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Xing-Gründer Lars Hinrichs: Warum SaaS kippt und Europa den KI-Anschluss verliert

Lars Hinrichs gehört zu Deutschlands wichtigsten Tech-Unternehmern. Der Xing-Gründer vergleicht die aktuelle KI-Revolution mit dem Aufstieg des World Wide Web. Im Interview erklärt er, warum klassische SaaS-Modelle kippen und Europa den Anschluss verliert. Dazu stellt er sein Groß-Projekt vor: das UBS Digital Art Museum in Hamburg.

Lars Hinrichs über KI: Der größte Umbruch seit dem Internet

Lars Hinrichs ging 1989 zum ersten Mal online. Das World Wide Web existierte noch nicht. Damals konnte jeder alle Webserver der Welt einzeln besuchen. Heute kennt selbst Google nicht alle 2 Milliarden Websites. Diese Erfahrung prägt seinen Blick auf die KI-Ära.

2003 gründete Hinrichs Xing, um ein persönliches Problem zu lösen. Er wollte die Kontakte seiner Kontakte kennenlernen. Das Premium-Modell brachte vom ersten Tag an Umsatz. Xing wuchs rein durch Empfehlungen, ganz ohne Marketing-Budget. 2006 ging es als erstes Web-2.0-Unternehmen an die Börse.

Für den Internet-Pionier hat KI den größten positiven Effekt seit dem Web. 'Viele Dinge, die wir heute tun, braucht es bald nicht mehr', sagt Hinrichs. Er erinnert an die Debatte der frühen 2000er: Jeder sollte programmieren lernen. Heute sprechen Nutzer direkt mit dem Computer. KI-Agenten schreiben den Code.

Hinrichs selbst baute an einem Wochenende ein komplettes Event-System. Nicht als Programmierer, sondern als Anleiter von KI-Agenten via Claude Code. Das Ergebnis: rund 400.000 Zeilen Code. 'Viele meiner Firmen nutzen zu 100 Prozent dieses Modell', bestätigt er.

SaaS-Modelle am Ende: KI ersetzt ganze Software-Kategorien

Hinrichs sieht das Ende vieler SaaS-Tools kommen. Produkte, die nur einzelne Features bieten, ersetzt KI komplett. Nutzer bauen sich ihre Lösung selbst, statt monatlich für ein Tool zu zahlen. Das verändert die gesamte Software-Branche von Grund auf.

Wie unser Artikel zur SaaS-Disruption durch KI-Agenten zeigt, verloren SaaS-Aktien über 1 Billion Dollar an Börsenwert. Hinrichs bestätigt diesen Trend aus eigener Praxis. Tools mit schmalem Funktions-Umfang haben keine Zukunft.

Das Smartphone sieht er trotzdem nicht in Gefahr. 'Wir werden das Telefon nicht so schnell aufgeben', sagt der Tech-Unternehmer. Neue Devices kommen dazu: Brillen, Wearables, IoT-Geräte. Doch das iPhone bleibt die zentrale Oberfläche für die nächsten Jahre.

Europa verliert den KI-Anschluss: Zu wenig Kapital, zu frühe Exits

Beim Thema Europa wird der Xing-Gründer deutlich. Der Kontinent hat nur ein Centicorn: SAP mit rund 170 Milliarden Dollar Börsenwert. Revolut folgt mit 75 Milliarden. Danach kommt lange nichts. US-Tech-Firmen bewegen sich längst in den Billionen.

'Wir verlieren den Anschluss an Bewertung und an Business-Relevanz', warnt Hinrichs. Europäische Gründer verkaufen zu früh und es fehlt Wagnis-Kapital. Der Deutschland-Fonds umfasst gerade 10 Milliarden Euro. Hinrichs kommentiert trocken: 'Da fehlen zwei Nullen.'

Alle großen KI-Modelle kommen aus den USA oder China. Europäische Hoffnungen wie ElevenLabs oder Black Forest Labs sind längst US-finanziert. Wie unser Beitrag zu Europas KI-Rückstand zeigt, fehlt dem Kontinent eine klare Strategie.

Einen Lichtblick sieht Hinrichs bei photonischen Chips. Ein europäisches Startup baut Chips auf Lichtbasis statt auf Silizium. Sie rechnen laut Hinrichs 50-mal schneller als Nvidias aktuelle KI-Chips. Solche Deep-Tech-Firmen braucht Europa dringend. Auch in der Telko-Branche sieht Hinrichs ungenutztes Potenzial. Die Industrie hat sich zwar entwickelt, doch ein echter Sprung fehlt bisher.

UBS Digital Art Museum: 6.500 m² digitale Kunst in Hamburg

Seit 2019 baut Lars Hinrichs das UBS Digital Art Museum in der Hamburger HafenCity. Auf 6.500 m² entsteht eine permanente Ausstellung des japanischen Kollektivs Teamlab. Die Räume haben 12 Meter hohe Decken. Hunderte Projektoren und KI-Systeme erzeugen Bilder, die sich ständig verändern.

Die Kunst reagiert in Echtzeit auf Besucher. Digitale Wesen wandern von Raum zu Raum. Jedes Kunstwerk hat eigenen Sound und eigenen Geruch. Die Werke sprechen alle Sinne an: Sehen, Hören, Riechen, Tasten. Kein Moment gleicht dem anderen.

Hinrichs finanziert das Museum komplett privat. Er überträgt das Stadion-Sponsoring-Modell auf Kultur. Die UBS ist Titelsponsor, Signal Iduna und weitere Firmen unterstützen. Das Museum eröffnet 2026. Tickets gibt es ab 20 Euro auf digitalartmuseum.com.

Neue Renaissance: KI treibt Nachfrage nach echten Erlebnissen

Hinrichs zieht Parallelen zwischen KI und der Renaissance nach dem Buchdruck. Damals entstand Chaos durch massenhaft produzierte Texte. Heute flutet KI-generierter Content das Internet. Die Grenze zwischen echt und künstlich verschwimmt zunehmend.

Daraus wächst neue Nachfrage nach Echtheit. Reale Erlebnisse gewinnen an Wert. Der Trend zu 'Human Created' und 'In Real Life' verstärkt sich. Sein Museum setzt genau hier an: Kunst, die nur vor Ort erlebbar ist.

An Science-Fiction wie Ready Player One glaubt Hinrichs nicht. Er erwartet stattdessen Roboter im Alltag: Begleiter statt Staubsauger. Blue-Collar-Jobs gehen an Roboter mit KI über. Daneben begeistern ihn Batterie-Technik, Kernfusion und Mikro-Drohnen für den Katastrophen-Schutz.

Fazit: Was Unternehmer jetzt von Lars Hinrichs lernen

Das Interview mit Lars Hinrichs liefert eine klare Botschaft. Ohne KI fehlt jedem neuen Unternehmen das Fundament. Klassische SaaS-Modelle verlieren, sobald KI-Agenten das Gleiche liefern. Wer gründet, sollte ein persönliches Problem lösen, nicht den größten Markt jagen.

Für Europa fordert der Xing-Gründer mehr Wagnis-Kapital, längere Haltezeiten und eigene KI-Infrastruktur. Sein Leitsatz: 'Wer aufhört besser zu werden, hört auf gut zu sein.' Der Appell an alle Unternehmer: Offen bleiben, ständig dazulernen, jetzt handeln.

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