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Alexander König: Humanoide Roboter und Chinas Vorsprung

Alexander König ist Robotik-Professor an der TU München und Co-Initiator des Pflegeroboters GARMI. Im Interview mit Leonard Schmedding ordnet er die rasante Entwicklung humanoider Roboter ein. Sein Fokus liegt auf drei Punkten: Chinas Vorsprung, das Trainingsdaten-Problem und die Frage, wer für Roboter-Fehler haftet.

Chinas Vorsprung: Warum Unitree gerade alle überrascht

Beim chinesischen Frühlingsfest 2026 zeigte Unitree seine Humanoiden vor 700 Millionen Zuschauern. Die Roboter machten Kung-Fu, tanzten und sprangen Rückwärtssaltos. Kritiker nannten das eine reine Spielerei ohne kommerziellen Markt.

König widerspricht klar. Robotik entwickle sich nicht linear, sondern exponentiell. Wer heute über tanzende Roboter lacht, unterschätze die Kurve. Zum nächsten chinesischen Neujahrsfest werde Europa sein blaues Wunder erleben.

Zwei Faktoren beschleunigen die Entwicklung gleichzeitig. KI-Modelle werden besser, Motoren energiedichter. Das Ergebnis: Roboter springen aus dem Stand 1,5 Meter hoch. Vor wenigen Jahren war das undenkbar.

Trainingsdaten: Vom Video zur Simulation

Das eigentliche Bottleneck steckt nicht in der Hardware. Es steckt in den Daten. Eine Studie aus Science Robotics zeigte 2024 ein eindeutiges Verhältnis. Robotik-Trainingsdaten verhalten sich zu Text-Trainingsdaten wie ein Streichholz zur Sonne.

Der bisherige Workaround heißt Data Farms. Menschen führen Robotern den ganzen Tag Aufgaben vor. Diese Teleoperation skaliert schlecht und kostet enorm.

Der Durchbruch kommt jetzt über Video-Daten. Algorithmen extrahieren Bewegungen aus YouTube-Clips. Damit öffnet sich ein gigantischer Datenpool. König erklärt den Trick so: Der Mensch ist ein über hunderttausende Jahre optimiertes Manipulationssystem. Wer den Formfaktor kopiert, kann sich beim Menschen alles abschauen.

Den Lückenschluss leisten Simulationen. Nvidia Cosmos und Omniverse liefern virtuelle Welten. Der Workflow heißt Sim to Real to Sim to Real. Aus dem Video kommen die Bewegungen, in der Simulation kommen die Kräfte dazu. So lassen sich Reibung, Gewicht und Sensorik nachträglich einrechnen.

Die menschliche Hand bleibt das größte Bottleneck

Die menschliche Hand hat 28 Freiheitsgrade. In den Fingerkuppen sitzen rund 17.000 Mechanorezeptoren. Diese Dichte erreicht keine Roboter-Hand der Welt.

MIT-Robotiker Rodney Brooks geht hart mit Tesla-Chef Elon Musk ins Gericht. Die Vision von Optimus mit Menschen-Hand sei pure Fantasie. Erfolgreiche Humanoide würden in den nächsten 15 Jahren Räder statt Beine haben.

König differenziert pragmatisch. Die akademische Frage laute, ob Roboter den Menschen je erreichen. Die ökonomische Frage laute anders. Reicht die Manipulationsfähigkeit, um in Pflege oder Produktion echten Wert zu schaffen?

Ein zweiter Punkt überrascht viele. In der Hand selbst steckt physikalische Intelligenz. Daumen-Stellung, Sehnen-Verlauf und Fingerlängen sind mathematisch optimiert. Diese Mechanik nimmt dem Gehirn Arbeit ab. Wer nur die Software hochskaliert, verliert.

Haftung: Wer zahlt, wenn ein Roboter Fehler macht?

Was passiert, wenn ein Roboter eine Vase umstößt oder einen Pflegepatienten verletzt? Selbst die Wissenschaft ist sich uneinig. Hersteller, Halter oder Roboter selbst, die Antworten gehen weit auseinander.

König zieht eine historische Parallele. Vor 150 Jahren war die juristische Person ein absurdes Konzept. Eine Firma haftbar machen, ohne sie ins Gefängnis stecken zu können, schien undenkbar.

Heute steht die Gesellschaft vor einer ähnlichen Schwelle. Beim hochautonomen Fahren fielen die Verkehrstoten von 3.000 auf vielleicht 300 pro Jahr. Doch es gibt niemanden mehr, auf den man zeigen könnte.

Sein Vorschlag ist klar. Die KI selbst muss als haftbare Entität anerkannt werden. Hinter ihr steht eine Firma, die ebenfalls haftbar ist. Versicherungen übernehmen den Schaden, wenn keine grobe Fahrlässigkeit vorliegt. Die juristischen Details vertieft unser Team im Interview zur Haftungsfrage bei KI-Robotern.

Deutschland: Stärke in Mechanik, Lücke im Marketing

Die Standard-Erzählung lautet: Deutschland verschläft die Robotik. König hält dagegen. Europa habe einen massiven Vorteil bei Datenschutz und Regulatorik. Das schaffe Vertrauen, das chinesische Anbieter nicht herstellen können.

Wichtiger ist die industrielle Basis. Deutsche Mittelständler dominieren Nischen in Mechanik und Elektromechanik weltweit. Niemand kennt die Namen. Trotzdem stecken sie in entscheidenden Komponenten der nächsten Roboter-Generation.

