Deindustrialisierung ist der schrittweise Verlust industrieller Produktion an günstigere Standorte. Hohe Energiekosten und der Preisdruck aus China treiben ihn an. Im Interview mit Everlast AI erklärt Unternehmer Emanuel Böminghaus, warum die Chemie zuerst kippt und wie KI deutschen Firmen einen Ausweg bietet.
Warum die Chemie zuerst kippt
Die Chemie ist Deutschlands zweitgrößte Industrie. Sie erwirtschaftet rund 260 Milliarden Euro Jahresumsatz. Das entspricht etwa der Hälfte der Automobilindustrie. Energie macht je nach Produkt 20 bis 60 Prozent der Kosten aus.
Genau hier liegt das Problem. Deutsche Energiekosten sind zu hoch. Der direkte Wettbewerber China produziert deutlich günstiger. In der Chemie liegt China bis zu 40 Prozent unter deutschen Preisen.
Die Folge zeigt sich im Einkauf. Kunden vergleichen Preislisten und listen teure Lieferanten aus. Böminghaus beschreibt höfliche Schreiben mit klarer Botschaft. Ändert ihr den Preis nicht, endet die Zusammenarbeit. So frisst sich die Deindustrialisierung Stück für Stück durch die Bilanzen.
BASF, China und die kalte Konzern-Logik
China ist nach den USA der zweitgrößte Auslandsmarkt von BASF. Den Umsatz dort will der Konzern bis 2030 verdoppeln. Zuletzt strich BASF rund 5.000 Stellen. Solche Entscheidungen fallen in langen Gremienprozessen.
Böminghaus kennt das Konzernumfeld aus eigener Arbeit. Lenkungsausschüsse prüfen jedes Werk im Detail. Verlustbringer in Deutschland werden geschlossen. Internationale Teams entscheiden nüchtern nach Rendite, nicht nach Patriotismus.
Ein Werk in China zu planen dauert 10 bis 15 Jahre. Ist die Entscheidung gefallen, gibt es kaum ein Zurück. Auch die Pharma flieht: Biontech baut rund 1.800 Stellen ab, Novartis schloss ein Werk.
Das Biotop-Argument: eine Branche reißt alle mit
Rund 500.000 Menschen arbeiten direkt in der Chemie. Doch jeder vierte Industrie-Arbeitsplatz hängt indirekt an ihr. Maschinenbau, Logistik und Automotive sind eng verflochten.
Böminghaus nennt das ein Biotop. Branchen profitieren voneinander und finanzieren Innovation. Fällt die Chemie weg, fehlt dem Maschinenbau die Grundlage. Ein Hersteller fragt dann, warum er überhaupt in Deutschland bleibt.
Diese Verflechtung macht die Deindustrialisierung so gefährlich. Sie trifft nie nur eine Branche. Sie zieht das gesamte industrielle Ökosystem mit nach unten.
China setzt auf Technologie, Deutschland auf Verbote
Böminghaus reiste selbst mit dem Zug von Peking nach Shanghai. Der fuhr konstant 340 Stundenkilometer. Shanghais Skyline wirke wie aus einer anderen Welt. Hinter dem Tempo steckt ein klarer Plan.
Der Kern liegt im Bildungssystem. China formte über 20 Jahre gezielt Spitzenkräfte. Diese sitzen heute an entscheidenden Stellen. BYD wächst im Ausland um rund 200 Prozent und baut Autos ab 5.000 Euro.
Die Strategie unterscheidet beide Länder grundlegend. China löst Probleme mit Technologie. Deutschland reagiert mit Bürokratie und Verboten. Genau dieser Reflex bremst KI-Startups im Land aus.
Wie KI-Agenten das SAP-Modell angreifen
SAP umfasst rund 40.000 Tabellen. Doch jedes Unternehmen nutzt nur einen kleinen Teil davon. Böminghaus testete einen KI-Assistenten an einer eigenen Web-Applikation. Nach einer Stunde stand das fertige Tool.
Frontend, Backend, Sicherheit und Layout waren komplett. Früher brauchte sein Team dafür Wochen oder Monate. Heute steuert ein Produktowner mehrere KI-Assistenten. Zwei Leute leisten so die Arbeit von 200.
