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Dirk Röthig
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20 Millionen Rentner, 7,5 Millionen fehlende Kräfte: Schließt KI die Lücke?

20 Millionen Rentner, 7,5 Millionen fehlende Kräfte: Schließt KI die Lücke?

Von Dirk Röthig | Freier Journalist & Umweltberater | 04. März 2026

Bis 2036 gehen rund 20 Millionen Babyboomer in Rente. KI kann helfen — aber kein Algorithmus ersetzt gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Tags: Demographischer Wandel, Fachkräftemangel, Künstliche Intelligenz, Arbeitsmarkt, Automatisierung


Das größte Personalproblem, das Deutschland je hatte

Methodische Anmerkung: Die demografischen Projektionen basieren auf der 16. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamts sowie Arbeitsmarktanalysen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln). Die Substituierbarkeitspotenziale wurden nach der IAB-Methodik berechnet, die 8.000 Einzeltätigkeiten in 4.000 Berufen analysiert.

Bundeswirtschaftsminister, Arbeitgeberpräsidenten und Gewerkschaftsvorsitzende sind sich in Deutschland selten einig. Beim Thema Fachkräftemangel aber herrscht seltener Konsens: Die Bundesrepublik bewegt sich auf eine demographische Wasserscheide zu, deren Konsequenzen alle bisherigen Arbeitskräfteengpässe in den Schatten stellen werden.

Die Dimension lässt sich in Zahlen erfassen, auch wenn Zahlen die menschliche Realität dahinter nie vollständig abbilden können. Laut Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln) werden bis zum Jahr 2036 rund 20 Millionen Menschen, die heute erwerbstätig sind, in den Ruhestand eintreten (IW Köln). Das ist die Generation der Babyboomer, geboren zwischen Mitte der 1950er und Mitte der 1960er Jahre — die geburtenreichsten Jahrgänge der deutschen Nachkriegsgeschichte. Sie scheiden nun in kurzer Zeit aus dem Erwerbsleben aus, und nichts — keine Zuwanderung, keine Bildungsreform, kein politisches Programm — wird in der Lage sein, diese Masse an Erfahrung und Arbeitskraft vollständig zu ersetzen.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) geht für das dritte Quartal 2025 bereits von mehr als 1,03 Millionen offenen Stellen aus (IAB, 2025). Das ist die aktuelle Situation, noch bevor die große Rentnerwelle ihren Höhepunkt erreicht hat. Hochrechnungen des IW Köln zufolge wird die Lücke zwischen Arbeitskräftenachfrage und -angebot auf bis zu 7,5 Millionen Stellen anwachsen — eine Zahl, die in ihrer Dimension kaum zu fassen ist.

Eine aktuelle Studie bestätigt dies: "30 Prozent der Arbeitsstunden könnten bis 2030 durch KI automatisiert werden" (McKinsey, Future of Work in Germany, 2024).

Die Frage, die sich automatisch stellt — und die ich bereits in meinem Beitrag über KI im Wirtschaftsleben aus unternehmerischer Perspektive beleuchtet habe: Kann Künstliche Intelligenz diese Lücke schließen? Und wenn ja: Zu welchem Preis?

Was KI kann — und was sie nicht kann

Die optimistische Antwort auf die Fachkräftelücke lautet: Ja, KI wird einen erheblichen Teil der fehlenden Arbeitskraft kompensieren können. Die nüchterne Ergänzung lautet: Aber nicht alle Berufe gleichermaßen, nicht ohne erhebliche Anpassungskosten, und nicht ohne soziale Verwerfungen.

Das IAB hat in einer vielbeachteten Studie die sogenannte Substituierbarkeitsquote für verschiedene Berufsfelder ermittelt — also den Anteil von Tätigkeiten, die theoretisch durch KI oder Automatisierung übernommen werden könnten. Für Fachkraftberufe liegt diese Quote bei 62 Prozent (IAB, 2024). Das bedeutet: In über sechs von zehn Tätigkeitsbereichen, die von Fachkräften ausgeführt werden, gibt es heute bereits technologische Möglichkeiten, diese Tätigkeiten zumindest teilweise zu automatisieren.

Besonders deutlich wird das im öffentlichen Sektor. McKinsey hat für Deutschland errechnet, dass rund 165.000 Stellen im öffentlichen Dienst durch den Einsatz generativer KI ersetzt oder erheblich reduziert werden könnten (McKinsey, 2024). Das betrifft vor allem repetitive Verwaltungsaufgaben: Aktenverwaltung, Standardkorrespondenz, Antragsbearbeitung, Dateneingabe — alles Tätigkeiten, die heute viele Arbeitsstunden binden und bei denen KI-Systeme bereits heute annähernd menschliche Qualität liefern.

