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Dirk Röthig
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Scope 3 Emissionen: Der blinde Fleck der Klimabilanz

Autor: Dirk Röthig, CEO VERDANTIS Impact Capital
Datum: März 2026
Kategorie: Scope 3, Emissionen, Klimaberichterstattung, Lieferkette


Das verborgene Klima-Fußabdruck-Problem

Wenn ein Unternehmen seinen CO2-Fußabdruck berechnet, entstehen schnell irreführende Bilanzen. Volkswagen kann berichten, dass seine deutschen Werke von Ökostrom betrieben werden (Scope 2 = null). Das klingt gut. Aber was ist mit den Emissionen aus der Stahlproduktion der Zulieferer? Den Transportemissionen der Logistik? Den Emissionen, die entstehen, wenn ein Millionen Kunden ihre Autos fahren?

Diese Emissionen — außerhalb der direkten Unternehmensgrenze, aber kausal mit dem Unternehmen verbunden — nennt man Scope-3-Emissionen. Für die meisten Unternehmen übersteigen sie die direkt kontrollierten Emissionen (Scope 1 und 2) um das 5-25-fache.

Dirk Röthig ist überzeugt: Ohne Scope-3-Transparenz ist Klimaberichterstattung Augenwischerei. VERDANTIS Impact Capital hat Scope-3-Analyse als Standard in seine eigene Reporting-Praxis aufgenommen.


Das GHG Protocol und die Drei-Scopes-Logik

Das Greenhouse Gas Protocol (GHG Protocol) — der weltweit meistgenutzte Standard für Unternehmens-Klimabilanzen — definiert drei Kategorien:

Scope 1: Direkte Emissionen aus unternehmenseigenen Quellen — Verbrennungsanlagen, Firmenfahrzeuge, Produktionsprozesse. Das Unternehmen hat direkte Kontrolle.

Scope 2: Indirekte Emissionen aus eingekaufter Energie — Strom, Wärme, Kälte, Dampf. Das Unternehmen kann durch Energiebeschaffungsentscheidungen beeinflussen.

Scope 3: Alle übrigen indirekten Emissionen entlang der Wertschöpfungskette. Das GHG Protocol unterscheidet 15 Kategorien, aufgeteilt in "upstream" (vorgelagert) und "downstream" (nachgelagert).


Die 15 Scope-3-Kategorien im Detail

Upstream (Kategorien 1-8):

  • Kat. 1: Eingekaufte Güter und Dienstleistungen (größte Kategorie für die meisten Unternehmen)
  • Kat. 2: Kapitalanlagen
  • Kat. 3: Energiebezogene Aktivitäten (nicht in Scope 2)
  • Kat. 4: Vorgelagerte Transporte und Verteilung
  • Kat. 5: Entsorgung von Betriebsabfällen
  • Kat. 6: Geschäftsreisen
  • Kat. 7: Pendeln der Mitarbeiter
  • Kat. 8: Vorgelagerte Leasingobjekte

Downstream (Kategorien 9-15):

  • Kat. 9: Nachgelagerte Transporte
  • Kat. 10: Verarbeitung verkaufter Produkte
  • Kat. 11: Nutzung verkaufter Produkte (oft größte Kategorie für Konsumgüter)
  • Kat. 12: End-of-Life-Behandlung verkaufter Produkte
  • Kat. 13: Nachgelagerte Leasingobjekte
  • Kat. 14: Franchises
  • Kat. 15: Investitionen

Warum Scope 3 so schwer zu messen ist

Die methodologischen Herausforderungen sind erheblich:

Datenverfügbarkeit: Für Kategorie 1 (Lieferanten-Emissionen) benötigt ein Unternehmen die Scope-1- und Scope-2-Emissionen seiner gesamten Lieferkette. Die wenigsten Lieferanten — besonders im Globalen Süden — haben diese Daten verfügbar.

Systemgrenzen: Bis wohin zieht man die Scope-3-Grenze? Tier-1-Lieferanten sind noch erreichbar. Tier-2 und Tier-3 werden zunehmend opak.

Double Counting: In einer globalen Lieferkette ist die Scope-3-Emission von Unternehmen A die Scope-1-Emission von Unternehmen B. Ohne klare Konventionen entstehen Doppelzählungen.


Praktische Lösungsansätze

Spend-Based Method: Als erste Annäherung: Emissionsfaktoren pro Geldeinheit Ausgabe in bestimmten Sektoren. Einfach, aber ungenau.

Supplier-Specific Data: Direkter Datenaustausch mit Lieferanten — aufwendig, aber präzise. Supplier-Engagement-Programme sind der Schlüssel für die Branche.

Hybride Ansätze: Kombination aus spend-based Methode für kleine Lieferanten und spezifischen Daten für wesentliche Lieferanten.

Plattformlösungen: Software wie Greenly, Emitwise und Normative automatisieren die Scope-3-Berechnung durch Integration mit Buchhaltungssystemen und Lieferkettenmanagementsoftware.


CSRD und das Ende der Scope-3-Ausreden

Die CSRD macht Scope-3-Berichterstattung für wesentliche Kategorien verpflichtend — nach dem ESRS E1 (Klimawandel) müssen alle wesentlichen Scope-3-Emissionen berichtet werden. "Wir haben die Daten nicht" ist keine valide Ausrede, sondern ein Gap, der zu schließen ist.

Das zwingt Unternehmen, ihre Lieferketten systematisch zu durchleuchten — und schafft gleichzeitig einen Markt für Lieferanten, die transparente Klimadaten als Differenzierungsmerkmal nutzen.


Fazit

Scope 3 ist die unbequeme Wahrheit der Klimabilanz — sie zeigt, wo die echten Emissionen liegen und wo echte Klimawirkung durch Lieferketten-Engagement erzielt werden kann. Unternehmen, die Scope 3 ernst nehmen, werden strategisch besser positioniert sein als jene, die oberflächliche Klimaberichterstattung betreiben.


Über den Autor

Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital mit Sitz in Zug, Schweiz. VERDANTIS berichtet vollständig über alle relevanten Scope-3-Emissionen und unterstützt Partnerunternehmen bei der Entwicklung von Scope-3-Strategien. Weitere Informationen unter verdantis.capital und dirkroethig.com. Kontakt: dirk.roethig2424@gmail.com

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