Grundlagenforschung in Deutschland: Exzellenz mit Transferproblem
Von Dirk Röthig | CEO, VERDANTIS Impact Capital | 13. März 2026
Deutschland gilt weltweit als Forschungsnation der Spitzenklasse — und zahlt doch einen stillen Preis: Milliarden an wirtschaftlicher Wertschöpfung, die in anderen Ländern geerntet werden, obwohl die Saat hier gesät wurde. Ein Systemcheck.
Tags: Grundlagenforschung, Fraunhofer, Technologietransfer, Innovation, Forschungspolitik
Das Paradox: Weltklasse-Forschung, schwacher Ernteertrag
Deutschland investiert konsequent mehr als 3 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts in Forschung und Entwicklung — ein Wert, der den EU- und OECD-Durchschnitt deutlich übersteigt (Statistisches Bundesamt, 2023). Im Jahr 2022 lag die FuE-Quote bei 3,13 Prozent, und die Bundesregierung strebt gemeinsam mit Ländern und Wirtschaft eine Steigerung auf 3,5 Prozent bis 2025 an (Gemeinsame Wissenschaftskonferenz, 2024).
Trotz dieser Investitionen zeigt sich ein beunruhigendes Muster: Während 86 Prozent der Frühphasenfinanzierung europäischer Deep-Tech-Startups aus Europa selbst stammt, kommt fast die Hälfte der Spätphasenfinanzierung aus dem Ausland — überwiegend aus den USA (European Spinouts Report, 2025). Seit 2019 haben US-Unternehmen und -Investoren damit nahezu 24 Milliarden US-Dollar an Wertschöpfung aus europäischen Deep-Tech-Ausgründungen abgezogen.
Das Wissen wird hier erzeugt. Der wirtschaftliche Mehrwert entsteht anderswo.
Dirk Röthig, CEO von VERDANTIS Impact Capital, setzt sich seit Jahren mit der Frage auseinander, wie grundlagenbasierte Erkenntnisse in nachhaltige Wertschöpfung verwandelt werden können — ob im Bereich Impact Investing, Agroforst oder Technologietransfer. Das strukturelle Problem der deutschen Forschungslandschaft betrifft alle diese Bereiche gleichermaßen.
Das Vier-Säulen-Modell: Wie Deutschland Forschung organisiert
Die deutsche Forschungsinfrastruktur ruht auf vier institutionellen Säulen, die jeweils unterschiedliche Rollen im Wissensschöpfungsprozess übernehmen.
Max-Planck-Gesellschaft: Neugierde ohne Auftrag
Die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) mit ihren 85 Instituten und rund 23.500 Mitarbeitenden steht für erkenntnisgetriebene Grundlagenforschung ohne unmittelbaren Anwendungsdruck (Max-Planck-Gesellschaft, 2024). Ihre Stärke liegt in der institutionellen Freiheit: Forscherinnen und Forscher können Fragen verfolgen, deren wirtschaftliche Relevanz erst Jahrzehnte später sichtbar wird.
Diese Geduld zahlt sich aus. Im European Spinouts Report 2025 belegt die MPG Platz 2 unter den europäischen Forschungsorganisationen bei Deep-Tech- und Life-Science-Ausgründungen — knapp hinter dem französischen CNRS (Max Planck Innovation, 2025). Vier sogenannte „Einhörner" — Startups mit einer Bewertung von über einer Milliarde US-Dollar — sind aus MPG-Instituten hervorgegangen. Die Gesamtbewertung aller MPG-Ausgründungen liegt bei über 67 Milliarden US-Dollar.
Stand März 2026 wurden bereits 13 neue Spin-offs gegründet — mehr als im gesamten Jahr 2024 (Max Planck Innovation, 2025). Darunter Proxima Fusion, ein Spin-off des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik, das 2025 eine Series-A-Finanzierung über 130 Millionen Euro für die Entwicklung eines kommerziellen Fusionskraftwerks eingesammelt hat.
Und dennoch: MPG-Präsident Patrick Cramer betont, dass die Gesellschaft jährlich zusätzlich 500 Millionen Euro benötigen würde — als strategische Zukunftsinvestition — um bis zu hundert neue Forschungsabteilungen aufzubauen und die Zahl der Spin-offs pro Jahr zu verdoppeln (MPG, 2025).
