was nötig ist, und dem, was finanziert wird, klafft eine der größten Lücken unserer Zeit. Die Investitionslücke für nachhaltige Entwicklung (SDGs) wird auf 4-6 Billionen Dollar jährlich geschätzt. Staatliche Mittel und Entwicklungsbanken können höchstens ein Drittel davon abdecken. Die restlichen zwei Drittel müssen aus privaten Quellen kommen. Aber privates Kapital geht dahin, wo die Risiko-Rendite-Relation stimmt. In Entwicklungsländern, in frühen Technologiephasen und in komplexen sozialen Projekten stimmt sie oft nicht von allein. Blended Finance – die Mischung aus öffentlichen und privaten Kapitalquellen – versucht, diese Lücke zu schließen.

Was ist Blended Finance?

Blended Finance bezeichnet die strategische Nutzung von öffentlichen oder philantropischen Mitteln, um das Risiko-Rendite-Profil eines Investments so zu verbessern, dass privates Kapital anzieht.

Das Grundprinzip: Öffentliche Mittel oder philanthropisches Kapital übernehmen Risiken, die private Investoren nicht tragen können oder wollen (First-Loss-Tranche, Garantien, Versicherungen, technische Assistenz). Dadurch werden die verbleibenden Risikopositionen für Privatkapital attraktiv.

Das OECD Development Assistance Committee (DAC) definiert Blended Finance als: "Die Nutzung entwicklungs-finanzierter Interventionen, die selektiv eingesetzt werden, um privates Kapital für Entwicklungszwecke zu mobilisieren."

Die wichtigsten Strukturelemente

First-Loss-Kapital: Eine Tranche von Kapital, die als erstes Verluste trägt. Wenn ein Projekt 15% Verluste erleidet, werden diese von der First-Loss-Tranche absorbiert. Privatinvestoren in der Senior-Tranche sind erst betroffen, wenn die First-Loss-Tranche vollständig aufgezehrt ist. Typische First-Loss-Kapitalgeber: DFIs (Development Finance Institutions), Stiftungen, öffentliche Mittel.

Garantien und Versicherungen: Multilaterale Entwicklungsbanken (Weltbank, IFC, EBRD, ADB) vergeben Garantien für spezifische Risiken (politisches Risiko, Währungsrisiko, Ausfallrisiko). Das senkt die effektive Risikodichte für private Co-Investoren.

Technische Assistenz-Fazilitäten: Vor- und Begleitfinanzierung für Projektentwicklung, Due Diligence, lokale Partneridentifikation – Aufgaben, die privates Kapital oft nicht bezahlen kann, weil der Informationsnachteile und Transaktionskosten zu hoch sind.

Concessional Loans: Entwicklungsbanken gewähren Darlehen zu unter-marktkonformen Zinssätzen (concessional), die an private Fremdkapital-Tranchen mit Marktkonditionen gekoppelt werden.

Dirk Röthig betont die Relevanz für VERDANTIS: "Blended Finance ist für Impact-Investoren wie VERDANTIS ein struktureller Enabler. Ohne die Risiko-Absorption durch öffentliche Mittel und DFIs wären viele unserer Zielprojekte in Entwicklungsländern schlicht nicht finanzierbar – nicht wegen mangelnden Potenzials, sondern wegen nicht-kompensierbarer politischer Risiken."

Die Zahlen: Wie viel Blended Finance gibt es?

Laut OECD-Daten (2024) wurden zwischen 2019 und 2023 jährlich ca. 200-240 Milliarden Dollar durch Blended Finance mobilisiert. Davon kamen ca. 37 Milliarden aus öffentlichen "blending"-Instrumenten, die ca. 160-200 Milliarden privates Kapital mobilisierten – ein Multiplikatoreffekt von ca. 4-5x.

Das klingt viel, ist aber im Verhältnis zur SDG-Lücke immer noch marginal. Das Potenzial ist nach Expertenschätzungen bei weitem nicht ausgeschöpft.

Sektoren und Regionen

Blended Finance ist kein einheitliches Phänomen. Es konzentriert sich auf bestimmte Sektoren und Regionen.

