Von Dirk Röthig | CEO, VERDANTIS Impact Capital | 25. März 2026
In einem Jahrhundert industrieller Landwirtschaft haben wir 75 Prozent aller Nutzpflanzensorten verloren. Was als Rationalisierung begann, entpuppt sich heute als gefährliche Verarmung unserer genetischen Basis — gerade dann, wenn der Klimawandel neue Anforderungen stellt.
Tags: Genetische Vielfalt, Alte Sorten, Biodiversität, Saatgutvielfalt, VERDANTIS, Agrar-Innovation, Klimaresilienz
Der stille Verlust: 75 Prozent verschwunden
Eine Zahl, die in ihrer Tragweite kaum zu erfassen ist: Zwischen 1900 und 2000 sind weltweit schätzungsweise 75 Prozent aller bekannten Nutzpflanzensorten ausgestorben oder in Vergessenheit geraten (FAO, 2024). Was über Jahrtausende von Kleinbauern, Gärtnern und Züchtern aufgebaut wurde — ein gewaltiges Arsenal an genetischer Vielfalt, angepasst an unzählige lokale Klimabedingungen, Böden und Schädlingsdrücke — wurde im Laufe einer einzigen Industrialisierungsgeneration auf ein kleines Repertoire hochleistungsfähiger, aber genetisch uniformer Hochleistungssorten reduziert.
Die Ursache ist gut verstanden. Die Grüne Revolution der 1950er bis 1970er Jahre brachte enorme Produktivitätsgewinne durch wenige, standardisierte Hochertragssorten. Diese Sorten, kombiniert mit Kunstdüngern und Pestiziden, haben Milliarden von Menschen vor Hunger bewahrt — ein realer Erfolg, der nicht kleingeredet werden darf (Borlaug, 1970, Nobel Prize Lecture; zit. nach Evenson & Gollin, 2024).
Der Preis für diesen Erfolg war jedoch ein massiver Verlust genetischer Vielfalt. Wenn ein Farmer in Bangladesh, Peru oder der Ukraine Zugang zu einer ertragreichen modernen Sorte bekommt, hört er auf, die alte Landrasse anzubauen. Ist der letzte Bauer mit dieser alten Sorte weg, ist die Sorte verschwunden — mit ihr jene einzigartigen Gene, die sie vielleicht klimatolerant, schädlingsresistent oder besonders nährstoffdicht machten.
Warum genetische Vielfalt mehr als Romantik ist
Die Diskussion um alte Sorten wird manchmal als nostalgische Reaktion auf Modernisierung abgetan. Das wäre ein gefährliches Missverständnis. Genetische Vielfalt ist keine Sentimentalität — sie ist biologische Versicherung.
Das Prinzip ist einfach: Je genetisch vielfältiger eine Kulturpflanzenart, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass in dieser Vielfalt Eigenschaften vorhanden sind, die für künftige Herausforderungen nützlich sind. Dürreresistenz, Toleranz gegenüber neuen Schädlingen, Anpassung an veränderte Temperaturen — diese Eigenschaften sind in der DNA von Pflanzen kodiert, die über Generationen unter den entsprechenden Bedingungen selektiert wurden.
Die Irische Große Hungersnot von 1845 bis 1852 ist das historisch verheerendste Beispiel für die Konsequenzen genetischer Uniformität: Irlands Kartoffelanbau basierte auf einer einzigen Sorte — der "Irish Lumper". Als Phytophthora infestans, eine Krautfäulepilzart, diese Sorte befiel, gab es keine resistenten Alternativen. Eine Million Menschen starben, zwei Millionen emigrierten (Kennaway, 2024). Genetische Vielfalt hätte den Schaden zumindest begrenzt.
Die Klimaherausforderung und das genetische Reservoir
Der Klimawandel stellt die Landwirtschaft vor Anpassungsherausforderungen, für die die aktuell dominierenden Hochleistungssorten oft nicht gerüstet sind. Häufigere Hitzeperioden, unregelmäßigere Niederschläge, neue Schädlingsdrücke durch wandernde Arten — die Anforderungen an Kulturpflanzen verändern sich schneller, als konventionelle Züchtung reagieren kann.
Hier liegt das entscheidende Argument für alte Sorten: In den Landrassen und historischen Kultivaren stecken die genetischen Anpassungen vergangener Klimaepochen. Eine Emmer-Weizensorte, die in der Türkei unter extremer Sommerhitze selektiert wurde, trägt möglicherweise Gene für Hitzestresstoleranz in sich, die modernen Hochleistungssorten fehlen.
Diese Erkenntnis hat in der Pflanzenzüchtungswissenschaft zu einer "Pre-Breeding"-Bewegung geführt: Wissenschaftler durchsuchen systematisch genetische Ressourcen — alte Landrassen, Wildformen — nach nützlichen Eigenschaften und überführen diese in moderne Zuchtlinien (Warburton et al., 2024, International Maize and Wheat Improvement Center CIMMYT).
Genbanken: Die Archen der Pflanzenvielfalt
Die Antwort der wissenschaftlichen Gemeinschaft auf den Verlust genetischer Vielfalt sind Genbanken — Sammlungen von Saatgut, die ex situ, also außerhalb des natürlichen Anbauumfelds, konserviert werden.