Fraunhofer-Gesellschaft: Die Brücke mit Eigenantrieb
Die Fraunhofer-Gesellschaft ist das funktionale Herzstück des deutschen Transfermodells. Mit 76 Instituten, rund 32.000 Mitarbeitenden und einem jährlichen Forschungsvolumen von 3,7 Milliarden Euro nimmt sie weltweit eine einzigartige Stellung ein (Fraunhofer-Gesellschaft, 2024).
Was Fraunhofer von vergleichbaren Einrichtungen international unterscheidet, ist ihr Finanzierungsmodell: Maximal ein Drittel des Budgets stammt aus der institutionellen Grundfinanzierung von Bund und Ländern im Verhältnis 90:10. Mindestens zwei Drittel müssen im Wettbewerb selbst erwirtschaftet werden — durch Auftragsforschung für die Industrie und durch öffentlich finanzierte Förderprojekte (Fraunhofer-Gesellschaft, 2024).
Dieses Prinzip des marktgetesteten Finanzierungsanteils zwingt die Institute zur permanenten Relevanzprüfung. Was die Wirtschaft nicht nachfragt, verliert Ressourcen. Was nachgefragt wird, wächst. Das Modell hat sich international bewährt: Fraunhofer-Standorte in den USA gelten dort als institutionelle Blaupause für angewandte Forschungsorganisationen.
Die Zahlen belegen die Transferaktivität: 2024 meldeten die Fraunhofer-Institute 507 Erfindungen an, reichten 439 Patentanmeldungen ein und hielten zum Jahresende 7.081 aktive Patentfamilien sowie rund 3.000 aktive Lizenzverträge (Fraunhofer-Gesellschaft, 2024). 80 Unternehmensbeteiligungen — 53 davon mit explizitem Technologietransfer-Fokus — runden das Bild ab.
Das berühmteste Beispiel bleibt MP3: Die Grundlage des digitalen Audioformats entstand in Fraunhofer-Labors, die Lizenzeinnahmen flossen über Jahrzehnte zurück in neue Forschungsprojekte (Fraunhofer-Gesellschaft, 2025). Aktuell kooperiert Fraunhofer mit BMW und Siemens beim Aufbau einer KI-Gigafactory in Bayern — ein Beleg dafür, dass das Modell auch im KI-Zeitalter trägt (Bundesregierung, 2026).
Helmholtz und Leibniz: Die unterschätzten Säulen
Weniger im öffentlichen Diskurs präsent, aber in der Forschungsinfrastruktur unverzichtbar sind die Helmholtz-Gemeinschaft und die Leibniz-Gemeinschaft.
Die Helmholtz-Gemeinschaft ist mit Ausgaben von 4,7 Milliarden Euro die finanzstärkste der vier Säulen (Statistisches Bundesamt, 2023). Ihre rund 40.000 Mitarbeitenden in 18 Forschungszentren betreiben Großforschungsanlagen — Teilchenbeschleuniger, Polarflugzeuge, Fusionsreaktoren — die einzelne Universitäten oder Institute nicht betreiben könnten. Helmholtz-Zentren dienen damit als wissenschaftliche Infrastruktur im wahrsten Sinne des Wortes.
Die Leibniz-Gemeinschaft mit 1,6 Milliarden Euro Jahresbudget besetzt hingegen die Schnittstelle zwischen akademischer Forschung und gesellschaftlicher Anwendung (Statistisches Bundesamt, 2023). 97 Einrichtungen — von Museen über Informationsinfrastrukturen bis zu anwendungsnahen Forschungsinstituten — bilden eine thematisch diverse, oft unterschätzte Wissensressource.
Zusammen ergeben die vier Säulen ein Gesamtbudget von knapp 14 Milliarden Euro jährlich für außeruniversitäre Forschung — eine Infrastruktur, die in dieser Dichte und institutionellen Differenziertheit international ohne Vorbild ist (GWK, 2024).
Die Kooperation als Schlüssel: Max-Planck trifft Fraunhofer
Seit 2005 fördern Max-Planck-Gesellschaft und Fraunhofer-Gesellschaft gemeinsame Kooperationsprojekte, die gezielt die Lücke zwischen Grundlagenforschung und industrienaher Anwendung überbrücken sollen. Bis zu vier Millionen Euro stellen die Forschungsorganisationen pro Jahr für diese Zusammenarbeit bereit — ermöglicht durch den Pakt für Forschung und Innovation, der von Bund und Ländern getragen wird (MPG, 2024).
