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Dirk Röthig
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Mycelium Materials: Pilze als Werkstoff der Zukunft

Autor: Dirk Röthig, CEO VERDANTIS Impact Capital
Datum: 8. Mai 2026
Kategorie: Agroforst / Biomaterialien


Polystyrol – das weiße Schaumstoff-Material, das Kühlschränke und Elektronikartikel verpackt – ist eines der größten Plastikprobleme der Welt. Es zerfällt nicht, es verschmutzt Ozeane und Böden für Jahrhunderte. Und es hat einen nahezu perfekten biologischen Ersatz, der gleichzeitig CO2 speichert, bioabbaubar ist und aus landwirtschaftlichen Abfällen hergestellt werden kann: Pilzmyzel. Die Geburt einer neuen Materialklasse.

Was sind Mycelium Materials?

Mycelium ist das Wurzelnetz von Pilzen – ein dichtes, faseriges Geflecht aus Hyphen, das Pilze nutzen, um sich durch Substrate zu bewegen und Nahrung aufzunehmen. Wenn Myzel auf Lignocellulose-Substraten (Holzchips, Reisschalen, Hanfschäben, Baumwollabfälle) wächst, vernetzt es die Partikel zu einem festen, leichten, integrierten Material.

Durch Steuerung von Substrat, Wachstumsbedingungen und anschließende thermische Behandlung (Erhitzen zum Abtöten des Myzels) können die mechanischen Eigenschaften des resultierenden Materials präzise gestaltet werden: weich und federnd (wie Schaumstoff) oder hart und starr (wie Holzersatz), transparent oder opak, hydrophob oder hydrophil.

Das Ergebnis: ein vollständig biologisches, kompostierbares Material, das in 30-90 Tagen im Boden vollständig abgebaut wird.

Ecovative Design: Der Pionier

Das Unternehmen Ecovative Design (USA, gegründet 2007) hat die Mycelium-Materialientechnologie kommerziell entwickelt und ist heute Weltmarktführer. Mitgründer Eben Bayer präsentierte 2010 auf der TED-Konferenz die Idee und gewann danach sofort die Aufmerksamkeit von Verpackungsherstellern.

Ecovative produziert unter dem Markennamen "Mushroom® Packaging" kompostierbare Verpackungsmaterialien für Dell, IKEA und andere Großkunden. Die Herstellung: Landwirtschaftliche Reststoffe (z.B. Maiskolben) werden mit Pilzmyzel beimpft und in Formen gefüllt. Nach 5-7 Tagen Wachstum bei Raumtemperatur füllt das Myzel die gesamte Form aus. Erhitzen tötet das Myzel ab und stoppt das Wachstum – das Material ist fertig.

Heute produziert Ecovative nicht nur Verpackungen, sondern auch:

  • Mycelium-Leder (Bolt Threads, Ecovative-Sublicenz): Hautähnliches Material für Schuhe, Taschen, Möbel
  • Akustikplatten: Mycelium-Materialien absorbieren Schallwellen sehr effizient
  • Bauisolierungsplatten: Versuche mit myzelbasierten Dämmmaterialien

Ökologische Bilanz

Die ökologischen Vorteile von Mycelium Materials gegenüber konventionellen Kunststoffen sind erheblich.

CO2-Bilanz: Polystyrol emittiert ca. 3,0-4,5 kg CO2-Äquivalente pro kg Herstellung (fossil). Mycelium-Materialien emittieren je nach Studie 0,1-1,0 kg CO2-Äquivalente pro kg – und wenn das Substrat landwirtschaftliche Reststoffe sind, die sonst verbrannt würden, kann die Bilanz sogar negativ werden.

Entsorgung: Polystyrol persistiert Hunderte von Jahren. Mycelium Materials kompostieren in 30-90 Tagen vollständig. Keine Mikroplastik-Rückstände.

Flächennutzung: Hergestellt aus Agrar-Reststoffen, die sonst keine oder niedrige Nutzung haben – null Flächenkonkurrenz zu Nahrungsmitteln.

Wasserverbrauch: Myzelwachstum benötigt sehr wenig Wasser im Vergleich zu konventionellen Materialien.