Beim Schock über ChatGPT 3.5 fielen die Google-Aktien an einem Tag massiv. Heute hält Google bei den Modellen voll mit. Die Lehre ist klar. Wer einen Vorsprung hat, behält ihn nicht automatisch. Das gilt auch für Chinas Humanoide.

Wir sehen das in unserer Beratungspraxis bei Everlast AI. Wer in den nächsten zwölf Monaten Robotik in Produktion oder Pflege evaluiert, kommt an europäischen Hardware-Lieferanten kaum vorbei. Mehr Marktkontext findest du in unserer Übersicht zu humanoiden Robotern und ihrer kommerziellen Reife.

Was als Nächstes kommt: Industrie zuerst, Pflege danach

Humanoide Roboter kommen zuerst in die Produktion. Dort sind die Sicherheits-Anforderungen niedriger und der Wertbeitrag pro Roboter am höchsten. Danach folgt die Pflege, weil dort der Leidensdruck am größten ist. Der Haushalt kommt zuletzt.

Alexander König will Ende 2026 mit GARMI in echte Pflegeheime gehen. Drei Themen treiben sein Team gerade. Reinforcement Learning aus Real-to-Sim-Daten. Visual Language Action Models in Kooperation mit dem KIT Karlsruhe. Und die Sicherheits-Absicherung jeder einzelnen Funktion.

Die Realität halte sich nie ans Modell, sagt der Professor. Genau dort entstehen die echten Lerneffekte und damit die nächsten Sprünge. Alexander König und die TU München liefern dafür eine konkrete deutsche Antwort.

Häufige Fragen

Was ist GARMI?

GARMI ist ein humanoider Pflegeroboter der TU München. Er entstand im Forschungsfeld der Geriatronik und kombiniert Mobilität, Manipulation und KI-gestützte Interaktion. Die aktuelle Version basiert auf einer kommerziellen Roboter-Plattform mit erweiterten Sicherheits-Funktionen, neuen 3D-Kameras und einem Design, das mit dem Lehrstuhl für Industriedesign der TU München entwickelt wurde. Ziel ist der Einsatz in echten Pflegeheimen ab Ende 2026, zunächst teleoperiert, danach mit zunehmender Autonomie. Die Forschung verbindet Mechanik, KI-Modelle und Mensch-Roboter-Interaktion in einem System.

Warum sind chinesische Humanoide gerade so weit vorne?

China kombiniert drei Faktoren. Erstens steht eine alternde Gesellschaft unter Demografie-Druck. Zweitens fließt enorm viel Kapital in Hardware-Hersteller wie Unitree. Drittens treffen sprunghaft bessere KI-Modelle auf energiedichtere Motoren. Das Ergebnis sind Roboter, die aus dem Stand 1,5 Meter hoch springen oder Rückwärtssaltos machen. Alexander König warnt davor, das als Spielerei abzutun. Robotik entwickelt sich exponentiell. Was heute als Tanzdemo wirkt, ist ein Vorbote der nächsten Welle echter Anwendungen in Produktion und Pflege.

Was ist das größte Bottleneck in der humanoiden Robotik?

Das größte Bottleneck sind nicht Motoren oder Software, sondern Trainingsdaten und feinmotorische Hände. Robotik-Datensätze sind im Vergleich zu Text-Daten verschwindend klein. Neue Ansätze gewinnen Bewegungen direkt aus YouTube-Videos und ergänzen die Kräfte in Simulationen wie Nvidia Omniverse. Bei der Hand fehlt eine Hardware mit ähnlicher Sensor-Dichte und Aktuator-Auflösung wie beim Menschen. Erste Algorithmen können fein manipulieren, doch die Hardware hängt hinterher. Beide Probleme sind in den nächsten fünf Jahren nicht final gelöst, aber stark verbessert.

Wer haftet für Fehler eines humanoiden Roboters?

Aktuell haften Halter und Hersteller, vergleichbar mit einem Hundebesitzer oder einem Medizinprodukte-Hersteller. Versicherungen wie Patienten- oder Produkthaftpflicht greifen schon heute. Alexander König schlägt einen weiteren Schritt vor. Die Gesellschaft müsse die KI selbst als haftbare Entität anerkennen, ähnlich wie vor 150 Jahren die juristische Person. Hinter dieser KI steht eine Firma, die mitgehaftet wird. Solange keine grobe Fahrlässigkeit vorliegt, übernehmen Versicherungen den Schaden. Sonst lassen sich intelligente Systeme nicht vernünftig in Pflege, Industrie oder Haushalt einsetzen.

Wann sehen wir humanoide Roboter im Alltag?

Die wahrscheinliche Reihenfolge: zuerst Industrie und Produktion, danach Pflege, am Ende der Haushalt. In der Industrie sind Sicherheitsfragen leichter lösbar und der ökonomische Hebel groß. In der Pflege treibt der Personalmangel den Einsatz. Im Haushalt fehlt aktuell der Pain. Bei Unternehmen wie 1X kosten erste Modelle rund 500 Dollar pro Monat, sammeln aber vor allem Trainingsdaten statt produktiv zu arbeiten. Insellösungen kommen in den nächsten zwei bis fünf Jahren, der breite Alltag eher in zehn bis fünfzehn.

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