Für uns ist das die eigentliche Disruption durch Agentic Coding. Mercedes hat bereits 40 Prozent seiner SAP-Instanzen eingestampft. Welche Aufgaben sich konkret automatisieren lassen, zeigen wir in unserem Report mit 45 KI-Use-Cases und im AI Automations Manager.
KI, Jobverluste und der Bremsklotz AI Act
Die Automatisierung kostet Arbeitsplätze. In Indien schrumpfen erstmals klassische IT-Support-Jobs. Ein Screenshot und ein Prompt ersetzen viele Customizing-Aufträge. Auch SOC-2-Audits erledigt eine KI heute schneller.
Regulierung verschärft die Lage zusätzlich. Laut einer Bitkom-Studie stoppten 73 Prozent der Unternehmen KI-Projekte aus Datenschutzbedenken. Siemens drohte mit Abwanderung in die USA. Erst danach schwächte die EU den AI Act ab.
Ein Türbeschlag zeigt den Preisunterschied drastisch. In China kostet er rund 7 Euro, in Deutschland 14 Euro. Hochautomatisierte Fabriken und billige Energie machen die Differenz. Ohne KI verliert der deutsche Mittelstand diesen Kampf.
Fazit: Deindustrialisierung ist kein Schicksal
Die Deindustrialisierung trifft Deutschland mit voller Wucht. Energiekosten, Preisdruck und Bürokratie verschärfen den Abstieg. Doch Böminghaus bleibt nicht beim Pessimismus stehen. Er sieht in KI den entscheidenden Hebel.
Unternehmen, die Automatisierung früh nutzen, gewinnen Vorsprung. Der Mittelstand arbeitet mit kleinen Teams plötzlich wie ein Konzern. Bildung und Exzellenzförderung sichern den Erfolg langfristig. Wer jetzt handelt, stoppt die eigene Deindustrialisierung.
Häufige Fragen
Warum wandert die deutsche Chemieindustrie nach China ab?
Energie macht 20 bis 60 Prozent der Chemiekosten aus. Deutsche Strompreise liegen deutlich über dem chinesischen Niveau. Dadurch produziert China bis zu 40 Prozent günstiger. Einkaufsabteilungen listen teure deutsche Lieferanten konsequent aus. Konzerne wie BASF verlagern deshalb Werke und streichen Stellen in Deutschland. Für uns zeigt das: Nur niedrigere Kosten und Automatisierung halten die Branche im Land.
Wie viele Arbeitsplätze hängen an der deutschen Chemieindustrie?
Rund 500.000 Menschen arbeiten direkt in der Chemie. Indirekt hängt jeder vierte Industrie-Arbeitsplatz an ihr. Maschinenbau, Logistik und Automobilindustrie beziehen Vorprodukte aus der Chemie. Böminghaus nennt dieses Geflecht ein Biotop. Bricht die Chemie weg, verlieren auch angrenzende Branchen ihre Grundlage. Genau das macht die Deindustrialisierung so gefährlich für den gesamten Standort.
Bedroht KI das Geschäftsmodell von SAP?
SAP umfasst rund 40.000 Tabellen, doch Firmen nutzen nur einen Bruchteil. KI-Agenten bauen individuelle Lösungen heute in Stunden statt Monaten. Böminghaus erstellte eine fertige Web-Applikation in einer einzigen Stunde. Mercedes hat bereits 40 Prozent seiner SAP-Instanzen eingestampft. Wir sehen darin eine echte Bedrohung für klassische Standardsoftware, sobald große Konzerne das Potenzial erkennen.
Warum bremst der AI Act die KI-Entwicklung in Deutschland?
Der AI Act schafft früh hohe Hürden für KI-Projekte. Laut einer Bitkom-Studie stoppten 73 Prozent der Unternehmen Vorhaben aus Datenschutzbedenken. Siemens drohte deshalb mit Abwanderung in die USA. Erst danach schwächte die EU einzelne Vorgaben ab. China reguliert dagegen erst spät und lässt Innovation zunächst laufen. Dieser Unterschied kostet Deutschland im KI-Wettbewerb wertvolle Zeit.
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