Spotify dreht gerade mächtig an der Sympathie-Schraube. Nur leider in die falsche Richtung.
Ein Rant.
User Directed AI Generated Content
Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll, wenn es darum geht, was bei Spotify gehörig schief läuft. Da sind ja erstmal die landläufig bekannten KI- und Umverteilungsoprobleme. Das betrifft mich irgendwie nicht so richtig. Ich weiß ja, welche KünstlerInnen ich hören will, der KI-Slop geht an mir also vorbei. Aber genau da will Spotify jetzt auch ansetzen:
Im Mai hat man nämlich angekündigt
, dass man Musik und Podcasts (sic!) bald per KI modifizieren kann. Über eine neue Spotify-App soll man eigene Podcasts nur aus Texten und Dokumenten erstellen können. Allerdings nur zur privaten Nutzung. Wäre ja schade, wenn man den erfolgreichen Podcasts die Butter vom Brot zieht.
Zum Glück stellen sich Musiker:Innen noch quer
, weshalb die Pläne erstmal auf Eis liegen.
Meine Kritik an dieser modernen Form des User Directed But AI Generated Content kann man vielleicht noch als anachronistische Luddismus abtun. Also weiter im Text, denn wer denkt hier überhaupt noch an die KünstlerInnen?
KünstlerInnen-Benachteiligung
Auch das ist ein ewiger Kritikpunkt an Spotify. Kleinere Kunstschaffende werden systematisch benachteiligt.
Da wäre die 1.000-Stream-Hürde, unter der man gar nicht am Umsatz beteiligt wird
. Die Ausschüttung der Abogebühren erfolgt
streng nach der prozentualen Verteilung von Streams
. Und natürlich gibt es auch hier Algorithmen, die es aufstrebenden KünstlerInnen nicht gerade leicht machen, in die Empfehlungslisten zu gelangen. Wem das nicht reicht und wer über das nötige Kleingeld verfügt, kann sich über eine Art Pay-to-Play-Mechanismus zusätzliche Sichtbarkeit erkaufen. Bei diesem sogenannten Discovery Mode verzichten KünstlerInnen auf einen Teil der Einnahmen und werden im Gegenzug im Empfehlungs-Algorithmus bevorzugt.
Neben dem Hörvergnügen räumt Spotify auch kommerziellen Überlegungen Priorität ein und
macht daraus auch kein Geheimnis
(Hervorhebung durch mich):
Spotify prioritises listener satisfaction when recommending content. In some cases, commercial considerations, such as the cost of content or whether we can monetise it, may influence our recommendations
Daraus ergibt sich die elementare Frage, ob der Algorithmus überhaupt dabei hilft, Musik nach meinem Geschmack zu entdecken, oder einfach nur dem Geld folgt.
Ist das auch nur Nörgelei an einem erfolgreichen Geschäftskonzept? Nein. Nicht nur
Studien bestätigen die Kritik
, auch
die Politik
befasst sich mit dem Problem mittlerweile.
Vorhof der Social Media Hölle
Weiter geht es mit neuen Social-Media-Features, die vor einigen Monaten Einzug in die “Musik-App” (Musik! Sic!) gehalten haben. Nun gibt es nämlich auch auf Spotify Likes und Kommentare. Wer die Musik-App als Fluchtersatz für Instagram und TikTok genutzt hat, gelangt vom Regen in die Traufe.
Der augenscheinliche Nutzen soll wohl sein, dass Podcasts-Hosts und Hostessen nun mit ihrer Audience kommunizieren können. Was natürlich ausgemachter Bullshit ist. Es ist eine zusätzliche Engagement-Stufe die den Algorithmus füttern wird. Die NutzerInnen geraten in Versuchung, den Kontakt mit ihrem Lieblings-Creatore zu suchen. Die hier, um des Algorithmus willen, mehr oder weniger generisch auf so viele Kommentare wie möglich reagieren. Wozu braucht eine Musik-App eine Kommentar-Funktion? Um die NutzerInnen auf den Bildschirm zu lenken. Wäre ja zu schön, wenn das Smartphone einfach mal in der Tasche bleibt.
Vertikale Diversifikation: Videos!
