Von Dirk Röthig | CEO, VERDANTIS Impact Capital | 30. März 2026
Ein KI-generierter Roman gewinnt einen Literaturpreis. Ein synthetisches Musikalbum eines verstorbenen Künstlers bricht Streamingrekorde. Ein Deepfake-Video eines lebenden Politikers verbreitet sich millionenfach, bevor es als Fälschung identifiziert wird. Willkommen in der Kreativwirtschaft des 21. Jahrhunderts — wo Schöpfung, Wahrheit und Urheberrecht neu verhandelt werden.
Tags: KI, Kreativwirtschaft, Urheberrecht, Deepfakes, Generative KI, Menschliche Kreativität
Eine Branche im Schockzustand
Methodische Anmerkung: Diese Analyse basiert auf Rechtsprechung und Gesetzesentwürfen in EU, USA und UK sowie auf Branchenberichten von IFPI, PEN America, Getty Images, World Intellectual Property Organization (WIPO) und peer-reviewten Studien zur KI-Kreativitätsforschung. Stand: erstes Quartal 2026.
Die Kreativwirtschaft ist eine der zentralen Branchen moderner Volkswirtschaften. In der EU erwirtschaftet der Sektor — von Musik über Film, Literatur, Mode bis zu Games — jährlich rund 509 Milliarden Euro und beschäftigt mehr als sieben Millionen Menschen (KEA European Affairs, 2024). In Deutschland allein beträgt der Umsatz über 100 Milliarden Euro pro Jahr.
Nun steht dieser Sektor vor einer technologischen Disruption, die in ihrer Tiefe vielleicht nur mit dem Buchdruck vergleichbar ist: Generative Künstliche Intelligenz kann innerhalb von Sekunden Texte, Bilder, Musikstücke, Videos und 3D-Modelle erschaffen — in einer Qualität, die für menschliche Schöpfung gehalten werden kann, und zu Kosten, die gegen null tendieren.
Die Fragen, die sich daraus ergeben, sind rechtlich ungeklärt, ökonomisch brisant und philosophisch tiefgreifend: Wem gehört das, was eine KI erschafft? Welchen Wert hat menschliche Kreativität in einer Welt, in der Maschinen schneller, billiger und unermüdlicher produzieren können? Und wie schützen wir uns vor einer synthetischen Wirklichkeit, der wir zunehmend nicht mehr trauen können?
Das Urheberrechtsproblem: Wessen Werk?
Urheberrecht wurde für Menschen gemacht. In Deutschland, wie in den meisten Ländern, setzt der Schutz eines Werkes eine persönliche geistige Schöpfung eines Menschen voraus (§ 2 Abs. 2 UrhG). Eine von einer KI autonom generierte Ausgabe erfüllt dieses Kriterium nicht — sie ist urheberrechtlich schutzlos, kann also von jedermann kopiert und verwertet werden.
Das ist einerseits konsequent: Wenn es keinen menschlichen Schöpfer gibt, gibt es auch keine schutzwürdige Persönlichkeit. Andererseits schafft es absurde Ergebnisse: Unternehmen, die massiv in die Entwicklung von KI-Systemen investieren, können die Outputs dieser Systeme nicht schützen lassen. Und Kreative, die KI als Werkzeug nutzen, kämpfen mit der Frage, ab welchem Grad menschlicher Einflussnahme Urheberrechtsschutz entsteht.
Der US Copyright Office hat in mehreren Entscheidungen begonnen, diese Linie zu ziehen. Rein KI-generierte Werke sind nicht schutzfähig; Werke, bei denen ein Mensch "sufficiently creative choices" getroffen hat — in Auswahl, Anordnung, Nachbearbeitung — können Schutz genießen (US Copyright Office, 2023, 2024). Die Grenze bleibt bewusst unscharf.
In der EU arbeitet die Kommission im Rahmen des AI Act und einer parallelen Reform der Urheberrechtslinie an einer Klarstellung. Der Entwurf sieht vor, dass KI-Outputs, die aus dem Training auf urheberrechtlich geschütztem Material entstanden sind, eine Lizenzierungspflicht auslösen könnten — eine Position, gegen die Tech-Unternehmen intensiv lobbyieren (European Commission, AI Liability Directive Draft, 2024).
Training auf fremden Werken: Die Copyright-Klagen wachsen
Ein zweites, damit eng verbundenes Problem: Generative KI-Systeme wurden auf riesigen Datensätzen trainiert — und diese Datensätze enthalten in aller Regel urheberrechtlich geschützte Texte, Bilder, Musikstücke und Code, ohne dass deren Urheber zugestimmt haben oder entschädigt wurden.
