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Dirk Röthig
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Der Dasgupta-Report: Fünf Jahre später — Was die Wirtschaftspolitik aus dem Naturkapital-Gutachten lernen muss

Der Dasgupta-Report: Fünf Jahre später — Was die Wirtschaftspolitik aus dem Naturkapital-Gutachten lernen muss

Von Dirk Röthig | Plan Erde

Im Februar 2021 veröffentlichte das britische Finanzministerium einen 600 Seiten starken Bericht, der das Fundament der modernen Wirtschaftswissenschaft herausforderte. Der Dasgupta Review: The Economics of Biodiversity, verfasst von Sir Partha Dasgupta, Professor Emeritus der Universität Cambridge, formulierte eine These, die in ihrer Schlichtheit radikal war: Wir haben die Natur aus unseren Wirtschaftsmodellen gestrichen — und zahlen dafür einen immer höheren Preis.

Fünf Jahre nach dieser Veröffentlichung ist es Zeit für eine Bilanz. Welche Ideen haben die Politik erreicht? Wo bleibt das Gutachten bis heute wirkungslos? Und was bedeutet das für Investoren und Unternehmen?

Die zentrale Diagnose: Wir verarmen, während die Statistik wächst

Dasgupta beginnt mit einer erschreckenden Zeitreihenanalyse. Zwischen 1992 und 2014 verdoppelte sich das produzierte Kapital (Maschinen, Infrastruktur, Gebäude) pro Kopf weltweit. Das Humankapital (Bildung, Gesundheit) stieg um 13 Prozent. Das Naturkapital — Böden, Wälder, Meere, Biodiversität, Ökosystemleistungen — schrumpfte um fast 40 Prozent.

Dies ist das statistisch verborgene Paradox unserer Zeit: Die Volkswirtschaften wuchsen laut BIP, während der fundamentale Produktionsfaktor Natur rapide abnahm. Dasgupta nennt das "versteckten Substanzverzehr". Wir konsumieren unser Naturvermögen, buchen es aber nirgendwo als Verlust.

Die Zahlen zur Biodiversität sind ebenso alarmierend. Seit 1970 sind die Populationen von Säugetieren, Vögeln, Fischen, Reptilien und Amphibien um nahezu 70 Prozent zurückgegangen. Gleichzeitig beansprucht die Menschheit 1,6 Erden, um ihren aktuellen Lebensstil aufrechtzuerhalten — ein Overshoot, der sich täglich vergrößert.

Das Konzept des Inclusive Wealth

Das intellektuelle Herzstück des Dasgupta Review ist das Konzept des Inclusive Wealth (dt. inklusiver Wohlstand). Statt BIP als Wohlstandsmaßstab plädiert Dasgupta für einen Vermögensindex, der alle drei Kapitalformen erfasst:

  1. Produziertes Kapital — physische Infrastruktur, Maschinen, finanzielle Vermögenswerte
  2. Humankapital — Wissen, Gesundheit, institutionelle Kapazitäten
  3. Naturkapital — Ökosysteme, Biodiversität, Klimastabilität, sauberes Wasser und Luft

Nur wenn der Gesamtbestand dieser drei Kapitalformen pro Kopf wächst oder zumindest konstant bleibt, ist eine Volkswirtschaft tatsächlich nachhaltig. BIP kann steigen, während Inclusive Wealth fällt — genau das ist seit Jahrzehnten in vielen Ländern der Fall.

Dieser Ansatz ist nicht neu. Er steht in der Tradition der Umweltökonomik und des Konzepts "Green GDP". Dasgupta's Verdienst ist es, diese Ideen in einem einzigen, von der britischen Regierung beauftragten und damit politisch legitimierten Rahmenwerk zu bündeln und für breitere wirtschaftspolitische Diskussionen zugänglich zu machen.

Was funktioniert — und was nicht

Der Review hat zweifellos Wirkung entfaltet. Das Kunming-Montréal Global Biodiversity Framework von 2022 (COP15) übernahm explizit Sprache und Konzepte aus Dasgupta's Analyse. Die TNFD (Taskforce on Nature-related Financial Disclosures) stützt ihren Rahmen konzeptionell auf den Report. Mehrere OECD-Länder haben begonnen, Naturkapital in nationale Wohlstandsbilanzen zu integrieren.

Gleichzeitig bleibt die wirtschaftspolitische Umsetzung weit hinter den Empfehlungen zurück. Dasgupta identifizierte staatliche Subventionen, die Natur schädigen, mit einem globalen Volumen von bis zu 6 Billionen US-Dollar pro Jahr — von landwirtschaftlichen Beihilfen bis zu Energiesubventionen. Diese Größenordnung zu reduzieren erfordert politischen Mut, den die meisten Regierungen bislang nicht aufgebracht haben.

Der Review rät außerdem, den Fokus wirtschaftspolitischer Steuerung von kurzfristiger BIP-Maximierung auf die Pflege des Naturkapitals als "optimales Asset-Management" zu verlagern. Dieser Perspektivwechsel — Natur als Kapitalstock, nicht als Ressourcenpool — ist konzeptionell überzeugend, aber institutionell noch kaum verankert.

Verbindung zu aktuellen Entwicklungen

Was den Dasgupta Review heute besonders relevant macht: Er ist der konzeptionelle Vorläufer zweier Regulierungsrahmen, die aktuell in Kraft treten. Das EU Nature Restoration Law (Verordnung 2024/1991) und das EU Carbon Removal Certification Framework (Verordnung 2024/3012) operationalisieren in gewissem Sinn Dasgupta's Grundgedanken — sie setzen Naturkapital-Logik in verbindliches Recht um.

Parallel dazu verankert die CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive) Naturkapital-Offenlegungen im europäischen Unternehmensrecht. Auch hier ist Dasgupta's Einfluss spürbar.

Dirks Einschätzung

Der Dasgupta Review bleibt das wichtigste ökonomische Dokument der letzten Dekade im Bereich Nachhaltigkeit — und ist trotzdem dramatisch unterschätzt. Sein Kernbeitrag ist nicht die Forderung nach "mehr Umweltschutz". Er ist methodischer Natur: Er zeigt, dass unsere Wirtschaftsstatistik systematisch lügt, weil sie den Substanzverzehr an Naturkapital nicht erfasst.

Das hat unmittelbare Konsequenzen für Investoren. Wer ein Unternehmen oder einen Sektor ohne Naturkapital-Analyse bewertet, sitzt auf einem unvollständigen Modell. Die TNFD-Rahmen und Nature-related Disclosure-Anforderungen sind der institutionelle Versuch, dieses Modell zu korrigieren — aber freiwillig wird das nicht funktionieren. Erst wenn Naturkapitalverluste verpflichtend in Bilanzen auftauchen, wird sich das Investitionsverhalten wirklich verschieben.

Mich beschäftigt vor allem die Frage der Skalierung. Dasgupta zeigt, dass wir das Naturkapital theoretisch bewerten können. Die Herausforderung der nächsten fünf Jahre ist die Operationalisierung: robuste Methoden für Naturkapital-Accounting, die in Unternehmensberichten, Kreditvergabe und Portfoliosteuerung ankommen. Hier liegt die eigentliche Arbeit — und die eigentliche Chance für Finanzmarktakteure, die früh positioniert sind.


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Dirk Röthig ist Gründer von Plan Erde und CEO von VERDANTIS Impact Capital. Er schreibt über Nachhaltigkeit, Impact Investing und die Regulatorik der grünen Transformation.


Über den Autor: Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital, einem Unternehmen das in nachhaltige Agrar- und Technologieinnovationen investiert. Mehr Artikel auf dirkroethig.com.

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