Aber hey, auch damit nicht genug (Wie oft dieser Satz in diesen Beitrag gehört…). Ein weiteres nützliches Feature macht sich seit einige Zeit in der “Musik-App” breit: Videos! Endlich unterstützt die Musik-App auch Videos!
Spotify ist bzw. war für mich in erster Linie eine Musikplattform und zwar nicht im Sinne von MTV und Viva, sondern als Radio-Ersatz. “Ja nörgel doch nicht an jedem neuen Feature rum” hör ich euch schon raunen. Aber da steckt mehr dahinter, nämlich ein Paradigmen-Wechsel, vor allem in Verbindung mit den Social Media Features.
Eine Musik-App läuft im Hintergrund, während man andere Dinge tut. Während man andere Dinge tun kann! Eine App, die nun auch Videos anbietet, fischt potentiell nach mehr und anderer Aufmerksamkeit. Nun halten die Podcast-Hosts und Hostessen spannende Dinge in die Kamera. Wer es gerade so geschafft hat, dem gehirnerweichendem, doom-scroll-loop von Instagram, TikTok und YouTube zu entkommen, sucht nach Entspannung bei Spotify - und landet genau in der gleichen algorithmus-verseuchten, auf kurze Befriedigung ausgelegten Erlebniswelt. Von der Traufe in die Kanalisation.
Mein Kind nutzt Spotify mittlerweile als YouTube-Kids-Alternative. Wie kann das sein? Nun, weil Lets-Play-Streamer die Plattform auch für sich entdeckt haben. Weil es dort ja jetzt auch Videos gibt. Danke, Spotify.
Natürlich gab es nach der Einführung massiv Kritik
, vor allem, weil das auch zu einem zusätzlichen Datenverbrauch geführt hat. Immerhin lässt sich die Video-Wiedergabe nun deaktivieren.
Spotify hat gleichzeitig angekündigt, dass visuell unterstützte Inhalte im Algorithmus bevorteilt werden sollen. Es geht hier also nicht nur um Convenience-Features, sondern um knallhartes Business und Algorithmus-Optimierung. Daniel Ek - damals Chef von Spotify -
macht auch gar keinen Hehl mehr daraus
, in welche Richtung die Musik-App (sic!) steuert:
“You’re going to see more video on the music side make its way into the product in 2024. And two other things that you’re going to see is more AI products in the music side as well,”
Monetarisierung
Aber warte, noch nicht im Strahl kotzen, es geht noch munter weiter! Das Preismodell von Spotify ist irgendwie… fragwürdig. Ein Abo ermöglicht Zugriff auf Musik und Podcasts, nicht jedoch auf Hörbücher. Die kosten mitunter extra. OK. Ist halt so und kann man vielleicht sogar akzeptieren, wenn auch zähneknirschend.
Aber dann ist da ja noch die Werbung, der man selbst als zahlender Kunde ausgesetzt wird, wenn man bestimmte Podcasts konsumiert. Spotify entschuldigt das damit, dass die Podcasts selbst die Werbung steuern können - die davon mitunter natürlich reichlich Gebrauch machen. Nicht nur als Unterbrechung während der Folgen, sondern auch nativ als Sponsor-Meldung während der Sendung.
Zum Ärger darüber, dass ich vermehrt mit Werbung konfrontiert werden, obwohl ich ein Abo abgeschlossen haben, gesellt sich nun die Frage, warum sich die Inhalte über Werbung dann zusätzlich noch selbst finanzieren müssen? Wo landet denn mein Abo-Geld?
User Experience
Zu der fragwürdigen Content-Strategie gesellen sich nun aber aus meiner Sicht auch ganz handfeste Probleme mit der App und Nutzererfahrung. Ich nutze das Familien-Abo und der Frust kennt dort keine Grenzen.
So ist es z.B. so, dass ein “verwaltetes Mitglied” (also z.B. ein minderjähriges Kind) per se keinen Zugriff auf “Podcasts” hat.
“Na klar, warum sollte ein Kind auch Podcasts hören dürfen. Das ist doch was für Erwachsene!”