Die Logik dieser Kooperation ist einfach und wirkungsvoll: Max-Planck erzeugt das grundlegende Verständnis eines Phänomens; Fraunhofer wandelt es in marktfähige Lösungen um. Was für MP3, für Materialwissenschaften und für biomedizinische Diagnostik funktioniert hat, soll nun auch für KI, Quantentechnologie und nachhaltige Energieerzeugung gelten.
Dieser institutionelle Brückenbau ist genau das, was Deutschland von der angelsächsischen Forschungslandschaft unterscheidet — und was dort fehlt. In den USA übernehmen Universitäten wie MIT und Stanford diese Transferfunktion durch ihre Technology Transfer Offices (TTOs), die über Jahrzehnte ausgereifte Prozesse und Netzwerke aufgebaut haben. Deutschland hat den institutionellen Rahmen; was fehlt, ist die konsequente Umsetzungsinfrastruktur.
Das strukturelle Transferproblem: Wer erntet die Frucht?
Hier liegt die eigentliche Achillesferse: Deutschland ist exzellent im Pflanzen, weniger stark im Ernten.
Das europäische Spin-off-Ökosystem hat sich seit 2000 dramatisch entwickelt: Von rund 100 Deep-Tech-Ausgründungen pro Jahr in der Dekade 2000–2010 auf über 500 jährlich seit 2015 (European Spinouts Report, 2025). Doch während die Gründungszahlen steigen, wandert die Wertschöpfung ab.
Das Problem beginnt in der Wachstumsphase: Europäische Risikokapitalgeber finanzieren Frühphasen-Startups, aber selten die kapitalintensiven Wachstumsphasen von Deep-Tech-Unternehmen. US-amerikanische und asiatische Investoren springen ein — und damit verlagert sich auch der strategische Einfluss auf die Unternehmensausrichtung, die Patentnutzung und letztlich die Standortentscheidungen.
Die 24 Milliarden US-Dollar, die seit 2019 von US-Investoren aus europäischen Deep-Tech-Spinoffs abgezogen wurden, sind kein Betrug — sie sind die Konsequenz einer Finanzierungslücke in der Wachstumsphase (European Spinouts Report, 2025).
Für Röthig und VERDANTIS Impact Capital illustriert diese Dynamik ein breiteres Muster, das auch im Bereich nachhaltiger Investitionen gilt: Wer den Transfer von der Forschung in die Praxis nicht aktiv gestaltet und finanziert, überlässt anderen die wirtschaftliche Teilhabe an der erzeugten Wertschöpfung.
Was sich ändern muss: Fünf Hebel für besseren Transfer
Die Diagnose ist klar. Weniger klar, aber drängend ist die Therapie. Fünf strukturelle Hebel könnten den Transfer verbessern:
1. Kapital für die Wachstumsphase: Deep-Tech-Spin-offs brauchen nicht nur Seed-Finanzierung, sondern wachstumsphasige Investitionen in Größenordnungen von 50 bis 500 Millionen Euro. Europa braucht spezialisierte Wachstumsfonds für Forschungsausgründungen — finanziert aus öffentlichen und privaten Quellen.
2. Ausgründungsprozesse vereinfachen: An deutschen Universitäten und Forschungseinrichtungen dauern IP-Verhandlungen, Genehmigungsverfahren und Beteiligungsmodelle oft zu lang. Wer ein Spin-off gründet, braucht Geschwindigkeit — nicht bürokratische Geduld.
3. Grundfinanzierung erhöhen: MPG-Präsident Cramer fordert 500 Millionen Euro zusätzlich jährlich — ein realistischer Betrag angesichts des erwarteten Rückflusses durch Spin-off-Wertschöpfung (MPG, 2025). Der Bundeshaushalt 2026 sieht immerhin eine Erhöhung der FuE-Infrastrukturförderung von 472 Millionen auf eine Milliarde Euro vor — ein Schritt in die richtige Richtung (Bundesregierung, 2026).
4. Das 3,5%-BIP-Ziel tatsächlich erreichen: Die FuE-Quote liegt noch bei 3,13 Prozent; das Ziel von 3,5 Prozent für 2025 ist ambitioniert, aber ohne konsequente Haushaltsentscheidungen nicht erreichbar (GWK, 2024). Jeder Prozentpunkt mehr entspricht über 40 Milliarden Euro zusätzlicher Forschungsausgaben.
5. Europäische Kooperation stärken: Isolierter nationaler Forschungsförderung fehlt die kritische Masse für globalen Wettbewerb. Das im Rahmen von Horizon Europe angelegte Ökosystem muss weiter gestärkt werden — auch um gemeinsame Verwertungsstrukturen zu schaffen, die US-Investoren nicht als einzige Alternative für Wachstumsfinanzierung darstellen.
