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Dirk Röthig
Dirk Röthig

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Biotechnologie Made in Germany: Vom Labor zum Weltmarkt

Biotechnologie Made in Germany: Von der Grundlagenforschung zum Weltmarktführer

Von Dirk Röthig | CEO, VERDANTIS Impact Capital | 13. März 2026

Mainz, Berlin, München, Heidelberg — die Koordinaten des deutschen Biotechnologie-Wunders. Wie gelingt es einer Nation, deren erstes Biotech-Startup gerade einmal 40 Jahre alt ist, zum weltweit zweitgrößten Biotech-Standort hinter den USA aufzusteigen? Die Antwort liegt in einem ungewöhnlichen Zusammenspiel aus Grundlagenforschung, Gründermut und regionalen Ökosystemen.

Tags: Biotechnologie, BioNTech, CRISPR, Innovation, Grundlagenforschung, Life Sciences


Vier Jahrzehnte Aufstieg: Die Erfolgsgeschichte

Die deutsche Biotechnologiebranche feiert 2025 ihren 40. Geburtstag — und was für eine Reife. Seit den bescheidenen Anfängen in den 1980er Jahren, als die ersten Unternehmen überwiegend Omics-Plattformtechnologien wie Genomics und Proteomics entwickelten, ist die Branche zu einem globalen Schwergewicht herangewachsen (transkript.de, 2025).

Heute beherbergt Deutschland 798 dedizierte Biotechnologieunternehmen, beschäftigt 38.120 Menschen — ein Plus von 10,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr — und erwirtschaftete 2023 einen Umsatz von 12,6 Milliarden Euro (biotechnologie.de, 2024). Der Gesamtmarkt — einschließlich etablierter Pharma- und Medizintechnikkonzerne — wird für 2024 auf 35,3 Milliarden US-Dollar beziffert und soll bis 2034 auf 94 Milliarden US-Dollar anwachsen (Grand View Research, 2024).

Dirk Röthig, CEO von VERDANTIS Impact Capital und seit Jahren in der Analyse von Deep-Tech-Investitionen tätig, beschreibt diese Entwicklung als kein Zufallsprodukt: "Was wir in der deutschen Biotechnologie sehen, ist der direkte Output einer konsequenten Wissenschaftspolitik über Jahrzehnte — kombiniert mit dem Mut weniger Gründer, die Laborergebnisse in Unternehmen verwandelt haben."


Fallstudie BioNTech: Wie ein Forschungstraum zur Weltmacht wurde

Kein Beispiel illustriert den deutschen Weg von der Grundlagenforschung zur Weltmarktführerschaft besser als BioNTech. 2008 gründeten die Immunologen Ugur Sahin und Özlem Türeci das Unternehmen in Mainz mit einer scheinbar weltfremden Idee: das Immunsystem des Menschen mit personalisierten mRNA-Konstrukten auf Krebs trainieren (transkript.de, 2025).

Die ersten Investoren Santo Holding und MIG Capital wagten den Schritt, als mRNA-Therapien noch als experimentelle Randnotiz der Molekularbiologie galten. Es sollte zwölf Jahre dauern, bis die Welt die Technologie kennenlernte — in Form des ersten zugelassenen mRNA-Impfstoffs gegen COVID-19, entwickelt in Partnerschaft mit Pfizer (VFA, 2024).

Was folgte, war pharmahistorisch: BioNTech erzielte Rekordumsätze, wurde zum wertvollsten deutschen Biotechnologieunternehmen aller Zeiten und machte die mRNA-Technologie salonfähig. Der leitende Wissenschaftler Heinrich Haas kommentierte den Erfolg nüchtern: "Bei der pharmazeutischen Entwicklung für Wirkstoffe zur Bekämpfung der Pandemie sind Technologien in die Praxis umgesetzt worden, an denen die Wissenschaftsgemeinschaft schon seit Jahrzehnten arbeitet" (transkript.de, 2025).

Heute verfolgt BioNTech eine breite Onkologie-Pipeline: 20 Projekte befinden sich in den klinischen Phasen II und III (BIO Deutschland / EY, 2024). Die Markteinführung des ersten Krebsmedikaments — gegen Gebärmutterhalskrebs — ist für 2026 geplant. Die Botschaft ist klar: mRNA ist kein Einmalphänomen, sondern eine Plattformtechnologie, die die Medizin des 21. Jahrhunderts prägen wird.


