Autor: Dirk Röthig, CEO VERDANTIS Impact Capital
Datum: 29. April 2026
Kategorie: Grundlagenforschung / Erneuerbare Energien
Die Erde ist ein glühender Planet. Ihr Inneres – ein Eisenkern bei Temperaturen bis zu 5.400°C – erzeugt einen konstanten Wärmestrom an die Oberfläche. Geothermie nutzt diese Wärme: für Heizung, Kühlung und Stromerzeugung. In Island deckt Geothermie 90% des Wärmebedarfs und 30% des Strombedarfs. In Kenia, Mexiko und Neuseeland ist Geothermie ein wichtiger Bestandteil des Strommixes. Und in Europa, wo der Untergrund weniger vulkanisch aktiv ist, verspricht eine neue Generation von Geothermie-Technologien einen Durchbruch: Enhanced Geothermal Systems (EGS), die theoretisch überall funktionieren.
Grundlagen: Wie funktioniert Geothermie?
Geothermische Energie nutzt die Temperaturunterschiede zwischen der Erdoberfläche und tieferen Gesteinsschichten. Das Grundprinzip ist einfach: Wasser wird in heiße Gesteinsformationen gepumpt, dort erhitzt und an die Oberfläche zurückgeführt. Die Wärme wird entweder direkt genutzt (Fernwärme) oder zur Stromerzeugung verwendet (Dampfturbinen).
Es gibt drei Hauptkategorien:
Hydrothermale Systeme: Natürlich vorkommende heiße Quellen und geothermische Reservoire mit ausreichend durchlässigem Gestein und Wasser. Typisch für vulkanisch aktive Regionen (Island, Philippinen, Kenia, Neuseeland, USA/Yellowstone).
Petrothermale Systeme (EGS): In Gebieten ohne natürliche hydrothermale Systeme wird Gesteinspermeabilität künstlich erzeugt. Durch hydraulische Stimulation (ähnlich wie "Fracking", aber in deutlich tieferen Schichten und für andere Zwecke) werden Risse im Gestein erzeugt, durch die Wasser zirkulieren kann. Das ist die Kerntechnologie für weltweite Skalierung.
Geothermische Wärmepumpen: Nutzen die konstante Temperatur des oberflächennahen Untergrunds (10-15°C) für Heiz- und Kühlzwecke. Kein Bohren in mehrere Kilometer Tiefe nötig – aber keine Stromerzeugung möglich.
EGS: Die Revolution des tiefen Untergrunds
Enhanced Geothermal Systems sind der Heilige Gral der Geothermie: Strom aus der Erde, überall und zu jeder Zeit, ohne auf vulkanische Aktivität angewiesen zu sein.
Das Prinzip: Zwei (oder mehr) Bohrlöcher werden in Tiefen von 3-10 km gebohrt, wo die Gesteinstemperatur 150-300°C erreicht. Durch hydraulische Stimulation werden Kluftnetzwerke im Gestein geöffnet, die als unterirdischer Wärmetauscher fungieren. Kaltes Wasser wird eingepumpt, fließt durch die Klüfte, erhitzt sich und steigt im zweiten Bohrloch wieder auf.
Fervo Energy (USA): Das bisher erfolgreichste kommerzielle EGS-Unternehmen. 2023 schloss Fervo das erste EGS-Projekt in Utah ab, das kontinuierlich 3,5 MW in das Nevada-Netz einspeist. Google hat einen langfristigen Strombezugsvertrag mit Fervo geschlossen – ein Signal, dass Technologieunternehmen EGS als verlässliche Strombasis betrachten.
Quaise Energy: Noch ambitionierter – statt konventionellem Bohren nutzt Quaise Millimeterwellen-Energie (von Gyrotron-Systemen), um Gestein auf Bohrlochtemperatur zu erhitzen und zu verdampfen. Theorie: 20-30 km tiefe Bohrlöcher in Wochen statt Monaten. Noch im experimentellen Stadium, aber technologisch faszinierend.
MIT-Forschung: Das MIT hat in einer viel beachteten Studie (2007, aktualisiert 2023) das globale EGS-Potenzial auf über 100.000 EJ quantifiziert – mehrfach das 500-fache des globalen Jahresenergieverbrauchs. Das Problem ist nicht das Potenzial – es ist die Technik, dieses Potenzial zuverlässig und wirtschaftlich zu erschließen.
