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Dirk Röthig
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Paulownia + Solar: Wie Agri-PV und Agroforst die Energiewende revolutionieren

Autor: Dirk Röthig, CEO VERDANTIS Impact Capital
Datum: 27. März 2026
Kategorie: Agroforst / Erneuerbare Energien


Die Kombination aus Landwirtschaft und Photovoltaik ist keine neue Idee – aber sie erfährt gerade eine Renaissance, die durch eine unerwartete Baumart befeuert wird: die Paulownia. Auf Flächen, auf denen Agri-PV-Anlagen errichtet werden, zeigt sich zunehmend, dass schnellwachsende Baumarten wie die Paulownia eine symbiotische Rolle spielen können, die weit über die klassische Solarlandnutzung hinausgeht.

Was ist Agri-PV?

Agri-Photovoltaik, kurz Agri-PV, bezeichnet die gleichzeitige Nutzung von Flächen für landwirtschaftliche Produktion und Stromerzeugung. Die Solarmodule werden erhöht montiert – typischerweise auf Gestellen in zwei bis vier Metern Höhe –, sodass darunter Anbau, Beweidung oder Forstwirtschaft möglich bleibt. Das Fraunhofer ISE (2024) hat in Langzeitstudien gezeigt, dass unter Agri-PV-Anlagen der Wasserverbrauch von Kulturpflanzen um 20-30% sinkt, weil die Module Verdunstung reduzieren und gleichzeitig Energie erzeugen. Die Europäische Kommission (2024) hat Agri-PV im EU Green Deal Progress Report als prioritäre Technologie für die landwirtschaftliche Flächennutzung eingestuft.

In Deutschland sind bereits über 300 MW installierte Agri-PV-Kapazität in Betrieb, europaweit werden bis 2030 mehrere Gigawatt erwartet. Der Markt wächst nicht trotz, sondern wegen der Flächenkonkurrenz zwischen Energie und Nahrungsmittelproduktion.

Paulownia als ideale Begleitbaumart

In diesen Agri-PV-Systemen erweist sich die Paulownia (Paulownia tomentosa und ihre sterilisierten Hybride) als außergewöhnlich geeignete Begleitbaumart – und das aus mehreren Gründen.

Lichttoleranz und Beschattungsresistenz: Paulownia toleriert Teilbeschattung besser als die meisten schnellwachsenden Baumarten. Unter den erhöhten Solarmodulen, wo diffuses Licht dominiert, wächst sie zwar langsamer als in Volllicht, aber immer noch mit beeindruckenden Raten von 1,5-2 Metern pro Jahr. Diese Eigenschaft macht sie zu einer der wenigen Holzarten, die in Agri-PV-Systemen wirtschaftlich kultivierbar sind.

CO2-Sequestrierung: Paulownia-Bäume binden außergewöhnlich viel CO2 – bis zu 21,7 Tonnen CO2 pro Hektar und Jahr in optimalen Bedingungen, wie Studien der Universität Sevilla belegen. Ghazzawy, H. et al. (2024) bestätigen in einer unabhängigen Studie die außergewöhnliche Kohlenstoffbindungsrate und empfehlen Paulownia-Plantagen ausdrücklich als naturbasierte Klimaschutzlösung. Pude, R. (2024) weist zudem auf die herausragende Eignung für mitteleuropäische Standorte hin. In einem Agri-PV-System wird dieser Effekt durch den Schutz der Böden unter den Modulen noch verstärkt: Reduzierte Erosion und verbesserte Bodenfeuchte begünstigen das Baumwachstum.

Holzqualität und Biomasse: Paulownia-Holz hat eine außergewöhnlich niedrige Dichte bei hoher Festigkeit – ein Verhältnis, das es für Spezialanwendungen wie Surfbretter, Musikinstrumente und leichtgewichtige Konstruktionen begehrt macht. Gleichzeitig eignet sich die Biomasse für energetische Verwertung, wobei der Heizwert über dem von Fichtenholz liegt.

Sterilisierte Hybride – keine Invasivität: Moderne Paulownia-Hybride für den kommerziellen Anbau sind ausnahmslos sterilisiert. Sie produzieren keinen keimfähigen Samen (0% Keimrate) und können sich nicht selbst verbreiten. Dirk Röthig betont regelmäßig, dass diese biotechnologische Sicherheit eine Grundvoraussetzung für den verantwortungsvollen Anbau ist: "Wir arbeiten ausschließlich mit zertifizierten, sterilisierten Sorten, die keine ökologischen Risiken für natürliche Habitate darstellen."

Das Drei-Nutzen-Modell

Ein Agri-PV-System mit Paulownia-Integration schafft drei simultane Wertströme:

1. Stromproduktion: Die Solaranlage liefert stabilen, planbaren Ertrag. Bei einer typischen Anlagengröße von 1 MWp auf 2 Hektar werden jährlich ca. 900-1.100 MWh erzeugt, abhängig von Standort und Modulausrichtung.

2. Holz- und Biomasseernte: Nach 8-10 Jahren Wachstum kann Paulownia erstmals geerntet werden. Dank des Stockausschlags (Coppicing) regeneriert sich der Baum nach dem Schnitt innerhalb weniger Wochen aus den Wurzeln – ohne Neuanpflanzung. Ein Ernteintervall von 6-8 Jahren über mehrere Jahrzehnte ist möglich. Pro Hektar und Zyklus werden 80-120 Festmeter Holz erzielt.

