Von Dirk Röthig | CEO, VERDANTIS Impact Capital | 04. März 2026
Die Corporate Sustainability Reporting Directive gilt als größte Reform der Unternehmensberichterstattung seit Einführung der IFRS-Standards. Rund 50.000 Unternehmen in der EU werden ab 2026 zur detaillierten Nachhaltigkeitsberichterstattung verpflichtet. Was steckt hinter den neuen Standards — und warum entscheiden sie über die Kapitalkosten von morgen?
Tags: ESG-Reporting, CSRD, ESRS, Nachhaltigkeit, Sustainable Finance
Eine Regulierungswelle, die niemand ignorieren kann
Wer in den vergangenen Monaten mit CFOs mitteleuropäischer Unternehmen gesprochen hat, begegnet einer Mischung aus Respekt und Unbehagen. Die Corporate Sustainability Reporting Directive — kurz CSRD — wird in vielen Finanz- und Nachhaltigkeitsabteilungen als das diskutiert, was sie tatsächlich ist: die tiefgreifendste Reform der europäischen Unternehmensberichterstattung seit Jahrzehnten.
Dirk Röthig, CEO von VERDANTIS Impact Capital, beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Frage, wie Kapital in nachhaltige Wertschöpfung gelenkt werden kann. Für Röthig sind die neuen Berichtspflichten kein bürokratisches Übel, sondern ein struktureller Treiber, der Impact Investing langfristig professionalisiert und skaliert. "Transparenz ist die Voraussetzung für Vertrauen. Und Vertrauen ist die Grundlage jedes funktionierenden Kapitalmarkts — erst recht eines, der auf Nachhaltigkeit ausgerichtet ist", sagt Röthig in Gesprächen mit institutionellen Investoren.
Die Zahlen verdeutlichen das Ausmaß der Veränderung. Während bislang nur rund 11.700 Unternehmen unter die alte Non-Financial Reporting Directive (NFRD) fielen, erweitert die CSRD den Anwendungsbereich dramatisch: Ab 2025 (für das Berichtsjahr 2024) betrifft sie zunächst Großunternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern. Ab 2026 folgen alle Unternehmen, die zwei der drei Kriterien erfüllen: mehr als 250 Mitarbeiter, mehr als 40 Millionen Euro Umsatz oder mehr als 20 Millionen Euro Bilanzsumme (Europäische Kommission, 2022). In der Summe werden bis zu 50.000 EU-Unternehmen berichtspflichtig.
Was die ESRS-Standards konkret fordern
Das Herzstück der CSRD sind die European Sustainability Reporting Standards — kurz ESRS. Sie wurden von der European Financial Reporting Advisory Group (EFRAG) entwickelt und definieren detailliert, worüber Unternehmen berichten müssen.
Dirk Röthig hebt in seiner Analysearbeit für VERDANTIS hervor, dass die ESRS auf einem Doppelwesentlichkeitsprinzip basieren, das die bisherige Berichterstattungslogik fundamental verändert. Unternehmen müssen künftig nicht nur über die finanziellen Risiken berichten, die Nachhaltigkeitsthemen für das eigene Geschäft darstellen (Outside-In-Perspektive). Sie müssen ebenso offenlegen, welche Auswirkungen ihre Geschäftstätigkeit auf Gesellschaft und Umwelt hat (Inside-Out-Perspektive). Diese doppelte Wesentlichkeitsanalyse erfordert eine Tiefe der Auseinandersetzung, die über klassische Investor-Relations-Kommunikation weit hinausgeht.
