Published originally on erpforgeai.de · 4. Mai 2026 · Reading time: ~10 min
1. Das ATC-XML-Format: Was drinsteht und was nicht
Das ABAP Test Cockpit (ATC) exportiert Befund-Listen als XML, die über /UI2/ATC_RUN_RESULT_DOWNLOAD oder das Custom Code Migration Cockpit abrufbar sind. Jeder Befund enthält standardmäßig:
-
CHECK_NAME— die Prüfregel (z.B.CL_CI_TEST_CRITICAL_STATEMENTS) -
MESSAGE_ID— konkrete Fehlermeldung -
OBJ_TYPEundOBJ_NAME— betroffener Repository-Eintrag (PROG, FUGR, CLAS) -
PRIORITY— Schweregrad (1 = kritisch, 3 = optional) -
INCLUDEundLINE— Quelltext-Position -
MESSAGE_TEXT— Klartext-Hinweis
Kritische Lücken im Standard-XML:
- Zyklomatische Komplexität stammt aus separaten Quellen (externe Metrics-Tools oder dedizierte ATC-Checks)
- Produktive Nutzung wird nicht abgedeckt; hier ist SYCM erforderlich
- Migrations-Pattern-Klassifikation existiert nicht standardmäßig
Excel-Analysen scheitern nicht an technischen Grenzen, sondern daran, dass belastbare Klassifikation mehrere Datenquellen voraussetzt.
2. Die Komplexitäts-Heuristiken: Was wirklich greift
Eine produktive Pipeline kombiniert vier Heuristik-Quellen:
Zyklomatische Komplexität — Methoden mit Komplexität über 15 erfordern andere Migrationsstrategien als einfache SELECT-WRITE-Reports.
Risiko-Hotspot-Cluster — Bestimmte ABAP-Features sind in S/4HANA problematisch:
- Direkte Selects auf Pool-/Cluster-Tabellen (in HANA oft nicht mehr existent)
-
DELETE FROM TABLE OHNE WHEREauf Universal-Journal-Tabellen - Implizit-typisierte Datentransporte ohne EXACT-Klausel
- Direktzugriffe auf KNA1/LFA1 statt Geschäftspartner-APIs
- Veraltete BAPI-Aufrufe (z.B.
BAPI_DOCUMENT_CHANGE)
Migrations-Klassifikation — Vier Bewertungsstufen:
- Quick-Win: kleine mechanische Anpassungen nötig
- Refactor: strukturelle Änderungen ohne Logikänderung
- Re-implement: Neuimplementierung erforderlich
- Out-of-scope: Stilllegung statt Migration (nach SYCM-Validierung)
3. SYCM als zweite Datenquelle
Das System Custom-Code-Migration-Cockpit (Transaktion SYCM) beantwortet eine Frage, die ATC strukturell nicht klären kann: Welche Custom-Code-Objekte werden produktiv genutzt? Typischerweise zeigt SYCM, dass 20 bis 40 Prozent der Custom-Code-Objekte seit über 12 Monaten keinen Aufruf mehr hatten.
Die kombinierte ATC + SYCM-Analyse ermöglicht drei Aussagen pro Befund:
- Ist dies ein Migrations-Pflichtthema?
- Ist das betroffene Objekt aktiv in Nutzung?
- Wer ruft es auf (Fachbereich, Schnittstelle, Hintergrundjob)?
4. DSGVO als Constraint
Projekte mit öffentlichem Sektor, Banken, Energieversorgern oder KRITIS-Betreibern müssen eine zentrale Frage klären: Darf der ATC-XML-Export zu US-Cloud-Tools fließen? In DACH-Compliance-Regimen lautet die Antwort typischerweise nein.
Auswirkungen auf die Tool-Auswahl:
- EU-Hosting ist Pflicht (z.B. Hetzner Falkenstein/Nürnberg, OVHcloud Frankfurt, T-Systems)
- Kein RFC-Zugang vom Tool zum Mandantensystem — der Berater zieht den Export manuell
- AVV nach Art. 28 DSGVO als Vertragsanlage mit konkreten TOMs
- Sub-Processor-Verzeichnis mit namentlicher Auflistung
5. Praxis-Beispiel: Anonymisiertes Mini-Case
Ein Pilot mit einem kommunalen Versorger zeigte:
| Metrik | Wert |
|---|---|
| Custom-Code-Volumen | 47.000 Zeilen über 312 Programme |
| Manuelle Auswertung (vorher) | ~6 Personentage pro 1.000 Findings |
| Mit Pipeline + Senior-Review | ~2 Personentage pro 1.000 Findings |
| Out-of-scope-Klassifikation | 13.800 Zeilen |
Die 13.800 Out-of-scope-Zeilen (per SYCM als 12+ Monate ungenutzt verifiziert) ersparten 15 bis 25 Personentage Refactoring pro 10.000 Zeilen.
6. Was nicht funktioniert
Generische Code-Quality-Metriken treffen oft daneben — SonarQube-Ports messen Eigenschaften, die nicht 1:1 das Migrations-Risiko abbilden.
Automatisches Refactoring durch KI ist noch nicht produktionsnah — Auswertung und Klassifizierung funktionieren mit über 90 Prozent Genauigkeit bei klaren Fällen. Automatisches Refactoring bleibt unreif.
7. Take-aways
- ATC-XML liefert Rohdaten, nicht Klassifikation. Pipeline reduziert Erstsichtung um 50 bis 65 Prozent
- SYCM ist eine unterschätzte Datenquelle
- DSGVO-Anforderungen schließen US-Cloud-Tools für regulierte Mandanten praktisch aus
- Klassifikation ist Vorschlag, keine Urteilsfindung
Disclaimer: Der Autor ist Betreiber von ERPforgeAI und hat kommerzielle Interessen. Die technischen Inhalte sind jedoch produktunabhängig.
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