Forscher der Harvard John A. Paulson School of Engineering haben in einer Technologiebewertung (2024) EGS als "bottleneck technology" beschrieben: Die physikalischen Grundlagen sind solide, aber Bohrkosten, Langzeitstabilität der stimulierten Kluftnetzwerke und Seismizitätsrisiken bleiben ungelöste Herausforderungen.
Dirk Röthig kommentiert: "EGS ist für Investoren eines der spannendsten Cleantech-Themen der Dekade. Wenn es funktioniert – und erste Projekte zeigen, dass es kann – dann ist Geothermie nicht mehr an Standorte gebunden. Das verändert alles."
Island als Modell
Kaum ein Land zeigt das Potenzial von Geothermie so überzeugend wie Island. Die Hauptstadt Reykjavik wird vollständig mit geothermischer Fernwärme beheizt. Das Hellisheiði-Kraftwerk mit 303 MW Wärme und 303 MW Strom ist eines der größten Geothermiekraftwerke der Welt.
Der ökologische Fußabdruck: Geothermische Strom- und Wärmeerzeugung emittiert im Lebenszyklus ca. 15-55 g CO2/kWh – unter Windkraft (7-15 g) aber deutlich unter Erdgas (490 g) oder Kohle (820 g). In Island, wo das Geothermalsystem CO2 aus dem Untergrund mit aufsteigen lässt, wird ein Teil davon durch das CarbFix-Projekt wieder in Basaltgestein mineralisiert – eine direkte Kohlenstoffabscheidung aus der Luft.
Geothermie in Europa
Mitteleuropa hat zwar keine Vulkane, aber erhebliches geothermisches Potenzial. Der Norddeutsche Becken, das Münchener Umland und das Oberrheingraben sind bekannte geothermische Zonen.
München hat die ambitioniertesten Geothermie-Pläne in Deutschland: Die Stadtwerke München wollen bis 2040 die gesamte Münchner Fernwärmeversorgung auf Geothermie umstellen. Bereits in Betrieb sind mehrere Geothermiewerke (Sauerlach, Kirchstockach, Dürrnhaar), die gemeinsam über 130 MW Wärme liefern.
In der Schweiz hat ein Geothermie-Projekt in Basel 2006 durch induzierte Seismizität (Erdbeben bis M 3.4) für Aufruhr gesorgt und wurde gestoppt. Das hat die Schweizer Geothermie-Entwicklung auf Jahre verzögert. Die Technologie ist seither erheblich weiterentwickelt worden, aber das Vertrauen der Bevölkerung wurde beschädigt.
Herausforderungen
Bohrkosten: Tiefenbohrungen (>4 km) kosten 5-30 Millionen Euro pro Bohrloch – ein wesentlicher Kostentreiber. Die Ölgas-Industrie hat in diesem Bereich Jahrzehnte der Entwicklung investiert. Geothermie profitiert von diesen Lernkurven, aber die Anforderungen (härte Gestein, höhere Temperaturen, andere Chemie) unterscheiden sich.
Induzierte Seismizität: Hydraulische Stimulation kann kleine bis mittlere Erdbeben verursachen. Das Risiko ist manageable, aber erfordert sorgfältige Standortauswahl und Monitoring.
Langzeitstabilität: Stimulierte Kluftnetzwerke können sich im Lauf der Zeit schließen, wodurch die Permeabilität sinkt. Langzeitdaten über mehrere Jahrzehnte fehlen noch für viele EGS-Konfigurationen.
Ausblick
Geothermie ist unterinvestiert und unterschätzt. Im globalen Energiemix spielt sie heute eine marginale Rolle – aber das Potenzial ist immens. Mit sinkenden Bohrkosten (durch Entwicklungen aus dem Öl-Gas-Sektor), verbesserter Stimulationstechnik und wachsender kommerzieller Erfahrung aus Projekten wie Fervo hat EGS das Potenzial, in der nächsten Dekade einen ernsthaften Beitrag zur Energiewende zu leisten.
Für Impact-Investoren ist Geothermie besonders interessant als Basislaststrom-Ergänzung zu volatiler Solar- und Windenergie – und als eine der wenigen Energiequellen, die weltweit nahezu standortunabhängig funktionieren kann, wenn EGS kommerziell reif wird.
Über den Autor:
Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital und verfolgt Entwicklungen in der Energietechnologie als Grundlage für nachhaltige Investmentstrategien und Dekarbonisierungslösungen.
Website: verdantis.capital | dirkroethig.com
Kontakt: dirk.roethig2424@gmail.com
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