Emmanuelle Charpentier und CRISPR: Nobelpreis aus Berliner Grundlagenforschung

Wenn BioNTech die Erfolgsgeschichte der roten Biotechnologie verkörpert, dann steht Emmanuelle Charpentier für den reinen Triumph der akademischen Grundlagenforschung. Die Biochemikerin arbeitete am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin, als sie gemeinsam mit Jennifer Doudna die CRISPR-Cas9-Genschere entwickelte — ein Werkzeug, das Gene in lebenden Zellen mit chirurgischer Präzision editiert (VFA, 2024).

2020 wurde die Arbeit mit dem Nobelpreis für Chemie geehrt. Die Technologie, geboren aus Berliner Grundlagenforschung, hat eine ganze Industrie hervorgebracht: Charpentier gründete CRISPR Therapeutics und konzentriert sich auf Humanmedizin-Anwendungen. Weltweit sind heute Hunderte von Unternehmen in der klinischen Entwicklung von CRISPR-basierten Therapien tätig (BIO Deutschland / EY, 2024).

Für Dirk Röthig demonstriert die CRISPR-Geschichte exemplarisch, wie deutsche Grundlagenforschung globale Wertschöpfung generieren kann — wenn auch, wie so oft, die wirtschaftliche Ernte anderswo eingefahren wird: "Charpentier hat mit ihrer Berliner Forschung ein Instrument erschaffen, das Milliarden wert ist. Dass sie sich dann in der Schweiz niederlässt, um ihr Unternehmen aufzubauen, sagt viel über den deutschen Biotechnologiestandort aus — im Guten wie im Verbesserungswürdigen."


Das Ökosystem: BioRegionen als europäische Modellstandorte

Hinter dem deutschen Biotechnologie-Erfolg stehen nicht nur einzelne Genies — sondern gut organisierte regionale Cluster, die Wissenschaft, Startups und Großunternehmen verzahnen.

Heidelberg / Rhein-Neckar: Seit 1985 beherbergt der Technologiepark Heidelberg Biotech-Unternehmen in unmittelbarer Nachbarschaft zu Weltklasse-Instituten: dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ), dem Europäischen Laboratorium für Molekularbiologie (EMBL), dem Zentrum für Molekulare Biologie der Universität Heidelberg (ZMBH) und dem Max-Planck-Institut für Medizinische Forschung. Über 3.300 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler forschen in diesem Ökosystem (Gesundheitsindustrie BW, 2025). Der jüngste Beweis für die Strahlkraft: Die Deutschen Biotechnologietage 2025 — der zentrale Branchentreffpunkt — verzeichneten mit über 1.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen neuen Rekord (GoingPublic, 2025).

München: Als BioM-Cluster gilt der Großraum München als Europas größte Life-Sciences-Konzentration außerhalb von London, mit Ankerpunkten bei Roche, MSD und einer dichten Gründerszene aus Universitätsspinoffs.

Berlin / Brandenburg: Heimat des Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie und Ausgangspunkt der CRISPR-Revolution, heute wachsender Startup-Hub für Digital Health und synthetische Biologie.

Köln / Leverkusen: Bayer als Ankerunternehmen, mit einem der weltgrößten Forschungsbudgets im Bereich Gen- und Zelltherapie.

Der 1996 gestartete BioRegio-Wettbewerb des Bundesforschungsministeriums legte den Grundstein für diese Clusterentwicklung — eine frühe Form der Exzellenzförderung, die regionalen Biotechnologie-Initiativen je nach Wettbewerbsrang bis zu 50 Millionen Mark an Förderung einbrachte (Universität Heidelberg, 1997).


Marktposition 2024: Europas unbestrittener Biotech-Leader

Die Zahlen sprechen für sich. Deutschland ist in Europa der führende Biotechnologiestandort nach fast allen Kriterien:

  • 2.346 Biotech-Patentanmeldungen — mehr als jedes andere europäische Land (GTAI, 2024)
  • Höchste Biotech-F&E-Ausgaben in Europa, mit einem Anstieg um 19 Prozent im Jahr 2022 (GTAI, 2024)
  • 6,7 Prozent des globalen Biotechnologiemarkts (GTAI, 2024)
  • EUR 19,2 Milliarden Umsatz mit Biopharmazeutika in 2023 — ein Plus von 7,9 Prozent (VFA, 2024)
  • 176 Therapien in aktiven klinischen Studien — ein Plus von 4 Prozent gegenüber dem Vorjahr (BIO Deutschland / EY, 2024)
  • EUR 1,917 Milliarden Kapitalaufnahme in 2024 — ein Rekord außerhalb der Pandemiejahre, entspricht einem Anstieg von 78 Prozent (BIO Deutschland / EY, 2024)

Abseits von BioNTech wächst die industrielle Biotechnologie mit 16 Prozent Umsatzplus besonders dynamisch (biotechnologie.de, 2024). Unternehmen wie Sartorius, Eppendorf und Merck KGaA haben sich als unverzichtbare Ausrüster der globalen Biotechnologie-Industrie etabliert — ein Segment, das von Konjunkturzyklen weitgehend unabhängig profitiert.