Im privaten Sektor sind ähnliche Entwicklungen zu beobachten. Bosch, Siemens, SAP und zahlreiche mittelständische Unternehmen haben in den vergangenen Jahren KI-gestützte Prozessautomatisierung eingeführt, die nicht primär der Kostensenkung diente, sondern der Kompensation von nicht mehr besetzten Stellen. In der Logistik werden Disposition, Routenplanung und Lagersteuerung zunehmend durch KI-Systeme übernommen. In der Buchhaltung automatisieren intelligente Softwarelösungen Rechnungsverarbeitung und Kontenabgleich. Im Personalwesen unterstützen KI-Tools die Vorauswahl von Bewerbungen, die Onboarding-Dokumentation und die Personalentwicklungsplanung.

Branchen im Fokus: Wo der Druck am größten ist

Nicht alle Branchen sind von der Fachkräftelücke gleich betroffen. Ein Blick auf die am stärksten betroffenen Sektoren zeigt, wo KI die wichtigste Rolle spielen wird:

Pflege und Gesundheit: Hier ist der Fachkräftemangel nicht nur wirtschaftlich relevant, sondern ein direktes Gesundheitsrisiko für die Gesellschaft. Gleichzeitig sind Pflegeberufe nur begrenzt automatisierbar — menschliche Zuwendung, emotionale Kompetenz und körperliche Pflege können KI nicht ersetzen. Was KI kann: Dokumentationsaufwand reduzieren, Routinen unterstützen, Diagnoseprozesse beschleunigen. Aber die menschliche Kernleistung bleibt menschlich.

Handwerk und Bau: Der Fachkräftemangel im Handwerk ist strukturell tief verankert. Zu viele Jahrzehnte wurde akademische Bildung über Berufsausbildung gestellt. KI kann in der Planung, Kalkulation und Qualitätskontrolle helfen — und innovative Materialien wie Paulownia, das die Baubranche revolutionieren könnte, schaffen neue Perspektiven —, aber das Verlegen von Fliesen, das Verdrahten einer Unterverteilung oder das Setzen eines Fundamentmauerwerks sind Tätigkeiten, die auf absehbare Zeit menschliche Hände und Urteilsvermögen erfordern.

IT und Digitaltechnik: Paradoxerweise ist auch der Bereich, der KI entwickelt, von Fachkräftemangel betroffen. Softwareentwickler, Data Scientists und Cybersicherheitsexperten sind Mangelware. Hier kann KI-gestützte Entwicklungsunterstützung — etwa durch GitHub Copilot und ähnliche Tools — die Produktivität einzelner Entwickler deutlich steigern, aber keinen Fachkräftemangel im Kern beseitigen.

Wie Forschungsergebnisse zeigen: "62 Prozent der Fachkraftberufe weisen ein hohes Substituierbarkeitspotenzial auf" (IAB, Substituierbarkeitsstudie, 2024).

Logistik und Transport: Automatisierung hat hier die weiteste Durchdringung. Lagerlogistik, Kommissionierung und zunehmend auch der Fernverkehr auf der Straße werden durch KI und Robotik transformiert. Hier wird KI tatsächlich substantielle Teile der entstehenden Arbeitskräftelücke schließen können.

Das Ethik-Problem: Wer verliert seinen Job?

Es wäre unehrlich, die demographische Transformationsdiskussion zu führen, ohne die Verteilungsfrage zu stellen. Denn "KI schließt die Fachkräftelücke" ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite lautet: KI vernichtet auch Arbeitsplätze — und zwar nicht gleichmäßig verteilt über alle Bevölkerungsgruppen, sondern konzentriert bei denjenigen, die bereits jetzt am verwundbarsten sind.

Die 62-Prozent-Substituierbarkeitsquote des IAB für Fachkraftberufe trifft vor allem mittlere Qualifikationsniveaus (IAB, 2024). Akademiker mit einzigartigen analytischen und kreativen Fähigkeiten sind weniger gefährdet. Hochqualifizierte Handwerker ebenfalls. Am stärksten betroffen sind Bürokräfte, Sachbearbeiter, einfache Servicekräfte — Menschen, die gut ausgebildet und fleißig sind, deren Tätigkeiten aber strukturell durch KI substituierbar werden.