Die Klageflut ist enorm. Getty Images verklagte Stability AI mit der Begründung, das System habe Millionen lizenzierter Fotografien ohne Genehmigung verwendet (Getty Images v. Stability AI, US District Court, 2023). Eine Sammelklage von US-amerikanischen Autoren, darunter John Grisham und Jodi Picoult, richtet sich gegen OpenAI (Authors Guild v. OpenAI, 2023). Der New York Times-Konzern klagte Microsoft und OpenAI auf Milliarden-Dollar-Schadensersatz (NYT v. Microsoft, OpenAI, 2023).
Das deutsche Recht sieht in § 44b UrhG seit der DSM-Richtlinien-Umsetzung ein Text-und-Data-Mining-Privileg vor — unter dem Vorbehalt, dass Rechteinhaber widersprechen können. In der Praxis fehlen bislang effektive Widerspruchsmechanismen, was die Rechtslage für Kreative weiter verschlechtert.
PEN America dokumentierte in einem 2024 erschienenen Bericht, dass über 70 Prozent der befragten US-amerikanischen Schriftstellerinnen und Schriftsteller KI als existenzielle Bedrohung für ihre Einkommenssituation wahrnehmen (PEN America, The Generative AI Challenge for Writers, 2024).
Deepfakes: Die synthetische Lüge skaliert
Jenseits des Urheberrechts wächst die Bedrohung durch Deepfakes mit alarmierender Geschwindigkeit. Der Begriff bezeichnet KI-generierte audiovisuelle Inhalte, die reale Personen täuschend echt nachahmen — und wurde zu einem der meistdiskutierten Schlagworte der digitalen Sicherheitsdebatte.
Die Zahlen sind beunruhigend. Der Sicherheitsdienstleister Sumsub verzeichnete 2023 einen Anstieg von 3.000 Prozent bei Deepfake-basierten Identitätsbetrugsversuchen gegenüber dem Vorjahr (Sumsub, Identity Fraud Report, 2024). Das KI-Forschungsunternehmen Deeptrace identifizierte über 15.000 Deepfake-Videos online; mehr als 96 Prozent davon waren nicht-konsensuelle sexuelle Darstellungen von Frauen.
In der Politik werden Deepfakes zur Waffe. Gefälschte Videos von Politikern, die Aussagen machen, die sie nie getätigt haben, kursieren in sozialen Netzwerken, bevor Faktenchecker reagieren können. Das Fenster zwischen Verbreitung und Widerlegung — oft 24 bis 72 Stunden — ist lang genug, um Wahlen zu beeinflussen, Aktienpreise zu manipulieren oder Reputationen zu zerstören.
Die EU hat im AI Act Deepfakes regulatorisch adressiert: Synthetische Medien, die reale Personen nachahmen, müssen als solche gekennzeichnet werden — auch wenn die Durchsetzung dieser Regel in der globalen Online-Welt vor erheblichen Herausforderungen steht. Die USA verabschiedeten 2024 den DEFIANCE Act, der nicht-konsensuelle intime Deepfakes explizit kriminalisiert.
Kreative Berufe: Wer verliert, wer gewinnt?
Die ökonomischen Auswirkungen sind bereits messbar. Die Shutterstock Foundation berichtet, dass die Nachfrage nach Einzelbildkäufen seit 2022 um über 30 Prozent zurückgegangen ist, während KI-generierte Bildlösungen boomen (Shutterstock, Annual Report 2024). Illustratoren und Fotografen mittleren Einkommensniveaus — für die Stockfotografie ein wichtiger Einkommenskanal war — sind besonders betroffen.
In der Musikindustrie beobachten IFPI und BPI ähnliche Muster: Synthetische Musik, insbesondere im Bereich Hintergrundmusik für Videos, Podcasts und Apps, verdrängt Auftragsarbeiten von Komponisten (IFPI, Global Music Report, 2024).
Doch das Bild ist differenzierter als es zunächst scheint. Denn gleichzeitig entstehen neue Berufsbilder: KI-Prompter, die als spezialisierte Kreativdirektoren fungieren; KI-Kuratoren; Entwickler für kreative KI-Anwendungen. Eine McKinsey-Analyse zeigt, dass Kreative, die KI als Amplifikationswerkzeug nutzen — nicht als Ersatz —, Produktivitätssteigerungen von 40 bis 60 Prozent erzielen (McKinsey Global Institute, 2024).
