Seit dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz von 2006 darf kein Arbeitgeber in Deutschland ein Bewerbungsfoto verlangen. Steht es ausdrücklich in der Stellenanzeige, ist das ein Verstoß.
Und trotzdem hat laut Umfragen der weitaus größte Teil klassischer Bewerbungen im DACH-Raum weiterhin eins. Etwa 80 Prozent, je nach Erhebung.
Diese Lücke zwischen Gesetzeslage und Praxis ist der eigentliche Punkt. Das Gesetz hat das Foto nicht abgeschafft, es hat nur die Verantwortung dafür verschoben. Vorher hat der Arbeitgeber es gefordert. Jetzt entscheidest du.
Was das Gesetz tatsächlich sagt
Das AGG ist kein Fotoverbot. Es ist ein Antidiskriminierungsgesetz.
Der Effekt auf das Foto ist indirekt: wer ein Foto anfordert, sammelt Merkmale, über die er nach dem AGG gar nicht entscheiden darf. Alter, Geschlecht, ethnische Herkunft, teilweise Religion. Damit wird die Anforderung selbst zum Risiko für den Arbeitgeber.
Deshalb hat sich im öffentlichen Dienst inzwischen der umgekehrte Standard durchgesetzt. Bund, Länder und viele Kommunen schreiben explizit in die Ausschreibung, dass kein Foto gewünscht ist. Einige gehen weiter und anonymisieren das ganze Verfahren, inklusive Name.
In der Privatwirtschaft ist davon wenig angekommen.
Wann du eins mitschickst und wann nicht
Die brauchbare Faustregel ist nicht "immer" und nicht "nie", sondern: folge dem Signal in der Ausschreibung.
Kein Foto, wenn in der Ausschreibung steht, dass keins gewünscht ist. Das ist keine Höflichkeitsfloskel. Wer es trotzdem mitschickt, signalisiert, dass er die Ausschreibung nicht gelesen hat, und das ist ein schlechterer erster Eindruck als gar kein Bild.
Kein Foto bei anonymisierten Verfahren, offensichtlich, und bei den meisten Stellen im öffentlichen Dienst.
Eher schon, bei klassischen Bewerbungen im Mittelstand, bei Kundenkontakt-Rollen, und überall dort, wo die Ausschreibung nach "vollständigen Bewerbungsunterlagen" fragt. In diesem Umfeld ist das Fehlen des Fotos immer noch erklärungsbedürftig, ob einem das gefällt oder nicht.
Egal, bei den meisten Tech-Stellen mit englischsprachigem Prozess. Da ist der Lebenslauf ohnehin am US-Format orientiert, wo Fotos unüblich bis unerwünscht sind.
Wenn du unsicher bist: die Branche entscheidet, nicht dein Gefühl. Und bei internationalen Konzernen mit deutschem Standort gilt meistens der Konzernstandard, nicht der deutsche.
Wenn du eins mitschickst, dann kein schlechtes
Hier wird es praktisch. Ein mittelmäßiges Foto ist schlechter als keins, weil es aktiv Information hinzufügt statt sie wegzulassen.
Die Anforderungen sind erstaunlich konkret und stehen selten irgendwo:
- Hochformat, 4:5 oder 3:4. Kein Quadrat, kein Querformat. Der Lebenslauf ist auf Hochformat ausgelegt.
- 600 bis 900 Pixel Breite. Darunter wird es beim Druck matschig, darüber bläht es die PDF unnötig auf.
- Neutraler heller Hintergrund, der sich von deinen Haaren abhebt. Nicht von deinem Hemd. Die Haare sind die Kante, an der ein Bild auseinanderfällt.
- Blick in die Kamera. Der Dreiviertelblick wirkt auf Portfoliobildern gut und auf Bewerbungsfotos ausweichend.
- Aktuell. Nicht das vom letzten Jobwechsel. Wenn das Foto nicht zu der Person passt, die ins Gespräch kommt, kosten die ersten Sekunden Kalibrierung statt Aufmerksamkeit.
Die acht Kriterien, an denen Personaler tatsächlich hängenbleiben, sind hier ausführlicher aufgeschlüsselt. Der Punkt, den fast alle unterschätzen, ist der Hintergrund.
Der Teil, über den niemand redet
Ein Bewerbungsfoto ist nicht dasselbe wie ein LinkedIn-Foto, und die meisten Leute benutzen dasselbe für beides.
Das Bewerbungsfoto wird groß angeschaut, auf einer PDF-Seite, einmal, von einer Person die sich Zeit nimmt. Das LinkedIn-Foto wird bei 48 Pixeln in einer Trefferliste angeschaut, hunderte Male, von Leuten die scrollen.
Das sind unterschiedliche Aufgaben. Ein Foto mit viel Umgebung funktioniert im Lebenslauf und verschwindet in der Trefferliste. Ein sehr eng geschnittenes Foto funktioniert in der Trefferliste und wirkt im Lebenslauf gedrängt.
Wer beides braucht, schneidet zweimal aus derselben Aufnahme. Das ist die eigentliche Antwort und sie kostet nichts.
Für den Lebenslauf-Schnitt gibt es KI-Bewerbungsbilder, die direkt im richtigen Hochformat rauskommen, was den zweiten Schnitt spart.
Und was das Ganze kostet
Zwischen 30 und 150 Euro beim Fotografen, je nach Stadt und Umfang. In München und Hamburg eher oben, in kleineren Städten deutlich darunter.
Das ist verglichen mit anderen Märkten günstig, und für ein Dokument, das über Monate an dutzende Unternehmen geht, ist es kein ernsthafter Kostenpunkt. Der Preisvergleich zwischen Fotograf und KI ist trotzdem interessant, weil die Spanne zwischen den Optionen inzwischen größer ist als die Spanne innerhalb der Fotografen.
Kurz
Das Gesetz nimmt dir die Pflicht ab, nicht die Entscheidung. Lies die Ausschreibung, folge dem Signal, und wenn du eins mitschickst, dann eins, das im Hochformat funktioniert und einen Hintergrund hat, der sich von deinen Haaren abhebt.
Der Rest ist Geschmack.
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