Die neuen Wachstumstreiber: KI und industrielle Biotechnologie

Das nächste Kapitel der deutschen Biotechnologie wird von zwei Technologien geschrieben: Künstlicher Intelligenz und industrieller Biotechnologie.

KI in der Wirkstoffforschung: Die Kombination aus maschinellem Lernen und biologischen Daten revolutioniert den Drogenentwicklungsprozess. Was früher zehn Jahre Laborarbeit erforderte, lässt sich mit KI-gestützter Proteinmodellierung in Monaten simulieren. Laut EY sind die Biotech-F&E-Ausgaben in Deutschland 2024 insgesamt um 4 Prozent gestiegen — bei Töchtern internationaler Konzerne sogar um 11 Prozent, was das Vertrauen globaler Player in den Standort unterstreicht (EY, 2024).

Industrielle ("weiße") Biotechnologie: Mikrobielle Prozesse ersetzen chemische Synthesen — nachhaltiger, energieeffizienter, oft kostengünstiger. Mit einem Umsatzplus von 16 Prozent ist dies das am schnellsten wachsende Segment der deutschen Biotech-Branche (biotechnologie.de, 2024). Unternehmen wie BRAIN Biotech aus Zwingenberg gehören zu den europäischen Pionieren.

Präzisionsfermentation und CRISPR in der Landwirtschaft: Gerade an der Schnittstelle zur Bioökonomie entstehen neue Anwendungsfelder — von CRISPR-editierten Nutzpflanzen bis hin zu fermentativ hergestellten Proteinen. Die Bundesregierung hat erklärt, Deutschland zum Technologieführer an der Schnittstelle von Biotechnologie und Künstlicher Intelligenz machen zu wollen (BMFTR, 2025).


Die offene Flanke: Regulierung als Innovations-Bremse

Trotz aller Erfolge bleibt ein strukturelles Problem ungelöst: Die Regulierung bremst Teile der deutschen Biotechnologie, besonders die grüne (Agro-)Biotechnologie.

Während die rote Biotechnologie von einem klaren Zulassungsrahmen über EMA, Paul-Ehrlich-Institut und BfArM profitiert, kämpft die grüne Biotechnologie gegen ein regulatorisches Umfeld, das "ihre Kommerzialisierung faktisch verbietet", wie die acatech konstatiert (acatech, 2024). CRISPR-editierte Pflanzen werden in der EU noch immer nach dem Gentechnikgesetz behandelt — obwohl keine Fremd-DNA eingebracht wird.

Auch für Startups bleibt die Frühphasenfinanzierung kritisch: 2023 wurden lediglich 203 Millionen Euro von Biotech-Startups in der Frühphase eingesammelt — der niedrigste Wert seit sechs Jahren (BIO Deutschland / EY, 2024). Die Schere zwischen hervorragender Grundlagenforschung und mangelnder Risikobereitschaft bei der Frühfinanzierung bleibt ein Strukturproblem.

Für Röthig ist der Handlungsbedarf klar: "Deutschland braucht keine besseren Wissenschaftler — die haben wir. Wir brauchen schnellere Zulassungsverfahren, mehr Wagniskapital in der Seed-Phase und eine Regulierung, die zwischen gentechnischer Veränderung und präziser Genomedition differenziert."


Ausblick: Deutschland als globaler Biotechnologie-Hub

Die Prognosen sind eindeutig: Deutschland wird seine Führungsrolle in der europäischen Biotechnologie ausbauen. Der Markt soll bis 2030 in Europa das größte Umsatzvolumen erzielen (Grand View Research, 2024). Die Kombination aus akademischer Grundlagenforschung, wachsenden Cluster-Ökosystemen und dem Rückenwind des BioNTech-Erfolgs hat eine neue Generation von Gründern und Investoren ermutigt.

