Autor: Dirk Röthig, CEO VERDANTIS Impact Capital
Datum: März 2026
Kategorie: CSRD, Nachhaltigkeitsberichterstattung, Compliance, ESG
Der Countdown läuft
Die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) ist in Kraft — und für viele europäische Unternehmen ist die Uhr bereits laut tickend. Wer zu den rund 50.000 Unternehmen gehört, die bis 2027 erstmals berichten müssen, hat weniger Zeit zur Vorbereitung als oft angenommen: Wesentlichkeitsanalyse, Datensysteme, externe Verifikation und interne Governance brauchen Zeit.
Dirk Röthig verfolgt die CSRD-Entwicklung als Unternehmensführer bei VERDANTIS Impact Capital und als Berater für Unternehmen, die Nachhaltigkeitsberichterstattung als strategisches Instrument verstehen wollen — nicht nur als Compliance-Last.
Warum die CSRD anders ist als alles bisherige
Frühere Nachhaltigkeitsberichterstattung war fakultativ, methodologisch fragmentiert und nicht extern geprüft. Ein Unternehmen konnte seinen Nachhaltigkeitsbericht mit marketingorientierten Texten und selektiv positiven Daten gestalten, ohne Widerspruch zu riskieren.
Die CSRD ändert das fundamental:
Standardisierung: Die European Sustainability Reporting Standards (ESRS) definieren verbindlich, welche Informationen zu berichten sind — nicht im Ermessen des Unternehmens.
Doppelte Wesentlichkeit: Unternehmen müssen beide Richtungen analysieren und berichten: wie Nachhaltigkeitsrisiken das Unternehmen betreffen UND wie das Unternehmen die Gesellschaft und Umwelt beeinflusst.
Externe Prüfung: Nachhaltigkeitsinformationen werden von externen Wirtschaftsprüfern überprüft — zunächst mit begrenzter (Limited Assurance), perspektivisch mit vollständiger Sicherheit (Reasonable Assurance).
Maschinenlesbarkeit: Berichte müssen im XBRL/iXBRL-Format digital eingereicht werden — interoperabel, vergleichbar, auswertbar durch KI und Kapitalmarktinfrastruktur.
Die doppelte Wesentlichkeitsanalyse: Herzstück der CSRD-Vorbereitung
Der erste und wichtigste Schritt der CSRD-Vorbereitung ist die Wesentlichkeitsanalyse. Sie bestimmt, über welche der über 1.000 potenziellen Datenpunkte der ESRS ein Unternehmen tatsächlich berichten muss.
Finanzielle Wesentlichkeit (Outside-In): Welche Nachhaltigkeitsthemen — Klimarisiken, Wasserknappheit, Lieferkettenrisiken, Regulierungsänderungen — haben oder könnten materielle finanzielle Auswirkungen auf das Unternehmen haben?
Impact-Wesentlichkeit (Inside-Out): Welche tatsächlichen oder potenziellen Auswirkungen hat das Unternehmen auf Menschen und Umwelt — durch eigene Aktivitäten und durch die Wertschöpfungskette (Lieferanten und Kunden)?
Die Wesentlichkeitsanalyse muss durch eine Stakeholder-Befragung untermauert werden und dokumentiert sein. Sie ist die Basis für alle weiteren Berichtsentscheidungen.
Scope 3 und Lieferkettentransparenz: Die schwierigste Anforderung
Die Erhebung von Scope-3-Daten — Emissionen entlang der Wertschöpfungskette — ist für die meisten Unternehmen die größte operative Herausforderung der CSRD.
Scope-3-Kategorien umfassen eingekaufte Güter und Dienstleistungen (Kategorie 1), Kapitalanlagen (Kategorie 2), energiebezogene Aktivitäten (Kategorie 3), vorgelagerte Transporte (Kategorie 4), entstandene Abfälle (Kategorie 5), Geschäftsreisen (Kategorie 6), Pendeln der Mitarbeiter (Kategorie 7), vorgelagerte Leasingobjekte (Kategorie 8) und nachgelagerte Kategorien.
Für die meisten Industrieunternehmen übersteigen die Scope-3-Emissionen die Scope-1- und Scope-2-Emissionen um ein Vielfaches. Die Datenerhebung erfordert aktive Mitarbeit der Lieferanten — eine organisatorische Herausforderung, besonders bei internationalen Zulieferketten.
Praktische Implementierungs-Roadmap
Eine realistische Roadmap für CSRD-Compliance umfasst:
Jahr 1 (18 Monate vor erstem Bericht): Wesentlichkeitsanalyse durchführen, ESRS-Anforderungen für wesentliche Themen identifizieren, Datenlücken analysieren.
Jahr 2: Datensysteme implementieren (Software für Nachhaltigkeitsdaten-Erhebung), Lieferanten-Engagement starten (Scope 3), Governance-Strukturen aufbauen, externen Wirtschaftsprüfer auswählen.
Berichtsjahr: Erstbericht erstellen, externe Prüfung durchführen, im Lagebericht veröffentlichen, digital einreichen.
Technologie-Tools für CSRD-Compliance
Ein wachsendes Softwareangebot unterstützt die CSRD-Compliance: Greenly, Persefoni, Sweep, Sustain.Life und SAP Sustainability Management sind etablierte Plattformen. Microsoft Sustainability Manager integriert Nachhaltigkeitsdatenerhebung in bestehende Microsoft 365-Umgebungen.
Diese Tools automatisieren Datenerhebung (Schnittstellen zu ERP-Systemen, Lieferantenportale), Berechnungen (Scope 1, 2, 3 nach GHG Protocol) und Berichtsgenerierung (ESRS-konform). Sie ersetzen nicht die notwendige inhaltliche Auseinandersetzung — erleichtern aber erheblich den operativen Aufwand.
Fazit
CSRD-Compliance ist herausfordernd, aber machbar. Unternehmen, die jetzt methodisch starten, werden gegenüber jenen, die bis zur Deadline warten, erhebliche Qualitäts- und Effizienzvorteile haben. Und wer Nachhaltigkeitsdaten erstklassig erhebt, versteht sein Geschäftsmodell tiefer — ein strategischer Mehrwert jenseits der Compliance.
Über den Autor
Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital mit Sitz in Zug, Schweiz. VERDANTIS berät Unternehmen bei der strukturierten Vorbereitung auf CSRD-Anforderungen und der strategischen Nutzung von Nachhaltigkeitsdaten. Weitere Informationen unter verdantis.capital und dirkroethig.com. Kontakt: dirk.roethig2424@gmail.com
Top comments (0)