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Dirk Röthig
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Forest Gardens: Essbarer Wald als Landwirtschaft der Zukunft

Autor: Dirk Röthig, CEO VERDANTIS Impact Capital
Datum: 17. April 2026
Kategorie: Agroforst / Regenerative Landwirtschaft


Was wäre, wenn der Wald nicht Gegenteil der Landwirtschaft wäre, sondern ihr Modell? Diese Frage steht hinter dem Konzept des Forest Garden – eines gestalteten, essbaren Ökosystems, das die Struktur eines Waldes nachahmt, aber gleichzeitig Nahrung, Medizin und Rohstoffe produziert. Es ist ein uraltes Konzept und gleichzeitig eine der innovativsten Antworten auf die Frage, wie Landwirtschaft in einer Welt mit schrumpfendem Ackerboden und wachsender Bevölkerung aussehen könnte.

Was ist ein Forest Garden?

Ein Forest Garden (auf Deutsch: Waldgarten oder essbarer Wald) ist ein mehrschichtiges, weitgehend sich selbst regulierendes Agrarsystem, das die natürliche Schichtstruktur des Waldes für menschliche Zwecke nutzt. Im Gegensatz zu Monokulturen oder even conventional Agroforstsystemen, die primär auf eine oder zwei Produktionsebenen fokussieren, arbeitet der Forest Garden auf sieben oder mehr Schichten:

  1. Baumkronenschicht (Canopy): Große Obstbäume (Apfel, Birne, Kirsche, Walnuss) oder Nussbäume als obere Ebene
  2. Unterbaum-Schicht: Kleinere Obstbäume, Servicebeeren, Feigen
  3. Strauchschicht: Johannisbeeren, Stachelbeeren, Holunder, Hasel
  4. Kräuter-/Staudenebene: Ausdauernde Gemüse und Heilkräuter (Topinambur, Artischocke, Waldstaudensalat)
  5. Bodendeckerschicht: Niedrige Pflanzen, die Boden bedecken und schützen
  6. Kletterpflanzen-Schicht: Kletternde Nahrungspflanzen (Hopfen, Actinidia, Geißblatt)
  7. Rhizosphäre (Wurzelschicht): Unterirdische Ernte (Meerrettich, Pastinak, Topinambur)
  8. Teich/Wasserelemente (optional): Integration von Fisch und Wasserlinsen

Geschichte und kulturelle Wurzeln

Forest Gardens sind kein neues Konzept. Sie haben tiefe historische Wurzeln in tropischen Gesellschaften. Die traditionellen "home gardens" in Kerala (Indien), die "tembawang"-Waldgärten der Dayak in Borneo oder die "huerto"-Gärten in Zentralamerika sind alle Forest-Garden-Systeme, die seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden intensiv genutzt werden.

In der westlichen Welt wurde das Konzept maßgeblich durch Robert Hart geprägt, der in den 1960er Jahren in Shropshire (England) das erste dokumentierte Forest Garden Europas entwickelte und damit die moderne Waldgartenbewegung initiierte. Bill Mollison und David Holmgren integrierten Forest Gardens als zentrales Konzept in die Permaculture-Bewegung.

Heute ist das Konzept Teil einer breiteren Renaissance des Agroforstes – getrieben durch Klimawandelbewusstsein, Interesse an Nahrungssouveränität und wachsende wissenschaftliche Evidenz über die Überlegenheit diverser Anbausysteme.

Ökologische Leistungen

Die ökologischen Vorteile von Forest Gardens sind außergewöhnlich vielfältig.

Biodiversität: Forest Gardens sind die biodiversesten von Menschen gestalteten Ökosysteme. Die strukturelle Komplexität – multiple Schichten, vielfältige Blütezeiten, unterschiedliche Habitattypen – schafft Lebensraum für eine Vielfalt von Tier- und Pflanzenarten, die in Monokulturen undenkbar ist. Eine Studie des Internationalen Zentrums für Agroforschung (ICRAF, 2023) documentierte in tropischen Forest Gardens dreimal mehr Vogelarten als in benachbarten Monokulturen.

Bodengesundheit: Permanente Bodenbedeckung, vielfältige Wurzelsysteme und kontinuierliche organische Einträge (Laub, abgestorbene Äste, Früchte) bauen Boden auf, statt ihn abzubauen. Forest-Garden-Böden zeigen nach 10-20 Jahren typischerweise signifikante Zunahmen an organischer Substanz, Wasserhaltevermögen und mikrobieller Aktivität.