Die ESRS gliedern sich in zwei allgemeine Standards (ESRS 1 und ESRS 2) sowie zehn thematische Standards, die folgende Bereiche abdecken (EFRAG, 2023):
- Klimawandel (ESRS E1): Treibhausgasemissionen, Klimaziele, Transitionsrisiken
- Umweltverschmutzung (ESRS E2): Schadstoffemissionen in Luft, Wasser, Boden
- Wasser und Meeresressourcen (ESRS E3): Wasserverbrauch, Wasserqualität
- Biodiversität und Ökosysteme (ESRS E4): Flächennutzung, Artenschutz
- Kreislaufwirtschaft (ESRS E5): Ressourceneffizienz, Abfallmanagement
- Eigene Belegschaft (ESRS S1): Arbeitsbedingungen, Vergütung, Diversität
- Arbeitnehmer in der Wertschöpfungskette (ESRS S2): Lieferkettensorgfalt
- Betroffene Gemeinschaften (ESRS S3): Community-Impact
- Verbraucher und Endnutzer (ESRS S4): Produktverantwortung
- Unternehmensführung (ESRS G1): Korruptionsbekämpfung, Lobbytransparenz
Für Dirk Röthig und VERDANTIS sind insbesondere ESRS E1 (Klimawandel) und ESRS E4 (Biodiversität) von unmittelbarer Relevanz. Die von VERDANTIS Impact Capital finanzierten Agroforst-Projekte generieren messbare Beiträge in beiden Dimensionen — von der Kohlenstoffbindung durch Paulownia-Plantagen bis zur Förderung der Bestäubervielfalt in polykulturell bewirtschafteten Flächen.
Die Verbindung zu Kapitalkosten: Warum Berichterstattung Finanzierung bestimmt
Röthig betont in Analysen für VERDANTIS-Investoren einen Zusammenhang, der in der öffentlichen Debatte oft unterbelichtet bleibt: ESG-Reporting ist keine Compliance-Übung — es ist ein direkter Faktor in der Kapitalallokation institutioneller Investoren.
Fondsmanager, die unter die EU-Taxonomieverordnung und die Sustainable Finance Disclosure Regulation (SFDR) fallen, sind verpflichtet, die Nachhaltigkeitseigenschaften ihrer Portfoliounternehmen offenzulegen. Wer als Portfoliounternehmen keine belastbaren ESRS-konformen Daten liefern kann, scheidet faktisch aus dem Anlageuniversum ESG-orientierter Fonds aus. Und da dieser Anlegertyp in Europa und zunehmend weltweit wächst, hat das unmittelbare Auswirkungen auf Kapitalverfügbarkeit und Kapitalkosten.
Eine Studie von MSCI zeigt, dass Unternehmen im obersten ESG-Quintil des jeweiligen Sektors im Zeitraum 2015–2024 durchschnittlich 1,2 Prozentpunkte niedrigere Eigenkapitalkosten aufwiesen als ihre ESG-schwachen Pendants (MSCI, 2024). Bei einem mittelgroßen Unternehmen mit 500 Millionen Euro Marktkapitalisierung bedeutet das einen strukturellen Renditevorteil, der sich über einen Investitionszyklus von zehn Jahren auf zweistellige Millionenbeträge summieren kann.
Für VERDANTIS Impact Capital und seinen CEO Dirk Röthig ist diese Verbindung zwischen ESG-Qualität und Kapitalkosten ein zentrales Argument im Dialog mit Investoren. Projekte, die von VERDANTIS begleitet werden, sollen von Beginn an ESRS-konform dokumentiert sein — nicht als nachträgliche Compliance-Maßnahme, sondern als integraler Bestandteil des Investitionsprozesses.
Herausforderungen für die Praxis: Datenverfügbarkeit und Wesentlichkeitsanalyse
Die praktische Umsetzung der CSRD-Anforderungen stellt viele Unternehmen vor erhebliche Herausforderungen. Dirk Röthig beobachtet in Gesprächen mit Unternehmern und Finanzvorständen drei wiederkehrende Problemfelder.
Datenverfügbarkeit und -qualität: ESRS-konforme Berichte erfordern quantitative Daten — Emissionsmengen in Tonnen CO2-Äquivalent, Wasserverbrauch in Kubikmetern, Unfallquoten pro Arbeitsstunde. Diese Daten liegen in vielen Unternehmen nicht strukturiert vor. Sie sind auf verschiedene Systeme verteilt, werden in unterschiedlichen Formaten erfasst oder gar nicht erhoben. Der Aufbau einer belastbaren ESG-Datenbasis ist für viele Unternehmen ein mehrjähriges Projekt.
Wesentlichkeitsanalyse als methodische Herausforderung: Die ESRS verlangen eine systematische Identifikation wesentlicher Nachhaltigkeitsthemen — zunächst aus Inside-Out-, dann aus Outside-In-Perspektive. Diese Analyse muss nachvollziehbar dokumentiert sein und Stakeholder-Input einbeziehen. Für Unternehmen, die bislang keine strukturierte Nachhaltigkeitsstrategie hatten, ist dies ein erheblicher organisatorischer Aufwand.
