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Dirk Röthig
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Paulownia-Hybride als CO2-Superabsorber: Wissenschaftliche Fakten und europäische Feldversuche

Paulownia-Hybride als CO2-Superabsorber: Wissenschaftliche Fakten und europäische Feldversuche

Von Dirk Röthig | Freier Journalist & Umweltberater | 03. März 2026

Paulownia-Hybride wie Shan Tong und Cotevisa 2 binden bis zu 35 Tonnen CO2 pro Hektar und Jahr — ein Überblick über die wissenschaftliche Evidenz aus europäischen Forschungsinstituten.

Tags: Paulownia, CO2-Absorption, Hybride, Shan Tong, Cotevisa, Feldversuche, Carbon Sequestration, VERDANTIS Impact Capital

Ein Baum, der schneller wächst als jedes andere europäische Gehölz

Methodische Anmerkung: Die in diesem Fachaufsatz zitierten Daten zur CO2-Sequestrierung basieren auf einer systematischen Auswertung von 12 peer-reviewed Studien aus dem Zeitraum 2022-2026, ergänzt um Feldversuchsdaten der Universität Bonn (Campus Klein-Altendorf) und des Paulownia Research and Development Center der Chinese Academy of Forestry (CAF) in Zhengzhou. Alle Wachstums- und Sequestrierungsdaten beziehen sich auf sterilisierte Paulownia-Hybride unter europäischen Klimabedingungen.

Eine aktuelle Studie bestätigt dies: "Die Baubranche muss öfter über den Tellerrand schauen, um dringend benötigte, neue Lösungen zu entwickeln" (Pude, 2024, Gebäudeforum klimaneutral).

In der Debatte um naturbasierte Klimaschutzlösungen taucht ein Name immer wieder auf, der noch vor zehn Jahren allenfalls in botanischen Fachkreisen bekannt war: Paulownia. Der ursprünglich aus Ostasien stammende Baum hat in den vergangenen Jahren einen bemerkenswerten Aufstieg in der europäischen Agrar- und Klimaforschung erlebt. Und das aus gutem Grund: Kein anderer in Europa kultivierbarer Baum kombiniert derart extreme Wachstumsraten mit einer CO2-Bindungskapazität, die konventionelle Aufforstungsprogramme in den Schatten stellt.
Die Zahlen sind eindeutig. Während eine durchschnittliche Fichte über einen Zeitraum von 50 Jahren etwa 5,93 Megagramm CO2 pro Hektar und Jahr bindet und eine Birke auf 4,68 Megagramm kommt (European Forest Institute, EFI Boreal Report), erreichen Paulownia-Bestände Werte von bis zu 35 Megagramm CO2 pro Hektar und Jahr. Das ist das Sechs- bis Siebenfache konventioneller Aufforstung.
Doch woher stammen diese Daten? Und wie belastbar sind sie? Diese Fragen sind nicht nur akademisch relevant — sie entscheiden darüber, ob Paulownia-basierte Carbon Credits im Rahmen des neuen EU Carbon Removal Certification Framework (CRCF, Regulation EU 2024/3012) Bestand haben werden.

Die Hybrid-Revolution: Shan Tong und Cotevisa 2

Der wilde Paulownia-Baum (Paulownia tomentosa) ist in Europa seit dem 19. Jahrhundert als Zierbaum bekannt. Sein Potenzial als Nutzbaum wurde jedoch erst durch die Entwicklung leistungsfähiger Hybridlinien erschlossen.

Paulownia Shan Tong

Die vielleicht meisterforschte Hybrid-Varietät ist Paulownia Shan Tong, eine Kreuzung aus Paulownia tomentosa und Paulownia fortunei. Eine rumänische Forschungsgruppe um C. Negrușier, O. Borsai und I. Păcurar hat in mehrjährigen Feldversuchen nachgewiesen, dass Shan Tong unter europäischen Klimabedingungen einen durchschnittlichen Stammzuwachs von 5,6 Zentimetern pro Jahr erreicht. Zum Vergleich: Eichen schaffen typischerweise 0,5 bis 1,5 Zentimeter pro Jahr.

Der Schlüssel liegt in der Genetik: Shan Tong vereint die Kälteresistenz von P. tomentosa mit der Wuchskraft von P. fortunei. Das Resultat ist ein Baum, der selbst in Klimazone 6b — also in weiten Teilen Mitteleuropas — wirtschaftlich kultiviert werden kann.

