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Dirk Röthig
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Vom Restaurant-Unternehmer zum Impact-Investor: Ein Erfahrungsbericht

Vom Restaurant-Unternehmer zum Impact-Investor: Ein Erfahrungsbericht

Von Dirk Röthig | CEO, VERDANTIS Impact Capital | 03. März 2026

Vor zehn Jahren hätte ich nicht gedacht, dass mein Weg mich nach Zürich und in die Welt der nachhaltigen Kapitalanlage führen würde. Ich betrieb Restaurants. Ich dachte in Speisekarten, Deckungsbeiträgen und Schichten. Heute denke ich in Kohlenstoffsequestration, ESG-Compliance und Wachstumsraten von Paulownia-Plantagen. Was auf den ersten Blick wie zwei völlig verschiedene Leben wirkt, ist bei genauem Hinsehen ein einziger durchgehender Faden: die Überzeugung, dass wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftliche Wirkung keine Gegensätze sind.


Der Anfang: Restaurantunternehmer in Deutschland

Ich war lange Zeit ein Gastronom. Kein kleiner. Zwei Restaurants, unterschiedlicher Charakter, beide ambitioniert.

Das Zen war mein erstes größeres Projekt — eine Einrichtung, die ich mit echtem Herzblut aufgebaut hatte. Japanische Küche, Atmosphäre, Anspruch. Dann kam das NIKKO dazu: Systemgastronomie mit japanischem Charakter, Hausmannskost, Skalierbarkeit als Konzept. Das klingt nach unternehmerischer Routine. In Wirklichkeit war es permanente Intensität: Personalführung, Einkauf, Qualitätskontrolle, Kundenzufriedenheit, Regulatorik. Jeden Tag, sieben Tage die Woche.

Was mich am Gastgewerbe fasziniert hat, war nicht das Essen selbst — obwohl das japanische Küchenprinzip, das Handwerk, die Präzision, mich tief beeindruckt hat. Was mich fasziniert hat, war das Beziehungsgeflecht: zwischen Produzenten und Verbrauchern, zwischen Qualität und Preis, zwischen Konzept und Umsetzung. Restaurants sind, wenn man so will, wirtschaftliche Ökosysteme in miniaturisierter Form.

Die Krise als Lehrmeister

Gastronomiebetriebe haben eine erbarmungslose Eigenschaft: Sie verzeihen keine strukturellen Fehler über einen längeren Zeitraum. Das NIKKO hatte mit einem erheblichen Verlustvortrag zu kämpfen. Die Gastronomiebranche generell, und japanische Systemgastronomie im Speziellen, ist ein Segment, in dem Margen dünn und Fehler teuer sind.

Ich war konfrontiert mit einer Frage, die jeder Unternehmer irgendwann stellen muss: Ist es Sinn, mehr Energie in ein Modell zu pumpen, das strukturell unter Druck steht — oder ist es Zeit für einen anderen Weg?

Diese Frage war nicht leicht. Ich hatte in diese Betriebe nicht nur Kapital, sondern Jahre meines Lebens investiert. Mitarbeiter, Konzepte, Beziehungen. Die Entscheidung, loszulassen, erfordert eine Klarheit über sich selbst, die man nicht erzwingen kann — sie muss reifen.

Was mich durch diesen Prozess getragen hat, war eine simple Überzeugung: Ein Scheitern ist keine Niederlage, wenn man etwas gelernt hat, das man woanders anwenden kann.

Die Entdeckung des Impact Investing

Die Frage, die mich nach dem Ende der aktiven Restaurantphase beschäftigte, war nicht "Was mache ich jetzt?" — sondern "Was hätte ich früher anders gemacht?"

Rückblickend war das Problem beim Restaurantbetrieb nicht Qualität oder Konzept. Das Problem war die Skalierbarkeit nachhaltiger Wirtschaftsmodelle. Gute Restaurants sind oft von Personen abhängig, von einzelnen Handlern, von standortgebundenen Faktoren. Sie skalieren schlecht. Ihr gesellschaftlicher Beitrag — als Arbeitgeber, als kulturelle Einrichtung, als Teil eines Stadtviertels — ist real, aber lokalisiert.

Impact Investing dachte ich zunächst, wäre etwas für Philanthropen und Entwicklungsbanken. Dann begann ich zu lesen. Und zwar ernsthaft.

Der europäische Impact-Investing-Markt, so stellte sich heraus, wächst dynamisch: von geschätzten 1,08 Billionen US-Dollar im Jahr 2025 auf prognostizierte 2,1 Billionen bis 2033 (Market Data Forecast, 2025). Das ist kein Nischentrend. Das ist eine Neuausrichtung institutioneller Kapitalallokation. Europäische Private-Equity-Fonds mit ESG-Klassifizierung nach SFDR Artikel 8 machen inzwischen 40 Prozent aller Neufonds aus (Invest Europe, 2025).

