Autor: Dirk Röthig, CEO VERDANTIS Impact Capital
Datum: 2. Mai 2026
Kategorie: Nachhaltige Finanzen / Naturkapital
Unsere Wirtschaft rechnet sich falsch. Seit Jahrzehnten messen wir Wohlstand in Zahlen, die Naturzerstörung als Einnahme und Naturschutz als Kosten verbuchen. Ein Wald, der gerodet wird, erscheint im BIP als positive Größe (Holzeinnahmen). Die jahrelange Regulationsleistung desselben Waldes – Wasserfilterung, CO2-Bindung, Biodiversitätserhalt, Erosionsschutz – erscheint nirgends. Natural Capital Accounting versucht, diese fundamentale Fehlinformation zu korrigieren.
Was ist Naturkapital?
Der Begriff "Naturkapital" wurde in den 1990er Jahren durch Ökonomen wie Herman Daly und Robert Costanza geprägt. Er beschreibt den ökonomischen Wert der natürlichen Bestände der Erde – Wälder, Böden, Gewässer, Atmosphäre, Biodiversität – die direkte und indirekte Leistungen für die menschliche Wirtschaft erbringen.
Costanza et al. veröffentlichten 1997 die epochale Schätzung: Der Gesamtwert der globalen Ökosystemleistungen liegt bei 33 Billionen Dollar jährlich – mehr als das damalige globale BIP. Eine aktualisierte Schätzung (2014) kam auf 125 Billionen Dollar. Diese Zahlen sind methodisch umstritten, aber sie erfüllen eine Funktion: Sie machen sichtbar, dass wir täglich Werte vernichten, die nirgends in unseren Büchern stehen.
Die Bausteine des Natural Capital Accounting
Natural Capital Accounting (NCA) – auch "Naturkapitalbilanzierung" oder "Green Accounting" – bezeichnet Methoden, die Naturkapital in standardisierten Rechnungslegungssystemen sichtbar machen.
System of Environmental Economic Accounting (SEEA): Das SEEA der Vereinten Nationen (aktuellste Version: SEEA Central Framework 2012, SEEA Ecosystem Accounting SEEA-EA 2021) ist der wichtigste globale Standard. Es erweitert die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR/GDP) um Ökosystem-Konten, die Ausmaß und Zustand von Ökosystemen sowie die Ökosystemleistungen erfassen.
Länder, die SEEA-Ecosystem-Accounting pilotiert haben: UK, Australien, Kolumbien, Niederlande, Costa Rica. Die Ergebnisse sind regelmäßig aufschlussreich: In Großbritannien zeigte das erste nationale Natural Capital Account (2017), dass der ökonomische Wert terrestrischer Ökosysteme sich auf mindestens 78 Milliarden Pfund belauft – Größe, die in keiner nationalen Buchführung erschien.
TNFD (Taskforce on Nature-related Financial Disclosures): Analog zur klimabezogenen TCFD (Taskforce on Climate-related Financial Disclosures) hat die TNFD einen Rahmen entwickelt, der Unternehmen verpflichtet, ihre Abhängigkeiten von und Einwirkungen auf Naturkapital zu berichten. Das TNFD-Framework wurde 2023 finalisiert. Die EU erwägt, TNFD-Berichterstattung in die CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive) zu integrieren.
Dirk Röthig betont die Investmentrelevanz: "TNFD ist für Investoren das Gleiche wie TCFD für das Klima – ein Frühwarnsystem für ungebuchte Risiken. Unternehmen, die von Naturkapital abhängen (Lebensmittel, Pharma, Textil, Tourismus) und diese Abhängigkeiten nicht verstehen, tragen undiskutierte Bilanzrisiken."
Unternehmensbilanzierung: Wo stehen wir?
Auf Unternehmensebene sind Natural Capital Accounting-Methoden noch wenig verbreitet, aber die regulatorische Dynamik zieht an.
Integrated Reporting: Das International Integrated Reporting Council (IIRC, jetzt IFRS Foundation) propagiert Berichte, die neben Finanzkapital auch Naturkapital, Sozialkapital, Humankapital und andere Wertformen erfassen. Erste Pioniere (Anglo American, Kering, Novo Nordisk) haben Natural-Capital-Elemente in ihren Berichten integriert.
Biodiversity Footprinting: Unternehmen berechnen ihren "Naturkapital-Fußabdruck" – die negativen Wirkungen auf Ökosysteme über die Lieferkette hinweg. Tools wie ENCORE (Exploring Natural Capital Opportunities, Risks and Exposure), IBAT (Integrated Biodiversity Assessment Tool) und das Corporate Biodiversity Footprint-Framework (von der Association for Responsible Mining) machen das zunehmend praktikabel.