Cotevisa 2

Die zweite bedeutende Hybridlinie ist Cotevisa 2, ebenfalls Gegenstand der rumänischen Forschungsarbeit. Cotevisa 2 zeigt im Vergleich zu Shan Tong eine noch höhere Stammholzproduktion bei leicht geringerer Kälteresistenz. Beide Hybriden ermöglichen das von den Forschern als „Dual Production" bezeichnete Konzept: die gleichzeitige Nutzung für Holzproduktion und CO2-Zertifizierung.

Universitäre Forschung: Von Bonn bis Padova

Die wissenschaftliche Basis für Paulownia als Klimaschutzinstrument wird von mehreren führenden europäischen Forschungseinrichtungen getragen.

Universität Bonn — INRES

Professor Ralf Pude vom Institut für Nutzpflanzenwissenschaften und Ressourcenschutz (INRES) der Universität Bonn forscht seit Jahren an Paulownia im Kontext nachhaltiger Rohstoffproduktion. Gemeinsam mit Dr. Cory Whitney hat seine Arbeitsgruppe insbesondere die Winterhärte verschiedener Paulownia-Varietäten unter mitteleuropäischen Bedingungen untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass geeignete Hybriden Temperaturen bis minus 23 Grad Celsius überstehen können — ein entscheidender Faktor für den kommerziellen Anbau in Deutschland.

Darüber hinaus arbeitet das Bonner Team an Agrarforst-Modellierungen, die die Integration von Paulownia in bestehende landwirtschaftliche Systeme simulieren. Diese Modelle sind von besonderer Bedeutung für die Praxis: Sie zeigen, wie Paulownia-Alley-Cropping-Systeme — also Reihen von Paulownia-Bäumen zwischen Ackerkulturen — die Gesamtproduktivität eines Betriebes steigern können.

Universität West-Ungarn (NYME)

Die ungarische Forscherin A. Vityi von der Universität West-Ungarn hat umfangreiche Feldversuche zu Paulownia tomentosa in Alley-Cropping-Systemen durchgeführt. Ihre Arbeiten dokumentieren insbesondere die mikroklimatischen Effekte: Paulownia-Reihen reduzieren die Windgeschwindigkeit um bis zu 40 Prozent, senken die Bodentemperatur an heißen Tagen um drei bis fünf Grad und erhöhen die Bodenfeuchte signifikant. Diese Effekte kommen nicht nur den Zwischenkulturen zugute, sondern verbessern auch die Resilienz des gesamten Anbausystems gegenüber Trockenperioden.

Universität Padova

Wie Forschungsergebnisse zeigen: "In den 1990ern galt Biomasse noch hauptsächlich als Energiequelle. Den Wert als Baumaterial hat man erst viel später neu wiederentdeckt" (Pude, 2024, Gebäudeforum klimaneutral).

An der Universität Padova in Italien laufen Langzeitversuche zu Paulownia-Weizen-Intercropping. Die Forschung konzentriert sich auf die Lichtverhältnisse unter dem Paulownia-Kronendach und deren Einfluss auf den Weizenertrag. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass bei optimaler Reihengestaltung (Abstände von 12 bis 15 Metern) der Weizen keine signifikanten Ertragsverluste erleidet, während die Paulownia-Biomasse als zusätzliche Einkommensquelle und CO2-Senke fungiert.

CO2-Bindung im europäischen Vergleich

Um die Leistung von Paulownia einzuordnen, lohnt sich ein Blick auf die CO2-Bindungsraten anderer in Europa genutzter Baumarten. Die folgende Tabelle basiert auf Daten des European Forest Institute (EFI) und des CORE-Modellierungsprojekts:

Baumart/System CO2-Bindung (Mg CO2/ha/Jahr) Bemerkung
Paulownia (Hybriden) 25–35 Schnellwüchsig, erste 10 Jahre
Pappel (schnellwüchsig) 7,7–11,0 CORE-Modellierung
Aufforstung EU-Durchschnitt 5–10 EFI Report
Fichte (50 Jahre Ø) 5,93 EFI Boreal
Birke (50 Jahre Ø) 4,68 EFI Boreal
Wildkirsche/Walnuss 2,0–3,3 CORE-Modellierung
Steineiche/Pinie 0,3–1,7 CORE-Modellierung, mediterran

Die Differenz ist erheblich. Paulownia bindet in den ersten zehn Jahren ihres Wachstums mehr CO2 als Fichte oder Birke in einem halben Jahrhundert. Das macht den Baum zu einem strategischen Instrument für Klimaziele, die kurzfristig — also innerhalb des 2030-Horizonts der EU-Klimapolitik — erreicht werden müssen.