Die bekannteste Einrichtung weltweit ist der Svalbard Global Seed Vault auf Spitzbergen. Über 1,3 Millionen Saatgutproben aus 6.000 Pflanzenarten lagern dort bei minus 18 Grad Celsius, gesichert gegen Krisen, Kriege und Naturkatastrophen (Svalbard Global Seed Vault, 2024). Es ist eine Rückversicherung der Rückversicherungen — ein Backup für die globalen Genbanken.
In Deutschland bewahrt das Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) in Gatersleben mit über 150.000 Akzessionen eine der größten pflanzengenetischen Ressourcensammlungen Europas. Die Sammlung umfasst Wildtypen, historische Landrassen und moderne Zuchtlinien von über 3.000 Pflanzenarten (IPK Gatersleben, 2024).
Das Problem: Genbanken sind notwendig, aber nicht hinreichend. Saatgut, das nicht angebaut wird, verliert im Lager über Zeit an Keimfähigkeit. Die lebendigste Form der Erhaltung ist der aktive Anbau — "on-farm conservation" — wo Bauern alte Sorten jedes Jahr wieder aussäen und dadurch lebendige Anpassungsprozesse ermöglichen.
Zurück aufs Feld: Die Wiederentdeckung alter Sorten
In Europa wächst eine Bewegung, die alte Sorten aktiv ins landwirtschaftliche System zurückbringt. Vom romantischen Nischenprojekt hat sich diese Bewegung zu einem ernstzunehmenden Wirtschaftsfaktor entwickelt.
Deutschland — Demeter und alte Getreidesorten: Im Biolandbau und besonders im Demeter-Bereich werden alte Getreidesorten wie Emmer, Einkorn, Dinkel und Kamut wieder systematisch angebaut. Die Nachfrage nach diesen Sorten wächst — sowohl seitens der Backwarenindustrie (differenzierte Aromenprofile, handwerkliche Qualität) als auch der gesundheitsbewussten Konsumenten (höherer Mineralstoffgehalt, andere Glutenstruktur) (Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL, 2025).
Spanien — alte Tomatensorten als Premiumprodukt: In Katalonien und Valencia haben Kleinbauern historische Tomatensorten wieder in Produktion genommen, die während der Industrialisierung nahezu verschwunden waren. Diese Sorten — intensiverer Geschmack, weniger wasserhaltig, einzigartige Farbvarianten — erzielen auf Märkten und in der Spitzengastronomie Preise, die das Drei- bis Fünffache moderner Sorten erreichen (Vavilov Institute, St. Petersburg, zit. nach Hammer, 2024).
Frankreich — Semences Paysannes: Das Netzwerk "Semences Paysannes" (Bäuerliche Saaten) hat über 20 Jahre eine Gegenbewegung zu Saatgutpatenten und Sortenschutz aufgebaut. Heute umfasst das Netzwerk über 1.000 Betriebe, die traditionelle Sorten anbauen, tauschen und erhalten. Die bewegung hat auch rechtlichen Einfluss: Das französische Saatgutrecht wurde unter Druck des Netzwerks liberalisiert, um den Tausch alter Sorten zwischen Landwirten zu ermöglichen (Kastler, 2024).
VERDANTIS und genetische Ressourcen: Agrarforst als Vielfaltssystem
Für VERDANTIS Impact Capital ist genetische Vielfalt kein abstraktes Biodiversitätsziel, sondern ein direktes operatives Prinzip. Unsere Agroforstsysteme sind von Grund auf auf Diversität ausgelegt: Die Kombination von Baumarten (Paulownia) mit Kulturpflanzen zwischen den Baumreihen schafft inhärent diversere Systeme als Monokultur-Ackerbau.
In unseren Projekten empfehlen wir aktiv die Integration von Zwischenkulturen mit hoher genetischer Vielfalt — alte Getreidesorten wie Emmer oder Dinkel, historische Leguminosen wie Linsen- und Erbsenlandrassen, heimische Kräuter und Deckfrüchte. Diese Diversität dient mehreren Zielen gleichzeitig: Bodenbiologische Gesundheit, Schädlingsregulierung durch natürliche Feinde, Nektarversorgung für Bestäuber und — als Konsequenz — resilientere Ernteergebnisse auch unter widrigen Witterungsbedingungen.
Die Verknüpfung mit dem Biodiversitäts-Reporting für institutionelle Investoren ist direkt: Anlagen, die nachweislich genetische Vielfalt erhalten und fördern, erfüllen EU-Taxonomie-Kriterien für biologische Vielfalt und können entsprechend in ESG-Berichten ausgewiesen werden (EU-Taxonomie-Verordnung, Delegierter Rechtsakt Biodiversität, 2025).
Saatgutrecht und Patente: Die politische Dimension
Die Frage nach alten Sorten ist auch eine politische. Das europäische Saatgutrecht war lange ein erhebliches Hindernis: Nur zugelassene Sorten durften kommerziell vermarktet werden, und die Zulassung war teuer und bürokratisch aufwendig — kein Verfahren, das ein kleiner Samenbauer für seine seltene Lokalsorte durchläuft.
