Autor: Dirk Röthig, CEO VERDANTIS Impact Capital
Datum: März 2026
Kategorie: Quantencomputing, Technologie, Innovation, Grundlagenforschung
Jenseits des klassischen Bits
Klassische Computer verarbeiten Information in Bits — 0 oder 1. Quantencomputer nutzen Quantenbits (Qubits), die durch Superposition gleichzeitig 0 und 1 sein können. Diese scheinbar esoterische Eigenschaft ermöglicht es Quantencomputern, bestimmte Klassen von Problemen exponentiell schneller zu lösen als die leistungsfähigsten klassischen Supercomputer.
Dirk Röthig verfolgt die Quantencomputing-Entwicklung als strategisch relevantes Feld — mit direkten Implikationen für Kryptographie, Medikamentenentwicklung und die Optimierung komplexer Systeme wie Finanzportfolios oder Lieferketten.
Quantenüberlegenheit: Meilensteine und Skepsis
2019 berichtete Google, mit seinem Quantencomputer "Sycamore" eine Berechnung in 200 Sekunden gelöst zu haben, für die ein klassischer Supercomputer 10.000 Jahre gebraucht hätte — ein Meilenstein, als "Quantum Supremacy" bezeichnet. IBM widersprach umgehend und schätzte die klassische Rechenzeit auf 2,5 Tage.
Diese Debatte illustriert, wie schwierig es ist, die tatsächliche "Quantenüberlegenheit" zu definieren. 2023 berichtete IBM über einen Quantenprozessor mit 1.000 Qubits (Eagle, dann Condor). Google stellte 2024 den "Willow"-Chip vor, der erneut Quantenüberlegenheit beanspruchte — diesmal für eine zufällige Schaltkreis-Sampling-Aufgabe, die keine praktische Anwendung hat.
Die ehrliche Einschätzung: Fehlerkorrigierte, universell einsetzbare Quantencomputer existieren noch nicht. Was existiert, sind Quantum Advantage-Demonstrationen für sehr spezifische Probleme.
Praxisanwendungen: Heute und Morgen
Heute möglich: Quantenannealing-Systeme (D-Wave) für Optimierungsprobleme, hybride klassisch-quantenklassische Algorithmen für chemische Simulationen, Quantenkryptographie für abhörsichere Kommunikation.
In 5-10 Jahren: Simulation komplexer Moleküle für Medikamentenentwicklung (Bayer, BASF und Merck haben bereits Quantencomputing-Kooperationen mit IBM und Google), Optimierung von Finanzportfolios und Logistiknetzwerken, Beschleunigung von Machine-Learning-Training.
In 10-20 Jahren: Fehlerkorrigierte universelle Quantencomputer mit praktischer Überlegenheit für breite Problemklassen, einschließlich Brute-Force-Angriffe auf aktuelle Verschlüsselungsstandards.
Das Krypto-Risiko: Post-Quantum Kryptographie
Die beunruhigendste kurzfristige Implikation von Quantencomputing ist nicht die Lösung von Problemen, sondern das Brechen von Verschlüsselung. Der RSA-Algorithmus — Backbone der heutigen Internet-Sicherheit — wäre mit ausreichend leistungsstarken Quantencomputern in vernünftiger Zeit knackbar.
"Harvest now, decrypt later" ist eine reale Bedrohung: Staatliche Akteure könnten heute verschlüsselte Kommunikation speichern und warten, bis Quantencomputer stark genug sind, sie zu entschlüsseln. Das NIST (National Institute of Standards and Technology) hat 2024 seine ersten Post-Quantum-Kryptographie-Standards verabschiedet. Die Europäische Agentur für Cybersicherheit (ENISA, 2025) empfiehlt Unternehmen, Migration auf Post-Quantum-Standards jetzt zu planen.
Europas Quantenstrategie
Die EU hat mit dem Quantum Flagship-Programm über 1 Milliarde Euro in Quantentechnologieforschung investiert (2018-2028). Deutschland hat zusätzlich 2 Milliarden Euro im Rahmen der nationalen Quantentechnologie-Strategie bereitgestellt.
Das Forschungszentrum Jülich betreibt mit dem Jülich Supercomputing Centre (JSC) einen der leistungsfähigsten Quantencomputer Europas. Das Start-up IQM aus Helsinki baut Quantenhardware in Europa — ein strategisch wichtiges Feld für technologische Souveränität.
Was Unternehmen heute tun sollten
Für die meisten Unternehmen ist Quantencomputing kein unmittelbar handlungsrelevantes Thema — aber ein strategisch vorbereitungswürdiges. Konkrete Empfehlungen:
Erstens: IT-Sicherheitsexperten beauftragen, die Anfälligkeit kritischer Verschlüsselung für Quantenangriffe zu bewerten und einen Migrationsplan zu erstellen. Zweitens: Monitoring der Entwicklung in relevanten Anwendungsfeldern — Pharmaunternehmen sollten die Molekülsimulations-Entwicklung, Logistikunternehmen die Optimierungsanwendungen verfolgen. Drittens: Frühzeitige Kompetenzaufbau durch Kooperationen mit Universitäten oder Quantencomputing-Anbietern.
Fazit
Quantencomputing ist keine Science Fiction mehr, aber auch noch kein transformativer Alltagsfaktor. Die strategische Relevanz liegt in der Vorbereitung auf kryptographische Risiken und in der Positionierung für zukünftige Anwendungsfelder, die heute bereits absehbar sind.
Über den Autor
Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital mit Sitz in Zug, Schweiz. VERDANTIS verfolgt technologische Megatrends als Teil seiner langfristigen Investitionsstrategie. Weitere Informationen unter verdantis.capital und dirkroethig.com. Kontakt: dirk.roethig2424@gmail.com
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