Nein. Von F wie Figarino bis O wie Die Olchis gibt es für Kinder ein unfassbar umfangreiches Portfolio an sehr kindgerechten Inhalten. Das so dann eben nur Erwachsenen zugänglich ist, nicht jedoch Kindern über einen kontrollierten Zugang. Der Support erklärt es damit, dass es sich hierbei um andere Inhalte handelt, die man im eingeschränkten Account schlicht nicht abspielen kann. Aber moment mal, es gibt natürlich Workarounds! Ich könnte - manuell versteht sich - eine Playlist erstellen und mit meinem Kind teilen. Dann wäre der Zugriff auf diese Inhalte möglich. Der Aufwand dafür ist natürlich immens. Es geht also, Spotify hat nur die Hürden verschoben, nicht beseitigt. Und verweist auf die Spotify Kids App.
Dort gibt es zwar ein relativ großes Angebot an kindgerechten Inhalten und sogar Hörspielen, aber eben kein Figarino, Olchis oder andere bekannte Kinderinhalte.
Doch die App ist auch nur ein Feigenblatt.
Der Jugendschutz von Spotify steht in der Kritik
, weil das Meldesystem für fragwürdige Inhalte nur unzureichend gut funktioniert und eine elterliche Kontrolle nur bei teuren Abos möglich ist. “jugendschutz.net” stufte Spotify im Frühjahr 2026 als “unterschätzten Problemfall” ein.
QR-Prüfung
Du denkst, das war es schon? Zeit für ein Fazit? Irrtum. Jüngst zieht Spotify die nächste Überraschung aus der Hasskappe:
Eine QR-Prüfung
! Man will nun kontrollieren, ob die angemeldeten Familienmitglieder tatsächlich auch im gleichen Haushalt leben. Ich und mein Kind müssen einen QR-Code scannen und gleichzeitig am selben Ort sein. Dafür haben wir 7 Tage Zeit. Missglückt das, drohen empfindliche “Strafen”. Getrennte Urlaube gehören damit der Vergangenheit an.
Quo Vadis, Spotify?
Gerade was die User Experience angeht, könnte ich noch eine ganze Weile weitermachen. Es gibt viele Dinge, die mich am UI der Web-App stören, wie man Accounts verwaltet, die miserable Performance der Android-App und so weiter. Aber das sind subjektive Eindrücke.
Objektive Kritik gibt es genug. Und die bezieht sich nicht nur auf die inhaltliche Strategie und ich habe noch nicht mal alles abgedeckt. Wie z.B. die Lizenz-Intransparenz, gefördert durch den massiven Einfluss der großen Major-Labels. Titel oder ganze Alben können ohne Vorwarnung aus meiner Playlist verschwinden. Das Musik-On-Demand-Modell galt einst als großer Vorteil gegenüber dem Erwerb von Musik auf Datenträgern. Nun zeigt sich, zu welchem “Preis” man sich diesen Vorteil erkauft. Das ist kein Spotify-eigenes Problem, lindert die Frustration aber auch nicht gerade.
Auch beim Datenschutz sucht Spotify immer wieder nach dem größten Fettnäpfchen. Die Verlockung ist groß, verfügt das Unternehmen ja über eine riesige Nutzerbasis und eine Menge spannender Daten zu Hörgewohnheiten und Vorlieben.
Vor 10 Jahren war es der Trubel
um den in der AGB aufgeführten Zugriff auf “Standortdaten, Fotos, Kontakte oder das Mikrofon”. Jaja… alte Kamellen.
Letztes Jahr war es die laxe Handhabung mit DSGVO-Anfragen.
. Und dieses Jahr ist es die Standorterfassung, mutmaßlich um das Familienabo zu kontrollieren. (Die QR-Prüfung ist also nur die Retourkutsche. Selbst Schuld, Kunde!) Und hast du dir mal die “
Liste der Partner (Anbieter)
” angeschaut, die beim Aufruf von spotify.com? 95. Für einen Dienst, für den ich monatlich im Familienabo schon 17,99 Euro bezahle.
Auf der Suche nach moderneren Geschäftsmodellen verstrickt sich Spotify in einem Geflecht aus Interessenkonflikten. Man will den Zugang zur Musik an HörerInnen verkaufen, Aufmerksamkeit an die Werbunternehmen vermitteln und gleichzeitig Musikschaffenden ermöglichen, die Sichtbarkeit ihrer Inhalte gegen Bezahlung zu erhöhen. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht klingt das nach dem heiligen Gral. Für KünstlerInnen und NutzerInnen zunehmend nach einem ziemlich miesen Deal.

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