Dass 2024 mit 1,917 Milliarden Euro ein historischer Finanzierungsrekord außerhalb der Pandemie erreicht wurde — ein Plus von 78 Prozent — zeigt: das internationale Kapital glaubt an den Standort Deutschland (BIO Deutschland / EY, 2024).

Die Aufgabe für Politik, Wirtschaft und Wissenschaft lautet: Diesen Rückenwind nutzen, die regulatorischen Bremsen lösen, die Brücke von der Grundlagenforschung zur Marktreife verstärken. Die Zutaten sind vorhanden — Weltklasse-Wissenschaft, engagierte Unternehmer, gewachsene Cluster und eine neue Aufbruchsstimmung.

Biotechnologie Made in Germany hat das Potenzial, das 21. Jahrhundert zu prägen. Vorausgesetzt, Deutschland hört auf, die Früchte seiner eigenen Saat anderswo reifen zu lassen.


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Quellenverzeichnis

  1. BIO Deutschland / EY (2024): Die deutsche Biotechnologie-Branche 2024 — Jahresbericht. BIO Deutschland e.V. / Ernst & Young GmbH. Verfügbar unter: https://www.biodeutschland.org/de/nachrichten/auf-wachstumskurs-veroeffentlichung-der-biotech-branchenkennzahlen.html

  2. biotechnologie.de (2024): Die deutsche Biotechnologie-Branche 2024 — Statistik und Kennzahlen. Projektträger Jülich / BMBF. Verfügbar unter: https://biotechnologie.de/statistics_articles/39-die-deutsche-biotechnologie-branche-2024

  3. BMFTR — Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (2025): Hightech-Agenda Deutschland: Biotechnologie. Verfügbar unter: https://www.bmftr.bund.de/DE/Technologie/HightechAgenda/DossierHightechAgenda/Dossier_HightechAgenda/_documents/4_biotechnologie.html

  4. EY (2024): KI: Zukunft der Biotech-Branche Deutschland 2024. Ernst & Young GmbH. Verfügbar unter: https://www.ey.com/de_de/insights/health/ki-zukunft-der-biotech-branche-deutschland-2024

  5. Gesundheitsindustrie BW (2025): Biotechnologie-Branche tagt im Life Science Hot Spot Heidelberg. Verfügbar unter: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/pm/biotechnologie-branche-tagt-im-life-science-hot-spot-heidelberg

  6. GoingPublic (2025): Rekordbeteiligung bei den Deutschen Biotechnologietagen 2025 in Heidelberg. GoingPublic Media AG. Verfügbar unter: https://www.goingpublic.de/life-sciences/deutsche-biotechnologietage-dbt-heidelberg-2025/

  7. Grand View Research (2024): Germany Biotechnology Market Size & Outlook, 2024–2030. Verfügbar unter: https://www.grandviewresearch.com/horizon/outlook/biotechnology-market/germany

  8. GTAI — Germany Trade & Invest (2024): The Medical Biotechnology Industry in Germany. Verfügbar unter: https://www.gtai.de/en/invest/industries/healthcare-market-germany/medical-biotechnology

  9. transkript.de (2025): 40 Jahre deutsche Biotechnologie: abwechslungsreiche Vergangenheit, rosige Zukunft? Verfügbar unter: https://transkript.de/hintergrund/2025/40-jahre-deutsche-biotechnologie-abwechslungsreiche-vergangenheit-rosige-zukunft/

  10. Universität Heidelberg (1997): Vision und Strategie — Der BioRegio-Wettbewerb. Verfügbar unter: https://www.uni-heidelberg.de/uni/presse/BioRegio/vision.htm

  11. VFA — Verband Forschender Arzneimittelhersteller (2024): Medizinische Biotechnologie in Deutschland 2024. Verfügbar unter: https://www.vfa.de/download/biotech-report-2024.pdf

  12. acatech — Deutsche Akademie der Technikwissenschaften (2024): Stellungnahme zur Biotechnologiepolitik in Deutschland. München: acatech.


Über den Autor: Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital mit Sitz in Zug, Schweiz. Als Impact-Investor an der Schnittstelle von Wissenschaft, Technologie und nachhaltigem Kapitalmarkt verfolgt er seit Jahren, wie aus akademischer Exzellenz wirtschaftliche Wertschöpfung entsteht — und wo Deutschland auf diesem Weg noch Nachholbedarf hat. VERDANTIS konzentriert sich auf Nature-Based Solutions, Carbon Credits und Agroforestry als Investitionsfelder der Zukunft. Kontakt und weitere Artikel: www.verdantiscapital.com

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