Prof. Dr. Niels Birbaumer forscht seit über 30 Jahren an Brain-Computer-Interfaces. Er war der erste Wissenschaftler weltweit, der komplett gelähmten Menschen die Kommunikation per Gedanken ermöglichte. Jetzt warnt er in einem Interview mit Leonard Schmedding vor Elon Musks Neuralink. Die Niels Birbaumer Neuralink-Einschätzung fällt deutlich aus: brandgefährlich, unnötig invasiv, wirtschaftlich nicht tragfähig. Du erfährst, warum ein BCI-Pionier vom Projekt abrät und welches Land beim Thema Hirnchip jetzt die Führung übernimmt.
Wer ist Niels Birbaumer und warum zählt seine Stimme
Birbaumer wurde 1945 in Österreich geboren. Als Jugendlicher führte er eine Wiener Bande an und saß im Jugendarrest. Sein Vater schickte ihn auf eine strengere Schule. Dort entdeckte er die Hirnforschung. Sein Lehrer war Miterfinder des Elektroenzephalogramms.
Heute zählt er zu den meist-zitierten Hirnforschern weltweit. Sein h-Index liegt bei über 140. Er hat mehr als 800 Publikationen veröffentlicht. Auszeichnungen reichen vom Leibnizpreis bis zur Aufnahme in die Leopoldina.
Bereits 1996 entwickelte er mit Hans-Peter Salzmann das erste am Menschen erprobte BCI. Der ALS-Patient schrieb den weltweit ersten Brief per Gedanken-Steuerung. Die Studie erschien in Nature.
Der Durchbruch 2022: Patient Felix spricht nur mit Gedanken
2022 publizierte Birbaumer in Nature Communications einen Meilenstein. Ein 44-jähriger ALS-Patient war vollständig gelähmt. Selbst seine Augen bewegte er nicht mehr. Mit einem Implantat im Gehirn buchstabierte er ganze Sätze. Pro Buchstabe brauchte er etwa eine Minute.
Seine erste Bitte: Gulaschbier und Fernsehzeit mit seinem Sohn. Das Team setzte 126 Standard-Elektroden ein. Diese steckten direkt in den Hirnzellen. Künstliche Intelligenz trennt dabei die Hirnströme für Ja und Nein mathematisch.
Invasiv gegen nicht invasiv: Zwei Wege ins Gehirn
Nicht invasive BCIs registrieren Hirnströme über die Kopfhaut. Das Elektroenzephalogramm ist das bekannteste Verfahren. Ein zweites nutzt Nahinfrarot-Spektroskopie. Beide Methoden bleiben harmlos. Ihre Grenze: flüssiges Sprechen gelingt damit nicht.
Nach 20 Jahren Arbeit stieg Birbaumer deshalb auf invasive Verfahren um. Dabei öffnet ein Chirurg die Schädeldecke. Die Elektroden gelangen direkt in die Hirnzellen. Der Vorteil: maximale Signal-Qualität. Der Nachteil: Infektions-Risiko.
Niels Birbaumer Neuralink: Der Realitäts-Check
Neuralink pflanzt tausende haarfeine Fäden ins Gehirn. Ein Automat erledigt die Operation fast vollständig. Birbaumer hält den Ansatz für überdimensioniert. Sein Patient Felix kommunizierte bereits mit wenigen Elektroden flüssig. Mehr Elektroden bringen nicht automatisch mehr Nutzen.
Der BCI-Pionier warnt vor einem weiteren Problem. Neuralink ist derzeit unbezahlbar. Keine Krankenkasse der Welt finanziert Millionen Implantationen. Musk verweist auf eine Warteliste von 30.000 Amerikanern. Birbaumer bezeichnet viele davon als Unbelehrbare, die Gesundes leichtfertig riskieren.
Er plädiert deshalb für eine gesetzliche Einschränkung. BCI soll nur bei schwerstkranken Menschen zugelassen werden. Nötig sei eine ärztliche Verschreibung mit Ethik-Kontrolle. Gesunde Nutzer gehören aus seiner Sicht nicht an den Hirnchip.
China übernimmt beim Brain-Computer-Interface die Führung
Zwei chinesische Systeme wurden kürzlich veröffentlicht. Sie brauchen nur fünf bis zehn Elektroden. Diese liegen auf der harten Hirnhaut, nicht darin. Das Infektions-Risiko sinkt dadurch deutlich. Ein kleines Modul sitzt in einer Knochen-Mulde. Die Daten-Übertragung läuft drahtlos per Bluetooth.
Birbaumer reist selbst nach China, um dort beizutragen. Er hofft, dass ALS-Patienten weltweit davon profitieren. In Europa und den USA hilft diesen Menschen aktuell niemand. Das Wissen existiert. Die Technik liegt auf dem Tisch. Nur die Versorgung fehlt.
Warum Denken ohne Bewegung nicht funktioniert
Birbaumer zitiert Aristoteles: Denken entsteht aus Bewegung. Das Gehirn besitzt keine Sensoren für die eigene Tätigkeit. Es lernt nur über Rückmeldung der Körperbewegung. Ein gelähmt geborenes Kind entwickelt kein echtes Denken. Das Konzept Haus lernt es nur durch Hineingehen.
Diese Einsicht verbindet BCI direkt mit Robotik. Eine reine Sprach-KI bleibt in dieser Logik begrenzt. Echte allgemeine Intelligenz braucht einen Körper und Belohnungs-Signale. Wer tiefer einsteigen will, findet die passende Einordnung in unserem Guide zu humanoiden Robotern.
Bewusstsein, Mind Uploading und die Grenzen der Technik
Die allgemeine Bewusstseins-Debatte hält Birbaumer für eine Scheinfrage. Wichtig werde sie nur im Einzelfall. Ein Beispiel: ein Angehöriger liegt nach einem Unfall im Koma. Bei rund 30 Prozent dieser Fälle bleibt das Gehirn intakt. Der Patient ist nur vollständig gelähmt.
Mind Uploading hält Birbaumer grundsätzlich für möglich. Dafür müssen Forscher das Gehirn vollständig verstehen. Digital-Computer reichen dafür nicht. Analog- und Quantencomputer kommen dem biologischen Vorbild näher. Wer das ethische Spannungs-Feld vertiefen will, findet es im Interview mit Prof. Oliver Bendel.
Fazit: Was die Niels Birbaumer Neuralink-Warnung für dich bedeutet
Die Niels Birbaumer Neuralink-Position ist eindeutig. Brain-Computer-Interfaces helfen schwerstkranken Menschen. Für Gesunde bleiben sie gefährlich und unnötig. Der BCI-Pionier warnt vor dem Oblomov-Effekt der Gesellschaft. Menschen könnten dauerhaft im Bett liegen und per Hirnchip bestellen.
Die nächsten fünf bis zehn Jahre entscheiden die Richtung. China setzt auf bezahlbare, weniger invasive Systeme. Musk verkauft Vision und Warteliste. Birbaumers Empfehlung bleibt klar: gesetzliche Grenze, ärztliche Verschreibung, strenge Ethik. Wer BCI nüchtern einordnen will, hört seinen Argumenten zu.
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