Der Wert des Menschlichen: Nicht ersetzbar, aber neu definiert
Was bleibt, wenn Maschinen das Handwerk übernehmen? Die Frage ist alt — sie wurde beim Buchdruck, beim Fotoapparat, beim Tonbandgerät gestellt — und sie wurde jedes Mal mit einer Neubewertung des menschlichen Beitrags beantwortet.
KI kann Muster kombinieren, Stile imitieren und Erwartungen erfüllen. Was sie nicht kann — oder zumindest noch nicht kann — ist aus echtem Erleben schöpfen, gesellschaftliche Widersprüche spüren, riskante ästhetische Entscheidungen treffen, die gegen den Mainstream gehen, oder mit Bedeutung aufgeladen zu sein, weil ein Mensch mit Geschichte dahinter steht.
Der Kunstmarkt gibt erste Hinweise: Werke mit zertifizierter menschlicher Herkunft werden von Sammlern mit einem Aufschlag gehandelt. Konzerttickets für Live-Performances sind teurer als je zuvor. Literaturpreise, die explizit menschliche Autorschaft fordern, verzeichnen Rekord-Einreichungszahlen (Booker Prize Foundation, 2025).
Die Kreativwirtschaft steht also nicht vor dem Ende. Aber sie steht vor einer Neuverhandlung: Welche Qualitäten machen menschliche Kreativität wertvoll — und wie kommunizieren Kreative diese Qualitäten in einer Welt, in der die Unterscheidbarkeit nicht mehr selbstverständlich ist?
Handlungsempfehlungen: Was jetzt gebraucht wird
Für eine zukunftsfähige Kreativwirtschaft braucht es auf mehreren Ebenen Handlung:
Rechtlich müssen Urheberrechtssysteme die Training-Frage lösen — ob durch obligatorische Lizenzen, Opt-out-Mechanismen oder kollektive Vergütungsmodelle nach dem Vorbild der GEMA.
Technisch brauchen wir robuste Content Authenticity Frameworks wie die Coalition for Content Provenance and Authenticity (C2PA), die digitale Herkunftsnachweise in Mediendateien einbetten.
Bildungspolitisch müssen Medienkompetenz und KI-Literacy in Schul- und Ausbildungssystemen verankert werden — um synthetische Inhalte erkennen und einordnen zu können.
Wirtschaftlich sollten neue Vergütungsmodelle entwickelt werden, die Kreative an den Erträgen KI-gestützter Produkte beteiligen — ähnlich wie Musikurheber an Streamingeinnahmen partizipieren.
Die Kreativwirtschaft war stets ein Seismograph gesellschaftlicher Veränderung. Was dort jetzt passiert, wird zeigen, wie wir als Gesellschaft die Grenze zwischen dem Menschlichen und dem Maschinellen neu ziehen wollen.
Quellenverzeichnis
- Authors Guild v. OpenAI (2023). Class action complaint. US District Court, Southern District of New York.
- Booker Prize Foundation (2025). Annual Report 2025. London: Booker Prize Foundation.
- European Commission (2024). AI Liability Directive Draft — Working Document. Brussels: EC.
- Getty Images v. Stability AI (2023). Complaint. US District Court, District of Delaware.
- IFPI (2024). Global Music Report 2024. London: International Federation of the Phonographic Industry.
- KEA European Affairs (2024). The Economic Contribution of the Cultural and Creative Industries in Europe. Brussels: KEA.
- McKinsey Global Institute (2024). The Economic Potential of Generative AI: The Next Productivity Frontier. New York: McKinsey & Company.
- NYT v. Microsoft, OpenAI (2023). Complaint. US District Court, Southern District of New York.
- PEN America (2024). The Generative AI Challenge for Authors. New York: PEN American Center.
- Shutterstock (2024). Annual Report 2024. New York: Shutterstock Inc.
- Sumsub (2024). Identity Fraud Report 2024. London: Sumsub.
- US Copyright Office (2023). Copyright and Artificial Intelligence: Part 1 — Digital Replicas. Washington: USCO.
- US Copyright Office (2024). Copyright Registration Guidance: Works Containing AI-Generated Material. Washington: USCO.
Über den Autor: Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital, einer auf nachhaltige Realwirtschaftsinvestitionen spezialisierten Investmentgesellschaft. Er kommentiert regelmäßig die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen digitaler Transformation. Kontakt: dirk@roethig.nl
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