Net Positive Nature: Eine wachsende Zahl von Unternehmen – Holcim, Nestlé, Kingfisher – haben sich zu "Net Positive Nature" oder "Nature Positive" verpflichtet: mehr Naturkapital zu erhalten oder wiederherzustellen, als sie verbrauchen. Das ist eine direkte Parallele zur Net-Zero-Verpflichtung im Klimabereich.
Methodische Herausforderungen
Natural Capital Accounting ist methodisch anspruchsvoll.
Welche Werte zählen? Ökosystemleistungen können nach verschiedenen Wertperspektiven bewertet werden: direkter Marktnutzen (Holz, Fisch), indirekter Nutzen (Wasserfilterung, Bestäubung), Nicht-Nutzungswert (Existenzwert von Arten). Die Wahl der Perspektive beeinflusst die resultierenden Zahlen stark.
Commensurate Maßeinheiten: CO2-Äquivalente erlauben die Aggregation klimabezogener Impacts. Für Naturkapital gibt es keine universelle Einheit. Ein Quadratmeter Regenwald und ein Quadratmeter Steppe sind ökologisch fundamental verschieden – aber wie vergleicht man sie?
Dynamic Systems: Ökosysteme sind dynamische, komplexe Systeme. Ihr Zustand heute ist nicht unabhängig von ihrem Zustand gestern und morgen. Accounting-Systeme, die auf statischen Momentaufnahmen basieren, können diese Dynamik schwer erfassen.
Forscher der Harvard T.H. Chan School of Public Health haben in einer Methodenkritik (2024) gezeigt, dass verschiedene anerkannte Natural-Capital-Methoden für dieselbe Fläche Werte variieren können, die um den Faktor 10-100 auseinanderliegen. Das ist ein ernstes Problem für die Vergleichbarkeit.
VERDANTIS und Natural Capital Accounting
VERDANTIS Impact Capital nutzt Natural Capital Accounting als Grundlage für die Bewertung und das Reporting unserer Impact-Investments. Unsere Projektflächen werden auf folgende Dimensionen bewertet:
- CO2-Bilanz: Messung und Verifikation der Kohlenstoffsequestrierung (Biomasse + Boden)
- Biodiversitätswert: Monitoring von Artenzahl, Abundanz und Habitat-Qualität
- Wasserhaushalt: Quantifizierung von Wasserretentionsleistungen und Grundwasserneubildung
- Bodenfruchtbarkeit: Regelmäßige Bodenanalysen (organische Substanz, pH, Mikrobielle Biomasse)
- Wohlbefinden lokaler Gemeinschaften: Soziale Kennzahlen (Beschäftigung, Einkommen, Wissenstransfer)
Diese Multi-Dimensionalität ist ein Wettbewerbsvorteil gegenüber reinen CO2-Projekten: Institutionelle Investoren, die naturbasierte Lösungen suchen, bekommen ein vollständiges Naturkapital-Profil statt einer einzelnen Kennzahl.
Die EU-Taxonomie als Katalysator
Die EU-Taxonomieverordnung definiert, welche Wirtschaftsaktivitäten als "nachhaltig" gelten. Die aktuell implementierten Kategorien fokussieren primär auf Klimaschutz. Aber die Erweiterung auf Biodiversität und Naturkapital – durch die Kategorie "Sustainable Use and Protection of Water and Marine Resources" und "Protection and Restoration of Biodiversity and Ecosystems" – ist in Entwicklung.
Wenn Naturkapital-positiv Investitionen durch die EU-Taxonomie als "grün" anerkannt werden, erhalten sie Zugang zu Kapitalströmen aus taxonomie-konformen Fonds, die heute Billionen von Euros verwalten. Das wäre ein Quantensprung in der Finanzierung von Naturschutz.
Ausblick: Vom Freiwilligen zum Standard
Natural Capital Accounting wird in den nächsten zehn Jahren vom freiwilligen Pionier-Instrument zum regulatorischen Standard werden. TNFD-Offenlegung, EU-Taxonomie-Erweiterung und die Momentum des Globalen Biodiversitäts-Rahmenwerks (Kunming-Montreal GBF, "30x30") sind die treibenden Kräfte.
Die Unternehmen und Investoren, die heute Natural Capital Accounting methodisch beherrschen, werden in dieser Transition einen erheblichen Kompetenzvorsprung haben.
Über den Autor:
Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital und entwickelt Natural-Capital-Accounting-Methodologien für die Bewertung und das Reporting von agroforstlichen Impact-Investments und naturbasierten Klimaschutzlösungen.
Website: verdantis.capital | dirkroethig.com
Kontakt: dirk.roethig2424@gmail.com
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