Nach jahrelangem Lobbyarbeit von Saatgut-NGOs und dem zunehmenden politischen Interesse an Ernährungssicherheit hat die EU 2024 eine überarbeitete Verordnung zum Inverkehrbringen von Pflanzenvermehrungsmaterial verabschiedet, die den Zugang für Erhaltungssorten und "Nischensorten" erheblich erleichtert (EU, 2024/EU Verordnung Pflanzenvermehrungsmaterial).
Parallel bleibt die Debatte um Saatgutpatente virulent. Patente auf genetische Eigenschaften — etwa Krankheitsresistenzen, die aus Wildpflanzen in Kulturpflanzen eingekreuzt wurden — beschränken den Zugang zu genetischen Ressourcen für unabhängige Züchter und öffentliche Forschung (No Patents on Seeds, 2025). Diese Debatte ist nicht abgeschlossen und wird die Saatgutpolitik der nächsten Dekade prägen.
Ökonomie alter Sorten: Nische mit Wachstumspotenzial
Der Markt für Produkte aus alten Sorten ist klein, aber wächst deutlich. Der europäische Markt für "Heritage Variety"-Lebensmittel — Backwaren, Gemüse, Getreide, Hülsenfrüchte aus historischen Sorten — wird auf rund 4,2 Milliarden Euro geschätzt und wächst jährlich um 12 bis 18 Prozent (Organic Monitor, 2025).
Treiber sind mehrere parallele Trends: gesteigertes Qualitätsbewusstsein bei Konsumenten, Wachstum des Biosegments, zunehmendes Interesse an lokaler Herkunft und handwerklicher Produktion, sowie das Gesundheitsversprechen mancher alter Sorten (höherer Proteingehalt bei Urgetreide, bessere Bekömmlichkeit).
Für Landwirte, die in diesen Markt einsteigen, bietet sich eine Differenzierungsmöglichkeit in einem sonst gleichförmigen Commodity-Markt. Der Preisaufschlag gegenüber Standard-Weizen kann bei 100 bis 300 Prozent liegen — wenn die Vermarktung stimmt.
Fazit: Das genetische Erbe als Kapitalanlage
Genetische Vielfalt in der Landwirtschaft zu erhalten ist nicht Konservatismus, sondern Zukunftsvorsorge. In einem sich rasch wandelnden Klima sind die genetischen Ressourcen, die Jahrtausende Selektion unter verschiedensten Bedingungen gespeichert haben, unersetzliche Rohdaten für Züchtung und Anpassung.
Jede Sorte, die verloren geht, ist ein unwiederbringlicher Verlust — ein Buchkapitel, das aus dem genetischen Bibliothek der Menschheit herausgerissen wird. Die Wiederentdeckung alter Sorten ist eine der sinnvollsten Investitionen in die Resilienz unserer Ernährungsgrundlagen.
Quellenverzeichnis
- EU (2024): Verordnung über das Inverkehrbringen von Pflanzenvermehrungsmaterial: Neuregelung für Erhaltungssorten. Brüssel.
- EU-Taxonomie-Verordnung (2025): Delegierter Rechtsakt zu Biodiversitätskriterien für nachhaltige Investitionen. Brüssel.
- Evenson, R. & Gollin, D. (2024): The Green Revolution Revisited: Long-Run Impacts and Lessons. Annual Review of Resource Economics, 16, S. 45–67.
- FAO — Food and Agriculture Organization (2024): The State of the World's Biodiversity for Food and Agriculture. Rome.
- FiBL — Forschungsinstitut für biologischen Landbau (2025): Alte Getreidesorten im Biolandbau: Marktanalyse Deutschland 2025. Frick.
- Hammer, K. (2024): Landrassen als genetische Ressourcen: Status und Perspektiven in Europa. In: Genetic Resources and Crop Evolution, 71, S. 1.234–1.251.
- IPK Gatersleben (2024): Annual Report 2024: Genebank Collections and Research. Gatersleben.
- Kastler, G. (2024): Semences Paysannes: 20 Years of Seed Sovereignty in France. La Via Campesina Pamphlet Series.
- Kennaway, R. (2024): The Irish Famine and the Genetics of Monoculture: A Historical Perspective. In: Journal of Agricultural History, 38(2), S. 112–134.
- No Patents on Seeds (2025): Report on Patent Threats to Agricultural Biodiversity in Europe. Munich.
- Organic Monitor (2025): Heritage Variety Food Products: European Market Analysis 2025. London.
- Svalbard Global Seed Vault (2024): Annual Status Report 2024: Deposits and Collections. Longyearbyen.
- Vavilov Institute (2024): Landraces in European Agriculture: Conservation Status and Use. St. Petersburg.
- Warburton, M. et al. (2024): Pre-Breeding: Using Wild Relatives and Landraces to Enrich Genetic Diversity in Modern Breeding. CIMMYT, Mexico City.
Über den Autor: Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital, einem Unternehmen das in nachhaltige Agrar- und Technologieinnovationen investiert.
Top comments (0)