Autor: Dirk Röthig, CEO VERDANTIS Impact Capital
Datum: März 2026
Kategorie: Carbon Credits, Voluntary Carbon Market, Klimaschutz, Investition
Ein Markt unter Druck
2023 durchlitt der freiwillige Kohlenstoffmarkt (Voluntary Carbon Market, VCM) seine schwerste Glaubwürdigkeitskrise. Investigativjournalisten des Guardian und der Zeit enthüllten, dass ein großer Teil der Regenwald-Schutzprojekte des größten Zertifikatsstandards (Verra VCS) die behaupteten Emissionsreduktionen erheblich überschätzt haben soll. Börsenwert von Unternehmen, die Carbon Credits hielten, brach ein. Der VCM verlor in 2023 über 60 Prozent seines Handelsvolumens.
Diese Krise war schmerzhaft — aber notwendig. Sie hat eine Bereinigung ausgelöst, die dem Markt langfristig nützt. Dirk Röthig und VERDANTIS Impact Capital haben den Markt intensiv analysiert und sind zu einer differenzierten Einschätzung gekommen: Die Krise betraf primär bestimmte Projekttypen (Avoided Deforestation/REDD+), nicht den gesamten Markt.
Die Kernprobleme der Qualitätskrise
Die 2023er Enthüllungen zielten hauptsächlich auf REDD+ (Reducing Emissions from Deforestation and forest Degradation) Projekte. Diese schützen angeblich Regenwald vor Abholzung und generieren Credits für die "vermiedenen" Emissionen.
Die methodologischen Probleme dieser Projekte sind real:
Additionality-Problem: War der Wald wirklich gefährdet, oder hätte er auch ohne das Carbon-Projekt bestanden? Übermäßige "Business-as-Usual"-Emissionsannahmen führen zu überschätzten Credits.
Leakage: Wird Abholzung nur in ein anderes Gebiet verschoben, ohne globale Emissionsreduktion?
Permanenz: Was passiert, wenn der Wald trotz Schutzprojekt abbrennt oder abgeholzt wird? Werden die generierten Credits annulliert?
Diese Probleme gelten aber nicht gleichermaßen für alle Projekttypen. Holzbasierte Aufforstungs- und Agroforstprojekte — wie jene von VERDANTIS — haben grundsätzlich andere, messbarere CO2-Bilanzen.
Was qualitativ hochwertige Credits ausmacht
Die Wissenschaft und führende Marktakteure haben Qualitätskriterien für verlässliche Carbon Credits definiert:
Additionalität: Das Projekt würde ohne Carbon-Finance nicht stattfinden. Dieser Nachweis muss spezifisch und dokumentiert sein.
Messbarkeit und Verifizierbarkeit: Der tatsächliche CO2-Bindungseffekt muss durch unabhängige Dritte messbar und verifizierbar sein — nicht nur modelliert.
Permanenz: Wie dauerhaft ist die Sequestrierung? Bei holzbasierten Projekten: Wie sind reversals (Brand, Sturm, Krankheit) vertraglich adressiert und durch Buffer Pools abgesichert?
Ko-Nutzen (Co-Benefits): Hochwertige Credits aus naturbasierten Projekten bieten zusätzliche Vorteile: Biodiversität, Wasserqualität, lokale Beschäftigung, Armutsminderung. Diese werden nach der UN-Entwicklungsziele SDG-Taxonomie bewertet.
Standard und Verifikation: Verra VCS, Gold Standard, American Carbon Registry (ACR), Plan Vivo — jeder Standard hat unterschiedliche Stärken. VERDANTIS arbeitet primär mit Verra VCS und plant Gold Standard für ausgewählte Projekte mit besonders starken sozialen Ko-Nutzen.
Marktreform: Von der Krise zur Qualitätsreife
Die Krise hat Reformen beschleunigt:
Integrity Council for the Voluntary Carbon Market (ICVCM): 2023 gegründete unabhängige Governance-Institution, die "Core Carbon Principles" (CCPs) für den VCM definiert hat. Credits mit CCP-Label signalisieren überprüfte Qualität.
Verra-Reformen: Verra hat seine REDD+-Methodologie 2024 überarbeitet und neue Anforderungen für die Baseline-Berechnung eingeführt, die die systematische Überschätzung von Emissionsreduktionen verhindern sollen.
EU Carbon Removal Certification Framework (CRCF): Der 2024 verabschiedete EU-Rahmen für Kohlenstoffentnahmen schafft eine europäische Qualitätsstufe — mit besonders strengen Anforderungen an Messung, Verifizierung und Permanenz.
Die Preisentwicklung und Marktsegmentierung
Der VCM ist zunehmend segmentiert nach Qualität:
High-Quality Nature-Based Credits (Aufforstung, Agroforst, Feuchtgebiete mit starken Co-Benefits, CCP-gelabelt): 20-100 USD/Tonne und steigend.
Standard-Qualität REDD+: 3-15 USD/Tonne, unter Nachfragedruck.
Tech-Credits (Direct Air Capture, Biochar mit permanenter Einlagerung): 100-500 USD/Tonne — teuer, aber für "Removal"-Bedarf nachgefragt.
VERDANTIS positioniert seine Projekte im High-Quality-Segment: Paulownia-Agroforst mit verifizierbarer CO2-Bindung, Biodiversitäts-Co-Benefits und starkem Monitoring.
Fazit
Der Voluntary Carbon Market ist nicht tot — er ist reifer und selektiver geworden. Die Vertrauenskrise war ein schmerzhafter, aber notwendiger Qualitätsfilter. Wer in diesem Markt mit Integrität und exzellenter Messqualität arbeitet, hat langfristig eine starke Position.
Über den Autor
Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital mit Sitz in Zug, Schweiz. VERDANTIS entwickelt Agroforstprojekte mit dem höchsten Qualitätsstandard für den freiwilligen Kohlenstoffmarkt. Weitere Informationen unter verdantis.capital und dirkroethig.com. Kontakt: dirk.roethig2424@gmail.com
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