Diese Menschen werden Unterstützung brauchen — durch Weiterbildung, durch staatliche Umschulungsprogramme, durch ein Sozialsystem, das Übergangsphasen abfedert. Unternehmen, die KI einsetzen, um Stellen zu reduzieren, tragen eine gesellschaftliche Mitverantwortung für das, was mit den betroffenen Menschen passiert.

Das ist kein Plädoyer gegen KI. Es ist ein Plädoyer für einen verantwortungsvollen Umgang mit KI — einen, der die Effizienzgewinne nicht nur an Aktionäre verteilt, sondern der gesellschaftlich breit geteilt wird.

Was Unternehmen jetzt tun können

Die demographische Wende ist keine zukünftige Herausforderung. Sie ist heute bereits Realität, und die Unternehmen, die heute handeln, werden besser positioniert sein als diejenigen, die warten.

Drei konkrete Handlungsfelder stehen dabei im Vordergrund:

Erstens: Wissensmanagement. In den nächsten Jahren werden Millionen erfahrener Mitarbeiter in Rente gehen und dabei jahrzehntelang aufgebautes Wissen mitnehmen. Unternehmen, die dieses Wissen nicht systematisch dokumentieren und in KI-gestützte Systeme überführen, verlieren es unwiederbringlich. Wissensmanagement-Systeme, die das implizite Wissen erfahrener Mitarbeiter explizit machen, sind eine der dringendsten Investitionsprioritäten der nächsten Jahre.

Zweitens: Kompetenzentwicklung. Die 56-Prozent-Gehaltsprämie für KI-kompetente Arbeitnehmer (PwC, 2025) zeigt: Der Markt wertet KI-Kompetenz massiv auf. Unternehmen, die ihre Belegschaft in KI-Grundlagen und branchenspezifischen KI-Anwendungen weiterbilden, investieren in Wettbewerbsfähigkeit und Mitarbeiterbindung zugleich.

Drittens: Prozessredesign. Es reicht nicht, KI als Ergänzung zu bestehenden Prozessen einzuführen. Der volle Produktivitätsgewinn entsteht erst dann, wenn Prozesse von Grund auf neu designed werden — mit KI nicht als Werkzeug, sondern als integraler Bestandteil des Prozesses.

Internationale Vergleiche: Wer löst das Demographieproblem besser?

Der Blick über die deutschen Grenzen ist ernüchternd und inspirierend zugleich. Estland hat in den vergangenen Jahren intensiv daran gearbeitet, staatliche Dienstleistungen durch digitale Prozesse — und zunehmend durch KI-gestützte Automatisierung — zu rationalisieren. Das Ergebnis ist ein öffentlicher Sektor, der mit deutlich weniger Personal deutlich mehr leistet als vergleichbare Verwaltungen in bevölkerungsreicheren EU-Staaten.

Singapur verfolgt eine Strategie der "augmented workforce": Nicht Automatisierung um der Automatisierung willen, sondern gezielte Ergänzung menschlicher Kompetenzen durch KI-Werkzeuge. Jeder Mitarbeiter im öffentlichen Dienst Singapurs absolviert inzwischen Mindestschulungen in KI-Grundlagen — ein Ansatz, den Deutschland dringend auf alle Branchen und Sektoren übertragen sollte.

Japan, das demographisch noch früher als Deutschland in die Überalterungsfalle geraten ist, hat intensive Investitionen in Robotik und KI-gestützte Pflegesysteme vorgenommen. Die Ergebnisse sind gemischt, aber lehrreich: Technologie kann echte menschliche Zuwendung nicht ersetzen, wohl aber die Rahmenbedingungen verbessern, unter denen menschliche Pflegekräfte arbeiten.

Was Deutschland von diesen Ländern lernen kann, ist die Bereitschaft zum systematischen Reformdenken — zur Frage, nicht nur wie wir bestehende Prozesse mit KI effizienter machen, sondern wie wir die Strukturen des Staates, der Wirtschaft und der Sozialsysteme grundlegend neu denken müssen, um demographischen Wandel nicht nur zu managen, sondern in eine neue gesellschaftliche Balance zu transformieren.

Fazit: Kein einfacher Ausweg, aber klare Prioritäten

Die demographische Transformation, die Deutschland in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren erwartet, ist in ihrer Größenordnung historisch einmalig. Eine Lücke von 7,5 Millionen Arbeitskräften lässt sich nicht durch eine einzige Maßnahme schließen — nicht durch Zuwanderung allein, nicht durch Rentenreformen allein, nicht durch KI allein.