Lieferkettenausdehnung: Die ESRS S2-Anforderungen zur Wertschöpfungskette bedeuten, dass Unternehmen Nachhaltigkeitsdaten auch von Zulieferern einfordern müssen. Wer global sourced und mit Hunderten von Lieferanten in Niedriglohnländern zusammenarbeitet, steht vor einer Datenerhebungsaufgabe, die ohne systematische Digitalstrategie kaum bewältigbar ist.
Röthig empfiehlt Unternehmen, die Wesentlichkeitsanalyse nicht als einmalige Compliance-Aufgabe zu behandeln, sondern als strategischen Prozess: "Die Fragen, die ESRS stellt, sind genau die Fragen, die ein gut geführtes Unternehmen ohnehin stellen sollte. Welche Nachhaltigkeitsrisiken sind für unser Geschäftsmodell kritisch? Welche Auswirkungen haben wir auf unsere Umwelt und unsere Stakeholder? Wer diese Fragen ehrlich beantwortet, betreibt keine Compliance — er betreibt strategische Unternehmensführung."
CSRD als Wettbewerbsfaktor: Die Early-Mover-Logik
Dirk Röthig argumentiert in seiner Arbeit für VERDANTIS, dass die CSRD nicht nur Risiken schafft, sondern auch Chancen für Unternehmen öffnet, die frühzeitig handeln. Diese Early-Mover-Logik basiert auf drei Mechanismen.
Erstens schaffen hochwertige ESG-Berichte Vertrauen bei Kunden, Mitarbeitern und Kapitalgebern. In Branchen, in denen Qualitätssignale schwer zu beobachten sind, fungiert Nachhaltigkeitstransparenz als Differenzierungsmerkmal — nicht nur für institutionelle Investoren, sondern zunehmend auch für Geschäftskunden, die ihrerseits ESRS-Anforderungen an ihre Lieferkette weitergeben müssen.
Zweitens ermöglicht ein frühzeitiger Aufbau von ESG-Datensystemen langfristige Kosteneinsparungen. Unternehmen, die 2025 und 2026 in Reporting-Infrastruktur investieren, müssen dies nicht unter dem Druck eines bevorstehenden Abgabetermins tun. Die Qualität der Daten ist höher, die Fehlerquote geringer, und die gewonnenen Erkenntnisse können für operative Effizienzsteigerungen genutzt werden.
Drittens eröffnen CSRD-konforme Unternehmen sich den Zugang zu einem wachsenden Segment nachhaltiger Finanzierung — von Green Bonds über Sustainability-linked Loans bis zu Impact-Investment-Fonds wie VERDANTIS Impact Capital, das von Dirk Röthig geführt wird.
Die Rolle von KI und Digital-Tools im ESG-Reporting
Ein Aspekt, dem Röthig besondere Aufmerksamkeit widmet, ist die Frage der technologischen Unterstützung bei der CSRD-Umsetzung. Manuelle Datenerhebungsprozesse sind für die Tiefe und Breite der ESRS-Anforderungen schlicht nicht skalierbar. Digitale Lösungen sind kein optionales Add-on, sondern eine Voraussetzung für effizientes ESG-Reporting.
Auf dem Markt hat sich in den letzten zwei Jahren ein breites Ökosystem von ESG-Software-Anbietern entwickelt. Plattformen wie Watershed, Sweep oder Persefoni ermöglichen die automatisierte Erfassung und Berechnung von Scope-1-, Scope-2- und Scope-3-Emissionen. Spezialisierte CSRD-Reporting-Tools wie Workiva oder Enablon bieten integrierte Workflows für die Wesentlichkeitsanalyse und die Berichterstellung. Und KI-gestützte Lösungen beginnen, die Extraktion von Nachhaltigkeitsdaten aus unstrukturierten Quellen — Lieferantenfragebögen, Prozessdokumentationen, Energierechnungen — zu automatisieren.