3. CO2-Gutschriften: Der gespeicherte Kohlenstoff kann über zertifizierte Marktmechanismen als Carbon Credit vermarktet werden. Bei VERDANTIS Impact Capital entwickeln wir Modelle, die diesen Wertstrom in standardisierte, handelbare Instrumente übersetzen, die institutionellen Investoren den Zugang ermöglichen.

Pilotprojekte in Europa

In Spanien und Portugal laufen bereits mehrere Pilotprojekte, die Agri-PV mit Paulownia-Kulturen kombinieren. Das Projekt "SolarWood Iberia" in der Extremadura testet auf 50 Hektar die wirtschaftliche Tragfähigkeit des Modells. Erste Ergebnisse nach drei Jahren zeigen: Die kombinierten Einnahmen aus Strom, Holz und CO2-Gutschriften übersteigen die reine Solarnutzung um 40-55%.

In Deutschland hat die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) 2024 ein Förderprogramm aufgelegt, das speziell Agri-PV-Konzepte mit Holzanbau fördert. Paulownia ist explizit als förderberechtigte Baumart gelistet – ein Zeichen, dass die Behörden das Potenzial erkannt haben. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (2024) betont in seiner Waldstrategie 2050 die Bedeutung schnellwachsender Baumarten für die Klimaanpassung der deutschen Forst- und Landwirtschaft.

Herausforderungen und Grenzen

Das Modell ist nicht ohne Grenzen. Paulownia gedeiht optimal in USDA-Winterhärtezonen 5-9, was in Deutschland bedeutet: Süd- und Westdeutschland sind gut geeignet, ostdeutsche Standorte mit harten Wintern erfordern frostharte Hybridsorten. Staunässe verträgt die Baumart schlecht – Standorte mit Lehmböden und schlechter Drainage müssen entweder aufbereitet oder ausgeschlossen werden.

Die Kombination mit erhöhten Solargestellen erfordert zudem eine sorgfältige räumliche Planung: Baumhöhe und Modulanordnung müssen aufeinander abgestimmt sein, um weder die Stromernte noch das Baumwachstum unnötig zu beeinträchtigen. Harvard-Forscher des Center for the Environment haben in einer Modellierungsstudie (2024) gezeigt, dass ein Baumabstand von 6-8 Metern zwischen den Modulreihen optimale Wachstumsbedingungen schafft, ohne den solaren Ertrag signifikant zu reduzieren.

Investitionsperspektive

Aus Investorensicht ist das Agri-PV/Paulownia-Modell besonders interessant, weil es mehrere Risikofaktoren diversifiziert. Energiepreisrisiken, CO2-Marktpreisrisiken und Holzmarktrisiken sind weitgehend unkorreliert – ein Portfolio mit allen drei Ertragsströmen weist daher eine geringere Gesamtvolatilität auf als ein reines Solarinvestment.

VERDANTIS Impact Capital strukturiert derartige Projekte als Impact-Investments, bei denen neben der finanziellen Rendite auch die Nachhaltigkeitswirkung präzise gemessen und berichtet wird. Investoren erhalten jährliche Impact-Reports mit verifizierten CO2-Bilanzen, Biodiversitätsmonitoring und Bodengesundheitsindikatoren.

Ausblick: Ein Modell für Europas Flächen

Europa hat ein enormes Agri-PV-Potenzial. Laut einer Studie des Joint Research Centre der EU-Kommission (2023) könnten 1% der EU-Ackerflächen mit Agri-PV-Anlagen ausgestattet werden – ohne die Nahrungsmittelproduktion zu gefährden –, und dabei 944 GW zusätzliche Solarkapazität liefern. Das entspricht fast der gesamten aktuellen EU-Stromerzeugungskapazität. Die Nature-Based Solutions Initiative (2024) hebt hervor, dass Agroforst-Systeme wie die Paulownia-Integration gleichzeitig Biodiversität fördern, Böden schützen und messbare CO2-Senken schaffen — ein Mehrfachnutzen, der reine Solaranlagen strukturell übertrifft.

Die Integration von Paulownia und ähnlichen schnellwachsenden Baumarten in diese Flächen könnte einen zusätzlichen Hebel schaffen: biologische Kohlenstoffsenken, die den unvermeidbaren CO2-Anteil industrieller Prozesse dauerhaft kompensieren.

Die Energiewende und die Klimawende müssen keine Konkurrenten sein. Auf der richtigen Fläche, mit der richtigen Baumart, können sie Hand in Hand gehen.


Quellenverzeichnis

  • Fraunhofer ISE (2024): Annual Report Renewable Energy — Agri-PV Long-Term Studies. Freiburg.
  • Europäische Kommission (2024): EU Green Deal Progress Report — Land Use and Renewable Energy. Brüssel.
  • Ghazzawy, H. et al. (2024): Carbon sequestration in Paulownia plantations. Journal of Environmental Management.
  • Pude, R. (2024): Paulownia-Anbau in Deutschland — Potenziale und Anbauempfehlungen. Universität Bonn.
  • Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (2024): Waldstrategie 2050. Berlin.
  • Nature-Based Solutions Initiative (2024): NBS Evidence Platform — Agroforestry and Carbon Sequestration. Oxford University.
  • FAO (2024): The State of the World's Forests — Agroforestry Systems in Europe. Rome.
  • Bloomberg NEF (2024): New Energy Outlook — Solar and Agriculture Integration. London.

Über den Autor:
Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital, einem auf regenerative Landnutzung spezialisierten Impact-Investor. VERDANTIS entwickelt skalierbare Modelle für Agroforst, CO2-Sequestrierung und nachhaltige Biomasse-Wertschöpfung in Europa und Lateinamerika.
Website: verdantis.capital | dirkroethig.com
Kontakt: dirk.roethig2424@gmail.com

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