Und plötzlich sah ich etwas, das ich aus der Gastronomie kannte: den Moment, in dem ein Trend zur Bewegung wird.

Warum ausgerechnet Forstwirtschaft?

Mein Weg zu nachhaltiger Forstwirtschaft als Kerninvestment war nicht geradlinig. Er begann mit einer einfachen Frage an mich selbst: Wo gibt es reale Wirkung — messbar, dauerhaft, skalierbar — und gleichzeitig einen strukturellen Unterversorgung von Kapital?

Die Antwort lag in den Daten. Nature-Based Solutions könnten mehr als ein Drittel der bis 2030 benötigten CO₂-Reduktion liefern — erhalten aber weniger als drei Prozent der globalen Klimafinanzierung (WRI, 2023). Das ist keine kleine Lücke. Das ist ein strukturelles Marktversagen, das auf Correction wartet.

Dazu kommt die regulatorische Dynamik. Die CSRD verpflichtet europäische Unternehmen zur transparenten Nachhaltigkeitsberichterstattung (EcoActive ESG, 2026). Der TNFD macht Naturverlust zu einem bilanzierbaren Risiko — 620 Organisationen mit über 20 Billionen Dollar unter Verwaltung haben das Framework bereits freiwillig übernommen (TNFD, 2025). Der freiwillige CO₂-Markt reformiert sich: Nachfrage nach hochwertigen NBS-Krediten könnte das Angebot bereits 2025 übersteigen (BCG, 2025).

Das ist kein Umweltprojekt. Das ist ein Kapitalmarktphänomen.

Paulownia: Das Holz, das alles verändert

Als ich zum ersten Mal von Paulownia als kommerziellem Forstwirtschaftsobjekt hörte, war mein erster Reflex Skepsis. Bäume, die zehnmal mehr CO₂ absorbieren als gewöhnliche Arten? Holz, das in unter einem Jahrzehnt erntereif ist? Das klingt nach Verkaufsgespräch.

Also las ich. Und zwar Primärquellen.

In Frontiers in Environmental Science fand ich die Daten, die meinen Verdacht zerstreuten: Paulownia-Plantagen können in einem gut bewirtschafteten System mehr als 60 Tonnen CO₂ pro Hektar und Jahr binden — über einen 80-jährigen Lebenszyklus (Frontiers, 2024). Eine britische Plantage mit Paulownia-Bestand soll in den ersten zehn Jahren 150.000 Tonnen CO₂ binden (Carbon Herald, 2023).

Ich lernte auch die kritischen Aspekte. Paulownia tomentosa — die Wildform — steht in zwölf US-Bundesstaaten auf Invasivlisten (Worldtree.eco, 2023). Das ist ein reales Problem. Es ist auch ein lösbares Problem: Kommerzielle Forstwirtschaft verwendet ausschließlich sterilisierte Hybridvarianten, deren Keimrate bei null liegt (iPaulownia, 2025). Keine Samenvermehrung. Keine unkontrollierte Ausbreitung. Biologisch sicher.

Was mich besonders beeindruckt hat, ist das Coppicing-Prinzip: Paulownia treibt nach der Ernte aus dem Wurzelstock erneut aus. Mehrere Erntezyklen ohne Neupflanzung. Das klingt nach einem Detail — in der Forstwirtschaftsökonomie ist es ein Paradigmenwechsel.

Der Vergleich, der alles erklärt

Lassen Sie mich einen ungewöhnlichen Vergleich ziehen. Ein Restaurant und eine Paulownia-Plantage haben mehr gemeinsam, als man denkt.

Beide erfordern Vorinvestition, bevor der erste Ertrag fließt. Beide sind abhängig von Qualität der Inputs — beim Restaurant Zutaten, beim Wald Boden und Mikroklima. Beide gewinnen durch Skalierung an Stabilität. Und beide scheitern, wenn das Grundkonzept nicht stimmt — unabhängig von taktischen Korrekturen.

Der fundamentale Unterschied: Ein Paulownia-Wald entwächst nach etwa sieben bis zehn Jahren der kritischen Phase und wird danach zur sich selbst erneuernden Kapitalanlage. Ein Restaurant nie.

Das ist der Moment, in dem ich verstand: Forstwirtschaft ist kein Sektor für geduldige Idealisten. Es ist ein Sektor für disziplinierte Investoren, die strukturelle Unterbewertung erkennen.

Der Aufbau von VERDANTIS Impact Capital

VERDANTIS Impact Capital ist das Ergebnis dieser Erkenntnis. Mit Sitz in Zürich — einem der bedeutendsten Finanzzentren der Welt — fokussieren wir uns auf die Strukturierung und Begleitung von Investitionen in nachhaltige Forstwirtschaft, insbesondere Paulownia-basierte Projekte, die gleichzeitig messbare Klimawirkung und attraktive Renditen liefern.

Das ist kein philanthropischer Ansatz. Wir arbeiten mit institutionellen Investoren, Family Offices und Vermögensverwaltern zusammen, die ESG-Compliance als Pflicht betrachten und Impact als Opportunität.

