1) Oliver, erinnerst du dich an den Moment, in dem du wusstest: „Ich werde Informatiker“?
Es war kein einzelner Moment mit großem Knall, eher ein stilles, wachsendes Bewusstsein. Mich hat schon früh fasziniert, Dinge zu durchdringen: Warum funktioniert etwas – und warum manchmal nicht? Informatik war für mich nie reines Programmieren, sondern Denken in Systemen. Logik, Struktur, Kreativität und das Gefühl, aus etwas Komplexem etwas Beherrschbares zu machen.
Was mich bis heute antreibt, ist dieser Moment, wenn aus einer Idee ein funktionierendes System wird, das Menschen wirklich hilft. Wenn Software nicht Selbstzweck ist, sondern Werkzeug. Dieses Zusammenspiel aus Technik und Nutzen hat mich früh gepackt – und es hat mich nie wieder losgelassen.
2) Wie begann die Genese-Geschichte ganz am Anfang, in Bremen?
Genese ist nicht aus einem Businessplan heraus entstanden, sondern aus einem sehr konkreten Bedarf. Wir haben gesehen, dass bestimmte Arbeitsabläufe, insbesondere im IP-Umfeld, unnötig kompliziert, fehleranfällig oder schlicht nicht zeitgemäß waren. Also haben wir angefangen, sie besser zu machen.
👉 https://genese.de
Bremen spielte dabei eine größere Rolle, als man vielleicht denkt. Diese hanseatische Mentalität – bodenständig, pragmatisch, lösungsorientiert – hat uns geprägt. Nicht lange reden, sondern machen. Erst liefern, dann optimieren. Genauso fühlte sich die Startphase an: wenig Theorie, viel Praxis, viel Lernen am echten Markt.
3) Was war in den ersten Jahren typisch für euren Alltag – und was war vielleicht auch ein bisschen verrückt?
Der Alltag war geprägt von Improvisation auf hohem Anspruchsniveau. Man macht vieles gleichzeitig, oft zum ersten Mal, und trotzdem soll es professionell sein. Es gab Tage, an denen alles gleichzeitig wichtig war: Kunden, Entwicklung, Organisation, Zukunft.
Rückblickend waren es genau diese Phasen, in denen man unglaublich viel gelernt hat. Nicht alles war effizient, manches war chaotisch, aber es war ehrlich. Man diskutiert nächtelang über Details, ringt um Lösungen, verwirft Ansätze und fängt neu an. Heute sind das die Geschichten, über die man schmunzelt. Damals waren sie Teil des Weges.
4) Was hat Genese im Kern erfolgreich gemacht – fachlich wie menschlich?
Fachlich war es ganz klar die Tiefe. IP-Management ist kein Bereich, in dem man mit Oberflächenwissen weit kommt. Fristen, Dokumente, Verfahren, Zuständigkeiten – all das muss präzise, nachvollziehbar und belastbar sein. Halbe Lösungen rächen sich hier sofort.
Menschlich war es das Vertrauen im Team. Produkte entstehen nicht durch Einzelkämpfer, sondern durch Menschen, die Verantwortung übernehmen und sich aufeinander verlassen können. Über die Jahre habe ich gelernt: Gute Software ist wichtig, aber ein gutes Team ist entscheidend.
5) Wie hat sich deine Rolle verändert – vom „Macher“ zum Geschäftsführer?
Am Anfang bist du zwangsläufig überall. Du programmierst, sprichst mit Kunden, kümmerst dich um Organisation und triffst Entscheidungen im Minutentakt. Irgendwann merkst du: Wenn alles über dich läuft, wird das Unternehmen langsam und abhängig.
Der Rollenwechsel ist nicht einfach. Man muss lernen, abzugeben, Vertrauen zu schenken und Strukturen zu bauen, die auch ohne die eigene ständige Präsenz funktionieren. Heute arbeite ich viel mehr am Unternehmen als im Unternehmen. Mein Ziel ist es, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen gute Arbeit möglich ist – nachhaltig und skalierbar.
6) Welche Bedeutung hat dein technischer Hintergrund heute noch als Geschäftsführer?