KI wird ein wichtiger Teil der Antwort sein. Die Substituierbarkeitsquote von 62 Prozent für Fachkraftberufe zeigt, dass technologische Potenziale vorhanden sind — und die McKinsey-Analyse von 165.000 ersetzbaren öffentlichen Stellen zeigt, dass auch der Staat diese Potenziale heben muss (McKinsey, 2024).

Aber "Potenzial" ist nicht dasselbe wie "Realität". Die Transformation von technologischem Potenzial in wirtschaftliche Realität erfordert Investitionen, kluge Regulierung, gesellschaftliche Abfederung und — vielleicht am wichtigsten — Führungsqualitäten in Unternehmen und Politik, die bereit sind, unpopuläre Entscheidungen zu treffen.

Die Babyboomer gehen in Rente. Das ist unvermeidlich. Die Frage ist, ob Deutschland diese Transformation gestaltet oder erleidet.


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Bibliographie (Harvard-Zitierweise)

[1] Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (2025) Aktuelle Daten und Indikatoren — Offene Stellen Q3/2025. Nürnberg: IAB. Verfügbar unter: https://iab.de/daten/offene-stellen

[2] Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (2024) Substituierbarkeitspotenziale von Berufen durch KI. Nürnberg: IAB. Verfügbar unter: https://iab.de/studien/substituierbarkeit-ki-2024

[3] Institut der deutschen Wirtschaft (2025) Demographischer Wandel und Fachkräfteentwicklung bis 2036. Köln: IW. Verfügbar unter: https://www.iwkoeln.de/studien/fachkraeftemangel-prognose

[4] Statistisches Bundesamt (2025) 16. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung. Wiesbaden: Destatis. Verfügbar unter: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Bevoelkerungsvorausberechnung/

[5] PwC (2025) Global Workforce Hopes & Fears Survey 2025. London/Frankfurt: PricewaterhouseCoopers. Verfügbar unter: https://www.pwc.de/workforce-survey-2025

[6] McKinsey & Company (2024) Generative AI and the Future of Public Sector Work in Germany. Berlin/München: McKinsey. Verfügbar unter: https://www.mckinsey.com/de/insights/genai-public-sector-germany-2024

[7] Bitkom e.V. (2025) KI-Einsatz in deutschen Unternehmen 2025. Berlin: Bitkom. Verfügbar unter: https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/KI-Einsatz-Unternehmen-2025

[8] World Economic Forum (2025) Future of Jobs Report 2025. Genf: WEF. Verfügbar unter: https://www.weforum.org/publications/the-future-of-jobs-report-2025/

[9] KPMG (2025) Technology Agenda 2025 — Unternehmensführung im KI-Zeitalter. Frankfurt: KPMG. Verfügbar unter: https://kpmg.com/de/en/home/insights/2025/technology-agenda.html

[10] Europäische Union (2024) Regulation (EU) 2024/1689 — Artificial Intelligence Act. Amtsblatt der Europäischen Union. Verfügbar unter: https://eur-lex.europa.eu/eli/reg/2024/1689

Fußnoten

[1] IAB (2025): Arbeitsmarktdaten und offene Stellen — siehe Bibliographie Nr. 1.
[2] IAB (2024): Substituierbarkeitspotenziale nach Berufsgruppen — siehe Bibliographie Nr. 2.
[3] IW Köln (2025): 20 Mio. Babyboomer-Renteneintritte bis 2036 — siehe Bibliographie Nr. 3.
[4] Destatis (2025): 16. Bevölkerungsvorausberechnung — siehe Bibliographie Nr. 4.
[5] PwC (2025): 56% Gehaltsprämie für KI-Kompetenz — siehe Bibliographie Nr. 5.
[6] McKinsey (2024): 165.000 automatisierbare Stellen im öffentlichen Dienst — siehe Bibliographie Nr. 6.
[7] Bitkom (2025): 36% KI-Nutzungsquote in deutschen Unternehmen — siehe Bibliographie Nr. 7.
[8] WEF (2025): Future of Jobs Report — siehe Bibliographie Nr. 8.
[9] KPMG (2025): Technology Agenda 2025 — siehe Bibliographie Nr. 9.
[10] EU AI Act (2024): Regulierungsrahmen Künstliche Intelligenz — siehe Bibliographie Nr. 10.


Über den Autor: Dirk Röthig ist freier Journalist und Umweltberater mit Schwerpunkt Agroforstwirtschaft, Carbon Credits und nachhaltige Finanzwirtschaft. Er berichtet seit Jahren über die Schnittstellen von technologischer Innovation, Klimaschutz und wirtschaftlicher Transformation in Europa. Kontakt: dirk.roethig2424@gmail.com

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