Was ich aus der Gastronomie mitgenommen habe: Systeme müssen funktionieren, bevor sie skalieren. Qualitätssicherung ist keine Nebensache. Und die menschliche Komponente — Vertrauen, Kommunikation, Integrität — ist in keiner Branche verhandelbar.

Was Zürich als Standort bietet, ist ein Ökosystem: regulatorische Kompetenz, institutionelles Kapital, internationale Netzwerke. In der Impact-Finance-Welt ist das kein Luxus, sondern Voraussetzung.

Was ich heute anders mache — und was gleich geblieben ist

Wenn ich heute auf meine Zeit als Restaurantunternehmer zurückblicke, sehe ich keine verlorene Zeit. Ich sehe eine Schule.

Die Fähigkeit, P&L-Verantwortung zu tragen, Mitarbeiter zu führen, unter Druck Entscheidungen zu treffen — das sind keine branchenspezifischen Skills. Das sind unternehmerische Grundkompetenzen. Sie gelten im Restaurantbetrieb genauso wie im Kapitalmarkt.

Was sich verändert hat, ist der Zeithorizont. Ein Restaurantunternehmer denkt in Wochen und Monaten. Ein Impact-Investor denkt in Jahren und Jahrzehnten. Diese Verlängerung des Planungshorizonts ist keine Einschränkung — sie ist eine Befreiung. Denn langfristige Perspektive erlaubt Entscheidungen, die kurzfristiger Druck ausschließt.

Was gleich geblieben ist: die Überzeugung, dass die besten Investments diejenigen sind, die echten Wert schaffen. Nicht abbilden. Nicht verschieben. Schaffen.

Was dieser Weg anderen sagen kann

Ich erzähle diese Geschichte nicht, um Bewunderung zu erzeugen. Ich erzähle sie, weil ich weiß, dass viele Unternehmer in einem Moment stehen, in dem sie ihre Energie auf etwas richten möchten, das größer ist als das nächste Quartalsergebnis.

Der Impact-Investing-Markt in Europa ist real und wächst. Die Regulatorik treibt institutionelles Kapital in Richtung ESG-konforme Projekte. Nature-Based Solutions erhalten nicht den Kapitalanteil, den ihre Klimawirkung rechtfertigt — was für informierte Investoren eine Gelegenheit schafft.

Und die persönliche Transformation? Die ist vielleicht das Wichtigste. Sie beginnt nicht mit einem neuen Sektor. Sie beginnt mit der Bereitschaft, das, was man gelernt hat, in einen neuen Kontext zu übersetzen.

Ich war Gastronom. Heute bin ich Impact-Investor. Der Weg dazwischen hat mich gelehrt, dass Systeme immer wichtiger sind als einzelne Schritte — und dass die mutigste unternehmerische Entscheidung manchmal diejenige ist, einen Neustart zuzulassen.


Quellenverzeichnis

  • BCG (2025). How Forests Can Revitalize Carbon Markets. Boston Consulting Group Publication.
  • Carbon Herald (2023). Paulownia Plantation Grown in UK to Capture 150,000 Tons of CO2 in First 10 Years. Carbon Herald.
  • EcoActive ESG (2026). CSRD and EU Taxonomy in 2026: What You Must Prepare For. EcoActive ESG Report.
  • Frontiers (2024). Paulownia Trees as a Sustainable Solution for CO2 Mitigation: Assessing Progress toward 2050 Climate Goals. Frontiers in Environmental Science. DOI: 10.3389/fenvs.2024.1307840.
  • Invest Europe (2025). ESG Reporting Guidelines. Invest Europe.
  • iPaulownia (2025). Hybrid Paulownia Tree: Sterile Varieties for Commercial Forestry. iPaulownia Product Documentation.
  • Market Data Forecast (2025). Europe Impact Investing Market Size, Share & Growth, 2033.
  • TNFD (2025). The TNFD 2025 Status Report: Nature Moves Centre Stage in Financial Reporting. Taskforce on Nature-related Financial Disclosures.
  • Worldtree.eco (2023). Paulownia and Invasiveness. World Tree Eco Documentation.
  • WRI (2023). Nature and Carbon Markets. World Resources Institute.

Über den Autor

Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital mit Sitz in Zürich. Als ehemaliger Restaurantunternehmer — Gründer und Betreiber der Restaurants Zen und NIKKO — hat er den Weg vom operativen Gastronomieunternehmer zum institutionellen Impact-Investor zurückgelegt. Mit über 20 Jahren Erfahrung in der internationalen Unternehmensführung berät er heute institutionelle Investoren, Family Offices und Vermögensverwalter bei der Strukturierung nachhaltiger Forstinvestments. Sein Fokus liegt auf Paulownia-basierten Nature-Based Solutions, ESG-Integration und messbarer Klimawirkung.

Kontakt: LinkedIn | VERDANTIS Impact Capital


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