Autor: Dirk Röthig, CEO VERDANTIS Impact Capital
Datum: 14. Mai 2026
Kategorie: KI-Wettbewerb / Handelsrecht / Klimapolitik
Wenn ein europäischer Zementhersteller für jeden Ton CO2, den er emittiert, Emissionszertifikate kaufen muss, aber sein indischer Konkurrent keine äquivalente CO2-Bepreisung trägt, entsteht ein Wettbewerbsnachteil, der zum "Carbon Leakage" führt: Die Produktion verlagert sich dorthin, wo CO2-Emissionen kostenlos sind – und das Klima trägt trotzdem den Schaden. Der Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) soll das ändern. Er ist eine der tiefgreifendsten Transformationen im globalen Handelsrecht seit Jahrzehnten.
Was ist CBAM?
Der Carbon Border Adjustment Mechanism ist eine EU-Maßnahme, die ab Oktober 2023 in Übergangsphase und ab 2026 vollständig in Kraft ist. Er verpflichtet Importeure bestimmter CO2-intensiver Güter in die EU, Zertifikate für die in der Produktion dieser Güter emittierte CO2-Menge zu erwerben.
Das Prinzip: Wenn ein Unternehmen Stahl aus China in die EU importiert, und dieser Stahl wurde mit erheblich höheren CO2-Emissionen produziert als vergleichbarer EU-Stahl (der vom EU ETS reguliert wird), muss der Importeur "CBAM-Zertifikate" für die Emissionsdifferenz kaufen. Der Preis der CBAM-Zertifikate entspricht dem aktuellen EU-ETS-Preis.
Abgedeckte Sektoren (Phase 1):
- Stahl und Eisen
- Zement
- Aluminium
- Düngemittel (Ammoniak, Wasserstoff)
- Elektrizität
- Wasserstoff
Für diese Sektoren macht Carbon Leakage bislang den größten Unterschied. Weitere Sektoren (Chemikalien, Papier) werden in späteren Phasen aufgenommen.
Der Zeitplan
Oktober 2023 – Dezember 2025 (Übergangsphase): Importeure müssen Emissionsdaten für CBAM-Güter berichten, aber noch keine CBAM-Zertifikate kaufen. Ziel: Datensammlung und Kalibrierung.
Januar 2026 (Vollimplementierung): CBAM-Zertifikatpflicht für alle relevanten Importe. Gleichzeitig wird die kostenlose Zuteilung von ETS-Zertifikaten an Industrieunternehmen schrittweise abgebaut (bis 2034 auf null). Dieser Phase-out der kostenlosen Zuteilung und der Phase-in von CBAM sind koordiniert, um Carbon Leakage zu verhindern.
Wirtschaftliche und geopolitische Konsequenzen
CBAM ist nicht nur ein ökologisches Instrument – es hat tiefgreifende geopolitische und wirtschaftliche Implikationen.
Für EU-Unternehmen: Der Wettbewerbsnachteil durch die CO2-Bepreisung wird partiell ausgeglichen. Energieintensive EU-Industrien, die bislang unter Carbon Leakage gelitten haben, bekommen gleiche Wettbewerbsbedingungen gegenüber nicht-europäischen Konkurrenten in CBAM-Sektoren.
Für Exportländer: Länder, die signifikante Exporteure von CBAM-Gütern in die EU sind, müssen ihre eigene CO2-Bepreisung überdenken. Indien, China, Türkei, Russland und andere Exportnationen sind direkt betroffen. Wenn ein Land eine eigene, glaubwürdige CO2-Bepreisung einführt, können deren Unternehmen von einer Anrechnung beim CBAM profitieren (Vermeidung der Doppelbesteuerung).
Als Blaupause: CBAM ist weltweit das erste systematisch implementierte CO2-Grenzsteuerregime. Die USA diskutieren ähnliche Mechanismen (Clean Competition Act). Großbritannien hat nach dem Brexit ein eigenes CBAM-Konzept entwickelt. Das Instrument könnte global werden – mit enormen Auswirkungen auf den Welthandel.
Dirk Röthig beleuchtet den investmentrelevanten Aspekt: "CBAM beschleunigt die CO2-Preissignale für Industriesektoren. Für Investoren in grüne Stahl- oder grüne Zementtechnologien ist das ein struktureller Rückenwind: Der Preisunterschied zwischen konventioneller und grüner Produktion schrumpft mit steigendem CBAM-Druck."
WTO-Kompatibilität: Die juristische Herausforderung
Ob CBAM WTO-kompatibel ist, ist rechtlich umstritten. Das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (GATT) verbietet im Prinzip diskriminierende Handelsmaßnahmen. Eine CO2-Grenzsteuer, die nur auf importierte Waren gilt, könnte als diskriminierend eingestuft werden.
