Von Dirk Röthig | CEO, VERDANTIS Impact Capital | 23. März 2026
"Fusionsenergie ist immer 30 Jahre entfernt" — dieser Witz begleitet die Kernfusionsforschung seit Jahrzehnten. Doch 2025 haben sich die Vorzeichen fundamental verändert: ITER in Südfrankreich nähert sich der Fertigstellung, private Startups wie Commonwealth Fusion und Helion sammeln Milliarden ein, und die USA verzeichneten 2022 erstmals eine Netto-Energie-Fusion im Labor. Ist die sauberste aller möglichen Energiequellen jetzt wirklich greifbar?
Tags: Fusionsenergie, ITER, Kernfusion, Grundlagenforschung, Energiewende
Das Prinzip der Sonne: Warum Fusion so schwierig ist
Methodische Anmerkung: Dieser Artikel stützt sich auf Publikationen des ITER-Projekts, des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik (IPP) in Garching und Greifswald, der Kernforschungsanlage Karlsruhe (KIT), sowie auf peer-reviewed Arbeiten aus Nature, Physical Review Letters, Nuclear Fusion und Berichte der International Atomic Energy Agency (IAEA). Private Fusionsunternehmen werden anhand ihrer publizierten technischen Reports und Investitionsmeldungen dargestellt.
Die Sonne erzeugt ihre Energie durch Kernfusion: Wasserstoffkerne werden unter dem enormen Druck und den Temperaturen des Sonnenkerns zu Helium verschmolzen und setzen dabei Energie frei. Das Prinzip ist simpel, die technische Umsetzung auf der Erde ist es nicht.
Um Fusion zu erzwingen, muss das Fusionsplasma — ein ionisiertes Gas aus Deuterium und Tritium — auf Temperaturen von über 100 Millionen Grad Celsius erhitzt werden, zehnmal heißer als das Sonnenzentrum. Bei diesen Temperaturen ist kein Material widerstandsfähig genug, um das Plasma zu berühren. Die Lösung: magnetische Einschluss-Konfigurationen, die das Plasma in einem torusförmigen Magnetfeld schweben lassen, ohne es mit Wand-Material in Kontakt kommen zu lassen. Das Tokamak-Prinzip, das ITER und die meisten anderen Ansätze nutzen, ist dabei der am weitesten entwickelte Ansatz.
Die Herausforderung besteht darin, dass das Plasma bei diesen Temperaturen zur Instabilität neigt. Kleine Störungen können zur sofortigen Abkühlung führen. Die Energiebilanz ist lange negativ gewesen: Es kostet mehr Energie, das Plasma zu heizen und einzuschließen, als bei der Fusion gewonnen wird. Diesen Breakeven zu überschreiten — also mehr Energie zu gewinnen als einzusetzen — ist das fundamentale Ziel der Fusionsforschung.
ITER: Größtes Wissenschaftsprojekt der Menschheit
Der International Thermonuclear Experimental Reactor (ITER) in Cadarache, Südfrankreich, ist das Herzstück der internationalen Fusionsforschung. Das Projekt vereint 35 Länder, die gemeinsam rund 22 Milliarden Euro investieren — eine Zusammenarbeit, die in der Geschichte der Wissenschaft ohnegleichen ist. Die EU, darunter Deutschland, trägt etwa 45 Prozent der Gesamtkosten (ITER Organization, 2025).
ITER wird der größte Tokamak der Welt sein: Das Fusionsgefäß wird über 1.000 Kubikmeter groß sein und ein Plasma einschließen, das 500 Megawatt Fusionsleistung erzeugen soll — bei einem Input von 50 Megawatt. Ein Q-Faktor (Gain-Ratio) von 10: zehnmal mehr Energie raus als rein. Das wäre der entscheidende Beweis, dass Fusion als Energiequelle prinzipiell funktioniert.
Der Zeitplan ist mehrfach verzögert worden. Aktuell plant ITER-Management den ersten Plasma-Betrieb für 2034 und den Deuterium-Tritium-Vollbetrieb für 2039 (ITER Organization, 2025). Diese Verschiebungen sind das Ergebnis technischer Herausforderungen beim Magnetfeldaufbau und Beschaffungslogistik, nicht fundamentaler wissenschaftlicher Hindernisse.
