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Dirk Röthig
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Generationenwechsel im Mittelstand: Eine Billion Euro sucht Nachfolger

Autor: Dirk Röthig, CEO VERDANTIS Impact Capital
Datum: März 2026
Kategorie: Unternehmensnachfolge, Mittelstand, M&A, Demographie


Die stille Welle

Zwischen 2025 und 2035 stehen in Deutschland zwischen 150.000 und 200.000 mittelständische Unternehmen vor einem Generationenwechsel — gesammelte Wertschöpfung, Arbeitsplätze und Know-how in einer Größenordnung, die schwer vorstellbar ist. Dirk Röthig sieht diese Entwicklung als eine der größten M&A-Opportunitäten und gleichzeitig eine der kritischsten Stabilitätsrisiken für den deutschen Mittelstand.

Das Institut für Mittelstandsforschung Bonn (IfM, 2025) schätzt das betroffene Unternehmensvolumen auf über 1,2 Billionen Euro Jahresumsatz. Die KfW Research (2025) hat erhoben, dass rund 580.000 Unternehmer über 60 in den nächsten 5 Jahren die Übergabe planen — oder ungeplant vornehmen müssen.


Warum die Nachfolge scheitert

Die familieninterne Nachfolge — klassisch vom Vater auf den Sohn oder die Tochter — funktioniert seltener als früher. Gründe:

Demografischer Wandel: Kleinere Familien bedeuten weniger potenzielle Nachfolger. Söhne und Töchter von Unternehmern streben häufiger eigene Karrierewege an, statt das Erbe zu übernehmen.

Komplexitätszunahme: Unternehmen sind komplexer geworden — internationaler, digitalisierter, regulierter. Die Hürde, ein Unternehmen zu übernehmen und erfolgreich fortzuführen, ist gestiegen.

Kapitalbedarf: Gerade in personalintensiven Branchen oder Unternehmen mit veralteter Infrastruktur ist der Investitionsbedarf bei Übernahme erheblich. Familieninterne Nachfolger haben selten das nötige Kapital.

Das IfM (2025) berichtet, dass nur noch 42 Prozent der geplanten Übergaben familienintern stattfinden — gegenüber über 65 Prozent vor 15 Jahren.


Externe Nachfolge: Chancen für Manager und Investoren

Die Lücke zwischen Übergabebedarf und familieninterner Nachfolge öffnet erhebliche Chancen für externe Nachfolger — sowohl für Manager mit Kaufinteresse als auch für Investoren.

Management Buy-In (MBI): Eine Führungskraft von außen übernimmt das Unternehmen, oft mit Unterstützung eines Private-Equity- oder Family-Office-Investors. Dieser Weg ermöglicht es erfahrenen Managern, unternehmerisch tätig zu werden, ohne von null aufzubauen.

Private Equity: Klassische PE-Fonds und zunehmend auch mittelstandsfokussierte "Mittelstandsfonds" kaufen Unternehmen im Nachfolgeszenario, professionalisieren Strukturen und revitalisieren das Wachstum. Der Bundesverband Beteiligungskapital (BVK, 2025) berichtet von einem Rekordhoch bei Mittelstands-PE-Investitionen.

Strategische Käufer: Größere Unternehmen aus derselben Branche oder Wertschöpfungskette übernehmen Mittelständler als Wachstumsvehikel oder zur Kapazitätsausweitung.


Bewertung und Kaufpreis: Was ist ein Mittelständler wert?

Die Bewertung mittelständischer Unternehmen in Nachfolgeszenarien folgt anderen Logiken als börsennotierte Konzerne. Gängige Methoden sind das EBITx-Multiplikator-Verfahren (typischerweise 4-8x EBIT je nach Branche und Marktposition) und das DCF-Verfahren.

Besondere Bewertungsrisiken bei Nachfolgeszenarien: Abhängigkeit vom bisherigen Unternehmer (wenn der Firmengründer die wichtigsten Kundenkontakte besitzt, sinkt der Wert bei seinem Ausscheiden), mangelnde Dokumentation von Prozessen und implizitem Wissen sowie Altlasten in Technik und Belegschaft.


Steuerliche Aspekte: Das Finanzamt als Stolperstein

Die steuerliche Behandlung der Unternehmensnachfolge ist in Deutschland komplex. Die Erbschaft- und Schenkungsteuer kann bei nicht optimaler Gestaltung zu erheblichen Liquiditätsabflüssen führen — in extremen Fällen erzwingt sie den Verkauf von Unternehmensanteilen zur Steuerbegleichung.

Das Erbschaftsteuergesetz sieht Begünstigungen für Betriebsvermögen vor (§§ 13a, 13b ErbStG). Diese sind an Lohnsummen- und Behaltefristen geknüpft. Eine frühzeitige steuerliche Planung — idealerweise 5-10 Jahre vor der geplanten Übergabe — kann erhebliche Steuerlasten vermeiden.


Digitalisierung als Wertfaktor

Unternehmen mit modernen, skalierbaren Digitalprozessen erzielen bei Nachfolgeregelungen signifikant höhere Bewertungen. Investoren und externe Nachfolger bewerten die Digitalisierungsreife als Proxy für Zukunftsfähigkeit.

Für Unternehmer, die in den nächsten 5-10 Jahren übergeben wollen, empfiehlt sich daher: Heute in Digitalisierung investieren, nicht erst wenn der Nachfolger vor der Tür steht. Jeder Euro in ERP-Modernisierung, Prozessautomatisierung und datenbasiertem Management zahlt sich bei der Bewertung mehrfach aus.


Fazit

Der Generationenwechsel im deutschen Mittelstand ist eine der prägendsten wirtschaftlichen Entwicklungen der nächsten Dekade. Für Unternehmer, Manager und Investoren, die die Dynamiken verstehen, bietet er außergewöhnliche Chancen — für jene, die ihn ignorieren, erhebliche Risiken.


Über den Autor

Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital mit Sitz in Zug, Schweiz. VERDANTIS begleitet Unternehmenstransaktionen und Kapitalmarktfragen im mittelständischen Segment. Weitere Informationen unter verdantis.capital und dirkroethig.com. Kontakt: dirk.roethig2424@gmail.com

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