Allerdings erlaubt GATT-Artikel XX Ausnahmen für Maßnahmen "zum Schutz der Gesundheit und des Lebens von Personen, Tieren und Pflanzen" und "zur Erhaltung erschöpflicher natürlicher Ressourcen". Die EU-Kommission argumentiert, CBAM falle in diese Ausnahmen.
Mehrere Länder – darunter Indien und Südafrika – haben bereits offiziell Bedenken bei der WTO angemeldet. Förmliche Beschwerden sind zu erwarten. Die Streitbeilegung könnte Jahre dauern.
Harvard-Rechtsprofessoren haben in einem Working Paper (2024) argumentiert, dass CBAM höchstwahrscheinlich WTO-kompatibel ist, wenn die Berechnung der CO2-Äquivalente fair, transparent und basierend auf verifizierten Produktionsdaten erfolgt – und nicht als verdeckte Handelsschutzmaßnahme funktioniert.
Die CO2-Preis-Logik
CBAM ist direkt an den EU-ETS-Preis gekoppelt. Was passiert, wenn der CO2-Preis steigt?
Der EU-ETS-Preis hat in den letzten Jahren erheblich geschwankt: Von ca. 5 EUR/tCO2 (2017) auf über 90 EUR/tCO2 (2022/2023), und aktuell (2026) bei ca. 60-70 EUR. Das "Fit for 55"-Paket hat Mechanismen eingeführt, die den CO2-Preis mittelfristig auf 100+ EUR/tCO2 anheben sollen.
Bei einem CO2-Preis von 100 EUR/tCO2 und einem Stahlemissionsprofil von 1,5-2 tCO2/t Stahl würde CBAM eine effektive Belastung von 150-200 EUR/t Stahl für emissionsintensive Importe erzeugen. Das ist ein erheblicher Wettbewerbsnachteil für Carbon-intensive Stahlproduzenten aus Drittländern.
Naturkapital und CBAM: Die Verbindung
Für VERDANTIS Impact Capital ist CBAM relevant durch eine indirekte Verbindung: naturbasierte Kohlenstoffsenken können im ETS-Umfeld als Zertifikate nutzbar werden. Je höher der ETS-Preis (den CBAM mit unterstützt), desto wertvoller werden qualitativ hochwertige CO2-Sequestrierungs-Projekte.
Ein EU-ETS-Preis von 100+ EUR/tCO2 würde die Wirtschaftlichkeit von Agroforst-Projekten mit CO2-Zertifizierung erheblich verbessern. Das ist eine direkte Transmission von Klimapolitik (CBAM/ETS) auf Impact-Investitionen.
Kritik und Einschränkungen
Selektivität: CBAM deckt nur bestimmte Sektoren ab. Die größten CO2-Emissionsquellen in importierten Gütern – Konsumgüter, Textil, Elektronik – sind nicht erfasst.
Scope 3: CBAM erfasst nur direkte Produktionsemissionen (Scope 1), nicht Emissionen in Lieferketten. Das lässt erhebliche Emissionen unberücksichtigt.
Implementierungskomplexität: Die Berechnung der CO2-Emissionen von Gütern in Drittländern ist komplex. Die Qualität der Emissionsdaten von Exporteuren wird zu Streit führen.
Einnahmenverwendung: Die CBAM-Einnahmen fließen in den EU-Haushalt. Forderungen, sie für Klimahilfen an Entwicklungsländer zu verwenden (die von CBAM betroffen sind), wurden bislang nicht vollständig berücksichtigt.
Ausblick
CBAM wird die globale Handelspolitik dauerhaft verändern. Es ist das erste systematische Signal, dass CO2-Emissionen in der Preisgestaltung von Gütern erscheinen müssen – nicht nur für EU-Produzenten, sondern für alle, die in den EU-Markt exportieren wollen.
Wenn das Instrument erfolgreich ist und WTO-Klagen übersteht, ist es eine Blaupause für ähnliche Mechanismen weltweit. Das wäre eine fundamentale Transformation der globalen CO2-Preisbildung – und ein enormer Schub für die Wettbewerbsfähigkeit von Low-Carbon Alternativen in allen betroffenen Sektoren.
Über den Autor:
Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital und verfolgt die Entwicklung der CO2-Bepreisung, des EU ETS und des CBAM als zentrale Marktbedingungen für naturbasierte Klimaschutzinvestments. VERDANTIS positioniert sich strategisch am Nexus von CO2-Märkten und Naturkapital.
Website: verdantis.capital | dirkroethig.com
Kontakt: dirk.roethig2424@gmail.com
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