Fazit: Die Infrastruktur steht — jetzt muss der Transfer folgen
Deutschlands Forschungslandschaft ist keine Baustelle. Sie ist ein funktionierendes, differenziertes System mit globaler Ausstrahlung. Max-Planck-Gesellschaft, Fraunhofer-Gesellschaft, Helmholtz-Gemeinschaft und Leibniz-Gemeinschaft sind institutionelle Errungenschaften, die Jahrzehnte der Politikgestaltung, der Förderentscheidungen und der wissenschaftlichen Exzellenz widerspiegeln.
Das Problem ist nicht die Forschung. Es ist der Transfer.
Der Weg von der wissenschaftlichen Erkenntnis zur wirtschaftlichen Wertschöpfung ist in Deutschland länger und steiniger als notwendig. Die nötige Infrastruktur für Wachstumsfinanzierung, die Ausgründungskultur und die politische Bereitschaft, Forschungsbudgets als Investition statt als Ausgabe zu verstehen — hier liegt das Potenzial für die nächste Stufe.
Für Investoren und Unternehmen ergibt sich daraus eine klare Botschaft: Wer frühzeitig in den Transferprozess einsteigt — sei es durch Impact Investment, durch Kooperationen mit Forschungseinrichtungen oder durch strategische Beteiligungen an Spin-offs — positioniert sich an der Quelle der nächsten Wertschöpfungswelle.
Die Saat ist vorhanden. Die Ernte wartet.
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Quellenverzeichnis
- Statistisches Bundesamt (2023): Ausgaben für Forschung und Entwicklung 2022. Destatis. Verfügbar unter: https://www.destatis.de
- Gemeinsame Wissenschaftskonferenz / GWK (2024): Sachstandsbericht Pakt für Forschung und Innovation 2024. GWK-Bonn. Verfügbar unter: https://www.gwk-bonn.de
- Max Planck Innovation (2025): European Spinouts Report 2025: Max Planck leads the way in Germany. Verfügbar unter: https://www.max-planck-innovation.com/max-planck-innovation/news/press-releases/press-release/european-spinouts-report-2025-max-planck-leads-the-way-in-germany.html
- Max-Planck-Gesellschaft / MPG (2025): Hightech made by Max Planck. Verfügbar unter: https://www.mpg.de/26006334/hightech-made-by-max-planck
- Max-Planck-Gesellschaft / MPG (2024): Europa: Wissenschaft, Transfer und Zukunftsfähigkeit (PRELUDE 2025). Verfügbar unter: https://www.mpg.de/prelude-2025
- Fraunhofer-Gesellschaft (2024): Facts and Figures — Transfer. Verfügbar unter: https://www.fraunhofer.de/en/about-fraunhofer/profile-structure/facts-and-figures/transfer.html
- Fraunhofer-Gesellschaft (2024): Jahresbericht 2024 — Patente und Lizenzen. Verfügbar unter: https://www.fraunhofer.de
- Fraunhofer-Gesellschaft (2025): MP3-Geschichte und Lizenzmodell. Verfügbar unter: https://www.mp3-history.com/de/mp3_heute.html
- Bundesregierung (2026): Bundeshaushalt 2026 — Forschungsinfrastruktur. Verfügbar unter: https://ak-energie.at/infrastrukturforderung-fur-grossgerate-in-deutschland-roadmaps-konsortien-und-betrieb
- European Spinouts (2025): European Spinouts Report 2025. Zitiert nach: Max Planck Innovation Pressemitteilung 2025.
- Statistisches Bundesamt / Destatis (2023): Sieben Prozent mehr Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Verfügbar unter: https://www.forschung-und-lehre.de/forschung/7-prozent-mehr-ausgaben-fuer-forschung-und-entwicklung-6958
Über den Autor: Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital mit Sitz in Zug, Schweiz. Als Impact-Investor beschäftigt er sich mit der Frage, wie wissenschaftliche Erkenntnisse — ob in der Grundlagenforschung, in der Biotechnologie oder in der Agroforstung — in nachhaltige wirtschaftliche Wertschöpfung transformiert werden können. VERDANTIS Impact Capital ist eine Plattform für Carbon Credits, Agroforestry und Nature-Based Solutions.
Kontakt und weitere Artikel: verdantiscapital.com | LinkedIn
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