Kohlenstoffbindung: Forest Gardens binden Kohlenstoff sowohl in der Biomasse (Baumstämme, Äste, Wurzeln) als auch im Boden (Humusaufbau). Je nach Klimazone und Systemreife können Forest Gardens 5-15 Tonnen CO2/ha/Jahr sequestrieren – vergleichbar mit intensiven Agroforstprojekten.

Wasserresilienz: Die Kombination aus tiefen Wurzeln (die Wasser aus dem Unterboden erschließen), Beschattung (die Verdunstung reduziert) und Mulchschichten (die Wasser im Boden halten) macht Forest Gardens außergewöhnlich trockenheitstolerant. In der Hitze des Sommers 2022 produzierten Forest-Garden-Betriebe in Südengland, als konventionelle Gemüsebetriebe erhebliche Ernteverluste berichteten.

Dirk Röthig beleuchtet das Investitionspotenzial: "Forest Gardens sind das Paradebeispiel von Systemdenken in der Landwirtschaft. Sie produzieren nicht eine Sache gut – sie produzieren viele Dinge gleichzeitig und verbessern dabei ihren eigenen Boden. Das ist ein Geschäftsmodell, das mit jeder Iteration besser wird."

Wirtschaftliche Dimension

Forest Gardens bieten ein reichhaltiges, aber wenig standardisiertes Produktportfolio. Das ist eine Stärke (Diversifizierung, Premiumpreise für seltene Sorten) und eine Schwäche (erschwerte Vermarktung, mangelnde Skalierbarkeit für Supermarktlogistik).

Die wirtschaftlich erfolgreichen Forest-Garden-Betriebe verfolgen typischerweise:

Direktvermarktung: Farm Shops, Märkte, CSA-Boxen (Community Supported Agriculture). Verbraucher zahlen Premiumpreise für Vielfalt, Herkunftstransparenz und Erlebnisqualität.

Agrotourismus: Forest Gardens sind erlebnisreiche Orte. Führungen, Kochkurse, Workshops generieren Zusatzeinnahmen. In Großbritannien erzielen etablierte Forest-Garden-Betriebe 20-40% ihrer Einnahmen aus Bildungs- und Tourismusangeboten.

Spezialsorten: Forest Gardens ermöglichen den Anbau von Sorten (alte Apfelsorten, seltene Beeren, ungewöhnliche Kräuter), die in der industriellen Landwirtschaft nicht verfügbar sind – und für die Spezialitätenläden und Restaurants Premiumpreise zahlen.

VERDANTIS: Forest Gardens als Impact-Segment

VERDANTIS Impact Capital betrachtet Forest Gardens als Teil eines breiten Agroforst-Portfolios. Als Einzelbetrieb-Investment sind Forest Gardens interessant – als institutionelles Investment komplexer zu strukturieren, weil die Standardisierung fehlt.

Strategisch interessant ist die Kombination: Schnellwachsende Arten (Paulownia, Erle) liefern frühe CO2-Erträge und schützen die langsamwachsenden Edelholz- und Obstbaumarten in der frühen Etablierungsphase. Das verkürzt die Break-Even-Zeit erheblich.

Harvard: Forest Gardens als Klimaschutz-Option

Forscher des Harvard Forest haben in einer Publikation (2024) Forest Gardens als eine der am häufigsten übersehenen Nature-Based Solutions für Klimaschutz identifiziert. Im Vergleich zu reinen Aufforstungsprojekten bieten Forest Gardens zusätzliche Nahrungssicherheitsleistungen, höhere Biodiversität und eine tiefere Einbindung lokaler Gemeinschaften – Faktoren, die die langfristige Persistenz des Kohlenstoffs wahrscheinlicher machen.

Ausblick

Forest Gardens werden nicht die industrielle Landwirtschaft ersetzen. Aber sie können in bestimmten Kontexten – kleine bis mittlere Betriebe, Grenzlagen, periurbane Räume, Bildungsflächen – ein überlegenes Modell sein. Die Frage ist, ob Agrarpolitik und Fördersysteme beginnen, diese Überlegenheit anzuerkennen und zu honorieren.

In Europa zeigen die Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik und die Biodiversitätsstrategie in die richtige Richtung. Der Weg von der Nische zum Mainstream wird noch Zeit brauchen – aber er ist vorgezeichnet.


Über den Autor:
Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital, das naturbasierte Klimaschutzlösungen und regenerative Landwirtschaft als Impact-Investments strukturiert. Er beschäftigt sich mit dem Wert biodiverser Anbausysteme für Klima, Gesellschaft und Investoren.
Website: verdantis.capital | dirkroethig.com
Kontakt: dirk.roethig2424@gmail.com

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