Autor: Dirk Röthig, CEO VERDANTIS Impact Capital
Datum: März 2026
Kategorie: Carbon Markets, EU ETS, CO2-Preis, Klimapolitik
Wenn CO2 einen Preis bekommt
Das Kernprinzip des Emissionshandels ist elegant: Wenn CO2-Emissionen etwas kosten, werden Unternehmen Anreize haben, sie zu reduzieren. Das EU-Emissionshandelssystem (EU ETS) ist seit 2005 in Betrieb — heute das weltweit größte und am weitesten entwickelte Carbon-Pricing-System.
Dirk Röthig verfolgt die Entwicklung des EU ETS als direkten Einflussfaktor auf den Wert von CO2-Zertifikaten, die VERDANTIS Impact Capital in seinen Agroforstprojekten generiert. Ein höherer ETS-Preis bedeutet höhere Nachfrage nach Offset-Zertifikaten — und damit bessere Finanzierungsgrundlage für naturbasierte Lösungsprojekte.
Wie das EU ETS funktioniert
Das EU ETS funktioniert nach dem Cap-and-Trade-Prinzip: Eine Gesamtmenge (Cap) an zulässigen Emissionen wird festgelegt. Unternehmen erhalten oder kaufen Emissionsberechtigungen (EUAs — EU Allowances) und müssen für jede tatsächlich emittierte Tonne CO2-Äquivalent eine EUA abgeben. Wer weniger emittiert als berechtigt, kann überschüssige Zertifikate verkaufen; wer mehr emittiert, muss kaufen.
Durch schrittweise Absenkung des Caps werden die Zertifikate knapper — und damit im Preis steigend.
Das EU ETS deckt aktuell die Sektoren Strom und Wärme, energieintensive Industrie (Stahl, Zement, Glas, Papier, Chemie) und Luftfahrt ab — zusammen rund 40 Prozent der EU-Gesamtemissionen.
Die Preisgeschichte des CO2
Seit der Einführung 2005 hat der EUA-Preis eine turbulente Geschichte:
2005-2007: Überallokation führte zu einem Zusammenbruch des Preises auf quasi null. 2009-2012: Wirtschaftskrise reduziert Emissionen, Preis fällt. 2013-2017: Strukturreform-Diskussionen, Preis schwankt zwischen 4 und 8 Euro. 2019-2021: Neue Reformmaßnahmen (Market Stability Reserve) treiben Preis auf 30-50 Euro. 2022: Preis erreicht historisch 98 Euro/Tonne. 2023-2025: Nach Volatilität stabilisiert sich der Preis bei 55-75 Euro/Tonne.
Prognosen des European Energy Exchange (EEX, 2025) und verschiedener Investment Banks sehen den EUA-Preis bis 2030 bei 100-150 Euro/Tonne — getrieben durch ambitioniertere Cap-Absenkung im Rahmen "Fit for 55" und des EU Green Deal.
ETS Phase 4 und Sektoral-Erweiterung
Ab 2024/2026 wird das EU ETS auf neue Sektoren ausgeweitet:
ETS II (ab 2027): Erstmals werden Straßenverkehr und Gebäude in ein eigenes Emissionshandelssystem integriert. Das betrifft direkt Heizöl, Erdgas und Kraftstoffe für Privathaushalte und KMU — mit unmittelbaren Preiswirkungen auf Energiekosten.
CBAM (Carbon Border Adjustment Mechanism): Ab 2026 müssen Importeure bestimmter Waren (Stahl, Aluminium, Zement, Dünger, Strom) für die eingebetteten CO2-Emissionen zahlen — ein Mechanismus, der Produktionsverlagerung in weniger regulierte Länder ("Carbon Leakage") verhindern soll.
Freiwilliger Kohlenstoffmarkt und EU ETS
Während das EU ETS ein Compliance-System ist (Unternehmen sind gesetzlich verpflichtet), gibt es parallel den freiwilligen Kohlenstoffmarkt (Voluntary Carbon Market, VCM), in dem Unternehmen freiwillig CO2-Zertifikate kaufen, um ihre Emissionen "zu kompensieren".
VERDANTIS Impact Capital entwickelt Projekte primär für den VCM — nach Standards wie Verra VCS oder Gold Standard. Die Preise im VCM liegen aktuell deutlich unter ETS-Preisen (5-50 USD/Tonne je nach Projektqualität), aber qualitativ hochwertige naturbasierte Lösungen mit Co-Benefits erzielen steigende Prämien.
Die Europäische Kommission hat 2024 den EU Carbon Removal Certification Framework (CRCF) verabschiedet, der naturbasierte CO2-Entnahmen zertifizieren soll — ein potenzieller Wegbereiter für eine ETS-Verknüpfung von Kohlenstoffentnahme-Projekten.
Implikationen für Investoren und Unternehmen
Für Unternehmen, die unter ETS fallen: CO2 als Bilanzposition ernst nehmen, Dekarbonisierungspfade planen, Abschreibungsrisiken für emissionsintensive Assets einpreisen. Für Investoren: Carbon-Preisrisiken in Portfoliobewertung integrieren — insbesondere bei Engagements in Öl & Gas, Stahl, Zement und Luftfahrt.
Für Investoren in naturbasierte Lösungen (wie VERDANTIS): Steigende ETS-Preise erhöhen den Wert hochwertiger CO2-Zertifikate auch im VCM und schaffen stärkere Nachfrage für naturbasierte Projekte.
Fazit
Der EU-Emissionshandel hat sich von einem misslungenen Experiment zu einem globalen Policy-Vorbild entwickelt. Steigende CO2-Preise werden Wirtschaft und Gesellschaft transformieren — und Investitionschancen für diejenigen schaffen, die frühzeitig auf der richtigen Seite des CO2-Preises positioniert sind.
Über den Autor
Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital mit Sitz in Zug, Schweiz. VERDANTIS entwickelt Agroforstprojekte, die im Umfeld steigender CO2-Preise attraktive Renditen durch verifizierte Carbon Credits generieren. Weitere Informationen unter verdantis.capital und dirkroethig.com. Kontakt: dirk.roethig2424@gmail.com
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