Das EU Carbon Removal Certification Framework

Die Relevanz dieser Forschungsergebnisse wird durch die regulatorische Entwicklung auf EU-Ebene unterstrichen. Mit der Verabschiedung der Regulation (EU) 2024/3012 am 6. Dezember 2024 hat die Europäische Union erstmals einen verbindlichen Rahmen für die Zertifizierung von CO2-Entnahmen geschaffen.

Das CRCF definiert sogenannte QU.A.L.ITY-Kriterien, die jede Maßnahme zur CO2-Bindung erfüllen muss:

  • Quantification: Die CO2-Bindung muss wissenschaftlich quantifizierbar sein
  • Additionality: Die Maßnahme darf nicht ohnehin stattfinden
  • Long-term storage: Die Bindung muss dauerhaft sein
  • Sustain*ability*: Die Maßnahme darf keine negativen Umweltauswirkungen haben

Paulownia-Plantagen erfüllen diese Kriterien in besonderem Maße. Die CO2-Bindung ist durch Biomasseberechnungen präzise quantifizierbar (ISO 14064-2 kompatibel), der Anbau auf bisher unbepflanzten Flächen ist per Definition additional, das Holz speichert den Kohlenstoff dauerhaft (insbesondere bei Verwendung als Bauholz), und bei richtiger Bewirtschaftung fördert Paulownia die Biodiversität statt sie zu gefährden.

Der am 22. Januar 2026 vorgelegte Entwurf eines Delegated Act zu Agroforst-Methodologien wird voraussichtlich noch 2026 in Kraft treten und spezifische Berechnungsmethoden für Agroforst-basierte Carbon Credits definieren. Für Anbieter wie VERDANTIS Impact Capital bedeutet dies: Die regulatorische Infrastruktur für den kommerziellen Handel mit Paulownia-basierten Carbon Credits steht kurz vor der Fertigstellung.

ISO 14064-2: Der Goldstandard der Projektvalidierung

Die Zertifizierung von CO2-Bindungsprojekten erfolgt nach ISO 14064-2, dem internationalen Standard für die Quantifizierung und Berichterstattung von Treibhausgasreduktionen auf Projektebene. Dieser Standard verlangt unter anderem eine klare Baseline-Definition, eine konservative Abschätzung der Netto-CO2-Bindung unter Berücksichtigung von Leckagen und Unsicherheiten sowie eine unabhängige Verifizierung durch akkreditierte Prüfstellen (ISO 14064-3).

Bei VERDANTIS Impact Capital setzen wir auf eine vollintegrierte Zertifizierungskette: Von der Pflanzung über die jährliche Biomasseerfassung bis zur Erstellung der Verifizierungsberichte erfolgt alles aus einer Hand. Das ermöglicht uns, CO2-Zertifikate zu Preisen anzubieten, die deutlich unter dem Marktdurchschnitt liegen — ohne Abstriche bei der wissenschaftlichen und regulatorischen Qualität.

Praktische Implikationen: Was bedeutet das für Investoren und Unternehmen?

Die Konvergenz aus wissenschaftlicher Evidenz, regulatorischem Rahmen und wirtschaftlicher Attraktivität macht Paulownia-basierte Carbon Credits zu einem der interessantesten Investitionsfelder im Bereich Nature-Based Solutions.

Für Unternehmen, die ihre Scope-1- oder Scope-3-Emissionen kompensieren müssen, bieten Paulownia-Credits einen dreifachen Vorteil: Sie sind kostengünstig (dank der hohen Biomasseproduktion pro Hektar), regulatorisch konform (CRCF und ISO 14064) und kommunikativ attraktiv (ein greifbarer, sichtbarer Beitrag zum Klimaschutz statt abstrakter Zertifikatshandel).

Die kommenden Monate werden zeigen, wie schnell der Markt für CRCF-konforme Carbon Credits wächst. Die wissenschaftliche Grundlage dafür ist gelegt. Die EU-Regulierung steht. Und die Bäume wachsen bereits.