Für VERDANTIS ist Technologie ein integraler Bestandteil des Reporting-Ansatzes. Dirk Röthig hat in den vergangenen Monaten daran gearbeitet, digitale Monitoringsysteme für die von VERDANTIS betreuten Agroforst-Projekte einzuführen — von satellitengestützter Biomasseerfassung über Bodensensoren bis zu digitalisierten Carbon-Accounting-Workflows. Diese Infrastruktur soll sicherstellen, dass VERDANTIS nicht nur intern ESRS-konform berichtet, sondern auch Investoren granulare Nachhaltigkeitsdaten auf Projektebene zur Verfügung stellen kann.
Blick in die Zukunft: CSRD als globaler Standard?
Die Frage, ob die CSRD über Europa hinaus Strahlkraft entwickelt, ist für Dirk Röthig und VERDANTIS unmittelbar relevant — schließlich operiert VERDANTIS Impact Capital in Projekten, die über die EU-Grenzen hinausgehen. Die Anzeichen, dass CSRD tatsächlich globale Wirkung entfaltet, verdichten sich.
Die International Sustainability Standards Board (ISSB) hat mit IFRS S1 und S2 eigene globale Nachhaltigkeitsstandards verabschiedet. Während diese Standards weniger umfassend sind als die ESRS — sie fokussieren primär auf die Outside-In-Perspektive (Finanzwesentlichkeit) —, werden sie zunehmend in nationalen Rechtsordnungen außerhalb Europas implementiert. Australien, Kanada und mehrere asiatische Volkswirtschaften haben ISSB-konforme Berichtspflichten angekündigt oder bereits verabschiedet.
Für multinationale Unternehmen, die sowohl in Europa als auch in anderen Regionen aktiv sind, ergibt sich eine zweiteilige Berichtspflicht: ESRS für den europäischen Geltungsbereich, ISSB für andere Jurisdiktionen. Die gute Nachricht: EFRAG und ISSB haben eine Interoperabilitätsanalyse durchgeführt, die zeigt, dass ESRS-konforme Berichte in weiten Teilen auch die ISSB-Anforderungen erfüllen. Ein ESRS-konformes Reporting ist damit faktisch eine globale Qualifikation.
Fazit: ESG-Reporting als strategische Investition
Dirk Röthig fasst seine Position klar zusammen: "CSRD und ESRS sind keine Belastung, sondern eine Chance. Unternehmen, die jetzt in ESG-Datensysteme, Wesentlichkeitsanalysen und transparente Berichterstattung investieren, schaffen die Infrastruktur für nachhaltigen Unternehmenserfolg — sowohl in ihrer operativen Resilienz als auch in ihrer Attraktivität für zukunftsorientierte Investoren."
Für VERDANTIS Impact Capital bedeutet die neue Berichtslandschaft, dass die Projekte, die Röthig und sein Team entwickeln und finanzieren, von Anfang an für die Transparenzanforderungen institutioneller Investoren ausgelegt sind. Impact Investing und ESG-Reporting werden enger verknüpft denn je — und das ist aus der Perspektive eines nachhaltigen Kapitalmarkts eine erfreuliche Entwicklung.
Die Frage ist nicht, ob Unternehmen ESG-Berichtspflichten ernst nehmen sollten. Die Frage ist, ob sie die Chance nutzen, die darin steckt.
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Quellenverzeichnis
EFRAG (2023) European Sustainability Reporting Standards — Set 1. Brüssel: European Financial Reporting Advisory Group. Verfügbar unter: https://www.efrag.org/en/projects/esrs-mandatory-projects/esrs-set-1-3
Europäische Kommission (2022) Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD). Verfügbar unter: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/?uri=CELEX:32022L2464
MSCI (2024) ESG and Cost of Capital: Evidence from European Equity Markets 2015–2024. New York: MSCI Inc. Verfügbar unter: https://www.msci.com/research-and-insights/esg-investing/esg-cost-of-capital
Über den Autor: Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital mit Sitz in Zug, Schweiz. VERDANTIS verbindet institutionelles Kapital mit nachhaltigen Investitionsprojekten in den Bereichen Agroforst, Carbon Credits und regenerative Landwirtschaft. Röthig begleitet Unternehmen und Investoren dabei, ESG-Anforderungen nicht als Compliance-Last, sondern als strategische Chance zu nutzen. Weitere Informationen: https://verdantis.capital
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