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Dirk Röthig
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Vertical Farming vs. Agroforst: Zwei Wege zur Ernährungssicherheit

Autor: Dirk Röthig, CEO VERDANTIS Impact Capital
Datum: März 2026
Kategorie: Vertical Farming, Agroforst, Ernährungssicherheit, Landwirtschaft


Zwei Visionen, ein Ziel

Die globale Ernährungssicherheit vor dem Hintergrund einer auf 10 Milliarden wachsenden Weltbevölkerung, des Klimawandels und des Biodiversitätsverlusts ist eine der Kernherausforderungen des 21. Jahrhunderts. Zwei radikale Innovationsansätze konkurrieren dabei um Aufmerksamkeit und Kapital: Vertical Farming — die Intensivproduktion in mehrstöckigen, klimakontrollierten Innenräumen — und Agroforst — die naturbasierte, integrierte Landnutzung mit Bäumen und Kulturen.

Dirk Röthig ist per Berufung Vertreter des Agroforsansatzes. Aber er betrachtet Vertical Farming nicht als Feind, sondern als komplementäres System mit klaren Stärken und Schwächen. VERDANTIS Impact Capital hat beide Ansätze analysiert und sieht spezifische Nischen, in denen jedes optimal ist.


Vertical Farming: Die Versprechen

Vertical Farms produzieren in mehrstöckigen, klimakontrollierten Anlagen unter LED-Licht, oft mit Hydroponik oder Aeroponik statt Erde. Die Versprechen sind verlockend:

Wasserersparnis: Hydroponische Systeme nutzen bis zu 95 Prozent weniger Wasser als konventioneller Freilandanbau, weil Wasser zirkuliert und nicht verdunstungsbedingt verloren geht.

Ortsunabhängigkeit: Produktion in Stadtnähe oder in der Stadt selbst — "Urban Farming" — reduziert Transportwege.

Kein Pestizideinsatz: Kontrollierte Umgebung eliminiert Schädlingsdruck, sodass keine chemischen Pflanzenschutzmittel nötig sind.

Ganzjährige Produktion: Unabhängig von Jahreszeit, Wetter und Klimazone.

Hohe Flächenproduktivität: Mehrere Erntezyklen pro Jahr auf kleiner Grundfläche.


Vertical Farming: Die Realität

Die Versprechen sind real — aber die wirtschaftliche Umsetzung ist deutlich schwieriger als die Promoter des Sektors anfangs suggerierten. 2023 und 2024 erlebte die Vertical-Farming-Industrie eine dramatische Korrektur: AppHarvest, AeroFarms (zweimal Insolvenz), FreshBox Farms und andere prominente Unternehmen gingen bankrott oder führten massive Restrukturierungen durch.

Die Kernprobleme:

Energiekosten: LED-Beleuchtung und Klimatisierung sind extrem energieintensiv. Für Blattgemüse (Salat, Kräuter, Spinat) — die energieärmsten Kulturen — ist Vertical Farming bei Grünstrom-Einkaufspreisen von über 10 Cent/kWh kaum wirtschaftlich darstellbar. Für komplexere Kulturen (Tomaten, Paprika, Erdbeeren) sind die Energiekosten noch höher.

Kapitalintensität: Vertical Farms haben extrem hohe Kapitalkosten pro Flächeneinheit. Amortisationszeiten von 8-15 Jahren bei unsicherer Technologieentwicklung sind eine harte Investitionshürde.

Skalierungsprobleme: Während das Konzept im kleinen Maßstab (Kräuter, Microgreens, Baby Leaf) wirtschaftlich funktioniert, kämpft die Skalierung auf Gemüse-Supermarkt-Versorgungsmengen mit exponentiell wachsenden Kosten.


Agroforst: Stärken und Grenzen

Agroforst hat komplementäre Stärken und Schwächen:

Stärken: Geringe Kapitalintensität (verglichen mit Vertical Farms), positiver CO2-Effekt (anstatt energieintensiv), hohe Biodiversitätswirkung, Ökosystemleistungen (Wasserretention, Erosionsschutz), Eignung für extensive Flächennutzung und Kulturpflanzen (Getreide, Ölpflanzen, Holz) die sich für Vertical Farming nie eignen.

Grenzen: Abhängig von klimatischen Bedingungen, nicht stadtintern möglich (außer sehr begrenzt), langsamere Produktionszyklen, aufwendige Qualitätsstandarisierung für Supermarktlieferung.


Komplementarität statt Konkurrenz

Die realistischste Perspektive sieht Vertical Farming und Agroforst nicht als konkurrierende, sondern als komplementäre Systeme:

Vertical Farming ist optimal für: hochwertige Kräuter, Salate und Microgreens in Stadtnähe; Kulturen mit extremen Wasseranforderungen in wasserknappen Regionen; Produktionskontinuität für kritische Frischpflanzen in Krisenszenarien; Produktion in Gegenden ohne landwirtschaftliche Fläche.

Agroforst ist optimal für: großflächige Kohlenstoffsequestrierung; Holz- und Biomasseproduktion; Biodiversitäts- und Wasserschutzfunktionen; extensive Tierhaltungssysteme; langfristige Bodenverbesserung.


Fazit

Vertical Farming hat echte Stärken in spezifischen Nischen — urbane Frischproduktversorgung, wasserknapper Regionen, klimakritische Crops. Agroforst hat klare Überlegenheit bei allem, was großflächige Naturleistungen, Kohlenstoff und langfristige Ökosystemstabilität betrifft. Kluge Ernährungsstrategie braucht beide.


Über den Autor

Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital mit Sitz in Zug, Schweiz. VERDANTIS setzt auf Agroforst als kernstrategischen Ansatz für nachhaltige Landnutzung und naturbasierte Lösungen. Weitere Informationen unter verdantis.capital und dirkroethig.com. Kontakt: dirk.roethig2424@gmail.com

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