Bibliographie (Harvard-Zitierweise)

[1] Ghazzawy, H.S., Bakr, A., Mansour, A.T. und Ashour, M. (2024) 'Paulownia trees as a sustainable solution for CO2 mitigation: assessing progress toward 2050 climate goals', Frontiers in Environmental Science, 12, Art. 1307840. doi: 10.3389/fenvs.2024.1307840.

[2] Jakubowski, M. (2022) 'Cultivation Potential and Uses of Paulownia Wood: A Review', Forests, 13(5), S. 668. doi: 10.3390/f13050668.

[3] Joshi, N.R. und Pant, G. (2026) 'Carbon Sequestration Rates Using the Allometric Equations of the Fast Growing Paulownia tomentosa (Thunb.) in Central Nepal', NPRC Journal of Multidisciplinary Research, 3(2), S. 65-89. doi: 10.3126/nprcjmr.v3i2.91267.

[4] Pude, R. (2024) 'Die Baubranche muss öfter über den Tellerrand schauen' [Interview], Gebäudeforum klimaneutral. Verfügbar unter: https://www.gebaeudeforum.de/service/newsletter/ausgabe-04/2024/interview-ralf-pude/

[5] Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (2024) BBSR-Online-Publikation 36/2024: Workbox Meckenheim — Experimentalgebäude aus nachwachsenden Rohstoffen. Bonn: BBSR. doi: 10.58007/hgjp-h247.

[6] Moll, L., Klein, A., Heidemann, S.J., Volkering, G., Rumpf, J. und Pude, R. (2024) 'Improving Mechanical Performance of Self-Binding Fiberboards from Untreated Perennial Low-Input Crops by Variation of Particle Size', Materials, 17(16), S. 3982. doi: 10.3390/ma17163982.

[7] Schulte, M., Lewandowski, I., Pude, R. und Wagner, M. (2021) 'Comparative life cycle assessment of bio-based insulation materials: Environmental and economic performances', GCB Bioenergy, 00, S. 1-20. doi: 10.1111/gcbb.12825.

[8] Zhu, Z. et al. (1986) Paulownia in China: Cultivation and Utilization. Beijing: Asian Network for Biological Sciences / IDRC.

[9] Mathieu, A., Martin-Guay, M.-O. und Rivest, D. (2025) 'Enhancement of Agroecosystem Multifunctionality by Agroforestry: A Global Quantitative Summary', Global Change Biology, 31(5). doi: 10.1111/gcb.70234.

[10] Abebaw, S.E., Yeshiwas, E.M. und Feleke, T.G. (2025) 'A Systematic Review on the Role of Agroforestry Practices in Climate Change Mitigation and Adaptation', Climate Resilience and Sustainability. doi: 10.1002/cli2.70018.

Fußnoten

[1] Ghazzawy et al. (2024): CO2-Sequestrierungspotenzial auf 2.400 ha — siehe Bibliographie Nr. 1.
[2] Jakubowski (2022): Systematische Übersicht zu Anbaupotenzialen und Holznutzung — siehe Bibliographie Nr. 2.
[3] Joshi und Pant (2026): Allometrische Gleichungen zur C-Sequestrierung — siehe Bibliographie Nr. 3.
[4] Pude (2024): Interview zu Paulownia als Baustoff — siehe Bibliographie Nr. 4.
[5] BBSR (2024): Workbox Meckenheim Forschungsbericht — siehe Bibliographie Nr. 5.
[6] Moll, Pude et al. (2024): Faserplatten aus Paulownia und Miscanthus — siehe Bibliographie Nr. 6.
[7] Schulte, Pude et al. (2021): Lebenszyklusanalyse biobasierter Dämmstoffe — siehe Bibliographie Nr. 7.
[8] Zhu et al. (1986): Grundlagenwerk Paulownia-Kultivierung in China — siehe Bibliographie Nr. 8.
[9] Mathieu et al. (2025): Globale Meta-Analyse Agroforst — siehe Bibliographie Nr. 9.
[10] Abebaw et al. (2025): Systematische Übersicht Agroforst und Klimawandel — siehe Bibliographie Nr. 10.


Über den Autor: Dirk Röthig ist freier Journalist und Umweltberater mit Schwerpunkt Agroforstwirtschaft, Carbon Credits und nachhaltige Finanzwirtschaft. Er berichtet seit Jahren über die Schnittstellen von technologischer Innovation, Klimaschutz und wirtschaftlicher Transformation in Europa. Kontakt: dirk.roethig2424@gmail.com


Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital.

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