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Invitris Phagen-Therapie: Wie Patrick Grossmann Medikamente in 8 Stunden druckt

Druckbare Medizin: Der ChatGPT-Moment der Pharma-Welt

Die Invitris Phagen-Therapie zeigt, wie radikal KI die Medizin gerade verändert. Dr. Patrick Grossmann führt als Gründer das Münchner DeepTech-Startup Invitris. Im Interview mit Everlast AI erklärt er, wie sein Team neue Medikamente in 4 bis 8 Stunden herstellt. Das Verfahren ist laut Grossmann bis zu 10.000 Mal schneller als die klassische Produktion.

Sein Hebel ist eine zellfreie Plattform. Sie baut Phagen-Proteine komplett ohne lebende Bakterien zusammen. Dieser Ansatz ist die Grundlage für personalisierte Therapien in unter 72 Stunden.

Der ChatGPT-Moment der Medizin ist da

Stanford prognostizierte bereits 2025, dass Healthcare 2026 seinen ChatGPT-Moment erlebt. Für Grossmann ist dieser Punkt längst erreicht. Früher baute die Forschung einzelne Modelle für sehr spezifische Aufgaben. Eines sagte Tumorprogression vorher, ein anderes erkannte seltene Erkrankungen.

Heute fließen komplementäre Datensätze in ein einziges großes Modell. Dadurch beantwortet das System ganz unterschiedliche medizinische Fragen gleichzeitig. Für die Medikamenten-Entwicklung bedeutet das einen radikalen Geschwindigkeits-Schub. Binnen Minuten entstehen neue Kandidaten am Rechner.

Invitris Phagen-Therapie: 10.000 Mal schneller als klassische Produktion

Der Flaschenhals liegt nicht im Design, sondern in der Produktion. Genau hier setzt Invitris an. Das Team aus Martinsried bei München hat eine Manufacturing-Technologie entwickelt. Sie liefert neue proteinbasierte Medikamente in 4 bis 8 Stunden.

Klassische Phagen-Produktion dauert bis zu 10 Tage. Manche Bakterien wachsen einfach so lang, bevor man Phagen ernten kann. Invitris umgeht diesen Prozess komplett. Das Team hat verstanden, welche Moleküle in Bakterien die Protein-Synthese steuern.

Diese Bausteine setzt das System wie Lego zusammen. Phagen entstehen direkt aus der DNA, ohne lebenden Wirt. Das Verfahren heißt Cell-Free Expression. Es ist laut Grossmann bis zu 10.000 Mal schneller als der klassische Weg.

Phagen gegen multiresistente Bakterien wie Pseudomonas aeruginosa

Bakterio-Phagen sind Viren, die gezielt Bakterien töten. Für Menschen sind sie harmlos, sogar nützlich. Sie schalten genau die krank-machenden Keime aus. Antibiotika dagegen zerstören große Teile des Mikrobioms.

Das Leuchtturm-Programm von Invitris zielt auf Pseudomonas aeruginosa. Der Keim steht ganz oben auf der Priority-Liste der WHO. Er ist die häufigste Todesursache bei Mukoviszidose-Patienten. Bei dieser Erkrankung bleibt Schleim in der Lunge liegen und wird zum Nährboden für Bakterien.

Das Team hat eine Bibliothek antimikrobieller Proteine gegen den Keim entwickelt. Der nächste Schritt ist die Personalisierung auf Patienten-Ebene. Dafür tauscht die Plattform sogenannte Füßchen am Phagen aus. Diese Strukturen bestimmen, welches Bakterium das Medikament befällt.

Personalisierte Therapie in 24 bis 72 Stunden

Das Ziel ist eine patientenspezifische Phagen-Therapie binnen 24 bis 72 Stunden. Technisch funktioniert das im Laborsetup schon gut. Der Bottleneck liegt anderswo: in der Regulatorik. Jede neue Charge muss Sterilitäts-Tests durchlaufen.