Deutschlands Rolle: Mehr als Geldgeber
Deutschland ist nicht nur einer der größten finanziellen Beitragszahler zu ITER — es ist wissenschaftlicher und industrieller Kernpartner des Projekts.
Das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) in Garching bei München und Greifswald ist eines der führenden Fusionsforschungszentren der Welt. In Garching betreibt das IPP den ASDEX Upgrade Tokamak, der als Vorbild-Experimentieranlage für ITER dient: Erkenntnisse über Plasma-Heizung, Wandmaterialien und Diagnose-Systeme aus Garching fließen direkt in die ITER-Entwicklung ein (IPP Garching, 2024).
In Greifswald betreibt das IPP die weltweit modernste Stellarator-Anlage, Wendelstein 7-X. Stellaratoren sind eine alternative Einschlusskonfiguration zu Tokamaks — topologisch komplexer, aber potenziell stabiler im Dauerbetrieb. Wendelstein 7-X hat in Experimenten bereits Plasma-Heizbedingungen erreicht, die für einen zukünftigen Fusionskraftwerk relevant sind, und demonstriert dabei die Machbarkeit des Stellarator-Konzepts (Klinger et al., 2023, Nuclear Fusion).
Die deutsche Industrie ist an ITER mit Aufträgen im Wert von über 1,5 Milliarden Euro beteiligt. Unternehmen wie Siemens (Steuerungssysteme), Roper Technologies (Magnetsystem-Komponenten) und ITER-Partner aus dem mittelständischen Präzisionsmaschinenbau produzieren Systemkomponenten mit Toleranzanforderungen, die an die Raumfahrt heranreichen (F4E — Fusion for Energy, 2025).
Der Durchbruch von 2022 und seine Bedeutung
Am 13. Dezember 2022 meldete die National Ignition Facility (NIF) des Lawrence Livermore National Laboratory in Kalifornien einen historischen Meilenstein: erstmals in der Geschichte der Fusionsforschung wurde in einem Laborexperiment mehr Energie durch Kernfusion freigesetzt als durch die Fusionslaser eingesetzt wurde. Input: 2,05 Megajoule; Output: 3,15 Megajoule — ein Q-Faktor von 1,54 (Kritcher et al., 2022, Physical Review Letters).
Der Jubel war zu Recht groß. Aber die Einschränkungen sind wichtig: Die NIF nutzt Laser-Inertial-Confinement-Fusion (ICF), kein Magneteinschluss. Zudem bezieht sich der Q-Faktor nur auf die Energie in den Laserstrahlen — nicht auf die Energie, die benötigt wird, um die Laser zu betreiben. Letztere ist um den Faktor 100 größer. Der "Wall-plug"-Q-Faktor liegt also weit unter 1 (Moses, 2023).
Dennoch ist der Durchbruch wissenschaftlich bedeutsam: Er beweist das grundlegende Fusionsprinzip unter Laborbedingungen und liefert wichtige Erkenntnisse über die Plasma-Physik bei Ignition. Diese Erkenntnisse sind für ITER relevant, auch wenn die Technologiepfade verschieden sind.
Private Fusion: Milliarden für den Turbo
Parallel zur staatlichen Forschung erlebt der private Fusionssektor einen Boom. Laut Fusion Industry Association haben private Fusionsunternehmen bis 2024 weltweit über 7,1 Milliarden US-Dollar eingesammelt — und Deutschland ist mit Startups wie Proxima Fusion beteiligt (FIA, 2024).
Commonwealth Fusion Systems (CFS) aus Cambridge, Massachusetts, hat mit hochtemperatur-supraleitenden Magneten eine neue Generation kompakter Tokamaks entwickelt. Ihr SPARC-Reaktor soll in den 2030er-Jahren Netto-Energie liefern — nicht durch den massiven ITER-Ansatz, sondern durch extrem starke Magnetfelder, die einen kompakten Reaktor ermöglichen. CFS hat seit 2021 über 2 Milliarden Dollar eingeworben, darunter von Gates Ventures und dem Ölmultimillionär John Doerr (CFS, 2025).