Eine sehr große. Auch wenn ich selbst nicht mehr täglich entwickle, hilft mir der technische Hintergrund enorm. Ich kann Komplexität einschätzen, Architekturentscheidungen bewerten und Risiken realistischer einordnen.
Vor allem aber hilft er bei der Übersetzung: zwischen Technik, Fachlichkeit und wirtschaftlichen Anforderungen. Viele Probleme entstehen genau an diesen Schnittstellen. Dort vermittle ich nicht als Entwickler, sondern als jemand, der beide Welten versteht.
7) Und dann TimeSpin: Warum noch einmal gründen – und dann auch noch mit einem ganz anderen Look & Feel?
TimeSpin entstand aus einem persönlichen Frust heraus. Zeit ist für jeden relevant, aber viele Zeiterfassungssysteme fühlen sich nach Kontrolle, Zwang oder Bürokratie an. Ich wollte etwas entwickeln, das sich leichter anfühlt – intuitiver, menschlicher.
👉 https://www.timespin.net
Die Idee, Zeit haptisch erfassbar zu machen, war zunächst ungewöhnlich. Aber genau das hat mich gereizt. TimeSpin ist Produktentwicklung im Kern: eine Idee konsequent zu Ende denken, testen, verwerfen, verbessern – bis sie im Alltag wirklich funktioniert.
8) Was unterscheidet die Produktentwicklung bei Genese und TimeSpin?
Genese ist die lange Strecke. Stabilität, Fachlichkeit, Vertrauen über Jahre. Entscheidungen wirken oft langfristig und müssen sehr sorgfältig getroffen werden.
TimeSpin ist experimenteller. Schnelleres Feedback, kürzere Iterationen, mehr Mut zum Ausprobieren. Beides fordert unterschiedliche Denkweisen – und genau das macht für mich den Reiz aus. Der gemeinsame Nenner ist jedoch immer derselbe: Der Nutzen für den Anwender entscheidet.
9) Wie gehst du mit Verantwortung gegenüber Mitarbeitenden, Kunden und dem Unternehmen um?
Verantwortung wächst mit dem Unternehmen. Es geht längst nicht mehr nur um Ideen oder Produkte, sondern um Existenzen, Arbeitsplätze und Vertrauen. Diese Verantwortung nehme ich sehr bewusst wahr.
Das bedeutet auch, Entscheidungen nicht aufzuschieben, unangenehme Themen anzusprechen und langfristig zu denken – selbst wenn kurzfristig etwas dagegen spricht. Unternehmertum ist für mich kein Selbstzweck, sondern Verpflichtung.
10) Was waren wichtige Lernmomente oder Fehler, die dich geprägt haben?
Es gab viele. Einer der wichtigsten war zu verstehen, dass Wachstum nicht nur „mehr“ bedeutet, sondern „anders“. Andere Prozesse, andere Kommunikation, andere Prioritäten.
Ich habe gelernt, dass Fokus ein enormer Wettbewerbsvorteil ist, gerade in einer Nische. Nicht alles machen zu wollen, sondern das Richtige. Und zu akzeptieren, dass nicht jede gute Idee auch umgesetzt werden muss.
11) Was treibt dich an – auch nach vielen Jahren Unternehmertum?
Dieses Gefühl, dass noch etwas entstehen will. Dass es noch bessere Lösungen gibt, noch klarere Produkte, noch intelligentere Abläufe. Ich mag es, wenn aus Gedanken Realität wird.
Dazu kommt die Verantwortung für das, was wir aufgebaut haben. Leidenschaft ist für mich nichts Abstraktes, sondern zeigt sich im Dranbleiben, im Nachdenken, im Verbessern. Solange ich das Gefühl habe, etwas Sinnvolles gestalten zu können, bleibe ich neugierig und motiviert.
Abschließende Gedanken
Wenn ich auf die Anfänge in Bremen zurückblicke, denke ich nicht zuerst an einzelne Projekte oder Meilensteine. Ich denke an dieses besondere Gründergefühl: aus wenig viel zu machen. Dieses Gefühl ist geblieben. Die Aufgaben sind größer geworden, die Verantwortung auch – aber der Antrieb ist derselbe.
Bremen, den 18.01.2026
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