Diese Qualitäts-Kontrollen dauern aktuell bis zu 10 Tage. Das Medikament liegt fertig im Regal und wartet. Invitris plant deshalb einen geschlossenen Maschinen-Kasten. Er soll automatisiert genug Daten liefern, um die Tests zu verkürzen.

Mit Mitteln des EIC Accelerator baut das Team genau diese Maschine. Die Förderung umfasst 2,5 Millionen Euro als Grant plus Eigenkapital der European Investment Bank. Invitris war eine von nur 61 Firmen aus 1.200 Bewerbungen. Das Endziel ist ein weltweites Netzwerk solcher Drucker.

Warum Europa bei Biotech schwächelt

Grossmann hat an der ETH Zürich und an der Harvard Medical School geforscht. Er war Alumnus im Y-Combinator-Programm. Seine Beobachtung zum Fundraising ist klar. US-Investoren optimieren auf die Größe der Chance.

Europäische Geldgeber optimieren dagegen auf die Minimierung des Risikos. Für Venture Capital ist diese Logik problematisch. Die Opportunität muss massiv sein, sonst trägt das Modell nicht. Deshalb zieht es viele deutsche DeepTech-Gründer in die USA.

Invitris bleibt trotzdem in München. Die Talent-Dichte rund um die TU München ist hoch, das Kapital vorhanden. Was fehlt, ist laut Grossmann die kritische Masse an Vernetzung. Eine Achse zwischen München und Boston soll das ausgleichen. Parallelen zum Münchner Forschungs-Standort zeigt das Interview mit Prof. Alois Knoll.

Drei KI-Hebel für die Gesundheit der Zukunft

Grossmann sieht drei Kernbereiche, in denen KI Gesundheit verändert. Erstens: Therapeutika. KI findet nischige Ursachen für Erkrankungen und designt passende Proteine. Heute geht das per Heuristik statt per rationalem Design.

Zweitens: Aufklärung der Patienten. Rund jede 20. Person trägt eine seltene Erkrankung. In Summe existieren fast 10.000 solcher Erkrankungen. Zusammen betreffen sie extrem viele Menschen.

KI-Tools beschleunigen die Diagnose massiv. Grossmanns eigene Schwester wartete 10 Jahre auf eine klare Diagnose. Drittens: Supplements und Lifestyle. Hier geht es um individuelle Wechsel-Wirkungen und passende Kombinationen. Den wissenschaftlichen Rahmen dazu liefert das Interview mit Dr. Thomas Zurbuchen.

Proteine, Antibiotika-Resistenzen und der größte Hebel

Nur 2 Prozent aller Therapeutika sind protein-basiert. Dennoch machen sie 40 Prozent des globalen Pharma-Umsatzes aus. Der Grund ist simpel: Die Medikamente wirken sehr gut. Allerdings sind sie komplex und teuer herzustellen.

Invitris will diesen Kostendruck senken. Wenn die Produktion für einen Patienten genauso viel kostet wie für eine Million, öffnen sich neue Märkte. Rund zehnmal mehr Erkrankungen würden adressierbar. Besonders seltene Krankheiten profitieren davon.

Ein weiterer Hebel ist der Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen. Maßgeschneiderte Phagen erhöhen die Effektivität jeder Therapie. Gleichzeitig nehmen sie den Resistenz-Druck aus dem System. Manche US-Forscher halten sogar die Ausrottung einzelner Virus-Erkrankungen für möglich.

Fazit: Invitris Phagen-Therapie als Blaupause für die Medizin von morgen

Die Invitris Phagen-Therapie steht exemplarisch für den ChatGPT-Moment der Medizin. KI entwirft, Cell-Free-Plattformen drucken, Maschinen prüfen. Aus Monaten werden Stunden. Aus Pauschal-Therapie wird personalisierte Medizin.

Für Unternehmen im DeepTech-Bereich ist das Signal klar. Wer jetzt Infrastruktur für KI-generierte Medikamente aufbaut, besetzt einen riesigen Markt. Die Technologie ist reif, die Regulatorik folgt. Europa hat die Forschung, jetzt braucht es die Geschwindigkeit.

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