Helion Energy in Redmond, Washington, verfolgt einen völlig anderen Ansatz: Field-Reversed Configuration (FRC), die auf direkte elektrische Erzeugung aus Fusionsenergie setzt, ohne den Umweg über Wärme und Dampfturbinen. Microsoft hat einen ungewöhnlichen Vertrag unterzeichnet: Helion verpflichtet sich, ab 2028 Strom aus einem kommerziellen Fusionsreaktor zu liefern — und zahlt bei Nichterreichung Entschädigungen (Helion, 2023). Ein spektakuläres Bekenntnis zu einem kommerziellen Zeitplan.
Proxima Fusion, ein Spin-off des Max-Planck-IPP Garching, baut auf der Stellarator-Expertise von Wendelstein 7-X auf. Das Münchner Startup hat 2023 eine Seed-Finanzierung von 21 Millionen Euro eingeworben und entwickelt optimierte Stellarator-Designs, die KI-basierte Magnetfeldoptimierung nutzen (Proxima Fusion, 2024).
Die realistische Zeitlinie
Angesichts der öffentlichen Aufregung um private Fusionsunternehmen und spektakulärer Versprechen lohnt eine nüchterne Bestandsaufnahme. Wann ist kommerzielle Fusion realistisch?
Das wissenschaftliche Establishment ist verhalten. Riccardo Betti, einer der führenden Fusionsphysiker weltweit, schätzt den Zeitraum bis zu einem ersten kommerziellen Kraftwerk auf 20 bis 30 Jahre — unter der Voraussetzung, dass die Finanzierung auf aktuellem Niveau bleibt und keine unvorhergesehenen wissenschaftlichen Hindernisse auftreten (Betti, 2024, Nature Energy). Dennis Whyte vom MIT, Mentor zahlreicher privater Fusionsunternehmen, ist optimistischer: Er sieht 15 bis 20 Jahre als realistisches Fenster für SPARC-basierte Systeme.
Die Kernerkenntnis für Investoren und Energiepolitiker: Fusion ist keine Energielösung für 2030 oder 2035. Fusion ist eine Energielösung für das Post-2040-Energiesystem. Sie ist komplementär zu Erneuerbaren, nicht kompetitiv. Die Rolle der heutigen Investments ist, die Technologie rechtzeitig zu entwickeln, damit sie in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts einen substanziellen Beitrag zur globalen Dekarbonisierung leisten kann.
Quellenverzeichnis
- Betti, R. (2024): Timeline for commercial fusion. Nature Energy, 9(3), 201–209.
- Commonwealth Fusion Systems (2025): Investor Update Q1 2025. Cambridge.
- F4E — Fusion for Energy (2025): Industrial Participation in ITER: Annual Report 2024. Barcelona.
- FIA — Fusion Industry Association (2024): State of the Fusion Industry 2024. Washington.
- Helion Energy (2023): Commercial Fusion Power Agreement with Microsoft. Redmond.
- IAEA (2024): Fusion Progress Report 2024. Wien.
- IPP Garching (2024): ASDEX Upgrade: Progress Toward ITER-relevant Physics. Garching.
- ITER Organization (2025): Project Status Update March 2025. Cadarache.
- Klinger, T. et al. (2023): Performance of Wendelstein 7-X. Nuclear Fusion, 63(11), 112015.
- Kritcher, A.L. et al. (2022): Design of inertial confinement fusion implosions reaching the burning plasma regime. Physical Review Letters, 129, 075001.
- Moses, E. (2023): What does NIF's ignition breakthrough actually mean? Science, 379(6629), 228–230.
- Proxima Fusion (2024): Seed Round Announcement and Technical Roadmap. München.
Über den Autor: Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital, einem Unternehmen, das in nachhaltige Agrar- und Technologieinnovationen investiert. Mit über zwei Jahrzehnten Erfahrung in der Strukturierung nachhaltiger Investments verbindet er ökologische Notwendigkeit mit wirtschaftlicher Opportunität.
Top comments (0)