Forscher der Harvard John A. Paulson School of Engineering haben in einer Vergleichsstudie (2024) Mycelium-Verpackung mit EPS (expandiertem Polystyrol) in 15 Kategorien verglichen. In 13 von 15 Kategorien schnitt Mycelium besser ab. Einzige Nachteile: leicht höheres Gewicht und (aktuell noch) höhere Produktionskosten.

Dirk Röthig sieht den Zusammenhang zu VERDANTIS: "Paulownia-Holzschnitzel und andere Agroforst-Reststoffe sind ideale Substrate für Pilzwachstum – sei es für Speisepilze oder für Mycelium-Materialproduktion. Das ist wieder Kreislaufwirtschaft: alles, was aus dem Boden kommt, geht sinnvoll zurück."

Weitere Anwendungsfelder

Mycelium-Leder: Bolt Threads' "Mylo"-Material (auf Mycelium-Basis) wird von Stella McCartney, Lululemon und Adidas in Kollektionen verwendet. Das Material sieht und fühlt sich wie hochwertiges Leder an, ist vollständig tierfreies und kompostierbar. Herausforderung: aktuell noch deutlich teurer als konventionelles Leder.

Bauen: Mycelium-Ziegel – gefügt aus Myzel-gebundenen Materialien – wurden von Architekten in Installationen und experimentellen Bauwerken verwendet (das bekannteste: der "Hy-Fi"-Tower auf dem MoMA PS1-Courtyard 2014). Brandschutz und Feuchteresistenz sind Herausforderungen für konstruktive Verwendung.

Akustikplatten: Mycelium-Panels absorbieren Schall in einem breiten Frequenzspektrum sehr effizient. Erste kommerzielle Produkte für Büros und Studios sind verfügbar.

Herausforderungen auf dem Weg zur Skalierung

Standardisierung: Mycelium-Materialien haben je nach Pilzart, Substrat und Produktionsbedingungen sehr unterschiedliche Eigenschaften. Für industrielle Anwendungen brauchen Kunden reproduzierbare, spezifizierte Materialien.

Kosten: Aktuelle Produktionskosten für Mycelium Packaging liegen ca. 20-50% über EPS. Bei Skalierung und Automatisierung wird erwartet, dass die Kosten sinken – aber Preisparität mit Commodity-Kunststoffen ist noch nicht erreicht.

Feuchteempfindlichkeit: Mycelium-Materialien können bei längerer Feuchtigkeit ihre Integrität verlieren. Oberflächenbehandlungen verbessern die Resistenz, aber vollständige Hydroresistenz ist noch eine Forschungsaufgabe.

Regulatorische Zulassung: Für Lebensmittelkontakt-Verpackungen müssen Mycelium-Materialien spezifische EU-Regulierungen (Lebensmittelkontaktmaterialien-Verordnung) erfüllen – ein Zulassungsweg, der Zeit und Ressourcen benötigt.

Marktentwicklung

Der globale Markt für biologisch abbaubare Verpackungen wird auf 14 Milliarden Dollar (2025) geschätzt und wächst mit 17% CAGR auf prognostizierte 30 Milliarden Dollar (2030). Mycelium-Materialien sind innerhalb dieses Segments ein wachsendes Segment – aber noch ein kleines.

Die Treiber: Regulatorischer Druck (EU Single Use Plastics Directive, Extended Producer Responsibility), Corporate Sustainability-Commitments und wachsendes Konsumenten-Bewusstsein für Plastik-Problematik.

Ausblick

Mycelium Materials befinden sich an einem Übergangspunkt: von experimentell zu kommerziell viabel. Die Technologie ist bewährt, erste kommerzielle Maßstabsprodukte laufen. Die nächsten fünf Jahre werden zeigen, ob die Skalierung gelingt, die Mycelium Materials von Nischen-Packaging zu einem ernsthaften Mainstream-Material macht.

Die Verbindung zu regenerativer Landwirtschaft – Agrar-Reststoffe als Substrat, Abfälle als Rohstoff, kreislaufwirtschaftliche Einbindung – macht Mycelium Materials zu einem emblematischen Beispiel für nachhaltige Materialinnovation.


Über den Autor:
Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital und beschäftigt sich mit innovativen Biomaterialien und Kreislaufwirtschaftslösungen als Teil des breiteren Portfolios nachhaltiger Innovationen.
Website: verdantis.capital | dirkroethig.com
Kontakt: dirk.roethig2424@gmail.com

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