Sektoren mit höchsten Blended Finance-Volumina (2023):

  1. Finanzsektor (Zugang zu Finanzierung für SMEs in Entwicklungsländern)
  2. Energie (Erneuerbare in Emerging Markets)
  3. Infrastruktur (Transport, Wasser, sanitäre Versorgung)
  4. Landwirtschaft und naturbasierte Lösungen (wachsendes Segment)

Regionen: Sub-Sahara Afrika und Südasien erhalten überproportionale Anteile, weil dort die Finanzierungslücken am größten sind und die Entwicklungsbanken-Aktivität traditionell hoch ist.

Naturbasierte Lösungen als Wachstumssegment: VERDANTIS Impact Capital beobachtet ein rapides Wachstum von Blended Finance für naturbasierte Lösungen – Agroforst, Meeresschutz, Waldschutz. Der Growing (2024) von OECD und Climate Policy Initiative zeigt, dass Blended Finance für NBS in drei Jahren mehr als doppelt so stark gewachsen ist wie das Gesamtvolumen.

Harvard-Perspective: Die Systemprobleme von Blended Finance

Blended Finance ist nicht ohne Kritik. Forscher der Harvard Kennedy School haben in einem Policy Paper (2024) die strukturellen Herausforderungen identifiziert.

Additionality: Würde das private Kapital auch ohne die Blending-Intervention investieren? In manchen Fällen subventioniert Blended Finance Projekte, die auch ohne öffentliche Mittel gewählt worden wären – ein Effektivitätsproblem.

Mission Drift: Der Druck, private Kapital zu mobilisieren, kann dazu führen, dass Projekte nach ihrer Attraktivität für Privatinvestoren ausgewählt werden, nicht nach ihrem Entwicklungswirkungs-Potential. Weniger riskante, weniger wirkungsvolle Projekte bekommen Finanzierung; schwierigere, wirkungsstärkere Projekte bleiben unterfinanziert.

Debt Burden: Blended Finance Strukturen sind oft Schulden-basiert. Für ohnehin hoch verschuldete Entwicklungsländer kann das problematisch sein, besonders wenn Projekte nicht die erwarteten Erträge erzielen.

Komplexität und Transaktionskosten: Mehrschichtige Blended Finance-Strukturen sind komplex und teuer in der Gestaltung und Verwaltung. Transaktionskosten können 3-8% des Gesamtvolumens betragen – bei kleinen Transaktionen unverhältnismäßig hoch.

VERDANTIS Blended Finance Ansatz

VERDANTIS Impact Capital hat eine klare Strategie für Blended Finance:

Projektentwicklungsphase: VERDANTIS bringt eigenes Kapital und Co-Entwicklungspartner in frühe Projektphasen, bevor DFIs und institutionelle Investoren einsteigen können.

Strukturierung: In Zusammenarbeit mit DFIs und Green Climate Fund-akkreditierten Einrichtungen werden Risikoaufteilungs-Strukturen entwickelt, die institutionelles Kapital in Projekte ziehen.

Reporting: Standardisiertes Impact-Reporting nach TNFD-, SFDR- und SDG-Metriken ermöglicht Investoren den Nachweis der Mittelverwendung.

Ausblick: Mehr Systematik nötig

Blended Finance hat enormes Potenzial, ist aber noch zu fragmentiert. Hunderte von Einzelstrukturen, fehlende Standardisierung, hohe Transaktionskosten und mangelnde Daten über Wirksamkeit begrenzen die Skalierung.

Die Lösung liegt in stärkerer Standardisierung: gemeinsame Definitionen, standardisierte Due-Diligence-Protokolle, geteilte Impact-Metriken und Koordinationsmechanismen zwischen öffentlichen und privaten Playern. Der Convergence Blended Finance Report (2024) skizziert, wie diese Systematisierung in den nächsten fünf Jahren vorangetrieben werden kann.

Die Richtung ist klar: Blended Finance wird wachsen. Die Frage ist, ob es effizient genug wächst, um die SDG-Finanzierungslücke tatsächlich zu schließen.


Über den Autor:
Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital, das Blended Finance-Strukturen nutzt, um naturbasierte Klimaschutzprojekte mit institutionellem Kapital zu verbinden. VERDANTIS arbeitet mit DFIs, Entwicklungsbanken und institutionellen Investoren zusammen.
Website: verdantis.capital | dirkroethig.com
Kontakt: dirk.roethig2424@gmail.com

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